Software
Test
10
20.12.2016

Praxis

Bedienung

Durch den weitestgehend originalgetreuen Aufbau findet man sich als alter Pro One User schnell zurecht. Das simple Konzept des Vorbildes findet sich auch in der Software wieder, weshalb auch Neulinge schnell den Einstieg finden. Ohne viel zu schrauben, kommen brachiale Sounds aus dem Klangerzeuger. Zum einen ist es den gleichzeitig aktivierbaren Wellenformen pro Oszillator zu verdanken, mit denen sich in Sekunden extrem knarzige Bässe formen lassen. Zum anderen ist die Modulationsmatrix sehr überschaubar und ermöglicht dennoch aufwendige Klänge mit wenigen Handgriffen.

Wie bei allen Software-Emulationen eines Synthesizers vermisst man auch beim Repro-1, dass er sich nicht wie die Hardware mit den eigenen Händen bedienen lässt. Hier hat man bei U-He an das NKS-Mapping der Native-Instruments-Geräte gedacht. Das ist zwar wesentlich komfortabler, als jeden Parameter selbst zuzuweisen, ersetzt aber nicht die Haptik des Pro One – Hardware bleibt nun mal Hardware. Um einen Sound von Grund auf zu schrauben, bleibt meine Hand im Test dann doch lieber an der Maus, da es einfach schneller geht. Die acht Regler der Maschine oder die des Komplete Kontrol Keyboards müssen einfach mit den Seite-Tasten umgeblättert werden, damit man an alle Parameter rankommt. Das liegt aber natürlich weniger an dem Repro-1 selbst, sondern an den Hardware-Gegebenheiten von Native Instruments. Um bei der Performance mal den ein oder anderen Parameter zu bedienen, reicht das NKS-Mapping aber aus.

Tweak it!

Auf der Tweaks-Seite wird das Grundverhalten einzelner Module geändert, wodurch sich letztlich der Sound des Repro-1 modifizieren lässt. In der aktuellen Version gibt es fünf einstellbare Jumper und fünf Selectors. Die Tweaks-Ansicht mag auf den ersten Blick unübersichtlich erscheinen, durch die farbliche Visualisierung der Tweaks erkennt man jedoch schnell die Möglichkeiten zur Modifizierung. Die Jumper sind in blauer Farbe und werden mit einem Klick auf einen der Slots virtuell umgesteckt, wohingegen die Selektoren mit einer roten LCD-Anzeige visualisiert sind und per Drop-down-Menü umgeschaltet werden.

Mit der Möglichkeit, dem virtuellen Synth unter die Haube zu schauen, haben die Berliner eine sehr gute Lösung gefunden, den eigentlichen Sound des Pro One anzupassen, ohne dabei die Bedienoberfläche zu überladen – das wäre sicherlich unübersichtlich geworden. So kann man den Repro-1 also bei Bedarf noch etwas tunen und optisch trotzdem die originalgetreue Bedienoberfläche genießen, klasse!

Jumper

Mit den Jumpern lassen sich Sägezahn-Wellenform des LFO und die des zweiten Oszillators umkehren. Das ist praktisch, da es sich beim originalen Schaltkreis um aufsteigende Sägezahn-Wellenformen handelt und man durch die Umkehrung mehr Möglichkeiten bei der Klanggestaltung hat. 

Ein weiterer „Note Priority“-Jumper setzt fest, wie der Repro-1 reagiert, wenn mehr als eine Note gespielt wird. Da es sich um einen Mono-Synth handelt, muss er sich für eine Note entscheiden, selbst wenn ein Akkord gespielt wird. Das Original würde in dem Fall immer die tiefste Note ausgeben. Setzt man den Jumper auf „High“, wird die höchste Note gespielt und mit „Last“ die zuletzt gespielte. Das ist sehr praktisch, denn so lässt sich der Repro-1 schnell an die Spielweise anpassen, mit der man bei Mono-Synths am besten zurechtkommt. Japanische Klangerzeuger dieser Gattung sind ja meistens auf die „High“-Variante eingestellt, wohingegen amerikanische und somit auch der auch der Pro One von Haus aus die tiefste Note spielen. Mit dem „Key Tracking Source“-Jumper folgt der Cutoff des Filters auch wahlweise dem Pitch Bend, was interessante Ausdrucksmöglichkeiten mit dem Pitch Wheel ermöglicht. 

Selectors

Die Oszillatoren, das Filter und beide Hüllkurven sind mit Selektoren bestückt, um das Klangverhalten der Module zu verändern. Bei einem Hardware-Synthesizer „streuen“ selbst baugleiche Geräte nun mal gerne und weisen demnach leichte Klangunterschiede auf. Die Oszillatoren bieten neben „Ideal“, also dem Standard-Modelling, die Optionen P1 und P5, die einen wärmeren Klangcharakter aufweisen. 

Im Modus P5 ist der Oszillator invertiert, wodurch er wesentlich lauter ist, sobald Sägezahn- und Rechteckwelle gleichzeitig aktiviert werden. Ein „Nachteil“ des P5-Modus ist, dass die Self-PWM von Oszillator B nicht mehr funktioniert. Der P5-Modus ist also nach dem verwandten Prophet-5 benannt worden, in dem OSC B sich ebenfalls nicht selbst modulieren kann. Der P1-Modus weist wiederum eine ganz andere Klangeigenschaft auf: Aktiviert man im Oszillator A den P1-Modus, behält er immer einen Teil seiner Grundfrequenz bei, wenn er mit dem zweiten Oszillator synchronisiert wird. Im OSC B ist zudem eine „Bottom“-Option vorhanden, mit dem die Dreieckwellenform im Vergleich zum standardmäßigen „Ideal“-Modus nochmals um +2dB unterstützt wird.

Das 24 db Tiefpass-Filter gibt es in den Optionen „Crispy“ (Standard), „Rounded“ und „Driven“. Die ersten beiden Optionen modellieren die Filter zweier Hardware-Klangerzeuger, die U-He zur Analyse genutzt hat. Hier kann man sich also zwischen zwei Modellings entscheiden, die jeweils einem Original entsprechen. Das Driven-Model ist das Ergebnis des Ausgleichs interner Filterparameter und ähnelt den CEM 3320-Chips. Die drei Filter-Optionen unterscheiden sich darin, dass der Cutoff in deutlich hörbaren Abständen (ungefähr ein Halbton) ansetzt und sich auch die Resonanz anders verhält. Am deutlichsten hört man den Unterschied bei weit aufgedrehter Resonanz und deaktivierten Oszillatoren, wie ihr es in den folgenden Klangbeispielen hören könnt. Das Filter kommt nämlich auch ohne die beiden Oszillatoren A und B aus, da es selbst Klänge erzeugt (Selbstoszillation).

 

Die beiden Hüllkurven sind neben den normalen Models auch mit weiteren Optionen bestückt worden, mit denen sich das Verhalten von Attack, Sustain, Decay und Release modifizieren lässt. Einige Pro One-Geräte besaßen das Phänomen, dass die Attack-Phase in den letzten 15 % einfach hochschießt, statt gleichmäßig zu verlaufen. Man hat das Gefühl, dass das Attack förmlich explodiert. Um diese Eigenschaft auch im Repro-1 nachzubilden, haben die Entwickler ihn um einen „High Sustain“-Modus erweitert, der diese Eigenschaft authentisch nachbildet. Hinzu kommt der Modus „One Shot“, der das Gate ignoriert und der Ton abklingt, sobald das Decay das Sustain-Level erreicht hat. Hält man eine Note länger gedrückt, klingt der Ton trotzdem aus. Das macht es wesentlich einfacher, gleichmäßig erklingende Drum- und Percussion-Sounds zu erzeugen. In beiden Piano-Modi sind die Attack- und Decay-Stufen die gleichen wie im One Shot-Modus. Wenn jedoch die Taste während der Release-Phase angehoben wird, gibt es eine zusätzliche Release, die in Piano 1 länger ist als im Piano 2-Modus.

Step Sequencer und Arpeggiator

Im Vergleich zur Hardware ist der Step Sequencer wesentlich komfortabler und mit 64 statt 32 möglichen Steps des Vorbildes auch doppelt so lang. Das Schöne dabei ist, dass man nicht nur doppelt so lange Muster programmieren kann, sondern stattdessen auch zwei in 32er-Länge. Der Step-Sequenzer verfügt nämlich über Pattern 1 und 2. Der schnellste Weg, den Sequencer zu programmieren, geht über den Record Mode. Praktisch: hierbei benötigt man nicht einmal ein MIDI-Keyboard, denn die Noten können auch mit der Maus auf den 37 virtuellen Tasten der Bedienoberfläche aufgezeichnet werden. Dabei wird neben der Tonhöhe sogar die Velocity aufgenommen, je nachdem, ob man eine virtuelle Taste oben oder unten anklickt. Pausen und länger gehaltene Noten werden einfach mit einem Klick auf „Type“ des entsprechenden Steps eingezeichnet. Die Länge des Patterns lässt sich entweder per Drop-down-Menü oder aber durch Klick auf einen Step definieren. Hat man sich sein Pattern erstellt, kann es in einem der zwei möglichen Slots abgespeichert werden und ist für die Zukunft immer abrufbar. So kann man das Pattern schnell zu einem anderen Sound abrufen, da es nicht im Sound-Preset abgespeichert wird, sehr gut!

Anders als beim Original sind Sequencer und Arpeggiator nicht nur zum LFO, sondern auch zur Clock synchronisierbar. Dadurch ist es nur in der Reproduktion möglich, den LFO beispielsweise auf Viertel und das Pattern auf Achtel zu synchronisieren. Sequencer und Arpeggio sind – ebenfalls anders als im Original – mit Latch ausgestattet. So lässt sich der letztgespielte Akkord vom Synth als Pattern oder Arpeggio weiterspielen, während man selbst fleißig am Sound schrauben kann. 

Gut ist auch, dass die wichtigsten Parameter, etwa um den Arpeggio zu aktivieren oder den Sequenzer in Record- oder Play-Modus zu versetzen, auf der Hauptansicht des Synths immer griffbereit sind und der eigentliche Step Sequencer in einer extra Ansicht platziert ist. Was ich beim Arpeggiator in der heutigen Zeit vermisse, sind weitere Arpeggio-Muster, etwa Up&Down, Down&Up oder Random, die man ganz sicher als Selector in der Tweak-Ansicht hätte unterbringen können. Ebenfalls hätten dem Step Sequencer ein paar vorgefertigte Beispiel-Patterns auch nicht geschadet.

Presets 

Die Preset-Library des Repro-1 ist mit 500 voreingestellten Sounds ausgestattet, welche von niemand Geringerem als Urs Heckmann selbst und vielen weiteren Sounddesignern erstellt wurden. In den Kategorien Bass, Lead, Chords, Effects, Percussion, Arpeggios, Sequences und nicht zu vergessen 1981 Historic ist alles dabei, um einen kompletten Song zu bauen, der ausschließlich aus Repro-1 Sounds besteht. Darunter auch „Presets“, die sich im Handbuch des Pro One befinden. Beim Hardware-Synth mussten die aufgelisteten Parameterwerte allerdings noch per Hand eingestellt werden, da man keine Presets abspeichern konnte. Entscheidend für einen Software-Synthesizer ist für mich aber letzten Endes, ob er das Zeug dazu hat, in einer Produktion seinen Platz zu finden oder nicht. Eines ist sicher: Repro-1 hat für einen Software-Synthi mucho cojones! Hören wir mal rein.

 

 

Jeder Sound aus dem Song-Beispiel stammt aus dem Repro-1. Leblose Sounds sind dem Repro-1 scheinbar ein Fremdwort. Die Perfom-Sektion ist in nahezu jedem Preset mit Aftertouch, Mod-Wheel oder weiteren nützlichen Zuweisungen belegt, wodurch man ohne Weiteres bewegliche Sounds spielen kann, deren Klänge hervorragend sind. Natürlich sind einige Klänge mit den Effekten aufgehübscht worden und klingen durch Chorus, Distortion und Co. angedickt, zum Glück aber nie überladen. Der Grundsound des Klangerzeugers ist wirklich beeindruckend und der bissige Charme des Pro One ist definitiv wiederzuerkennen. Vor nicht allzu langer Zeit freute man sich schon darüber die Propheten-Nachbildung aus dem Hause Arturia oder Native Instruments in der DAW zu haben. Im Vergleich zum Repro-1 klingen sie sehr dünn – da hört man, was ein paar Jahre Entwicklung schon ausmachen können. Mit Diva hat U-He schon einmal bewiesen, dass auch Software-Klangerzeuger warme, satte Klänge erzeugen können. Repro-1 folgt dieser Linie und legt die Messlatte für Hardware-Emulationen ein gutes Stück höher. Der Ressourcenhunger des Synths ist dadurch etwas zu verschmerzen.

Performance

Über der eigentlichen Bedienoberfläche des Synthis hat der Hersteller zwei Optionen angebracht, mit denen sich der CPU-Verbrauch reduzieren lässt. Modeling auf Komponentenebene ist authentisch, leider aber auch CPU-hungrig. Besonders bei aufwendigen Sounds oder mehrfachen Repro-1-Instanzen sollte man daher seinem Gehör vertrauen und selbst entscheiden, ob der HQ-Modus zwingend notwendig ist. Meiner Ansicht nach sollten Leads und Bass-Sounds wenn möglich im HQ-Modus erzeugt werden, wohingegen der ein oder andere Effekt-Sound sicher auch mit leichten Qualitätseinbußen auskommt. Der Klangunterschied ist nicht immer wahrnehmbar, besonders im Kontext eines gesamten Arrangements. Der CPU-Verbrauch wird jedoch schon bei einer Instanz sichtlich verringert. Je mehr Instanzen eingesetzt werden, desto mehr dankt man der Option zur Deaktivierung des HQ-Modus.

Hinzu kommt der „Zzz“-Modus, der den CPU-Verbrauch reduziert, sobald der Synth keine Noten mehr wiedergibt. Grundsätzlich eine gute Lösung, der Synth fährt so nämlich in Spielpausen in eine Art Standby-Modus. Leider muss man auch in diesem Modus einen Kompromiss eingehen, denn er kann Artefakte verursachen, worauf auch im Manual hingewiesen wird. Trotzdem macht sich der aktivierte Zzz-Modus in einer Session positiv bemerkbar. Artefakte traten zumindest im Test nicht wahrnehmbar auf – alles lief „sauber und ordentlich“. 

 

2 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare