Als AC/DC 1976 mit „High Voltage“ ihr internationales Debüt feierten, ahnte niemand, dass diese raue Mischung aus Blues und Hardrock den Grundstein für eine der größten Rockbands aller Zeiten legen würde. Obwohl das Album bei seinem Erscheinen von einigen Kritikern noch spöttisch abgetan wurde, verkaufte es sich allein in den USA über drei Millionen Mal. Heute gilt „High Voltage“ als unverzichtbarer Klassiker des Hardrock. Zum 50. Jubiläum dieses richtungsweisenden Werks lohnt es sich daher besonders, die Hintergründe und Entstehungsumstände zu beleuchten.

High Voltage und T.N.T.
Spricht man über das 1976 veröffentlichte High Voltage, muss man eigentlich zwei zuvor erschienene Alben mitdenken. Die international bekannte Fassung ist nämlich eine Mischung aus zwei australischen Veröffentlichungen. Bereits 1975 erschien in Australien ein Album gleichen Namens, allerdings mit einer anderen Tracklist – darunter „Soul Stripper“, „Stick Around“, „Show Business“ und eine der wenigen echten AC/DC-Balladen „Love Song“. Für die internationale Ausgabe von 1976 entschieden die Produzenten Harry Vanda und George Young, die stärksten Songs dieses Debüts mit Material des australischen Nachfolgealbums T.N.T. zusammenzuführen. So entstand jene Version von „High Voltage“, die AC/DC weltweit bekannt machte.
Die Entstehung von AC/DC
Im November 1973 gründeten die Gitarristen Malcolm und Angus Young AC/DC und stellten zunächst den Bassisten Larry Van Kriedt, den Sänger Dave Evans und den Schlagzeuger Colin Burgess ein. Die Young-Brüder merkten jedoch bald, dass Evans als Frontmann nicht wirklich passte, da er ihnen zu sehr wie ein Glam-Rocker à la Gary Glitter rüberkam. Mit ihm nahm die Band lediglich die Single „Can I Sit Next to You Girl“ mit der B-Seite „Rockin’ in the Parlour“ auf. Im September 1974 übernahm schließlich Ronald Belford „Bon“ Scott den Gesang, ein erfahrener Sänger, der bereits bei den Valentines, The Spektors und Fraternity seine Sporen verdiente. Wie die Young-Brüder war Bon in Schottland geboren und als Kind nach Australien ausgewandert.
Die Aufnahmen zu den australischen „High Voltage“- und „T.N.T.“-Alben
Die australische Originalfassung von „High Voltage“ entstand 1974 unter der Regie von Harry Vanda und George Young im Albert Studio in Sydney. Beide hatten zuvor bei den Easybeats mitgewirkt und konnten auf internationale Erfolge wie „Friday on My Mind“ zurückblicken. Während der Sessions im November 1974 befand sich AC/DC noch in einer frühen Besetzung mit Rob Bailey am Bass und Peter Clack am Schlagzeug. Verschiedenen Quellen zufolge teilten sich jedoch George Young, Malcolm Young und Bailey die Bassaufnahmen, während Tony Currenti den Großteil der Drumtracks einspielte. Schon diese Produktion zeigt in Grundzügen den typischen AC/DC-Ansatz: ein roher, unmittelbarer Sound mit starkem Live-Charakter, frei von unnötigen Effekten und Overdubs.

Tony Currenti war 1974 der Studio-Drummer beim ersten Album von AC/DC. Im bonedo-Interview spricht er über die Sessions in den Albert Studios, seine Rolle beim frühen Band-Sound – und warum er das Angebot ablehnte, fest einzusteigen.
Angus Young erinnerte später, dass die Band bewusst eine härtere Gangart einschlug, um sich vom zunehmend „mellow“ wirkenden Sound der 70er-Jahre abzusetzen. Zudem wurde das Album in nur rund zehn Tagen zwischen Live-Auftritten aufgenommen. Kompositorisch weist „High Voltage“ noch glamrockige Einflüsse und stilistische Experimente auf, doch der Kern des späteren, riffbasierten AC/DC-Sounds ist bereits klar zu erkennen.
Die erste Single, das Big-Joe-Williams-Cover „Baby, Please Don’t Go“, wurde sofort ein Erfolg. Nach diesem Durchbruch kehrte die Band ins Albert Studio zurück, um ihre zweite LP „T.N.T.“ einzuspielen. Damit schlug AC/DC eine deutlich definiertere Richtung ein und präsentierte den bis heute charakteristischen Stil: kompromisslosen, rhythmusbetonten Rock’n’Roll mit klaren Rhythm-and-Blues-Wurzeln. Gleichzeitig formierte sich die Besetzung, die die Band in den folgenden Jahren prägen sollte: Angus an der Leadgitarre, Malcolm an der Rhythmusgitarre, Bon Scott als Sänger, Phil Rudd am Schlagzeug und Mark Evans, der bis 1977 den Bass übernahm.
Die Entstehung der internationalen High-Voltage-Veröffentlichung
Im Dezember 1975 schloss Atlantic Records einen weltweiten Plattenvertrag mit AC/DC. Ausschlaggebend dafür war der große Erfolg, den die Band in Australien bereits erzielt hatte. Beide bisherigen Alben waren dort Hits, und die Single „It’s a Long Way to the Top“ hatte es sogar in die Top 5 geschafft. Direkt nach der Vertragsunterzeichnung begannen die Planungen für die erste England-Tournee im Jahr 1976. Um AC/DC einen starken internationalen Einstand zu ermöglichen, entschied man sich, die ausschließlich in Australien veröffentlichten Alben High Voltage (1975) und T.N.T. (1975) zu einem neuen, weltweit erscheinenden Album mit dem Titel „High Voltage“ zusammenzuführen.
Die Zutaten des High-Voltage-Sounds
„High Voltage“ lebt vom einfachen, bluesbeeinflussten und dennoch genialen Songwriting von Angus und Malcolm Young, das von Bon Scotts Charme und Energie getragen wird. Bons Texte strotzen vor zweideutigen Formulierungen, rauem Humor und frechen Anspielungen, besonders hörbar in Stücken wie „The Jack“, „She’s Got Balls“ und „Little Lover“. Der Titeltrack „High Voltage“ funktioniert als programmatische Selbstvorstellung der Band und umschreibt im Refrain mit den Akkorden A, C und D den Bandnamen. Der Song „T.N.T.“ wiederum basiert auf einem minimalistisch gehaltenen E-, A- und D-Riff, während der markante „Oiy!“-Ruf sofort zum Wiedererkennungsmerkmal der Band wurde.
Die größte Überraschung des Albums bietet vermutlich „It’s a Long Way to the Top (If You Wanna Rock ’n’ Roll)“. Produzent George Young erinnerte sich daran, dass Bon Scott früher in einer Dudelsackband mitspielte, und schlug vor, das Instrument im Song einzusetzen. Bald wurde jedoch klar, dass Scott das Instrument kaum beherrschte, da er in besagter Band eigentlich Schlagzeug gespielt hatte. Trotzdem brachte er sein Dudelsackspiel auf ein passables Level und konnte den Part schließlich im Studio wie auch live überzeugend umsetzen.
Fazit
„High Voltage“ ist weit mehr als nur ein Debütalbum, sondern bildet die Vorlage für alles, was AC/DC in den folgenden fünf Jahrzehnten prägen sollte: drei Akkorde, eine unerbittlich treibende Rhythmussektion und ein Sänger mit enormer Präsenz. Der historische Beitrag der Platte liegt vor allem darin, musikalischen Minimalismus als bewusste Stärke zu etablieren. Während viele Bands der Zeit auf komplexe Songstrukturen setzten, vertraute High Voltage konsequent auf Groove, Rhythmus und Attitüde.
Zwar wurde das Album anfangs von Kritikern wegen seiner vermeintlichen Simplizität unterschätzt, doch ebnete es AC/DC den Weg zum internationalen Durchbruch. Seine rohe, rudimentäre und bluesbasierte Energie wirkte zudem als wichtiges Bindeglied zwischen dem Hardrock der 70er-Jahre und dem aufkommenden Punk und Metal, indem es bewies, dass musikalische Kraft nicht von Komplexität abhängt. Noch heute klingt diese Mischung nach der reinsten Form ehrlichen Rock ‘n’ Rolls und ist das Manifest einer Band, die sich auch 50 Jahre später noch weigert, Kompromisse einzugehen.
























