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12.11.2018

Video-Gesangsworkshop #9 – Kopfstimme, Bruststimme, Bruch

Vocal-Workshop zur Gesangstechnik mit Theorie und Praxis

In diesem Gesangsworkshop geht es um Gesangstechnik: Wir nehmen uns gezielt die verschiedenen Stimmregister Kopf- und Bruststimme sowie ihren Schnittpunkt, den "Bruch" vor. Ich erlebe sehr oft, dass Leute, die singen lernen wollen, Probleme haben "ihre" Stimme zu finden oder mit dem Bruch zwischen Kopf- und Bruststimme umzugehen.

Deshalb erkläre ich zuerst einmal den Unterschied zwischen Kopf- und Bruststimme, was es mit dem Falsett auf sich hat und wie ihr mit dem Übergangsbereich zwischen den beiden Stimmarten umzugehen lernt, bevor es in der nachfolgenden Workshop-Einheit ganz konkret Tipps und Übungen gibt. Eine Einführung zu diesem Thema findet ihr auch in unserem allerersten Vocal-Workshop mit Schirin.

Was ist der Unterschied zwischen Kopf-, Bruststimme und Bruch?
Stimmphysiologie

Stimmphysiologisch betrachtet bestehen die Stimmbänder aus unterschiedlichen Schichten. Innen liegt die muskuläre Schicht, der Stimmmuskel, welcher außen komplett mit Schleimhaut, wie wir sie überall im Mundbereich haben, ummantelt ist. Wenn wir unsere Bruststimme (die Sprechstimme) benutzen, schwingen beide Schichten in einer Vollschwingung und erzeugen den Ton. Wenn wir unsere Kopfstimme benutzen, wird der Ton nur noch von der Schleimhautschicht, der sogenannten Randkantenschwingung erzeugt, da die Muskelschicht des Stimmbandes zu sehr gespannt ist, um noch schwingen zu können. Sehr schön könnt ihr das im Querschnitt im Wikipedia-Eintrag über die Stimmbänder sehen.

Interessant ist auch ein Blick von oben auf die Stimmbänder:

 

Der Bruch zwischen diesen beiden Stimmregistern ist der Moment, in der sich die Muskelschicht der Stimmbänder ausklinkt, also zu arbeiten aufhört, und der Job der Tonproduktion alleine von der Schleimhautschicht weiter getragen wird. Ich benutze zur Erklärung immer das Bild von zwei Staffelläufern. Der Bruch lässt sich mit dem Moment vergleichen, in dem der Staffelstab vom einen Läufer zum anderen übergeben wird. Gleitet er reibungslos hinüber, so ist kein Bruch zwischen den Stimmen zu hören, ruckelt es bei der Übergabe, ruckelt es auch mit den Tönen und wir können den Übergang hören.

Wie nehmen wir den Unterschied dieser beiden Stimmfunktionen war?

Beide Stimmarten fühlen sich beim Singen nicht gleich an und sollten auch in diesem Sinne nicht miteinander verglichen werden.

  • Sie werden an unterschiedlichen Orten im Körper wahrgenommen.
    Die Kopfstimme wird, wie der Name sagt, im höheren Köperbereich von Kopf, Gesicht, Mund und Hals wahrgenommen. Die Bruststimme nimmt man eher im tieferen Körperbereich von Brust und Bauch wahr.
  • Sie fühlen sich emotional anders an.
    Ein Kopfstimmton ist flexibel, unglaublich beweglich, zuweilen auch luftig, hat aber in der reinen Form nur beschränkt Kraft und muss inszeniert werden, um zu klingen. Ein Bruststimmton hat aus sich selbst heraus immens Power, wird in der Höhe immer unflexibler und braucht es, frei laufen gelassen zu werden.
  • Das Taschenlampenbild
    Ein schönes Bild, um sich den Unterschied zwischen Kopf- und Bruststimme klar zu machen ist das des Taschenlampenlichtstrahls. In der Bruststimme ist er im konzentrierten Modus. Der Lichtstrahl ist klar, kraftvoll und begrenzt. Leuchtet nur einen kleinen Teil aus, kann das aber auch sehr weit und hell. In der Kopfstimme ist die Taschenlampeneinstellung im zerstreuten Modus. Der Lichtstrahl leuchtet im großen Kreis im Nahbereich und ist nicht sehr hell.
Bruststimme Kopfstimme
wird von den ganzen Stimmbändern gebildet wird nur von der äußeren Stimmbandschicht gebildet
sehr körperlich wird im Kopf wahrgenommen
aus dem Rufen nehmen über "Hey" natürliche Sounds suchen, wo sich die Kopfstimme von selber bildet
Bruststimmvokale: a, ä, o Kopfstimmvokale: u, ü, i
tiefer im Körper verankert als Kopfstimme Kinderstimmen oder erstaunt hoch "hach" sagen
hört man im Raum luftig, leicht, locker
Die Stimme komplett loslassen muss inszeniert werden, um zu klingen

Wie geht ihr mit diesem Übergangsbereich rund um den Bruch um?

Viele Gesangsfarben, die wir beim Singen bilden, sind weder reine Brust- noch Kopfstimme, sondern eine Mischung aus beiden. Das Training der Mischstimme ist wichtig, um (siehe oben) einen nahtlosen gleich nicht hörbaren Übergang der Stimmfarben zu finden. Sie also ineinander blenden und nicht nur nebeneinander stellen zu können. Wo dieser Übergangsbereich genau sitzt, ist individuell leicht verschieden, ihr solltet euch aber bewusst sein, dass es ihn gibt und ihn auch benutzen.

Ist die Unterteilung in verschiedene Stimmregister überhaupt notwendig?

Viele neuere Stimmtechniken wie das Estill-Voice-Training haben die engen Grenzen von Kopfstimme, Bruststimme und Mischstimme mittlerweile aufgebrochen. Sie gehen eher von verschiedenen Stimmfarben aus, die alle Menschen, unabhängig von Sprache und Gesangsstil, bilden. Und auch ich habe mich beim Unterrichten nie auf diese starre Einteilung beschränkt, sondern sie eher zum Verständnis und Kennenlernen der Stimme benutzt. Euer Gesang und eure Stimmregister können unendlich viele Farben haben.

Wo liegt der Unterschied von Kopfstimme und Falsett?

Da ich beim Singen nicht Stimmsound-limitiert denke, habe ich mich nie dafür interessiert, was der genaue Unterschied zwischen Kopfstimme und Falsett ist, und ob es ihn wirklich gibt. Falsett wird oft als männliche Kopfstimme bezeichnet und hat den weichen, leicht luftigen Klang einer reinen Kopfstimme. Checkt auch hier mal Wikipedia. Durch die unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten kann das Falsett sehr verschieden klingen; ein Klassiker klingt anders als die Bee Gees, wenn beide im Falsett singen.

Workshop

1. So findet ihr eure Kopfstimme

Los geht's mit der Kopfstimme und damit, wie und wo ihr sie in eurem Körper finden könnt. Ihr bekommt für die bessere Unterscheidung typische Merkmale für eure Kopfstimme samt passender Übungen dazu an die Hand: Wo sie genau in eurem Körper sitzt, "u" und "i" als klassische Kopfstimmvokale, der Blick von oben auf eure Stimme, passende Kopfstimmübungen auf "Hui", "su" , "Lilli - Leo" zum Training und ein "igitt" für den Vordersitz.

2. So findet ihr eure Bruststimme

Nachdem ihr nun sagen könnt: "Kopfstimme ist doch gar nicht so schwer", geht es jetzt mit großen Schritten zur Powerstimme: Wie findet ihr eure Bruststimme? Was sind typische Bruststimm-Sounds? Wo sitzt die Bruststimme im Körper? Der Gummi-am-Boden-Effekt, ganz viel Öffnung und Raum, "a" und "o" als klassische Bruststimmvokale und Übungen auf "Yeah", "Hah", wie ihr Wurzeln schlagt, damit euch die Energie dieser Töne nicht von den Füßen knockt - und Bruststimmcheck mit verschieden lauten "Heys".

3. So findet ihr den Bruch

Alles wäre so schön, gäbe es nicht einen Bruch zwischen den beiden Stimmarten: Einige wenige Glückliche von euch haben gar keinen, für alle anderen zeige ich hier zwei Übungen auf "a-wu-a" und "a-o-u-u-o-a", für das richtige Verbinden der Stimmlagen, eine Übung, um euren Bruch zu finden und eine Jodel-Übung für wirklich Alle zum bewussten Arbeiten mit dem Bruch als Gesangseffekt.

4. Stimmsitz

Beim Singen sind nicht nur das "Unten" und das "Oben" wichtig, sondern auch noch die Ebene von "Hinten" und "Vorne", um den Raum in der Stimme (Hinten) mit der Präsenz (Vorne) verbinden zu können. Den hinteren Raum übt ihr mit Gähnen, einer flach liegenden Zunge und einem hohen Gaumensegel oder mit einem "Beamstrahl". Den vorderen Raum mit verschiedenen "die da"-Übungen.

5. Beispielsongs

Nun gehen wir endlich in die Praxis. In diesem letzten Workshopteil stellen euch Buket und ich drei Songs vor: Der erste ist für die Kopfstimme und ihre verschiedenen Sounds. Mit dem zweiten Song könnt ihr den richtigen Wechsel zwischen beiden Stimmen üben und der dritte Song zeigt perfekt, wie eine freie Bruststimme läuft und wie ihr das mithilfe von Sprechen und Rufen trainieren könnt. Zu guter Letzt gibt es noch einen kurzen "warm down" mit ein paar "Ng-s". Aber vorher erstmal viel Spaß mit Beispielsongs von Feist, den 4 Non Blondes und Kelly Clarkson.

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