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Vinyl-Krise

Der Vinyl-Boom wurde bis vor ein paar Jahren als kurzfristiges Phänomen oder reine Liebhaberei kleinerer Marktnischen abgetan, mittlerweile ist jedoch klar: Der kultige Tonträger gewinnt beständig an Popularität und hat es längst wieder in den Mainstream geschafft. Laut einer Grafik in der FAZ vom September 21 beträgt der Vinylanteil mittlerweile schon 19,3% an allen physischen Tonträgerverkäufen.

(Bild © Shutterstock / Delpixel)
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Doch genau dieser Boom hat sich jedoch leider vom Segen zum Fluch entwickelt. Die meisten Presswerke nehmen kaum mehr Aufträge von neuen Kunden entgegen. Labels und Künstler/innen müssen nicht nur besonders lange Wartezeiten von mindestens einem halbem Jahr in Kauf nehmen, sondern ihr Produkt zu deutlich teureren Preisen abgeben. Aber, wie kam es dazu? Und welche Folgen hat das?

Rohstoffknappheit

Einer der Hauptgründe für die folgenschweren Lieferengpässe ist die weltweite Knappheit der zur Schallplattenproduktion notwendigen Rohstoffe – worunter auch andere Kunststoffhersteller zu kämpfen haben. Doch nicht nur das Material für die Schallplatte an sich, sondern auch die notwendigen Verpackungsmaterialien werden knapp. Presswerke können also allein deshalb nur eine begrenzte Menge an Aufträgen annehmen, weil sie selbst nicht einmal zuverlässig mit den notwendigen Materialien versorgt werden, geschweige denn eine zuverlässige Auskunft über den Zeitpunkt der Fertigstellung geben können.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot

Die Nachfrage nach Schallplatten ist so massiv gestiegen, dass die Anbieter kaum hinterherkommen. Viele Presswerke sind keine riesigen Konzerne mit endlosen finanziellen Rücklagen, die es sich leisten können, in die Erweiterung ihrer Produktionskapazitäten zu investieren. Dazu benötigt man nämlich nicht nur mehr Fläche und neue Maschinen, sondern auch aufwendige Kühlaggregate und zusätzliches Personal – für kleine bis mittelständische Unternehmen ein riskantes und logistisch aufwendiges Unterfangen.

Major-Labels drängen auf den Markt

Auch die großen Plattenfirmen werden ihrem Namen wieder gerechter und verkaufen wieder mehr Platten und geben dementsprechend auch wieder deutlich höhere Auflagen in Auftrag. Zu beachten gilt hierbei auch, dass gerade große Labels nicht nur neue Veröffentlichungen, sondern alle Neuauflagen älterer Klassiker im Programm haben. Da eine größere Auflage derselben Schallplatte für ein Presswerk deutlich weniger Arbeit bedeutet als die Einrichtung verschiedener Alben, die zusammengenommen auf dieselbe Anzahl kommen, werden solche Aufträge aus ökonomischen Gründen bevorzugt. Somit werden Indie-Labels langsam aus einem Marktsegment verdrängt, das für sie einen großen Anteil ihrer Umsätze ausmacht und für das sich die großen Player erst seit kurzem wieder interessieren – auch wenn viele der Presswerke ihren „kleineren“ Kunden weiterhin sichere Kontingente an Pressungen pro Quartal oder Jahr zusichern und so weiter Stabilität bieten. Trotzdem: die Luft wird dünner.

Coloured Vinyl – der Teufel trägt den Namen Special Edition

Mittlerweile ist es vor allem in Liebhaberkreisen gang und gäbe, dass LPs nicht mehr einfach in Schwarz angeboten werden, sondern in zahlreichen Varianten. Farbig, transparent, in Marbled- oder Splatter-Optik, je abgefahrener desto besser. Das Problem dabei ist, dass solche Pressungen logischerweise aufwendiger und teurer sind als die traditionelle schwarze LP. Damit haben Indie-Labels ein zusätzliches Päckchen zu tragen, da es nicht nur schwieriger wird ein Presswerk mit freien Kapazitäten zu finden, sondern auch der Preis steigt.

Kunden, Künstler/innen und Indies sind die Leidtragenden

Am Ende läuft die Krise auf zwei wesentliche Probleme hinaus: Alben brauchen länger von der Fertigstellung bis zum Release, damit verschiebt und erschwert sich auch die Planung von Touren und Werbekampagnen – sofern es überhaupt planbar ist. Das erschwert letztendlich nicht nur den Labels, sondern auch und vor allem den betreffenden Künstler/innen die Planung und die wirtschaftliche Umsetzung ihres Tuns. Die zweite wesentliche Konsequenz: In einer Zeit, in der Künstler/innen ohnehin mehr denn je von Tonträger- und Merchandise-Verkäufen abhängig sind, werden LPs deutlich teurer und damit wohl auch für einige Kund/innen weniger attraktiv.
Doch was kann man dagegen unternehmen? Viel ist es nicht. Daumen drücken, dass die Lieferketten wieder stabil werden und seine liebsten Künstler/innen und Labels mit dem Kauf von Merchandise-Artikeln und Tonträgern unterstützen. Oder ein paar Millionen in die Hand nehmen und ein Presswerk aufmachen!

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von Leon Kaack

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