Test
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25.11.2019

Behringer Wing Test Preview

Digitalmixer

Lange wurde über einen Nachfolger der mittlerweile sieben Jahre alten Behringer X32-Serie diskutiert, bis Behringer völlig überraschend dieser Tage einen neuen Digitalmixer namens WING vorstellt. Dabei sollen die WING Mixer allerdings nicht die X32-Serie ablösen. Was den neuen Behringer-Mixer ausmacht, haben wir in einem ersten Hands-on untersucht.

Details

Konzept

Behringers WING ist gelandet: Der Hersteller sieht das neue Pult jedoch nicht als einen Nachfolger für die X32-Serie. Diese erhielt nämlich gerade einen Performance-Boost durch das Firmware-Upgrade 4.0 und soll demnach noch länger im Portfolio erhalten bleiben.

Tatsächlich möchte sich die WING-Konsole oberhalb der X32-Serie etablieren, was sowohl den Preis als auch die Performance betrifft. Die WING sieht nicht nur völlig anders aus als ein X32, vielmehr ist es auch konzeptuell eine eigenständige Entwicklung, was sowohl die Hard- als auch die Software-Seite betrifft.

Am offensichtlichsten wird das durch den 10,1“ Touchscreen, der sich stufenlos verstellen und sogar im Gehäuse versenken lässt. Somit können die Roadcases deutlich kleiner ausfallen und Reflexionen auf dem (nicht entspiegelten) Touchscreen können durch eine alternative Winkelung abgemildert werden.

Ebenfalls neu sind die touch-sensitiven Encoder, derer es gleich 22 Stück gibt. Man braucht nur einen Encoder zu berühren und der damit gekoppelte Parameter wird im Screen angezeigt. Generell wurde an der Hardware nicht gespart. Neben den 22 Motorfadern gesellt sich in der Channelstrip-Sektion rechts neben dem Touchscreen ein weiteres, kleines Display, das zusammen mit zahlreichen LEDs die wichtigsten Metadaten eines selektierten Kanals anzeigt.

Parallele Arbeitswelten

Neu für einen Behringer Mixer ist auch die Tatsache, dass zwei Techniker parallel an der WING arbeiten können, wenn einer den Touchscreen bedient und die zweite Person den Channelstrip nutzt. Das könnte das Einrichten einer Mixszene deutlich verkürzen. Die Aufteilung der Fader-Bänke ist ebenfalls originell.

Die linken zwölf Fader bedienen per default die Eingänge. Das Pult verfügt über 40 vollwertige Kanalzüge und acht zusätzliche Hilfseingänge mit einer abgespeckte Kanalausstattung. Der Clou: Alle Ein- und Ausgänge sind stereo angelegt!

Das bedeutet, die WING kann maximal 96 Signalquellen (48 Stereoquellen) simultan verwalten. Das Gleiche gilt für die 16 Mixbusse. Beschickt man beispielsweise sechs stereo In-Ear-Systeme, dann verbleiben immerhin noch zehn Stereo-Mixbusse für das Ausspielen weitere Signale, zum Beispiel Matrizen oder Summensignale. Die WING verfügt über gleich vier Stereo-Summenausgänge und acht Stereo-Matrizen. Alle Mixbusse lassen sich per Knopfdruck auch mono umschalten, wobei man aber keine 32 autarken Mono-Busse erhält. Vielmehr beleibt die Anzahl immer gleich, also maximal 48 Inputs und 16 Mixbusse im Mixbetrieb, die frei stereo oder mono konfigurierbar sind.

Zurück zur Hardware

Die mittlere Faderbank ist mit acht Motorfadern ausgestattet, die für die Verwaltung der acht DCA-Gruppen, Matrizen und der Mixbusse zuständig ist. Rechts daneben befindet sich eine doppelte Assign-Sektion. Die untere ist stringent strukturiert. Über die Auswahltaster „Automix, Mute Groups, Show Control und Transport“ werden größere Funktionsgruppen auf den Fokus der Taster und des Jogwheels gelegt. Natürlich wird die WING auch eine DAW-Remote mit Transportfunktionen und Fader-Steuerung erhalten. In dem Testpult waren die DAW Remote-Funktion allerdings noch nicht hinterlegt.

Bis zum Verkaufsstart im Januar ist ja noch etwas Zeit, einige Funktionen nachzureichen. Oberhalb dieser Sektion ist eine weitere Assign-Sektion angesiedelt, die in etwa mit der des X32 vergleichbar ist. Auf den vier Encodern und acht Tastern lassen sich unzählige Funktionen und Parameter ablegen und gezielt auslösen. Auf der rechten Seite befinden sich vier Fader mit einer darüber angesiedelten Funktionsabteilung, bestehend aus acht Tastern und vier Encodern für den direkten Zugriff auf wichtige Parameter.

Per default residieren hier die vier Summenausgänge der WING. Wie gesagt per default, denn ebenfalls neu im Behringer-Universum ist die Möglichkeit, das Pult über zwei User-Layer komplett frei zu belegen. Das User-Layer ist dabei nicht auf die freie Anlange von Ein- Ausgängen und Busse beschränkt. Vielmehr lassen sich auch Sends oder gar Effektparameter auf die Fader legen und frei anordnen!

Das erklärt auch den Beinamen „Personal Mixing Console“.

Der neue Behringer Mixer erlaubt ein enormes Maß an Personalisierung. Der Nutzer kann sich das Pult nach seinen Vorstellungen konfigurieren, wie es in dieser Preisklasse bis dato nicht möglich gewesen ist.

Ein- und Ausgänge

Hier die offizielle Entwarnung: Die WING kann mit allen bekannten Stageboxen aus der X32/M32 betrieben werden! Wer bereits derartige Stageboxen besitzt, kann diese über die drei AES50 Ports der WING andocken. Im Raum steht zudem, die größeren Midas Pro Stageboxen (z. B. DL251) ebenfalls für die WING freizugeben.

Aber das ist noch Zukunftsmusik. Tatsächlich Realität ist jedoch die enorme Zahl von 374 möglichen Ein- und Ausgangsquellen. Der Begriff Quelle bzw. Source ist bewusst gewählt, denn das WING-Konzept sieht die Trennung von Eingangssignal und Kanal vor. Das bedeutet, im Routing des Pultes konfigurieren wir als erstes die Sources.

Man kann diese benennen, mit einem Icon und einer Farbe versehen und sogar schon mit Gain und +48 Volt versorgen. Darüber hinaus lassen sich Sources mit so genannten „Tags“ verbinden. Tags sind Eigenschaftszuweisungen wie eine Mute-Gruppenzugehörigkeit. Vergebe ich einer Source den Tag „Mute Gruppe 1“, dann übernimmt der Mixer die Eigenschaft und weist die Source der entsprechenden Mute-Gruppe automatisch zu, falls man diese Source als Eingangssignal für einen Kanal auswählt. Das klingt vielleicht kompliziert, wird aber bei der tatsächlichen Arbeit am Mixer schnell klar.

Weiter zu den harten Fakten. Die 374 möglichen Eingänge teilen sich wie folgt auf: 144 AES50 Inputs, 48x 48 USB-Interface-Signale, 64x 64 Signale über die X-WING SD-Karten-Recorder, weitere 64x 64 Kanäle über einen internen Karten-Slots und 32x StageCONNECT-Kanäle.

Stage…was? StageCONNECT

… ist eine neue Möglichkeit, digitale Kanäle über ein Standard-XLR-Kabel zu übertragen. Richtig gelesen! Die Idee dahinter ist das einfache zur Verfügungstellen weiterer Ein- und Ausgänge über StageCONCET-Boxen, die sich zum Beispiel als Ersatz für analoge Subsnakes anbieten. Oder für die unaufwändige Verkabelung von In-Ear-Racks, alles über ein XLR-Kabel.

Maximale Länge sind 20 Meter, mit einen DMX-Kabel sollen sogar 40-45 Meter möglich sein. Man erkennt, dass die Verwaltung von Ein- und Ausgängen an der WING dezentral angelegt ist. Daher auch die große Anzahl an AES50-, AOIP- und StageCONNECT-Verbindungen.

Für den ganz kleinen Job oder für Zuspieler und Talkback-Mikrofone befinden sich auch noch Reihe an lokalen Ein- und Ausgängen an der Konsole. Verbaut sind acht Midas Pro Mic/Line Preamps, acht XLR-Ausgänge und acht Aux-In/Outs über Klinke.

Dazu gesellen sich ein AES/EBU-Ein- und Ausgang, zwei Kopfhöreranschlüsse, MIDI In/Out, zwei Fußschalteranschlüsse, Lampenanschluss und ein USB-Port auf der Surface-Oberseite. USB-Port war in dem Demopult noch nicht unterstützt. Was aber bereits funktioniert, ist das Laden von Tablets und Smartphones über die USB-Buchse, was ich mit einem iPhone X getestet habe.

Processing

Schaut man sich die FoH-Plätze bei großen Events an, kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass heutzutage ohne Plugin-Unterstützung nichts mehr geht. Die WING-Konsole reagiert darauf mit einem massiven Angebot an Effekten und Emulationen bekannter Hardware-Klassiker. Dabei gilt es zu unterscheiden. Das Pult verfügt über ein Effekt-Rack mit 16 Stereo-Slots. Hier finden wir unter anderem einen TC VSS3 Hall neben Lexicon-, Quantec- und EMT-Emulationen. Darüber hinaus notiere ich viele Delay- und Modulationseffekte, so wie echte Spezialisten wie Gitarrenamp-Simulationen, einen Sansamp und einen Vocal-Rider. Sogar ein chromatisch arbeitendes Autotune ist vorhanden.

Damit nicht genug. Jeder Kanal verfügt über zwei Insert-Slots, an dem Effekte aus dem FX-Rack insertiert werden können. Darüber hinaus lassen die WING-Gates, Kompressoren und EQs durch Alternativen ersetzten, ohne dass man dazu das FX-Rack bemühen muss. Sehr stark! Die Auswahl ist enorm, um nur einige Emulationen zu nennen:

Pultec EQ, SSL Buscompressor, SPL TD, Neve EQ, Gae, Kompressor, Focusrite ISA und D3, dbx 160, LA-2A, 1176, Elysia mPressor, Empirical Labs Distressor. Apropos Kanalzug. Jeder Kanal der WING verfügt über einen Sechsband-EQ plus High & LowCut + Tilt EQ und einen zusätzlichen Dreiband-EQ, der sich auf alle Prefader-Monitorwege legen lässt.

Damit lässt sich ein Signal für den Monitorweg unabhängig vom FoH-Sound bearbeiten. Die WING-Konsole ist gespickt mit kleinen Goodies, wie eine 16-kanalige Automix-Funktion oder einer variable einstellbaren RTA-Anzeige in den EQs.

Wie das Ganze klingt, werden wir in einem nachfolgenden Test genauer betrachten. Der Papierform nach darf man einen erstklassigen Sound erwarten. Die Dynamic-Range ist angegeben mit 111dB, THD+N liegt bei 0,004 %, während die Latenz zwischen einen lokalen Eingang und einem lokalen Ausgang bei gerade mal einer Millisekunde liegt.

Das Pult arbeitet mit einer Samplerate von 44,1 oder 48 kHz. Ein Wechsel zu 96 kHz hätte bedeutet, dass man keine X32/M32 Stagebox hätte nutzen können. Daher ein verständlicher Schritt. Stageboxen Nachhaltigkeit ist genauso positiv zu bewerten wie die Tatsache, dass man ein WING in einem Case für ein X32 Fullsize unterbekommt und nur das Schaumstoff-Inlett etwas anpassen müsste. 

Wann & wie viel?

Die harten Fakten lauten wie folgt. Das Pult ist bereits vorbestellbar und soll im Januar lieferbar sein. Der Preis dürfte angesichts der Leistung überraschen. Der Endkunde erhält die Konsole für ein Investment von knapp 3000 Euro. Das ist mal eine Ansage! Die Garantiezeit beträgt zudem drei Jahre.

Was noch zu tun ist

An dem Demopult waren noch nicht alle Funktion implementiert. Zudem hat Behringer noch eine Reihe an Optionskarten in Aussicht gestellt. Dabei werden die ADAT- und MADI-Optionskarten in den Slot des WING SD-Recorders wandern, während die DANTE als auch die Waves Soundgrid-Karte nur an einen im Pult befindlichen Slot andocken können. Wie da die Praxis des Einbaus aussehen wird, muss sich noch zeigen.

Auf den ersten Blick ist die WING ein fantastisches Angebot, das neue Maßstäbe in puncto Preis-Leistung setzten dürfte. Genauer kann man das wohl erst nach dem offiziellen Verkaufsstart sagen, wenn alle Funktionen implementiert sind und es auch mehr Informationen über Remote-Apps und Offline-Editoren geben wird, die bis dato noch nicht zur Verfügung stehen. Man darf gespannt sein. Die Hardware hinterlässt jedenfalls einen durchweg positiven Eindruck! Kaum Plastik, viel Metall – nichts wirkt billig oder klapprig. Die WING hat das Zeug, einen Höhenflug hinzulegen. Eine kapitale Bruchlandung, auch in diesem frühen Stadium, ist für den Autor jedenfalls jetzt schon ausgeschlossen. Guten Flug! 

Das Gerät kann bei Thomann ab sofort vorbestellt werden. Finaler Test folgt.

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