Workshop
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16.03.2017

HAMMOND TI

Die Umsetzung am Virus TI

Wir gehen bei unserem kleinen Schraubkurs vom INIT-Programm aus, das wir auf Bank D Speicherplatz 127 finden.

Zugriegel

Eigentlich bräuchten wir neun Sinusgeneratoren, um alle Zugriegel der Hammond nachzubauen. Der Virus hat aber nur (bzw. immerhin!) 4 Oszillatoren pro Stimme, wovon einer ein Suboszillator ist. Wir werden gleich sehen, dass wir mit diesen Oszillatoren zwar keine echten, steuerbaren Zugriegel bauen können, aber zumindest eine Konstruktion, die typische Zugriegelbewegungen nachahmen kann und in der Praxis gut funktioniert.

Als Erstes wird dem Suboszillator die Rolle des 16´, also des Grundtons zugeteilt (theoretisch ist der 8´ der Grundton und der 16´ ist ein Unterton, aber in der Praxis benutzt man den 16´ oft als Grundton). Der Zugriegel des Grundtons ist normalerweise (unabhängig von der restlichen Zugriegeleinstellung) voll herausgezogen. Deshalb geben wir dem Sub Osc das Volumen 127. Leider kann der Sub Osc des Virus keinen Sinus, sondern nur Dreieck und Rechteck. Wir nehmen also das Dreieck, das ebenfalls relativ wenige Obertöne aufweist, und filtern es herunter, bis es wie ein Sinus klingt. Dazu müssen wir das Filter des Virus splitten. Im Split Mode gehen Sub Osc und Osc1 durch Filter 1, Osc2 und 3 sowie der Noise Generator durch Filter 2.

Wir drehen also Filter 1 so weit zu, dass die Obertöne des Sub-Dreiecks weg sind, aber nicht zu weit, denn sonst wird Osc 1 zu leise, der sich ja auch durch das Filter 1 quetschen muss. Sinnvoll ist z. B. ein Cutoff-Wert von 60. Filter 2 bleibt offen, also Cutoff=127. Dabei müssen wir daran denken, Cutoff Link abzuschalten, was beim INIT Patch des TI aktiviert ist. Sonst lassen sich die Filter nicht getrennt einstellen. Außerdem muss Pan Spread auf Null gesetzt sein, damit die Signale der beiden Filter nicht im Panorama verteilt werden.

Osc1 bekommt selbstverständlich eine Sinuswelle verpasst. Er ist immer eine Oktave höher als der Sub Osc und wäre demnach unser 8´.

Das Ergebnis müsste so klingen:

Jetzt hätten wir noch zwei Oszillatoren übrig, um die restlichen sieben Zugriegel zu basteln. An dieser Stelle kommt die Wellenform 45 ins Spiel, eine der Spektralwellenformen des Virus. Wir drehen Oscillator Shape ganz nach links und suchen dann mittels des Wave Select-Knopfes die Nummer 45 heraus. Sie klingt in etwa so wie 5 1/3´und 4´ zusammen. Hier mal ein Vergleich Wave 45 versus Zugriegel 5 1/3´ und 4´ meines Oberheim OB3 Orgelmoduls.

Close enough for Jazz...
Damit die Oktavlage stimmt, müssen wir Osc2 um eine Oktave nach unten transponieren. Und dreht bitte das Detune raus, das im INIT Patch voreingestellt ist. Nun haben wir die ersten vier Sinustöne. Die Einstellung, bei der die ersten 4 Zugriegel ganz herausgezogen sind und die restlichen nicht, ist eine der wichtigsten Registrierungen der Hammond für Jazz, aber auch für Rock.

Das klingt natürlich noch nicht wie eine Hammond, aber wir sind ja auch noch lange nicht fertig. Vor allem das Leslie fehlt noch - aber Geduld...

Wenn wir die Oscillator-Balance hin- und herdrehen, kommt zumindest schon mal so ein bisschen Zugriegelgefühl auf.

Diese Einstellung wäre im Rock- und Pop-Kontext z. B. perfekt für die Strophe. Im Refrain würden wir gerne die restlichen fünf Drawbars auch noch herausziehen, um mehr Dampf zu bekommen. Wir haben aber nur noch einen Oszillator übrig, nämlich Osc3. Was nun?

Hören wir uns mal Wave 30 an. Im Vergleich dazu wieder das Orgelmodul, bei dem alle Zugriegel herausgezogen sind - außer 16´ und 5 1/3´.

Das klingt doch recht ähnlich, oder?  Wir bestücken also Osc3 mit Wave 30, aber zunächst mit Volume = 0. Dann legen wir das Osc3 Volume auf einen der Soft-Knobs unter dem Display (im Menü "Edit" finden wir die Belegungen der Soft-Knobs). Nun können wir unserer Orgel bei Bedarf etwas Feuer unterm Hintern machen.Das folgende Beispiel fängt mit Sub Osc und Osc1 an, dann drehe ich Osc2 dazu und dann Osc3.

Eine weitere wichtige Registrierung ist die, bei der nur 16´und 1´ herausgezogen sind, und die anderen Obertöne bei Bedarf dazukommen.

Dieser Sound ist typisch für Balladen, Blues etc.

Der Sub Osc ist nun abgeschaltet. Osc1 ist der Grundton und Osc2 um 48 Semitöne nach oben transponiert. Die Oscillator Balance sollte im Bereich von -85% liegen und somit den Grundton dominieren lassen, sonst wird der Oberton zu laut. Osc3 liefert weiterhin per Soft Knob die Wave 30.

Alternativ können wir noch ein paar andere Einstellungen basteln und als Presets im Speicher ablegen. Da die Töne des Virus beim Umschalten nicht abreißen, lässt sich zwischen den Presets smooth hin-und herschalten.

Kleine Zwischenbilanz: Wir können bei unserer Virusorgel zwar nicht alle Zugriegel getrennt steuern wie bei einer echten Hammond, aber für den Alltag im Rock/Pop Bereich reichen diese Möglichkeiten eigentlich schon aus. Zumindest ist diese Lösung besser als ein Orgelsample aus irgendeiner Workstation, das gar keine Zugriegel bietet.

Keyclick und Percussion
Um den Keyclick zu simulieren, benutzen wir den Noisegenerator. Im Assign Slot 1 verknüpfen  wir die Filterhüllkurve (Source: Filt Env) mit dem Noise Volume (Destination: Noise Vol). Allerdings geben wir dieser Verknüpfung die Intensität null. Dafür belegen wir den zweiten Soft-Knob mit dem Parameter „Assign1Amount1“. Somit lässt sich die Lautstärke des Keyclicks jetzt mit dem Soft-Knob steuern. Die Filterhüllkurve sollte nun so aussehen: Attack 0, Decay zwischen 1 und 10, Sustain 0, Release 0. Wie lange der Keyclick ertönen soll ist Geschmackssache; ich benutze den Wert 10.

Um unserem Sound Percussion spendieren zu können, müssen wir in den Multi Mode wechseln und zwei Programme übereinanderlegen. Zum einen natürlich unsere soeben gebaute Orgel, zum anderen ein Patch, das die Percussion nachbildet. Dieses zu bauen ist sehr einfach. Wir nehmen nur Osc1 und schalten alle anderen Oszillatoren ab. Osc1 bekommt einen Sinus. Die Amp-Hüllkurve würde so aussehen: Attack 0, Decay 25, Sustain 0, Release 0. Auch hier ist der Decay-Wert flexibel; die Percussion einer echten Hammond lässt sich ja auch zwischen „slow“ und „fast“ umschalten.Außerdem kann man, wie schon oben erwähnt, zwischen 4´ und 2 2/3´ Percussion wählen. Für 4´ transponieren wir unser Percussion-Patch um 24 , für 2 2/3´ um 31 Semitöne (2 Oktaven+Quinte).

Um das Staccato/Legato-Verhalten der Percussion zu simulieren, nehmen wir den Mono Mode 4 (Doppelclick auf "Oscillator Edit" bis das "Common"-Menü kommt. Darin finden wir den Key Mode). Dann wird die Amp-Hüllkurve nur neu getriggert, wenn zwischendurch alle Tasten losgelassen wurden. Zwar ertönt nun die Percussion im Rahmen eines Akkords nur bei einem Ton, aber das fällt nicht so sehr auf. Mehr auffallen würde es, wenn die Percussion polyphon wäre und somit innerhalb eines Laufs bei jedem Ton im Spiel wäre. Auf diese Weise konnte man in der Vergangenheit (vor dem Zeitalter der digitalen Orgelklone) gesampelte von echten Orgeln unterscheiden. Bei den Samples hörte man nämlich immer die Percussion, egal ob legato oder staccato gespielt wurde, was Hammond-untypisch ist. Hier mal ein Beispiel für die monophone Percussion und eins für das „Geratter“, das man erhält, wenn die Percussion polyphon ist und bei jeder Note erklingt.

Leslie
Seit der Softwareversion 4.5 verfügt der Virus TI über einen Rotary-Effekt. Er verbirgt sich geschickt in der Chorus-Sektion. Man findet ihn, wenn man Chorus anwählt und den Mode von "Classic" auf "Rotary" ändert. Normalerweise schaltet man ja zwischen "slow" und "fast" per Fußschalter um – und sogar das ist beim Virus möglich. Wir schließen ein Switch-Pedal an den "Control"-Eingang und routen dieses Pedal im "Config"-Menü auf #105 Chorus Rate. So, nun Hände an die "Zugriegel", den Fuß auf´s Pedal, und dann klingt das so:

Gar nicht schlecht für einen virtuell-analogen Synth, oder?

Aber eine Orgel in Pop- und Rockmusik braucht noch etwas Wichtiges, nämlich einen schönen, leichten Röhrenoverdrive.

Distortion
An dieser Stelle ein paar generelle Worte zu einem oft unterschätzten, aber wichtigen Aspekt des Orgelsounds, der Verzerrung. Ich zerre meine Orgel bei Rock- und Popmusik immer relativ stark an, denn während eine cleane Orgel immer etwas aus dem Mix herausragt, mischt sich das angezerrte Signal besser mit der Band, vor allem mit den Gitarren. Dabei erscheint dem Hörer die Orgel gar nicht so verzerrt, denn die Distortion-Anteile der Orgel ordnet das Ohr eher den Gitarren zu.  Dieser Effekt verbindet Orgel und Gitarre zu einer echten "Wand". Schon bei Deep Purple hat das ja bekanntlich gut funktioniert, wenn auch da die Orgel sehr stark verzerrt war.

Leider sind die Verzerrer der meisten Orgelklone aber schlecht. Nord Electro, Roland VK8, Korg Kronos, Kurzweil PC3, Native Instruments B4, Fatar Numa Organ, Oberheim OB3, all diese ansonsten ordentlichen Instrumente scheitern hier. Die Distortion wurde stark vernachlässigt und klingt nirgendwo nach Röhre, bestenfalls nach Transistor oder einfach nur schlecht digital. Da heißt es dann: Fett abrocken? Leider Fehlanzeige!

Abhilfe kann eine externe Lesliesimulation bieten. Der Hughes und Kettner Rotosphere hat dank der eingebauten Röhre einen schönen Overdrive, und auch die digital simulierte Verzerrung des Neo Instruments Ventilator klingt sehr gut.

Und nun die Überraschung: auch der Virus TI (mit aktuellem OS) verfügt über eine sehr gut gelungene Röhrenoverdrive-Simulation. Vielleicht ist es auch keine Überraschung, denn Access-Virus-Chef Christoph Kemper hat ja auch den Kemper Profiling Amp entwickelt, bei dem Verzerrungen eine große Rolle spielen, und besitzt einiges an Expertise auf diesem Gebiet.

Wir wählen also im "Distortion"-Menü den Mode "Wide". Grad der Verzerrung nach Belieben, die Höhen auf 0.

Das Ergebnis sollte sich in etwa so anhören:

In meinen Ohren klingt diese Verzerrung mehr nach Röhre als die der oben genannten Orgelklone und macht im Bandsound einen sehr guten Job.

Abschließend noch ein Audiobeispiel mit der Kombination Virus/Ventilator, die ich persönlich für sehr gelungen halte. Für so gelungen übrigens, dass ich die Platine des Ventilators ins Innere des Virus TI Polar-Gehäuses einbauen ließ, um in meinem ultraleichten Reisesetup Gewicht, Volumen und Verkabelung einzusparen.

Fazit: Wer hätte gedacht, dass der Virus als virtuell-analoger Synth in der Lage ist, so gute Orgelsounds abzulieferen?In meinem Keyboarderalltag bewähren sich diese Sounds auf jeden Fall sehr gut und ich bin froh, dass ich neben dem Synth nicht extra noch eine Orgel mitschleppen muss. Diese kommt nur dann mit, wenn etwas differenziertere Zugriegelarbeit gefragt ist.

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