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23.05.2008

Ob die Bedienelemente des 1210 nun ergonomisch angeordnet sind oder nicht, darüber lässt sich im Grunde nicht diskutieren: Schließlich hat hier ein Gerät im wesentlichen Bewegungsabläufe geprägt - und nicht umgekehrt. Ob "HipHop" oder "Disko" aufgestellt - andere Plattenspieler orientieren sich an der Anordnung der Technics - und viel anzuordnen gibt es ja nicht. Im Wesentlichen sind dies Pitch-Regler, Start/Stop und 33/45-Umschaltung. Alles ist fein beschriftet. Es hat wohl noch niemanden auf der Welt gegeben, der zwar wusste, wie Plattenspieler generell funktionieren, aber mit einem 1210/1200 nicht zurechtkam. Ob für Beatmatching, Scratching oder einfach zum Musikhören: Die Bedienbarkeit ist optimal. Gelegentlich wird kritisiert, dass es vorkommen kann, beim Schubsen oder Bremsen der Platte versehentlich den runden On/Off-Regler zu bedienen. Mit ein wenig Umsicht sollte das aber zu vermeiden sein. Übrigens beherbergt der Schalter zudem das rote Licht für die Geschwindigkeitskontrolle, die wie üblich mit der Riffelung auf dem Teller kontrolliert wird

Der Technics verfügt über keinerlei Automatik, so dass auch endlose Auslaufrillen gehört werden können (Die vielleicht beste der Welt: Pink Floyd, Atom Heart Mother, Seite B: Der tropfende Wasserhahn bei Alan´s Psychedelic Breakfast tropft in der Originalversion bis zum Sankt Nimmerleinstag). Dafür wartet der Dino mit einem quartzgesteuerten Direktantrieb auf, der für seinen Gleichlauf und seine sagenhaften Anlauf- und Bremsgeschwindigkeiten von den Usern verehrt und von der Konkurrenz beneidet wird. Nach einer Viertelumdrehung der Platte läuft diese schon stabil auf Sollgeschwindigkeit und fortan mit 0,025% gemittelten Gleichlaufschwankungen. Diese auch Wow-and-Flutter genannten Störungen machen sich erst ab viel höheren Werten in Tonhöhe oder Rhythmik bemerkbar, die Deutsche Industrienorm erlaubt ein Maximum von 0,2%. Diese rekordverdächtigen Werte werden auch bei älteren Geräten eingehalten: Mit einer Timecode-Schallplatte und einem Synchronizer mit Anzeige der Abweichung lässt sich das recht schnell visualisieren. Wenn man es hören könnte, wäre definitiv etwas kaputt - und das geschieht beim Technics nicht so schnell. Der Elektromotor ist komplett ohne Kohlebürsten (Verschleissteile!) ausgelegt. Sowohl bei 33⅓ als auch bei 45 U/min, selbst im gepitchten Modus besitzt der Plattenspieler eine schier unglaubliche Laufruhe dank der ausgeklügelten Phase-Locked-Loop- (PLL-) Steuerung. Der Direktantrieb bietet gegenüber der Bewegungsübertragung durch einen Riemen sehr viele weitere Vorteile, ein Nachteil ist jedoch der hohe Preis. Beim MK2 ist die Bremsgeschwindigkeit des Plattentellers nicht vom User einstellbar, allerdings gibt es DJs, die Start- und Stopzeiten in ihren Genpool aufgenommen zu haben scheinen. Auch dem Laien ist das Pitch-Down-Verhalten aus zahlreichen (Re-)Mixes bekannt. Wer sich traut, kann dennoch auf der Platine des 1210/1200 nach dem "Brake"-Poti suchen, mit dem sich die Bremsgeschwindigkeit verändern lässt. Ein weiteres Poti ermöglicht das genaue Einstellen des 0%-Pitch-Rasters, damit der (oder die) Plattenspieler mit absolut genauer Umdrehungsgeschwindigkeit läuft. Wenn man schon so weit in die Innereien des Gerätes vorgedrungen ist, lässt sich die Mittenrasterung auch gleich mechanisch entfernen. Diese Möglichkeiten bieten die etwas jüngeren Brüder des MK2 übrigens im nutzerfreundlichen Direktzugriff.

Die Justagemöglichkeiten eines Plattenspielers sind wichtig für die Klangeigenschaften, und den störungsfreien Betrieb. Nadeln und Schallplatten sind zwar prinzipbedingt Verschleissteile, jedoch führt schlechtes oder unterlassenes Einstellen häufig dazu, dass das ursprüngliche Präzisionsgerät als Vinylraspel umfunktioniert wird. Ein Einlesen in die Tonarmjustage sei jedem (je-dem!) Besitzer eines Plattenspielers dringend empfohlen! Eine der wichtigsten Einstellung ist die Balance des Armes, welche auf recht einfache Weise mit einem Gegengewicht erledigt wird. Ist der Arm kopflastig, leiden Platte, Nadel und Sound. Bei zu starkem Gegengewicht besteht die Gefahr, dass bei mechanischer Erschütterung oder hochpegeligen, tieffrequenten (eventuell auch stark unkorellierten) Signalen die Nadel aus der Rille hüpft. Weil die unterschiedlichen Abnehmersysteme verschiedenes Eigengewicht haben, ist es sinnvoll, diese nach einem Wechsel kurz nachzustellen. Die komplette Höhe des S-förmigen Arms wird mit einer Helikoideinstellung getätigt (Ein Helikoid ist eine spiralförmig bewegte Gerade - also wie eine Wendeltreppe ohne Stufen), das bei Radialtonarmen notwendige Skating-Gegengewicht ist einfach und sinnvoll konstruiert und lässt sich nach einiger Übung sehr gut justieren.

Der Technics-Plattenspieler aus dem Hause Matsushita (zu dem auch Panasonic gehört) werden ohne Tonabnehmersysteme geliefert. Schliesslich gibt es eine Vielzahl von Systemen unterschiedlicher Bauart und Eignung auf dem Markt. So ist etwa die Form des Nadelschliffs ausschlaggebend für die Klangqualität und die Robustheit. Einige Nadeln können recht schnell in den Müll wandern, wenn sie - wie beim Scratchen bekanntermaßen üblich - auch rückwärts bewegt werden. Übrigens: Für ganz Verrückte sind Modifikations-Kits erhältlich, mit denen der Plattenteller nach Doppelklick auf Start/Stop rückwärts läuft.

Es erscheint fast unnötig, die Verbreitung auf irgendwelche Fehler zu überprüfen. Ich habe es dennoch getan. Die Herstellungstoleranzen sind sehr gering: Wenn man zwei Stück kauft, gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen. Selbst die Schrauben sind qualitativ hochwertig, alle Lötstellen sauber ausgeführt, nie wurden die billigsten Bauteile verwendet. Die Geräte scheinen weiterhin vor Verlassen des Werkes eine ausführliche Qualitätssicherung zu durchlaufen. Das erklärt den doch recht stolzen Preis.
Zum Extremtest à la Stoß mit einem Hammer, Rütteltest auf der schleudernden Waschmaschine, Sturz aus zwei Metern Höhe, Saunaaufguss-Tiefkühlfach-Wechselprogramm und ähnlichem konnte ich mich dann aber  doch nicht durchringen. Alle Angaben des Herstellers über die Audiowerte können nachvollzogen werden.

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