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Test
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22.08.2014

Waldorf Streichfett Test

Desktop String Synthesizer

Fettuccine!

Der Waldorf Streichfett Desktop String Synthesizer ist frisch aus der Fabrik in der bonedo-Testredaktion eingetroffen. Streichfett? Was war das noch ...? Ein Überbegriff für Butter und Margarine. Ob die Entwickler bei Waldorf wohl gerne Kreuzworträtsel lösen? Wie auch immer – Applaus für einen ungewöhnlichen und coolen Namen für einen String Synthesizer!

String Machines, String Synthesizer oder zu deutsch Streicherkeyboards sind Vintage-Instrumente, die Mitte der 70er-Jahre aufkamen und einen synthetischen Klang erzeugten, der an Streicher-Ensembles erinnert. Technisch gesehen beruhen sie auf einer ähnlichen Klangerzeugung wie die elektronischen Orgeln dieser Zeit. Das Solina String Ensemble, der Crumar Performer und der Hohner String Melody sind bekannte Vertreter ihrer Gattung. Beispiele gefällig? Das Intro von Pink Floyds „Shine On You Crazy Diamond“, die Alben „Oxygène“ und „Equinoxe“ von Jean Michel Jarre oder der Soundtrack von Francis Lai zum Film „Bilitis“, einem kitschigen Softporno. Aber auch heute werden String Machines von aktuellen Bands wie zum Beispiel Air eingesetzt. Waldorf holt diesen nun gut 40 Jahre alten Sound mit dem Streichfett in die Gegenwart zurück. 

Details

Gehäuse und Anschlüsse

Das quadratische Gehäuse im Schreibtisch-tauglichen Format besteht – wie auch bei den äußerlich sehr ähnlichen Waldorf Geschwistern Rocket und 2-pole – aus schwarzem Kunststoff und einer schwarzen metallenen Deckplatte. Hierauf sind zehn Potis, sechs Kippschalter und fünf beleuchtete Druckknöpfe angebracht, ergänzt von aufgedruckten Bezeichnungen in weiß und rosa. Die Potis haben etwas elastisches Spiel zu den Seiten, fühlen sich aber stabil an und weisen einen leichten, angenehmen Widerstand auf. Die Kippschalter wirken solide, die Druckknöpfe wackeln etwas in ihren Verankerungen, aber nicht beunruhigend. Insgesamt ist der haptische Eindruck sehr ordentlich.

Praktisch ist auch, dass die Bezeichnungen für die rückseitigen Anschlüsse oben auf die Deckplatte gedruckt sind. So erspart man sich beim Verkabeln das Kopfverdrehen. Der Streichfett verfügt über einen Kopfhörerausgang als Stereo-Miniklinkenbuchse, zwei Klinkenbuchsen für den Stereoausgang (Stereo- und Monobetrieb sind möglich), einen USB-Anschluss sowie MIDI In und Out. Der USB-Anschluss kann für Betriebssystem-Updates und zur Übermittlung von MIDI-Daten genutzt werden und fungiert außerdem als Stromversorgung. Einen anderen Poweranschluss gibt es beim Streichfett nicht. Will man Streichfett ohne Rechner nutzen, greift man auf das mitgelieferte USB-Netzteil zurück. Die Systemvoraussetzungen in Bezug auf die USB-Schnittstelle sind Windows XP, Linux PC, Mac OS X 10.6 (Intel) oder höher. Das kleine Updater-Programm, das man sich bei Waldorf herunterladen kann, erfordert allerdings Mac OS X 10.9.

Klangerzeugung

Die Klangerzeugung wird mit digitalen Frequenzteilern und weiteren rein digitalen Bausteinen realisiert, so sagte man mir seitens Waldorf. Das Syntheseprinzip, das in den String Machines der 70er-Jahre Anwendung fand, wird also virtuell nachgebildet. 

Die Klänge sind unterteilt in zwei Sektionen: Strings und Solo. Eine Aufteilung, die man auch bei den „Urvätern“ oft vorfand. Die links platzierte Abteilung „Strings“ bietet eine Polyphonie von bis zu 128 Stimmen und die Wahl zwischen zwei Oktavlagen. In der Mittelstellung des Oktavlagenschalters erklingen die hohe und die tiefe Lage gemeinsam. Mit dem Poti Registration stellt man den Streicherklang ein. Im Angebot sind Violin, Viola, Cello, Brass, Organ und Choir. Auch Mischformen der benachbarten Klänge sind leicht gemacht, da man mit dem Registration-Poti stufenlos durch die verschiedenen Instrumentenklänge gleitet. Die zweite Hälfte des Regelwegs bietet weitere Klänge, die man unter „Verschiedenes“ ablegen könnte. Die Einschwingphase des Stringsounds regelt man mit dem Poti Crescendo, die Länge des Ausklangs bestimmt der Parameter Release.

Um den Klang „breiter“ zu machen, kann man einen Ensemble-Effekt hinzuschalten. Dieser bietet drei Modi (String, String+Chorus, Chorus), kann jedoch nicht weiter editiert werden.

In der Solo-Sektion findet man mit Tone einen ähnlichen Soundauswahl-Regler wie bei den Strings. Auch mit Tone kann man verschiedene Sounds stufenlos durchfahren. Die Solo-Sounds orientieren sich jedoch nicht an Streichinstrumenten, sondern an perkussiveren und elektronischen Klängen: BassE-PianoClaviSynth und Pluto (?!) liest man hier auf dem Panel. Die maximale Polyphonie beträgt in der Solo-Sektion acht Stimmen. Mit Attack lässt sich bei sehr kleinen Werten ein kurzer, perkussiver Anfangsimpuls hinzumischen. Auf dem Panel ist dazu der „Perc“-Bereich des Regelwegs markiert. Setzt man das benachbarte Poti Release auf den Minimalwert, wird bei Attack-Werten im Perc-Bereich ein kurzes, perkussives Knack-Geräusch produziert. Bei Attack-Werten darüber werden die Anschläge weicher und der perkussive Anfangsimpuls verschwindet. Mit dem Poti Decay/Release definiert man den dynamischen Verlauf des Ausklangs in Abhängigkeit zur gewählten Hüllkurve. Zwei Hüllkurven stehen bereit: eine mit und eine ohne Sustainphase.

Die Solo-Abteilung bietet zwar keinen Chorus-Effekt, dafür aber ein Stereo-Tremolo. Der Tremolo-Effekt kann stufenlos hinzugemischt werden, sein Tempo nimmt bei höheren Mischverhältnissen ebenfalls zu. Der Effekt ist nicht weiter editierbar.

Mit dem zentral angeordneten Regler Balance bestimmt man das Mischverhältnis von Strings- und Solo-Sektion und mit dem Split-Schalter lässt sich festlegen, in welchem Bereich die Soloklänge über eine Keyboardtastatur spielbar sind:

  • Low: nur unterhalb eines frei wählbaren Split-Punktes
  • Layer: über den gesamten Tastaturbereich
  • High: nur oberhalb eines frei wählbaren Split-Punktes

Auf insgesamt zwölf Speicherplätzen, angeordnet in drei Bänken, kann man seine Eigenkreationen ablegen. Ein Dutzend Speicherplätze klingt heutzutage eher lächerlich, da gibt es nichts zu diskutieren. Dies ist wohl der Retro-Ausrichtung und der Übersicht geschuldet. Wer mehr Speicherplätze benötigt, kann sich notfalls mit MIDI-Dumps behelfen.

Effekte

Drei weitere Effekte sind mit an Bord: „Animate“, Phaser und Reverb. Animate ist eine LFO-gesteuerte Modulation des Registration-Settings der String-Sektion, als ob man das Registration-Poti hin und her bewegen würde. Auch der Phaser kann nur auf die Stringsounds angewendet werden. Mit ihm bekommt man einen für klassische String Machines typischen lebendigen und leicht metallischen Effekt. Der Reverb bietet verschiedene Räume und wirkt sich auf Solo- und Stringsounds aus. Alle drei Effekte können gleichzeitig genutzt werden. Ihre Geschwindigkeit, Intensität und ihr Mischverhältnis regelt man über das Poti Depth. Weitere Eingriffsmöglichkeiten hat man jedoch nicht.

Weitere Funktionen

Die Bedienungsanleitung, die nicht in Papierform vorliegt, sondern von der Website des Herstellers als PDF heruntergeladen werden muss, offenbart noch weitere Einstellmöglichkeiten. So kann man mit Kombinationen der Memory-Knöpfe, Potis und Kippschalter globale und „unsichtbare“ Settings vornehmen. Hier lässt sich beispielsweise der MIDI-Kanal wählen, auf dem Streichfett empfängt. Streichfett sendet sämtliche Controller-Daten der Potis, Kippschalter und Knöpfe als MIDI-CC-Messages und empfängt diese auf umgekehrtem Wege auch. Parameter-Automationen per DAW sind also möglich. Es lassen sich für die Strings- und die Solo-Sektion sogar getrennte MIDI-Kanäle festlegen.

Auch die Auswahl eines von drei Pitchbend Bereichen (2, 7 oder 12 Halbtöne) ist mit solchen Doppelfunktionen möglich. Zwischen zwei per MIDI verbundenen Streichfetts können Sounds ausgetauscht werden. MIDI-Dumps aller Programme sind möglich. Auch einzelne Sounds können per Dump übertragen werden, dieses aber nur per Dump Request Befehl seitens einer Software.  

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