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27.10.2017

Pioneer, NI und die 50 Millionen: Native Instruments stellt sich für die Zukunft auf.

Fast wöchentlich erreichen uns spektakuläre Neuigkeiten von Pioneer DJ. Mit einem atemberaubenden Tempo bringen die Japaner immer neue Produkte heraus und bauen ihr rekordbox Biotop stetig aus. Mit ihren CDJs, Mixern und Turntables stellen sie bereits sämtliche Quasi-Standard-Geräte her, die in den DJ-Kanzeln der Clubs und Festivals weltweit zu finden sind.

Mit der rekordbox dj Software und den dazugehörigen Controllern wildern Pioneer DJ auf ureigenstem Traktor- und Serato-Terrain, bieten mit günstigen Stand-Alone-Lösungen wie dem DDJ-RX2 erschwingliche Homemixing-Hardware an und machen sich mit passenden DJ-Samplern wie dem brandneuen DJS-1000 gerade auf den Weg zu neuen Ufern.

Pioneer prescht voran

Es scheint fast so, als hätten Pioneer die Schlacht um die DJ-Booth gewonnen. Ein Geheimnis des Erfolgs ist sicher, dass dank der kostenlosen rekordbox Preparation-Software alle DJs die Möglichkeit haben, ihre Musik per USB-Stick auf den im Club befindlichen Pioneer-Produkten abzuspielen, ohne diese selbst besitzen zu müssen. Die Clubs wiederum unterstützen die Standardisierung des Equipments in der DJ-Booth, weil dadurch der reibungslose Ablauf einer Clubnacht nicht durch falsch gesteckte Kabel, defektes mitgebrachtes DJ-Equipment oder exotische Wünsche auf dem Tech-Rider gefährdet wird. Der andere Aspekt ist bestimmt auch Geld: viel Geld. Nicht von ungefähr ging diese atemlose Offensive mit der Auslagerung der DJ-Sparte 2015 und dem Einstieg der Private Equite Firma KKR (Kohlberg Kravis Roberts) einher, die über eine halbe Milliarde Dollar in Pioneer DJ pumpte. Die investieren nicht in Nobodys. Gründungspartner Henry Kravis war angeblich sogar Vorbild für die von Michael Douglas gespielte Figur des Börsenmaklers Gordon Gekko im Hollywoood Blockbuster „Wall Street“. Seitdem hat sich Pioneer DJ eine absolute Dominanz im DJ-Hardware-Bereich erarbeitet, die auch durch aufmüpfige „Change Your Rider“-Kampagnen von Mitbewerbern wie Denon bislang nicht ansatzweise in Frage gestellt wird.

Was macht die Konkurrenz?

Vorreiter des digitalen Trends waren jedoch Traktor und Serato, Laptop-basierte DJ-Software mit Zugriff auf Tausende von MP3-Files und dem berühmt-berüchtigten Sync-Button, dank dem so ziemlich jeder Newcomer-DJ saubere Mixes machen kann. Nach und nach haben die Pioneer CDJs jedoch fast jede Funktion von DJ-Software adaptiert. Und die anfängliche Aufregung um den Sync-Button hat sich mittlerweile auch gelegt. Für einen DJ ist es um so vieles bequemer, einfach mit einem Kopfhörer und einem USB-Stick beim Gig aufzukreuzen, als eine Tasche voller Controller, Soundkarten, Kabel und letztlich auch den eigenen Rechner mitzuführen. Ein weiterer Pluspunkt für Pioneer: Das Rekordbox-Format läuft konkurrenzlos nur auf den eigenen Playern. Zwar gibt es auch andere fortschrittliche digitale Mediaplayer, doch die nutzen – wenn überhaupt – ein eigenes, anderes Format. DJs, die professionell vom USB-Stick in Clubs spielen wollen, kommen am Pioneer-Standard nur schwerlich vorbei.

Wie also könnte die Pioneer-Konkurrenz wieder in die Spur finden?

Neue Controller sind auch keine Lösung

Ob nun günstig oder teurer, mit oder ohne Jogwheels, es gibt mittlerweile ein sehr großes Angebot an guten Second-Hand-Controllern. So ziemlich jede mögliche Variante wurde in den letzten Jahren schon auf den Markt gebracht. Zurzeit sind die Next-Gen-Controller mit schicken hochauflösenden Screens sehr beliebt. Nach anfänglicher Begeisterung stellen sich aber dann doch wieder viele DJs die Frage, wozu sie noch den Laptop-Bildschirm mitführen. Alle relevanten Infos, die das Controller-Display darstellen kann, finden sich schließlich auch auf dem GUI der DJ-Software. Doppelt gemoppelt sozusagen. An neuen DJ-Controllern ist also nicht wirklich noch mehr Bedarf, wenn sie sich nicht grundlegend neue Features bieten. Native Instruments stellte mit dem STEMS ein neues File-Format vor, das die neuen dazugehörigen Controller S8 und D2 erforderte. Experimentierfreudige DJs können damit noch kreativer performen. Ein großartiges Konzept, aber welche DJs nutzen STEMS wirklich? Die Bequemlichkeit gewinnt über das Mehr an kreativen Möglichkeiten.

Ist Stand-Alone die Zukunft?

Die Spekulationen in den Social Media Kanälen und Backstage-Gesprächen hoffen auf Stand-Alone-Lösungen für Maschine und Traktor, die vom Laptop abgekoppelt Pioneers Hardware-Dominanz etwas entgegen setzen würden. Dass im Zeitalter immer mächtigerer Mini-PCs Traktor als Hardware möglich ist, zeigen Prototypen wie Q’Berts Thud Rumble Invader Mixer.

2012 versuchte Akai ziemlich erfolglos mit der MPC Renaissance das Maschine-Erfolgsrezept zu kopieren. Nun kehren die Japaner mit der MPC X und MPC Live wieder zur ursprünglichen Stand-Alone-Produktphilosophie zurück und die Zeit scheint eigentlich reif, dass nun NI nachzieht. Aber auch die dritte Generation von Maschine ist lediglich wieder ein Controller, zwar diesmal mit eingebauter Soundkarte, aber eben nicht stand-alone. Es scheint fast so, als wolle Native Instruments seinem Namen treu bleiben und seine Software nach wie vor ausschließlich nativ auf Computern laufen lassen. 

Bleibt Native native?

Warum eine CPU-basierte Hardware entwickeln, wenn bereits jeder einen Computer hat und auch nutzen will? Wenn der Computer mächtiger und vielseitiger ist als eine teuer zu entwickelnde dezidierte Hardware, die nur eine Sache richtig kann? Alle Hardware-Produkte von NI waren bislang Controller und Soundkarten, die nötige Rechenpower musste der Anwender per angeschlossenem Computer dazufügen. Im DJ-Bereich könnten die Berliner mit rein nativen Lösungen Pioneer DJ den Rang als Quasi-Standard nur schwer streitig machen. Aber will NI das überhaupt? Pioneer DJ ist eine klassische Hardware-Firma. Alle paar Wochen werden neue Teile rausgehauen, die den jeweiligen Vorgänger in Rente schicken. Native Instruments hat zwar mit Hardware wie Maschine oder den Traktor Kontrols große Erfolge gefeiert. Aber tief im Herzen ist NI nach wie vor eine Software-Company, die es kaum mit einer Hardwarefirma wie Pioneer DJ aufnehmen wollen wird.

Think about the Future!

So wie sich die NI-Gründer Daniel Haver und Stephan Schmitt 1996 eine Zukunft vorstellen konnten, in der Computer genug CPU-Power haben würden, um komplexe Plug-ins berechnen zu können, so dürfte auch jetzt das langfristige Ziel der Berliner nicht auf der übernächsten NAMM-Show oder Musikmesse liegen, sondern irgendwo im Jahre 2030. Für den nächsten großen Schritt braucht Native Instruments Geld, viel Geld und das haben sie sich gerade von der Münchener Investmentfirma EMH Partners geholt: 50 Millionen Euro! Dazu investierten NI ebenfalls einen „mittleren einstelligen Millionenbetrag“, um weiterhin die Mehrheitsbeteiligung an der eigenen Firma zu behalten.

Das nötige Kleingeld für neue und spektakuläre Aktivitäten haben die Berliner also auf dem Konto und dazu große Pläne: sie wollen nichts weniger, als „die Landschaft der Musikherstellung und der dazugehörigen Industrie neu definieren“, wie NI CEO und Mitbegründer Daniel Haver selbstbewusst in der Presse ankündigt.

Im Interview mit der FAZ gibt er einen kleinen Ausblick auf die bevorstehenden Pläne. Danach sind NI bereit für den nächsten großen Innovationsschritt und wollen neue Industriestandards schaffen. Online-Services sind das große Thema, ebenso die Anbindung an die Cloud. Die Musikproduktion soll einfacher werden. 

Cloud-Musik statt Stand-Alone

Ob Native Instruments nun vielleicht doch noch mal in den nächsten Jahren den Stand-Alone-Traktor-Player oder die Stand-Alone Maschine MK4 vorstellen wird, ist eigentlich zweitrangig. Es ist eher anzunehmen, dass die Berliner in den kommenden Jahren nicht einfach Pioneer hinterher hecheln, sondern sich strategisch auf neue Horizonte ausrichten werden. Die Stichworte sind Streaming, einfacher Zugang zum Musikmachen und Kooperationen in der Cloud. Dazu wären neue bahnbrechende Standards im Sharing- und Audioformatbereich hilfreich, die ähnlich wie Rekordbox so überzeugend einfach und bequem sind, dass sie nicht nur kreative DJs begeistern, sondern auch den Wald-und-Wiesen-Jockey, der einfach nur ganz simpel Track in Track mixen möchte. Und Hardwaregeräte, die diese neuen Standards abspielen, egal von wem sie gebaut werden.

Dass NI prinzipiell kein Problem mit Open Source hat, zeigte sich schon mit der Offenlegung des STEMS-Formats für andere Hersteller. Genutzt hat dieses Angebot bislang niemandem. Aber auch aus den Erfahrungen mit STEMS werden die Berliner ihre Lehren gezogen haben und im Vorfeld die richtigen Partner ansprechen. Die aktuelle Dominanz des Pioneer-Biotops kann NI nicht allein knacken. Aber wenn man stattdessen einfach ein neues, zukunftsfähigeres Biotop aufbaut, ist das egal.

Wenn NI es schafft, den Zugang zum elektronischen Musikmachen noch niederschwelliger zu gestalten, werden DJing und Producing noch weiter zusammenwachsen. Ich denke an eine nicht allzu ferne Zukunft, in der sich die DAW nicht mehr auf dem Rechner befindet, sondern im WWW. Wo Musiker ortsunabhängig gemeinsam an Musik arbeiten können und Zugriff auf alle notwendigen Plug-ins haben werden. Und wo die Ergebnisse ohne kompliziertes Konvertieren in der Cloud sofort für den Einsatz beim DJ-Gig zur Verfügung stehen.

Genau hier könnte Native Instruments ansetzen: Vorbereitung per Laptop oder mobiler App in der Cloud, temporärer Download auf Hardwaregeräte und Medien, z.B. USB-Sticks. Traktor könnte dafür nach wie vor als Preparation-Software dienen, Playlists, Hotcues und Loops würden zusätzlich auf dem Server abgelegt. Das Synchronisieren der Library mit dem USB-Stick wäre nur noch optional. Eigentlich bräuchte DJ den Stick gar nicht mehr, sondern würde sich einfach am Player im Club autorisieren und bei den abonnierten Streaming-Diensten anmelden. Wer die Musik per Streaming am griffigsten auf die DJ-Endgeräte der Zukunft bringt, dominiert die DJ-Booth. 

Streaming?

Ist bereits überall. Ob Filme via Netflix oder Musik via Spotify: Hier gewinnt der Service mit dem vielseitigsten und bequemsten Angebot. Pioneer hat sich dafür mit Pulselocker zusammengetan, ein Partner, auf den auch Serato und PCDJ DEX setzen. Algoriddim Djay Pro ermöglicht Spotify-Streaming. So verlockend es sich anhört, dass DJ für eine günstige Flatrate mit Millionen von Musiktiteln mixen kann: Zurzeit stehen noch viele technische und rechtliche Probleme im Wege. So kann man die Aufnahmefunktion einiger Programme nicht nutzen, wenn gestreamt wird. Auf kommerziellen Veranstaltungen darf Streaming nur genutzt werden, wenn der Clubbesitzer dafür eine Genehmigung beantragt hat. Und schließlich funktionieren alle Streaming-Angebote derzeit nur mit Laptop, Mobilgeräten und DJ-Software. Hier hat Pioneer sein Rekordbox-Biotop noch nicht sinnvoll komplettiert.

Es geht um den Standard

Der naheliegendste Streaming-Partner für Native Instruments wäre Beatport. Schließlich hat die Berliner Firma das Download-Portal einst mitgegründet und bereits in Traktor DJ Studio 3 gab es eine Beatport-Shop Anbindung. Dazu passt ebenfalls, dass NI den ehemaligen Beatport-CEO Matthew Adell rekrutiert hat. Als Beatport Anfang 2015 zum ersten Mal Streaming anbot, erwartete man in der Bonedo-Redaktion schon, dass Traktor eingebunden werden könnte. Gerade ein Jahr später war dann aber auch schon wieder Schluss mit Streaming. Was aber, wenn NI das Thema mit der nächsten Traktor-Version radikal neu aufrollen würde, mit einem eigenen Format, weitreichender Lizensierung und Hardware-Playern, die auf der Traktor-Technologie basieren? Den Rekordbox Standard wird man Pioneer DJ nicht mehr entreißen können. Aber einen neuen attraktiven Standard flächendeckend etablieren.

Und was bleibt für die anderen?

Bei soviel Investitionsvolumen in den kommenden Jahren bleibt den anderen, kleineren Mitbewerbern dann sowieso nur noch, alles gut zu beobachten und mit den richtigen Produkten zu reagieren. Es ist abzusehen, dass Pioneer und rekordbox nicht auf ewig die DJ-Kanzel besitzen werden. Das nächste große Software-Format wird die Hardware der Zukunft diktieren, so wie MP3 die CD verdrängt hat und VST den Hardware-Sampler. OK, das klingt natürlich noch alles sehr nach Zukunftsmusik. Aber die Technologien dafür sind eigentlich schon alle da. Jetzt braucht es nur noch Hersteller mit langem Atem, die sich der Herkulesaufgabe annehmen, all die vielen Puzzlesteinchen in einem bequemen und zukunftsträchtigen Format zu bündeln, das so überzeugend ist, dass ihm die DJs – und auch die übrigen Hersteller – folgen wollen oder müssen.

Und was bleibt noch?

Der Plattenspieler. Heutzutage arbeitet kaum noch jemand mit 19-Zoll-Racksamplern, Floppy-Disks oder SCSI-Festplatten aus den neunziger Jahren. Analoge Synthis aus den Siebzigern und Achtzigern sind jedoch begehrter denn je. Der CD-Slot bei CDJs findet kaum noch Verwendung, weil USB das aktuelle Format ist. Genauso werden die digitalen Endgeräte von heute neuen Technologien Platz machen müssen, die das Format der Zukunft abspielen. Die gute alte unverwüstliche Schallplatte dagegen hat bisher alle Formate wie CD, Minidisc und MP3 überlebt. Daran wird auch die Zukunftsmusik aus der Cloud nichts ändern.

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