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Feature
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18.04.2021

Macht Musik Kinder klüger? Große Metastudie gibt Einblicke

Die meisten haben wohl schon einmal von dem "Mozart-Effekt" gehört. Demnach soll die klassische Musik des Salzburgers die Leistungsfähigkeit seiner Hörer verbessern. Eine Metastudie zur Musikwirkung widerspricht diesem Phänomen. Musik kann aber durchaus positive Entwicklungseffekte auf Kinder haben. 

Im sonnigen Los Angeles im Süden Kaliforniens führte die Psychologin Frances Rauscher 1993 ein Experiment durch. Sie spielte einer Gruppe Studenten für zehn Minuten Mozart-Klavier-Sonaten vor. Danach mussten sie verschiedene Aufgaben bewältigen. Die gleichen Studenten mussten für das Experiment auch zehn Minuten "Entspannung-Instruktionen" bzw. für zehn Minuten in einem stillen Raum sitzen und danach ebenfalls verschiedene Aufgaben lösen. Dabei kam heraus, dass die Studenten nach der Sitzung mit der Mozart-Musik die besten Ergebnisse bei visuell-räumlichen Aufgaben erzielen konnten. Aus diesem Ergebnis wurden dann eine Vielzahl an weiteren positiven Eigenschaften durch Musizieren und dem Hören von Musik abgeleitet. So hörte man letztlich oft, dass klassische Musik und im Speziellen die Musik von Mozart die Intelligenz erhöhen kann. Forscher aus Japan und Großbritannien untersuchten diese und viele weitere Studien, um diese und weitere Hypothesen zu überprüfen. 

Methodik der Studie

Insgesamt analysierten die Forscher 54 Studien aus dem Zeitraum von 1986 bis 2019. Dabei beinhaltet das Sample 7.000 Kinder aus allen möglichen Ecken der Welt. Ziel der Forschung war es herauszufinden, ob sich die kognitive Leistung von Kindern nach dem Hören von Musik bzw. nach dem Musizieren erhöhe. Die Forschungsmethodik zwischen den Studien unterschied sich oft stark, etwa bei der Auswahl der Studienteilnehmer. So wurden bei manchen Studien freiwillige aus Schulen herangezogen, bei anderen Studien basierte der Auswahlprozess auf dem Zufallsprinzip. Für die Auswahl der relevanten Studien für die große Metastudie durchforsteten die Forscher verschiedene wissenschaftliche Datenbanken nach den Begriffen "music" oder "musical" zusammen mit "training" oder "instruction" oder "education" oder "intervention". Von den über 3.000 Ergebnissen wurde nach weiteren Kriterien ausgesiebt. Dabei wurde unter anderem überprüft, ob die Studien Kontrollgruppen hatten, quantitativ genügend Daten vorhanden waren, die Studienteilnehmer zwischen 3 und 16 Jahren alt waren und keine musikalische Vorerfahrung vorhanden war. Außerdem musste ein Musik-Trainingsprogramm integriert sein und es mussten Testaufgaben aus nicht-musikalische Aufgaben teil sein. Letztlich wurde noch darauf geachtet, dass eine Publikationsneutralität eingehalten wird. Dafür wurden zwei analytische Modelle zu Hilfe genommen. 

Ergebnisse der Metastudie

Die Metastudie kommt zu dem Ergebnis, dass bei den Studien, bei denen es aktive Kontrollen und eine zufällige Zuweisung bzw. Auswahl der Teilnehmer gab, keine oder nur sehr geringe Effekte zu verzeichnen waren. Bei Studien die weder aktive Kontrollen noch zufällige Zuweisungen hatten, gab es allerdings einen wahrnehmbaren Effekt. Es gab auch keine bemerkenswerten Unterschiede bei den Ergebnissen von kognitiven Tests und Tests in den Bereichen Mathematik und Lesen. 

Daher kommen die Forscher zum Schluss, dass Musiktraining zu keiner Leistungssteigerung, egal in welchem getesteten Bereich, führt. Die Ergebnisse müssen demnach auch nicht weiter erklärt werden:

"In fact, there is no need to postulate any explanatory mechanism in the absence of any genuine effect or between-study variabilityIn other words, since there is no phenomenon, there is nothing to explain."

Auch wenn eine Leistungssteigerung bei akademischen und kognitiven Tests nicht nachweisbar ist, assoziieren die Forscher beim Hören bzw. Spielen von Musik positive Effekte bei Kindern. So räumt die Studie letztlich ein, dass Musikunterricht für Kinder ihre sozialen Fähigkeiten und ihr Selbstwertgefühl steigern könne. Außerdem können Elemente des Musikunterrichts, wie zum Beispiel die arithmetische Musiknotation, das Lernen in entsprechenden Bereichen erleichtern. Das Durchschnittsalter lag bei 6,45 Jahren.

Zu einseitiges Fazit?

Laut Forschern des Max-Plank-Instituts für Neurowissenschaften kann Musik sehr wohl für Kinder deutliche Effekte erzeugen. Ein Beispiel ist dabei das Sprachvermögen von Kindern. Musik aktiviert die selben Gehirnregionen wie bei der menschlichen Sprache. Das Gehirn reagiert auf Sprache und Tonfolgen mit fast identischen Aktivitätsmustern, weshalb es praktisch nicht zwischen menschlicher Sprache und Musik differenziert. Daher kann sich Musikunterricht bzw. das Hören von Musik positiv auf das Sprachvermögen von Kindern auswirken. Laut Prof. Stefan Koelsch, Musikpsychologe und Neurowissenschaftler, hat Musik auch noch weitere positive Eigenschaften für Kinder. So fördere sie unter anderem die "Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und auch sensomotorische Funktionen". 

Die Metastudie gibt es HIER zum nachlesen. 

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