Test
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09.04.2009

Clavia Nord Lead 2x Test

Virtuell-analoger Synthesizer

Spielst du schon oder schraubst du noch?

Der Nord Lead hat sich inzwischen vom Emulator analoger Sounds à la Prophet, Moog und Kollegen selbst zu einem Klassiker gemausert. Denn neben hervorragenden Sounds haben die Nord-Architekten eine Bedienung ausgetüftelt, die sich stark an den praktischen Bedürfnissen der Benutzer orientiert. Bereits Mitte der 90er Jahre erkannten die Schweden die Hipness von Drehpotis und virtuell-analogem Sound und lieferten die passenden Synthies zum aufkommenden Retro-Chic.Ohne Anleitung geht es so direkt zum fröhlichen Spielen und Knöpfchendrehen.  

Details

Das Äußere
Ein einfaches, aber wirkungsvolles Markenzeichen: Die rote Farbe! Synthies der Nord-Familie sind schon von Weitem als solche zu erkennen. Zudem gibt es einfach unglaublich viele davon. Ein Keyboard-Setup ohne irgend ein Teil von Clavia ist inzwischen eher die Ausnahme. Und das nicht ohne Grund. Denn neben den inneren Werten hat ihr stylisches Äußeres überall Freunde gefunden. Hinzu kommt beim Clavia Nord Lead 2x ein live-freundliches Gewicht von gerade einmal 5 kg. Und dabei macht das Metallgehäuse einen äußerst stabilen Eindruck. Die ungewichtete Tastatur spielt sich sehr gut, auch wenn sie leider nicht mit Aftertouch ausgestattet ist. Neben der roten Farbe ebenfalls Designpreis-verdächtig sind das Modulationsrad aus Stein(!) und der hölzerne Pitchstick. Jetzt noch ein Springbrunnen als Volumenregler oder Tasten aus Moos und das Waldambiente wäre perfekt. Doch Spaß beiseite: Der ungewöhnlich geformte Pitchstick hat tatsächlich große Vorteile, da er keinen Nullpunkt besitzt und deshalb ein natürliches Vibrato erzeugen kann. Oberhalb des Sticks befinden sich Anwahltaster für die vier Slots, das Display und die beiden Hoch-/Runter-Taster, mit denen praktisch sämtliche Werte eingestellt werden. Neben Volumenregler und Taster für Keyboardsplit, Modusanwahl und so weiter liegen rechts davon farblich abgehoben die gesamten Potis und Taster für die virtuell-analoge Klangerzeugung. Von hier aus hat man Direktzugriff auf Oszillatoren, LFOs, Hüllkurven und Filter. Daneben befindet sich noch eine überschaubare Liste mit versteckten Shiftfunktionen der Bedienelemente. Sämtliche Drehpotis sind äußerst griffig und stabil, die Taster wirken mit ihrem sehr deutlichen Druckpunkt fast schon ein wenig zu analog.
Nach kurzer Eingewöhnung findet man sich auf der Oberfläche bestens zurecht, was nicht zuletzt an den klaren Beschriftungen und Farbabgrenzungen der einzelnen Sektionen liegt. Auf der Rückseite geht’s ebenfalls recht übersichtlich zu. Neben Anschlüssen für Kopfhörer, MIDI In/Out, Expression- und Sustainpedal entdeckt man als Besonderheit allerdings ganze vier Ausgänge.  

Die innere Architektur
Der Nord Lead 2x ist grundsätzlich in zwei Modi zu betreiben. Neben dem Program-Modus für den herkömmlichen, monotimbralen Synthesizerbetrieb gibt es den Performance-Modus, in dem sich bis zu vier Sounds layern und zwei nebeneinander legen lassen. Bei einer 20fachen Polyphonie stößt man dort schon mal an Grenzen.
Doch beginnen wir bei der Klangsynthese. Diese ist natürlich klassisch-subtraktiv aufgebaut. Ausgangsmaterial liefern zwei Oszillatoren mit Dreieck, Sägezahn und Pulswellen. Oszillator 1 enthält zusätzlich eine Sinusschwingung, Oszillator 2 einen Noisegenerator. In Verbindung treten die beiden per Sync, FM oder Ringmodulation. Weiterhin gibt es zwei Hüllkurven für Amp und Filter, sowie einen Mod-Envelope für FM, Pulsweite und Oszillator 2. Beim Filter lässt sich zwischen Tief- (2 Pole und 4 Pole), Hoch- und Bandpass sowie Kammfilter auswählen. Hier kann außerdem eine zusätzliche Verzerrung hinzugefügt werden. Und spätestens jetzt muss es gesagt werden: Die Filter und modulierenden Oszillatoren klingen enorm gut. So macht analoges Klangdrechseln Spaß. Doch noch ist die Klangsynthese nicht abgeschlossen. Es gibt noch zwei LFOs, wobei einer wahlweise auch als Arpeggiator arbeitet. Letzterer beherrscht die vier Grundpattern up, down, up&down und random, sowie eine Delay-Effektsimulation, die die gespielten Töne wiederholt. Beide LFOs sind auch per MIDI-Clock synchronisierbar. Eine Effektsektion sucht man leider vergeblich. Zumindest ein bisschen Reverb, Phaser oder ähnliches hätte ruhig drin sein können.

Im Manual-Modus lässt sich übrigens - fernab von jedem Preset - die oben beschriebene Klangerzeugung voll anwenden, da dort, ganz wie beim unprogrammierbaren, analogen Vorbild, jeder Wert auf die tatsächliche Reglerstellung gesetzt wird.

Doch das ist wohl eher etwas für Puristen angesichts der großen Presetauswahl, vor die man gestellt wird. Immerhin hat man es mit zehn Bänken à 99 Sounds plus 40 Percussionsetups zu tun. Davon gelten die ersten vier Bänke als Userspeicherplätze und sind überschreibbar. Bei den Performances ist das Angebot vergleichbar reichhaltig. Dort findet man zusätzliche 400 Soundkombinationen. Die Klänge liegen im Speicher alle hintereinander, so dass das Durchscrollen bis zu einem Sound in der 10. Bank einen Moment dauern kann. Abhilfe schafft da die Möglichkeit, ausgewählte Sounds in vier Slots abzulegen. Diese Plätze sind direkt anwählbar, so dass man beispielsweise live vier Sounds ohne langes Scrollen direkt zur Verfügung hat. Diese Slots lassen sich auch den vier Ausgängen zuordnen.

Sound
Der Nord Lead liefert Analoges für die Neuzeit, also genau das, was man von einem virtuell-analogen Synthie erwartet. Gesampeltes Brot mit Butter ist nicht im Angebot, stattdessen aber mehr als 1000 Sounds, die zum einen althergebrachte Synthieklassiker wieder aufleben lassen, gleichzeitig aber auch extrem modern und frisch klingen. Da hätten wir zum Beispiel diverse Flächen, die wahlweise nach Raumschiff Orion oder nach Eiswüste klingen. Außerdem gibt es die nachmodulierte Klangpalette des legendären „Prophet 5“ und sogar ein paar passable Orgelsounds. Groß ist die Auswahl an dicken Bässen, funky Leadsounds und massiven Trancebrettern. Wer will, kann auch extrem Schräges unter seinen Fingern entstehen lassen. Und so zwitschert, blubbert und pumpt es an allen Ecken und Enden. Alle Sounds lassen sich sehr leicht entfremden und an den persönlichen Geschmack anpassen, sodass man immer das Gefühl hat, es mit etwas ziemlich Exklusivem zu tun zu haben. Kein Sound klingt langweilig oder abgespielt. Der Nord Lead bietet klangmäßig absolute Frischegarantie!

Hier sind ein paar Audio-Beispiele für euch:

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