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Workshop
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14.08.2018

10 Orgelsounds die man kennen muss

Drawbar-Settings von Jimmy Smith bis Larry Goldings

Die wichtigsten Orgel-Registrierungen für Hammond, Clones und Synthesizer/Workstations

In diesem Workshop widmen wir uns einem ganz besonderen Thema: Den verschiedenen Registrierungsmöglichkeiten einer Hammond-Orgel und den damit verbundenen, facettenreichen Klängen. Ganz bewusst verzichten wir hier weitestgehend auf weitere Einstellmöglichkeiten wie z. B. den Chorus/Vibrato-Effekt und die Percussion. Dieser Workshop beleuchtet hauptsächlich die unterschiedlichen Klangfarben, die durch die Verwendung der wichtigsten Bedienelemente der Hammond-Orgel, den Zugriegeln, entstehen.

Die Zugriegel, oder englisch "Drawbars" genannt, erlauben kombinierbare und dabei immer frei veränderbare Klangbilder, die auf dem Prinzip der additiven Synthese, bzw. Klangformung basieren.

Hier zeigen wir euch 10 populäre Registrierungen, die sich im Laufe der Zeit als wahre Dauerbrenner herauskristallisiert haben.

Details

Überblick

Seit ihrer Erfindung durch Laurens Hammond im Jahr 1934, ist die Hammond-Orgel fester Bestandteil einiger sehr unterschiedlicher Musikstile geworden und so haben viele heute hochrangige Bands und Musiker, wie z. B. The Beatles, Deep Purple, Emerson Lake & Palmer, Al Green, Aretha Franklin, Bob Marley, und viele andere, die Hammond Orgel in ihre Musik integriert. Das Schöne daran: Jeder Interpret klingt anders, und das liegt natürlich nicht nur an der Spielweise, sondern auch sehr stark an den individuellen Zugriegel-Einstellungen der Künstler. 

Selbstverständlich richtet sich dieser Workshop nicht nur an die stolzen Besitzer echter Hammond-Orgeln, sondern ebenso an alle anderen, die sogenannte Hammond Clones einsetzen, deren spezielle Technologie heute auch in diversen Stagekeyboards, Workstations und Synthesizern zu finden sind. Viele bekannte Keyboards, darunter z. B. die Instrumente der Clavia Nord Stage- sowie Nord Electro-Serie, die Roland Combo Organ VR-730, und die Synthesizer/Workstations Korg Kronos und Yamaha Montage bieten eine virtuelle Orgel.

Daneben gibt es natürlich auch unzählige reinrassige Orgel-Clones, zu denen z. B. die Crumar Mojo, die Viscount Legend, die Korg CX-3, die Nord C2D, die Studiologic Numa Organ 2 sowie die Modelle der Hammond SK- und XK-Serie gehören. Auch Software-Hersteller bieten tolle Software-Emulationen der echten Hammond Orgel - der jüngste Vertreter in dieser Sparte ist wohl die B5 von Acoustic Samples, als Klassiker gilt hier die B4 von Native Instruments. Für unseren Workshop ist es grundsätzlich egal, in welcher Form die Orgel vorliegt - dank der einheitlichen Funktionsweise kommt hier jeder auf seine Kosten! 

Funktionsweise der Zugriegel

Wie funktionieren die Zugriegel einer Hammond-Orgel?

Spätestens seit der Erfindung der Orgel-Clones erfreut sich die Hammond Orgel wieder einer enormen Beliebtheit. Die Funktionsweise der Zugriegel oder Drawbars, ist dabei zum Glück immer gleich: Drückt man eine Taste, dann werden zugleich neun Sinustöne in unterschiedlichen Lagen erzeugt. In der echten Hammond Orgel arbeitet ein elektromagnetischer Tongenerator, der mit Hilfe von Tonrädern bzw. Tonewheels die verwendete Schwingungsform produziert. 

Über die Zugriegel können diese neun Töne dann individuell in ihrer Lautstärke gemischt werden. Je nach Kombination variiert der Sound von dumpfen, flötenartigen Tönen bis hin zu hellen und obertonreichen Klängen. Unten findet Ihr ein kurzes Diagramm, das die Intervalle der verschiedenen Zugriegel z. B. anhand des mittleren „C“ auf der Tastatur der Orgel erklärt. 

Der Grundton - d. h. der zur gespielten Taste gehörende Ton - wird über den 8‘-Zugriegel (8 Fuß-Zugriegel) bedient. Dieser Zugriegel ist der Dritte von links. Die Fuß-Bezeichnung stammt übrigens von der Kirchenorgel ab, denn hier gehörte zu den Registern immer entsprechende Pfeifen, die in ihrer Länge in Fuß angegeben wurden (1 Fuß = 30 cm).

Gelegentlich wird der ganz linke (braune) Zugriegel auch als Grundton bezeichnet, genau genommen bildet er aber die Suboktave, d. h. er liegt genau eine Oktave unterhalb des Grundtons. Der zweite Zugriegel (5 1/3´) regelt die Quinte über dem Grundton, was etwas irreführend ist, da er damit streng genommen rechts und nicht links neben dem Grundton liegen müsste. Lassen wir uns hier aber nicht verwirren - anschließend geht es nämlich konsequent weiter: Die Zugriegel rechts neben dem 8´-Regler orientieren sich an der Naturtonreihe, also den Obertönen, wie wir sie bei akustischen Instrumenten finden. Sie regeln die Lautstärke der Sinustöne, die sich in folgendem Verhältnis zum Grundton befinden: Oktave, Oktave + Quinte, Zwei Oktaven, Zwei Oktaven + Terz, Zwei Oktaven + Quinte und abschließend drei Oktaven über dem Grundton. Zur besseren Orientierung kann man sich merken, dass der Grundton sowie alle reinen Oktaven über die weißen Zugriegel bedient werden.   

Das mag zunächst viel Information auf einmal sein, deshalb merken wir uns zunächst: Bei den Zugriegel-Kombinationen entstehen Klänge, die sich aus bis zu neun unterschiedlich hohen Sinusklängen zusammensetzen, schlussendlich aber auf den Hörer wie ein einzelner Klang wirken!

Registrierungen

Wieviele Zugriegel-Einstellungen sind möglich?

Jeder Zugriegel lässt sich individuell in neun Stufen regeln, wobei er in der obersten Position (0) stumm ist. Daraus lassen sich rechnerisch 9 hoch 9 minus 1 = 387.420.488 unterschiedliche Klangkombinationen erstellen ("minus 1", da die Nullstellung aller Zugriegel keine klingende Kombination ergibt). 

Innerhalb der millionenfachen Möglichkeiten, gibt es jedoch ein paar, die sich bis zum heutigen Tag durchgesetzt haben. Je nach musikalischem Kontext lassen sich diese Registrierungen natürlich immer weiter flexibel anpassen. Als Begleitung für eine Ballade beispielsweise eignet sich eine dezente Registrierung, die weitestgehend ohne Obertöne auskommt: Hier bietet sich eine Kombination aus Grundton und Oktave an, also dem 8´ und 4´ Register. Im Gegensatz dazu können die oberen vier Zugriegel sehr hilfreich sein, um sich gegen eine laute Band durchzusetzen. In den folgenden Beispielen zeige ich euch zehn Zugriegel-Kombinationen, die fast alle in die Musikgeschichte eingegangen sind und obendrein zu meinen Lieblings-Registrierungen gehören. 

Kleiner Tipp:  Um sich Registrierungen besser zu merken, kann man die Zugriegel-Positionen mit einfachen Zahlenfolge angeben. Sind alle Zugriegel vollständig herausgezogen, dann lautet diese Registrierung beispielsweise 888888888.

Jetzt aber genug der vielen Worte - los geht’s!

Sound No. 1: Der Rock-Klassiker
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Bei unserer ersten Registrierung handelt es sich um die bekannteste und vielseitigste Registrierung überhaupt. Durch die Kombination der vier ausgefahrenen Zugriegel entsteht ein äußerst dichter und fetter Klang. Gerade im Bereich der Rockmusik ist diese Registrierung ein absolutes Muss - für die meisten Rock-Organisten ist das jedenfalls der Basis-Sound. Je nach „Biss“ empfiehlt es sich auch den obersten Zugriegel ein wenig herauszuziehen, denn dadurch wird der Klang noch etwas heller und „glänzt“ sprichwörtlich ein bisschen - so hat es beispielsweise auch John Lord bei Deep Purple gemacht.

Audiobeispiel

Video: Jon Lord Hammond Solos

 

Sound No. 2: Jimmy Smith‘s Jazz-Orgel
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Unser „Rock-Preset“ lässt sich ganz einfach in eine typische Jazz-Orgel Registrierung verwandeln. Schiebt man das 4´ Register ganz zurück, dann entsteht ein Sound, wie er ganz häufig auf dem oberen Manual vieler Jazz-Organisten zu finden ist. Jimmy Smith ist wohl der prominenteste Benutzer dieser Registrierung - und zwar in Kombination mit der Third Percussion (soft und fast). Der Jimmy Smith Sound eignet sich sowohl für Akkorde als auch für Soli und bietet in den oberen Oktaven einen sehr angenehmen Klang.

Audiobeispiel

Video: Jimmy Smith spielt Midnight Special auf Hammond B-3

 

Sound No. 3: Der "Flutes"-Sound
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Ganz im Kontrast zum vorherigen Beispiel steht diese recht sparsame Registrierung. Hierfürverwenden wir nur den Grundton, d. h. das 8´ Register. Der pure Klang eines einzelnen Registers erinnert sehr an den Klang einer Flöte, weshalb man dieser Registrierung auch gerne „Flute“ nennt. Besonders gut eignet sich der Flöten-Sound für eine sparsame Begleitung oder dezente Orgelfills. Natürlich kann man auch hier klanglich variieren, in dem man z. B. das 4´ Register sparsam hinzuzieht.

Audiobeispiel

Sound No. 4: Ray Charles Style
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Jeder kennt Ray Charles, vor allem wegen seiner großartigen Stimme und seines unverkennbaren Rhodes- und Pianospiels. Daneben hat er aber auch einen ganz eigenen Sound an der Orgel gehabt - die hier genannte Registrierung ist ein Beispiel für seinen kreativen Sound.

Audiobeispiel

Sound No. 5: Klassiker im unteren Manual 
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Da die meisten Orgeln mit zwei Manualen ausgestattet sind, ergibt sich natürlich auch die Frage, welche Registrierung man pro Manual benutzt. Viele Organisten benutzen für das untere Manual eine Registrierung, die etwas sparsamer ist und sich beispielsweise für eine Begleitung eignet. Oftmals sieht man diese Registrierung mit voll herausgezogenem 16´und 8´ Register. Wer also über zwei Manuale verfügt, der kann diese Registrierung gerne mit anderen Registrierungen auf dem oberen Manual kombinieren.

Audiobeispiel

Sound No. 6: Das Gospel Intro
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Gerade in der Gospel Music ist die Hammond-Orgel das zentrale Instrument. Ob als Begleitung in einem Gottesdienst oder als begleitendes Instrument in einer Band: Auch hier gibt es ganz spezielle Registrierungen, die sofort an typische Gospel-Songs erinnern. Für ein typisches Gospel-Intro eignet sich z. B. diese Registrierung, die sich lediglich der extremen Lagen 16´ und 1´ bedient. 

Audiobeispiel

Sound No. 7: Jeff Babko Style
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Jeff Babko gilt als einer der vielseitigen Pop- und Jazzmusiker und ist in der Musikszene der US-amerikanischen Metropole in Los Angeles ein gefragter Mann. Auf vielen CDs bekannter Popkünstler kann man seinen Hammond-Sound heraushören. Ganz besonders präsent ist seine typische Registrierung, bestehend aus den 16´ und 5 1/3´, auf Jason Mraz’ Album „Love Is A Four Letter Word“ zu hören. In dem nachfolgenden Video kann man Jeff Babko sogar bei einer Studio-Session zuschauen - auch mit dem erwähnten Orgel-Sound.

Audiobeispiel

Video: Jeff Babko - Session at Studio City Sound

 

Sound No. 8: Balladen-Begleitung
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Bei dieser Einstellung handelt es sich um eine bevorzugte Registrierung für die Begleitung einer Balladen-Stilistik im Bandkontext. Diese Einstellung verwende ich selbst sehr gerne. Klanglich ähnelt sie unserem Flöten-Sound, allerdings hat sie durch das Hinzufügen des 2 2/3´ Registers ein deutlich interessanteres Obertonverhalten und etwas mehr Charakter. Wie weit man den vierten und fünften Zugriegel herauszieht ist übrigens Geschmackssache. Für noch etwas mehr Brillanz empfiehlt sich auch der siebte Zugriegel (1 3/5´) - zieht man ihn nur ganz leicht heraus, dann verleiht er dem Sound noch etwas zusätzlichen Charakter.

Audiobeispiel

Sound No. 9: Errol Garner Style
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Errol Garner hat als Pianist und Organist nicht nur wegen seiner Kompositionen und humorvollen Einlagen die Musikwelt geprägt: Auf der Hammond-Orgel war er für eine ganz prägnante Spieltechnik und eine zugehörige Registrierung bekannt. In Fachkreisen streitet man sich sogar, ob nicht sogar Jimmy Smith der Erfinder dieser Spielart sei. Jedenfalls verwendete Errol Garner neben dem tiefen 16´ Register ausschließlich die oberen vier Register. Das Ergebnis ist ein ungewöhnlicher Sound: Zum einen erklingen viele Obertöne und der Sound erhält dadurch einen sehr strahlenden Klang, zum anderen aber besitzt er nur ein sehr „schmales“ Bass-Fundament. Mit der Leslie-Geschwindigkeit „Fast“ kommt diese Registrierung besonders gut zur Geltung.

Audiobeispiel

Video: Atsuko Hashimoto spielt im Errol Garner Style

 

Sound No. 10: Reggae Style
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Spätestens seit Bob Marley gehört die Hammond-Orgel unweigerlich auch zum Reggae. Bei „No Woman No Cry“ hört man beispielsweise die hier genannte Registrierung, welche je nach Situation angepasst werden kann. In den Strophen darf es ruhig etwas zurückhaltender sein, und aus diesem Grund kann man das 1´ Register stark zurückschieben. Im Intro sowie im Refrain darf es dann gerne auch ganz herausgezogen werden. Auch für einen Reggae-Groove mit 8tel und 16tel Noten eignet sich diese Registrierung sehr gut, denn der Sound verzahnt sich prima mit einer Elektrogitarre und besitzt dennoch einen Obertongehalt, der sich im Gesamtgefüge gut durchsetzt.

Audiobeispiel

Video: Bob Marley "No Women no Cry"

Bei den in diesem Workshop erwähnten Zugriegelregistrierungen, handelt es sich natürlich nur um eine winzige Auswahl aus den unzähligen Möglichkeiten, welche die neun Zugriegel für eine kreative Gestaltung des Hammond-Orgel Sounds bieten. Abschließend habe ich einige der genannten Registrierungen einmal in dem folgenden Video zusammengefasst.

Video: Die bekanntesten Zugriegel-Settings der Hammond-Orgel

Die wichtigsten Registrierungen der Hammond-Orgel, gespielt mit der virtuellen Orgel des Clavia Nord Stage 3. (Video: Christian Frentzen)

Fazit

In diesem Sinne sind alle Leser herzlich eingeladen, die verschiedenen Registrierungen auszuprobieren und nach Lust und Laune zu bearbeiten. Schon kleine Änderungen bringen hier ganz neue Ergebnisse. Immerhin ist dieses „Überraschungsmoment“ mitunter der Grund, warum die Orgel so viele Musiker inspiriert. Der Geschmack und die Ohren des Spielers sind hier herausgefordert! Jetzt wünsche euch viel Spaß bei der Suche nach euren Lieblings-Registrierungen! 

Weiterführende Informationen zu diesem Workshop gibt es hier:

 

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