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31.10.2018

Intonationskorrektur: Die besten Software-Tools zur Vocal und Pitch Correction

Melodyne, Autotune, Revoice und Co. in der Anwendung, Praxis und Vergleich

Was nicht passt, wird passend gemacht!

Tonhöhenkorrekturen sind aus zeitgenössischen Musikproduktionen nicht mehr wegzudenken und dass derartige Nachbearbeitungen auf den Gesangsspuren von gefühlt 99 Prozent aller Songs im Radio und in den Charts erfolgen, ist inzwischen weitgehend publik und kein Produktionsgeheimnis mehr. Dabei beschränkt die musikschaffende Zunft die Anwendung nicht auf „technoide“ oder moderne Styles, sondern korrigiert ebenfalls fleißig bei „organischen“ Stilrichtungen und macht auch vor Orchesterinstrumenten nicht halt.

Weiterhin gibt es deutliche Unterscheidungsmerkmale beim Einsatz der Tonhöhenmanipulationen bzw. der Vocal und Pitch Correction. Je nach Musikstil soll dies entweder möglichst unbemerkt geschehen, damit die Authentizität und Kredibilität des Künstlers nicht darunter leiden, in anderen Fällen „spielt“ man mit auffälligen Artefakten des Korrekturprozesses und setzt diese bewusst als klangbildendes Stilmittel ein. In diesem Feature möchten wir euch populäre Tools zur Intonationskorrektur vorstellen. Vielleicht befindet sich darunter ja DAS Werkzeug, welches eurem Einsatzzweck, Geschmack oder Geldbeutel entspricht und das ihr schon lange sucht!

Welche Möglichkeiten der Tonhöhenkorrektur gibt es?

Bevor etablierte Produkte in den Fokus rücken, ist wahrscheinlich ein erster Überblick über generelle Mittel und Tools zu Tonhöhenbearbeitung, englisch Vocal bzw. Pitch Correction, sinnvoll.

1. Korrektur in der DAW

Die meisten gängigen DAWs könnte man als Werkzeug oder je nach Ausstattung als Werkzeugkasten zur Bearbeitung und Korrektur von Tonhöhen bezeichnen. Das simpelste Tool ist vermutlich die Schere, mit deren Hilfe man falsch intonierte Worte oder Silben austauschen kann, sofern man mehrere Aufnahme-Takes zur Auswahl hat, was bei Recording-Sessions aber mittlerweile normaler Usus ist. Der Prozess der Auswahl der besten Takes (Phrasen, Worte, Silben), den man als Comping bezeichnet, findet meist im Anschluss an die Session statt und hat das sogenannte „Rein-Droppen“ (Punch-In-Out-Recording), also den unmittelbaren Austausch unzureichender Passagen während der Aufnahme-Session weitgehend ersetzt.

Weiterhin bieten gängige DAWs verschiedene Möglichkeiten zur Tonhöhenmanipulation bereits aufgenommener (oder importierter) Audiofiles. Neben dem „destruktiven“ (heutzutage sind eigentlich mehrere Undo-Schritte gängig oder im Programm einstellbar) Rendern von Pitch-Shifting-Algorithmen in selektierten Bereichen und der Eingabe von Tonhöhenänderungen als Abspielparameter ausgewählter Clips/Audioregions bieten gut ausgestattete DAW-Programme auch Plugins und Editiermöglichkeiten, welche populären Spezialisten wie Antares Auto-Tune und Celemony Melodyne nachempfunden sind und auf die ich im weiteren Verlauf noch näher eingehen werde.

2. Automatische Tonhöhenkorrektur

Diese weitverbreitete Variante der Pitch Correction entspricht der gängigen Arbeitsweise, die vor mehr als 20 Jahren mit Antares Auto-Tune für großes Aufsehen sorgte. Auto-Tune-inspirierte Plugins, die es inzwischen von diversen Herstellern und als native Ausstattung einiger DAWs gibt, korrigieren die Gesangsspur in Echtzeit und meistens entsprechend einer voreingestellten Tonskala, wobei schief gesungene Töne auf den nächstliegenden Skalenwert quantisiert werden. Bei einigen Vertretern dieser Plugin-Gattung lassen sich die Zieltöne auch per MIDI steuern. Die Natürlichkeit oder beabsichtigte Unnatürlichkeit derartiger Tools hängt stark von den häufig einstellbaren Regelzeiten und dem prozentualen Korrekturwert ab. Extreme Einstellungen erzeugen den überraschend nachhaltigen Auto-Tune-Effekt, der sich nicht ausschließlich mit dem namengebenden Antares Plugin erzeugen lässt.

3. Pianorollen-inspirierte Tonhöhenbearbeitung

Key- oder Pianorollen- oder Matrix-Editor sind verschiedene Begriffe für das wahrscheinlich zugänglichste und populärste Edit Window vom klassischen Software Sequenzer bis hin zur modernen DAW. Anhand der simplen grafischen Darstellung von Tonhöhe und Länge von Tönen/Noten (ggf. inklusive weiterer Parameter), kann man sich schnell ein Bild der Lage machen und erkennt häufig spontan, wo Nachbearbeitungen erforderlich sind. Eine konsequente Umsetzung dieses Bearbeitungsprinzips zur Manipulation von Audiomaterial erfolgte durch Celemony Melodyne in den frühen 2000ern und eroberte den Markt im Sturm, womit es nur eine Frage der Zeit war, bis andere Hersteller mit ähnlichen Produkten folgen würden. 

Ein prinzipieller Unterschied zu Auto-Tune-artigen Plugins ist, dass hier keine (unter Umständen inspirierende) Echtzeitkorrektur stattfindet, sondern das Programm (Stand-alone, Plugin) eine detaillierte Feinarbeit ermöglicht. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist der gleichzeitige Zugriff auf das Timing einer Gesangsaufnahme, wodurch derartige Tools umfassendere Möglichkeiten bieten, eine Performance auf den Punkt zu bringen! 

In der Regel lassen sich je Note beispielsweise die folgenden Parameter separat bearbeiten:

  1. Tonhöhe
  2. Tonhöhenverlauf innerhalb der Note/Vibrato
  3. Tonhöhenverlauf im Übergang zu benachbarten Noten
  4. Formanten
  5. Start- und Endpunkt der Note

Bei entsprechenden Einstellungen (z.B. 100 % Pitchkorrektur, 0 % Vibrato, maximale Geschwindigkeit bei den Tonhöhenübergängen zu benachbarten Noten) lassen sich auch mit dieser Werkzeuggattung Auto-Tune-artige Effekte erzielen.

4. Hardware-Lösungen

Die Legende besagt, dass in der frühen Digital-Ära vereinzelt Pitch-Shifting-Effekte von Eventide Prozessoren zur Echtzeitkorrektur schlechter Intonationen verwendet wurden, was ich im Gegensatz zur heute bizarr anmutenden Gesangsbearbeitung mit Hardware-Samplern à la Akai und Emu-Systems allerdings nie persönlich erlebt oder durchgeführt habe. Doch auch heutzutage gibt es neben den wahrscheinlich verbreiteteren Software-Lösungen verschiedene Hardwaregeräte, die sich primär oder neben anderen Funktionen dieser Aufgabe widmen. So bietet der Hersteller TC Helicon verschiedene Bodentreter und Rackgeräte mit Intonationskorrektur an und der Tascam hat immer noch den 19-Zoll-Vocal Processor TA-1VP „powered by Antares“ im Angebot.


Nach meiner persönlichen Einschätzung sind solche Geräte (im Vergleich zu Software) in Studios eher selten anzutreffen. Eine populäre Zwischenlösung bieten die Apollo Interfaces von Universal Audio. Diese ermöglichen eine nahezu latenzfreie Nutzung der UAD Variante von Antares Auto-Tune während der Aufnahme oder sogar einer Live Performance inklusive einer möglichen MIDI-Steuerung. Einen entsprechenden Testbericht findet ihr hier.

Welche Programme/Plugins haben sich denn nun zum Klassiker oder Geheimtipp etabliert?

Studiostandard 1: Antares Auto-Tune

Das Erscheinen dieser Software in den späten 90ern glich einer Revolution. Neben unauffälligen Korrekturen zählt der unnatürlich klingende Auto-Tune-Effekt seit nun mehr als 20 Jahren zum Repertoire des populären Plugins. Inzwischen gibt es diverse Varianten von Auto-Tune, die sich in der Komplexität ihrer Ausstattung unterscheiden. Die folgende Abbildung bietet einen guten Überblick über die Parametrisierung der aktuellen Vollversion Auto-Tune Pro.

Weiterhin hat Auto-Tune auch einen grafischen Modus zur manuellen Nachbearbeitung, welcher prinzipiell dem Editing mit Melodyne ähnelt. Subjektiv muss ich sagen, dass diese Art der Tonhöhen- und auch Timing-Bearbeitung in der Celemony Software deutlich griffiger und Workflow-freundlicher ist. Falls man ausschließlich Auto-Tune benutzt, ist es aber absolut positiv, diese Art des detaillierten Zugriffs optional zur Verfügung zu haben.

Alternativen zu Antares Auto-Tune (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): 

  • Logic Pitch Correction
  • Cubase PitchCorrect 
  • Waves Tune RT 
  • Izotope Nectar

Studiostandard 2: Celemony Melodyne

Vom diesem stand-alone und als Plugin erhältlichen Programm existieren ebenfalls diverse Ausstattungsvarianten, die einen Funktionsumfang von einfacher Intonations- und Timingkorrektur bis hin zur Bearbeitung von einzelnen Noten in polyphonem Material und komplexem Sound Design bieten. Melodyne arbeitet nicht in Echtzeit, sondern setzt als Plugin (innerhalb von DAWs ohne ARA Kompatibilität) voraus, dass das zu bearbeitende Audiomaterial in Echtzeit eingespielt wird. Dafür bietet die anschließende Bearbeitung einen beispiellos übersichtlichen Zugriff auf sämtliche Attribute jedes „Blobs“, was in etwa die Melodyne-Vokabel für einen Ton oder eine Note ist. 

So wie Auto-Tune deckt auch Melodyne sämtliche Facetten von erstklassiger Korrektur- bis zum Kreativ-Werkzeug ab, jedoch nicht in Echtzeit, sondern als reines Post-Production Tool. Wer mehr über die Arbeit mit Melodyne erfahren möchte, wird in unseren speziellen Workshops fündig.

Alternativen zu Celemony Melodyne (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): 

  • Logic Flex Pitch 
  • Cubase VariAudio 
  • Reason Pitch Edit 
  • Waves Tune LT
  • Revoice Pro (Warp Mode)

Kostenlose Alternative: Autotuna (Ableton Live Max4Live Device)

2015 veröffentlichte Cycling74, Hersteller der Programmierumgebung Max, ein Live-Pack für Ableton Live 9 namens Max 7 Pitch and Time Machines Pack. Teil davon war ein humorvoll genannter Device namens „Autotuna“, zu Deutsch: automatischer Thunfisch

Das Device baut auf eine Stimm-Engine, die zwar bei Weitem nicht so tiefgreifend und gut wie das große Auto-Tune, dafür aber kostenlos ist. Drei Qualitätsstufen, eine Korrekturstärke und auch eigene Tonarten sind einstellbar – ganz ordentlich, aber auch eher spielerisch als kleine Auto-Tune-Alternative angedacht.

Der Vorteil von Max4Live-Devices: Jeder Ableton-Suite-Besitzer kann unter die Haube schauen und das Device noch weiter bearbeiten. Das haben ja auch die Beatlab-Macher getan und dem Device einen neuen Regler zum Einstellen der Zieltonart spendiert. Diesen September brachte die amerikanische Tutorial-Seite Beatlab das Update heraus, welches im Tausch gegen eure Email-Adresse hier heruntergeladen werden kann.

Leider sind beide Versionen von der Qualität der Korrektur und des übertriebenen Auto-Tune-Effektes her, der gerade im Trap omnipräsent ist, Welten entfernt. Zum Einstieg als kleine Spielerei ist das Device aber durchaus nützlich, zum tiefgreifenden Bearbeiten von Gesang oder Rap ist es aber nicht gut genug. 

Weitere Tipps zur Intonationskorrektur und der generellen Produktion und Nachbearbeitung von Gesangsspuren findet ihr in unserem mehrteiligen Workshop „Gesang professionell aufnehmen, editieren, mischen“.

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