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06.08.2021

Die Geschichte der Boss-Verzerrer

Von OD-1 bis FZ-5 – legendäre Boss-Zerrpedale

Acht Boss-Verzerrer im direkten Vergleich

In der Welt der Musikelektronik gibt es nur wenige Firmen, die auf eine so lange, so erfolgreiche und dabei mehr oder weniger konsistente Geschichte zurückblicken können wie der japanische Effektgerätehersteller Boss. Entstanden 1974 als Marke des Mutterkonzerns Roland, wurde der Firma 1976 besonderer Ruhm zuteil, als der Chorus-Sound des Roland Jazz Chorus-Verstärkers in Form des CE-1 Chorus Ensembles auf den Markt kam, ein Pedal, dem unter anderem Police-Gitarrist Andy Summers seinen charakteristischen Sound zu verdanken hat. Richtig los ging es 1977 mit der Produktion von Gitarrenpedalen, die sich durch eine extrem robuste Bauweise und eine bunte Farbgebung auszeichneten.
Ein weiteres Novum war die Verwendung eines klickfreien Fußschalters, was sich durch den Einsatz von Pufferschaltungen realisieren ließ. Allerdings polarisierte diese Technik, denn für viele waren und sind True Bypass Pedale erste Wahl. Aber der große Erfolg gibt Boss recht und die Anzahl der Boss-Klassiker bzw. Evergreens, die seit fast 50 Jahren im nahezu identischen Design produziert werden, ist enorm. Aber neben dem CE-1 wurde auch im Bereich der Overdrives und Distortions wahre Pionierarbeit geleistet und ein gewaltiger Fußabdruck im entsprechenden Abschnitt der Musikgeschichte hinterlassen.
Deshalb möchte ich mich in diesem Artikel auf die legendären Verzerrerpedale der Japaner konzentrieren, deren wichtigsten Stationen ich euch hier in chronologischer Reihe vorstellen werde.

1977 - Der OD-1 Overdrive

Nach dem legendären CE-1 Chorus brachte Boss 1977 sechs Pedale auf den Markt, darunter den OD-1, der als einer der ersten echten Overdrives überhaupt in die Geschichte der Bodentreter einziehen sollte. Damit lag der robuste und mit nur zwei Potis versehene Bodentreter noch knapp vor dem grünen Vergleichsprodukt aus dem Hause Ibanez, dem Tube Screamer. So überrascht es auch nicht, dass beide Pedale erstaunliche Parallelen aufweisen, auch wenn der OD-1 seine Zerre mit asymmetrischem und der Tubescreamer mit symmetrischem Clipping gestaltet.

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1978 - Der DS-1 Distortion

Der DS-1 wurde 1978 unmittelbar nach dem OD-1 vorgestellt und gilt als das meistverkaufte Boss-Pedal überhaupt. Damit zählt der Verzerrer neben der ProCo Rat aus dem selben Jahr und dem MXR Distortion + zu den wohl ersten Hard Clipping Distortion-Modellen weltweit. Die Beliebtheit des orangefarbenen Bodentreters ist dabei quer durch alle Genres zu beobachten, sei das Fusion mit Mike Stern, Grunge mit Kurt Cobain, Instrumentalrock mit Steve Vai und Joe Satriani, Funkrock mit John Frusciante oder Bluesrock mit Gary Moore. Von kleinen Produktveränderungen im Bereich des OpAmps abgesehen sind die Ingredienzien gleich geblieben, womit der DS-1 nun seit über 40 Jahren auf den Brettern der Welt zu beobachten ist. Sicherlich ist das neben den klanglichen Eigenschaften auch auf den erfreulich niedrigen Verkaufspreis von knapp 60 Euro zurückzuführen. An Potis ist hier das bewährte Trio aus Level, Tone und Distortion zu finden.

1981 - SD-1 Super Overdrive

Der SD-1 erschien 1981 parallel zum OD-1 und ergänzt diesen bei nahezu identischer Konstruktion mit nur einem zusätzlichem Tone-Poti. Wie sein Vorgänger erfreut sich das Pedal großer Beliebtheit, da es sowohl als Standalone-Drive als auch als Gain-Booster vor verzerrten Amps eingesetzt werden kann. Letztgenannter Anwendungsbereich ist z. B. bei frühen Zakk Wylde Sounds, aber auch bei David Gilmour, Eddie Van Halen und Jimmy Page zu sehen und zu hören. Mittlerweile ist das Pedal auch in einer deutlich teureren WAZA-Edition erhältlich, die neben dem Standard-Mode einen Custom-Mode mit mehr Gain und Dynamik mitbringt. 1985 erschien übrigens der OD-2 Turbo Overdrive, der jedoch seine Verzerrung aus Transistoren und nicht ICs gewinnt und daher trotz der namentlichen Verwandtschaft in eine andere Kategorie fällt als OD-1 und SD-1. In den Soundbeispielen kommt ein SD-1w zum Einsatz, den ich jedoch im Standard-Mode betreibe.

1983 - HM-2 Heavy-Metal

Der HM-2 besitzt sicherlich die kurioseste Historie unter den Boss-Verzerrern. Erschienen ist das Pedal 1983 und sollte eigentlich den damals sehr beliebten JCM800-Sound in Pedalform bannen. Tragischerweise interessierten sich die Gitarristen der damaligen Zeit jedoch wesentlich mehr für ihre originalen Röhrenamps oder bei den Pedalen für den sehr erfolgreichen DS-1. Daher wurde der Distortion trotz bekannter User wie David Gilmour und trotz des extrem effektiv arbeitenden EQs bereits 1991 schon wieder eingestellt. Ein kurzes Aufflammen ist dem schwedischen Produzenten Tomas Skogsberg aus den Sunlight Studios in Stockholm zu verdanken, der durch das Drehen aller Potis in die Maximalstellung den Sound des schwedischen Metalls definieren sollte und damit das Pedal zum Heavy-Klassiker erhob, das von nun an auf den liebevollen Name "The Swedish Chainsaw" getauft wurde. Zu hören ist das "schwedische Setting" übrigens bei Acts wie "Entombed" auf ihrem 1990 releasten Album "Left Hand Path". Auch für den HM-2 ist 2021 eine WAZA-Edition erschienen, die identische Potis aufweist und diesmal stirnseitig zwischen einem Custom- und Standardmode schaltbar ist.

1991 - MT- 2 Metal Zone 

Das MT-2 Metal Zone ist gleich nach dem DS-1 das beliebteste Boss-Pedal und erschien im Jahre 1991. Trotz seiner starken Verbreitung wurde der MT-2 immer wieder Gegenstand ironischer Internet-Memes und wird in manchen Kreisen sogar als das "schlechteste Pedal aller Zeiten" geführt. Dabei ist dieser zweifelhafte Ruf nicht im Mindesten gerechtfertigt, denn hier haben wir es mit einem sehr flexiblen Pedal zu tun, das mit sechs Potis daherkommt und einen effektiven Dreiband-Equalizer mit parametrischen Mitten zu bieten hat. Der Sound ist aufgrund seiner prominenten Mittenfrequenz ebenfalls extrem charakteristisch und sorgt für einen starken Wiedererkennungswert. Auch dieses Pedal ist in der normalen und einer WAZA-Version erhältlich.

1995 - BD-2 Blues Driver

Der Blues Driver BD-2 gehört in Profikreisen sicherlich mit zu den bedeutendsten Boss-Zerrpedalen. Interessanterweise kam der blaue Overdrive erst 1995 auf den Markt und zählt damit eher zu den späteren Entwicklungen aus dem Hause Boss. Bekanntheit erlangte der BD-2 durch prominente Player wie Andy Timmons, Brad Paisley, Prince oder John Mayer, die sowohl dessen Funktion als milder Overdrive aber auch als reiner Booster sehr zu schätzen wissen. Als Robert Keely das Pedal in den 90er modifizierte und ihm dadurch einen fetteren und wärmeren Ton verlieh, kam Boss auf die Idee, dieses Konzept für eine WAZA-Edition zu adaptieren. Hier liefert der Custom-Mode einen volleren Sound, wohingegen der Standard-Mode den Ur-Blues Driver abbildet. Für die Soundbeispiele kam der Standard-Mode zum Einsatz.

1997 - OD-3 Overdrive 

Der OD-3 erschien 1997 und hat trotz der namentlichen Verwandtschaft und der gelben Farbe relativ wenig mit OD-1 und OD-2 gemein. Im Gegensatz zum asymmetrischen Clipping des OD-1 setzt dieses Modell auf symmetrisches Clipping, das über FETs erzeugt wird, und ein Mitsubishi M5218 kommt als Dual-Op-Amp zum Einsatz. Der OD-3 zeigt einen deutlich höheren Output und ein ausgeprägteres Low-End als OD-1 oder SD-1 und klingt somit sehr kräftig, rund und voll. Auch wenn der OD-3 immer ein wenig im Schatten des OD-1 oder des BD-2 stand, handelt es sich um einen hervorragend klingenden Overdrive, der z. B. auch von Bruce "The Boss" Springsteen eingesetzt wird.

2007 - FZ-5 Fuzz

Boss hat sich lange Zeit geziert, ein Fuzzpedal im Programm zu führen, und so überrascht es ein wenig, dass sich die Japaner 2007 schließlich doch noch in fuzzige Gefilde wagten und sich jüngst mit dem TB-2w sogar noch der Tone-Bender-Thematik annahmen. Beim FZ-5 kommt die digitale COSM Modeling-Technologie zum Einsatz, die drei klassische Fuzz-Charakteristika generiert. Dabei handelt es sich um den Maestro Fuzz, bekannt aus dem Introriff von „I can’t get no satisfaction“, und den Fuzz Face und den Octavia, beide bei Jimi Hendrix im Einsatz. Ansonsten weist das Pedal neben dem Mode-Schaltpoti noch einen Volume- und einen Fuzz-Regler auf. Für die Soundbeispiele wähle ich durchgehend das Fuzz Face-Setting, da dies die beste Vergleichbarkeit gestattet.

Klangbeispiele:

Für die Soundfiles parke ich die Pedale vor einen clean eingestellten Fender Silverface Bassman, den ich über eine 4x12" Celestion Pre Rola Greenback IR laufen lasse. Selbstverständlich können nicht alle Pedale in jeder Disziplin gleich gut punkten und so weist z. B. ein Fuzz wenig Dynamik auf, wohingegen bluesige Lowgain-Sounds sicherlich nicht die Stärke eines Metal-Distortions sind. Dennoch möchte ich alle Verzerrer den gleichen Disziplinen unterziehen, um einen besseren Vergleich zu ermöglichen.

Zu Beginn spiele ich die Pedale in einem mittigen Setting mit einer Fender Stratocaster, um den Sound mit Singlecoils abzuklären:

Als Nächstes kommt ein mittiges Low-Gain-Setting und ich bleibe bei der Strat.

Mit etwas erhöhtem Gain wechsele ich zu einer Ibanez Artist mit Humbuckern.

Nun unterziehe ich die Pedale einem Gain-Check und drehe das Gain-Poti in fünf Schritten vom Minimum zum Maximum.

Als nächstes gehts um das Thema Dynamik. Hierzu nehme ich eine Ibanez Artist zur Hand und spiele ein Riff mit verschiedenen dynamischen Abstufungen und mit den Fingern gepickt.

Zum Abschluss folgt noch einen Praxistest, bei dem ihr die Pedale in der oben aufgeführten Reihenfolge hört. Pro Pedal gibt es einen Rhythm- und Leadtrack, die leicht links und rechts gepannt sind. Der Amp ist erneut der Fender Bassman und die Gitarre ist ein Stratocaster-Modell.

Das wars für unseren Streifzug durch die Boss’sche Verzerrerhistorie und vielleicht hat ja das eine oder andere Pedal euer Interesse geweckt?

Wer sich noch etwas intensiver mit der Geschichte und den Besonderheiten mancher Boss-Pedale beschäftigen will, der wird hier fündig:

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