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Test
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13.06.2014

Roland Aira TR-8 Test

Performance Drummachine

Was lange währt, wird endlich gut?!

Als Rolands erste Pressemeldung und Promovideos durch das Netz geisterten, da war zumindest die elektronische Musikszene ein klein wenig aufgeregt und spekulierte wild über die lange Zeit nicht wirklich bekannten Features der neuen Roland Drummachine Aira TR-8. Und die Aufregung darf nachvollzogen werden, denn immerhin warb Roland selbst mit dem Geist der heiligen zwei analogen Grals, namentlich TR-909 und TR-808.

Wer jetzt nicht weiß, wovon ich rede, hat sicherlich die letzten 30 Jahre verschlafen und muss deshalb einfach folgende Behauptungen glauben: Kein anderer Drumcomputer war je so wichtig für die elektronische (Tanz-)Musik wie die 808 und die 909 – ja wenn sie nicht sogar den Grundstein für diese Musikrichtung überhaupt erst gelegt haben.

Grob kann man sagen, die TR-808 ist die weichere, HiFi-mäßige Maschine der beiden mittlerweile sehr teuer gewordenen Altgeräte. Ultratiefe Kicks und Toms, crispe Claps und Claves, peitschende Snares und fantastisch hohe, luftige Hats waren ihr Markenzeichen. Insbesondere die frühe HipHop-, Electro- und House/Techno-Szene um die 80er Jahre war von ihr angetan, aber auch in der Popwelt war sie mehr als angesagt („Jimmy T - One More Try“).

Die 909 hingegen ist eher die „dreckige Schwester“ der 90er Jahre, welche durch einen besonders mittigen Sound überzeugt, der sich entsprechend in fast jedem Mix brutal durchsetzt und deshalb vor allem von Techno- und Dance-Produzenten sehr geschätzt wird. Insbesondere ihre analoge Snare und die Kick sind sehr typisch für den 90er Sound. Das ebenfalls sehr bekannte „Blech“ der 909 hingegen ist Sample-basiert und hat eine Auflösung von gerade einmal 6 Bit, was den trashigen Sound nochmals unterstreicht. Anspiel-Tipp hierfür: 2 Unlimited „No Limit“. Doch jetzt genug mit der Geschichtsstunde!

Was hat Rolands neueste AIRA Drummachine also dem 21. Jahrhundert zu bieten? Das wollen wir nun auch ausführlich klären.

Details

Das Wichtigste zuerst: Die Roland Aira TR-8 ist ein „Analog Modeling Synthesizer“ mit 11 gleichzeitig spielbaren Sounds – und damit nicht analog. Die Klangerzeugung benutzt allerdings keine Samples, sondern versucht auf algorithmische Art den Klangspagat zwischen beiden alten Rolands zu meistern bzw. zu emulieren – und das mit 96 kHz und 32 Bit Präzision.

Mit 2 kg Gewicht und den kompakten Maßen von 400 x 260 x 65 mm ist die „neue Roland“ auch leichter, vor allem aber handlicher und damit deutlich reisefreundlicher als ihre Eltern. Weiterhin gehört zur AIRA-Serie auch noch eine Art TB-303 namens Roland Aira TB-3, der Voice-Transformer Aira VT-3 und ein Synth namens Aira System-1.

Bei der Gehäusekonstruktion handelt es sich um eine solide, schwarze Kunststoffbox, die mit einem grünen Rahmen verziert ist und auf soliden, weichen Gummifüßen steht. Zentral gelegen finden sich 11 Fader, die die Lautstärke der einzelnen Instrumente steuern, wobei es auch noch eine extra Mute-Funktion gibt. Die Fader sind an ihrem Rand ebenfalls grün erleuchtet, wodurch sie sich auch nach dem fünften Bier im dunklen Club zielsicher finden lassen. Sie bewegen sich mittelleicht, fassen sich sehr gut an und vermitteln Robustheit.

Bassdrum und Snare stehen haptisch der meiste Platz zur Verfügung, da sie auch über mehr Parameter als die anderen Sounds verfügen. Die meisten Instrumente verfügen über eine Anpassung von Decay, Tuning und Level, Snare und Bassdrum haben aber noch einen Snappy- bzw. Attack-Parameter sowie einen Kompressor-Parameter zu bieten, der auch für Distortion taugt.

Alle Bedienelemente sind sehr ergonomisch und logisch angeordnet. So finden sich ganz klassisch am unteren Rand auch 16 „Step“-Taster. Je nach Modus, welcher mit dem entsprechenden Gummipad-Taster am linken Rand gewählt werden kann, laden die 16 Taster dann zum Live-Spielen („INS PLAY“) und Aufnehmen („INS REC“) ein. Natürlich kann man in gewohnt alter Manier auch einfach Steps programmieren („TR-REC“), zwischen 16 Pattern wechseln („PTN-SELECT“) und 16 Kit- bzw. Instrument-Presets laden („Drum Select: KIT und INST“).

Die 16 Step-Taster fühlen sich dabei sehr hochwertig an, auch weil sie aus Hart-Kunststoff bestehen. Sie lassen sich angenehm drücken und bieten ein gutes Spielgefühl. Sie klappern nicht so unangenehm wie beispielsweise die Taster einer Elektron Machinedrum. Die Taster der neuen Roland sind außerdem hintergrundbeleuchtet und orientieren sich in ihrer bunt-leuchtenden Farbgebung an der guten alten 808. Leider leuchten sie etwas zu hell und velocity-empfindlich sind die Taster auch nicht, über MIDI sind es die TR-8 Instrumente allerdings schon.

Alle anderen Taster sind gummiert, grün beleuchtet und teilweise auch beschriftet, was ich etwas schade finde, da sich diese Beschriftung bei regelmäßiger Bedienung möglicherweise abgreifen wird. Die Instrument-Select Taster sind oberhalb beschriftet, hier war Roland nicht konsequent. So gut wie alle Funktionen der Taster sind als Hold-Funktion ausgelegt, müssen also nicht gehalten werden. Es gibt auch kaum Doppelbelegung bzw. Shift-Befehle.

Die TR-8 ist außerdem immer aufnahmebereit, daher bedarf es auch keiner Save-Buttons. Was man verändert, das bleibt auch so! Die besten Ideen hält man also am besten in Audio fest. „What you see is what you hear“ ist also angesagt, jeder Soundparameter wird somit nur von seinem eigenen Poti mit Anschlag dargestellt. Dreht man beispielsweise das Decay einer 808 nach unten und wechselt dann zu einer 909 Kick, ist auch deren Decay kurz. So braucht man keine Angst vor Parametersprüngen zu haben, die auf einer Bühne und während der Improvisation gar nicht cool kommen.

Automatisieren kann man die Parameter aber über MIDI, der eingebaute Sequencer zeichnet jedoch keine Parameteränderungen auf bzw. bietet keine Möglichkeiten, Parameter pro Step zu verändern, wie dies beispielsweise bei Elektron der Fall ist. Weiterhin gibt es noch ein paar versteckte Parameter und Funktionen, die allerdings sehr dürftig dokumentiert sind und teilweise einen Neustart des Gerätes erfordern.

Über den Step-Tastern befinden sich die bekannten vier Noten-Streifen, die zur Visualisierung der unterschiedlichen Scales dienen, sprich ob man 16-tel oder 32-tel Noten spielt und ob dies triolisch oder eben nicht geschieht („SCALES“). Außerdem gibt es die Möglichkeit Rolls zu spielen, die sich allerdings nicht aufnehmen lassen und auch keine MIDI-Noten senden. Nichtsdestotrotz: Trap-Music, ich komme!

Selbstverständlich lassen sich auch eine Step-Verkürzung eines Pattern realisieren („LAST STEP“) und auch „A/B“-Patterns spielen, die entweder manuell oder alternierend wechseln können, sodass auch Patterns mit 32 Steps Länge gebaut werden können. Schön ist außerdem, dass man Patterns linken kann, sodass auch alle nacheinander abgespielt werden können, denn einen Song-Mode gibt es nicht. Zugegebenermaßen habe ich solch einen noch nie in meinem Leben gebraucht, vermisse diesen also auf gar keinen Fall. Im Vergleich zu meiner Machinedrum vermisse ich jedoch schon die Möglichkeit Pattern direkt mit 64 Steps zu bauen.

Soviel zur Programmier-Theorie. In der Mitte des Geschehens steht natürlich der Sound der einzelnen Instrumente, wobei bis zu 11 Sounds gleichzeitig nutzbar sind, organisiert in ebenfalls bescheidenen 16 Kits. Das erste liefert per Default klassische 808-Sounds, das zweite wiederum die 909-Sounds. Die anderen Kits bieten die Möglichkeiten, Mischungen beider vorzunehmen. Und spätestens an dieser Stelle bietet es sich doch an, einmal die Originale im Vergleich zur TR-8 zu hören!

Die Toms, der Rimshot und der Clap bieten standesgemäß auch noch einen dritten Sound, was den bekannten drei Congas anstelle der Toms sowie entsprechend bei Rimshot bzw. Clap den Claves und Maracas entspricht. Wie bei der 808 möchte man meinen, obwohl die Beschriftung der Potis ja dann doch eher der 909 entspricht (Tune statt Tone). Unter den Kicks findet sich aber auch noch eine deutlich längere und höher gestimmte 808 Kick.

Weiterhin ist die Art und Reihenfolge der Instrumente fest vorgeschrieben: Eine 808 und eine 909 Kick oder gar Rimshot und Claves zur gleichen Zeit zu nutzen ist somit nicht möglich.Die Roland Aira TR-8 verfügt – abgesehen von dem Accent-Regler – außerdem auch noch ein paar Send-Effekte, die richtig gut klingen und sich vor allem aber gut performen lassen, ohne sich superschnell brutal aufzuschaukeln. Und so finden sich im oberen Bereich ein Gated-Reverb und ein „freies“ Delay, was also nicht temposynchron ist. Eine Besonderheit von Beiden ist, dass sie über die Lauflichtprogrammierung aktiviert werden, sodass sich rhythmische Effekte realisieren lassen. Weiterhin gibt es je acht Variationen des Reverbs bzw. des Delays, die wie die Instrument-Variationen geladen werden.

Hinzukommt ein umfangreicher Scatter-Effekt, der Glitch- und Stutter-Effekte vom Feinsten zaubert und im Gegensatz zu Delay und Reverb auch auf das externe Audio-Signal wirkt. Es gibt dabei 10 verschiedene Effekt-Variationen, die in ihrer Intensität bzw. Art zusätzlich verändert werden können. Anfangs musste ich zwar etwas über diesen Effekt schmunzeln, allerdings gibt es klangliche Nischen, die mir doch richtig gut gefallen! Aber was schreibe ich, hört doch lieber einmal selber:

Für externe Signale hält die TR-8 aber auch noch eine weitere Überraschung parat: Der External-In Sidechain kreiert pumpende bzw. harte Gateeffekte, die ebenfalls über die 16 Steptaster steuerbar sind und in acht Charaktersitiken vorliegen. Das ist nicht nur in Verbindung mit der TB-3 äußerst sinnvoll, sondern vor allem musikalisch. Im folgenden Audiobeispiel hab ich meinen Moog mit langen Noten gespielt, in die TR-8 geroutet und dann den Sidechain auf- und wieder zugedreht.

Einen Tempo-Regler nebst dediziertem Fine-Tune und Shuffle gibt es natürlich noch, aber auch den hören wir uns lieber einmal an:

Als rückseitige Anschlüsse verfügt das Gerät über einen Kopfhörerausgang, vier Einzelausgänge sowie ein Stereo-Eingang, alle als 6,35 mm Klinke ausgeführt. Die Einzelausgänge sind zwar etwas umständlich, aber frei zuweisbar, was ich persönlich besser, als viele diskrete Einzelausgänge finde. Der Eingang kann wiederum Stereo und Dual-Mono sowie gemeinsam mit dem Scatter-Effekt genutzt werden. Er dient darüber hinaus auch für das Sidechaining und Durchschleifen eines Signals.

Hinzukommt ein MIDI-I/O mit „Soft-Thru“-Funktion, der Netzteil-Anschluss nebst Ein- und Aus-Schalter und eine USB-Buchse, die die TR-8 zusätzlich zu einem Audiointerface mit 14 Eingängen und vier Ausgängen macht!

Richtig gelesen, somit steht jedes Einzelinstrument sowie auch der External-In und -Out in der DAW zur Verfügung. Die vier Ausgänge des Audiointerfaces entsprechen dann dem Main-Out (1/2) und dem External-In (3/4), die somit individuell bespielt werden können. Via MIDI lassen sich dann auch noch fast alle Parameter automatisieren, wobei jeder Parameter der TR-8 auch MIDI CCs und Noten sendet, wobei hier noch anzumerken ist, dass dies leider nicht abschaltbar ist.

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