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04.04.2018

Produce-alike #29 - Jax Jones feat. Ina Wroldsen

Der Hit „Breathe“ zum Nachproduzieren

Mit „Breathe“ landeten der englische DJ und Produzent Jax Jones und die norwegische Sängern Ina Wroldsen einen Riesenhit. Im Produce-alike Workshop haben wir den Dance-Kracher für euch zum Nachproduzieren im Homerecording-Studio auseinander genommen.

„Breathe“ lebt von der Kombination eines fett produzierten House-Beats mit Ina Wroldsens markanter Stimme und einer extrem ohrwurmtauglichen Melodie. Die verschiedenen Synthesizer-Sounds, die entscheidend zum Charakter des Titels beitragen, werden ein Schwerpunkt dieser Folge sein – insbesondere der sehr präsente Bass. Also los!

Intro

Im Intro wird die „Dam-dam-dam“-Hook vorweggenommen, die später im Song für einen großen Mitsing- und Ohrwurmfaktor sorgt. Ein hauchiger Atem (schließlich heißt der Song „Breathe“!) mit viel Hall wirkt fast wie eine Art Becken auf der „1“. Diesen Sound habe ich im Logic-Synth Alchemy programmiert. In der dazugehörigen Library finden sich mehrere Atem-Samples. Davon habe ich vier übereinandergelegt, im Stereobild verteilt und durch ein Hochpassfilter geschickt. Die weitere Effektkette besteht aus einem Exciter, einem Chorus, einem Stereo-Delay und viel Hall. Der Sound wird im Verlauf des Songs immer wieder statt eines Beckens eingesetzt.

Hinzu kommt ein perkussiver Synthesizer-Sound, der im Stereobild umher wandert. Er ähnelt etwas den Toms analoger Drum Machines und ist passend zur Songtonart gestimmt. Ich habe ihn auf dem Moog Sub 37 gebaut. Der Klang entsteht im selbstoszillierenden Filter. Die Oszillatoren sind im Mixer stumm geschaltet. Das Filter ist auf eine geringe Flankensteilheit von 6 dB/oct eingestellt. Dadurch wird der von der (maximal aufgedrehten) Resonanz hervorgehobene Bereich breiter und der Klang bekommt mehr Tonalität. Die Stimmung wird mit dem Cutoff justiert. Der perkussive Charakter kommt von der Filterhüllkurve mit sehr kurzer Decay-Zeit, die in diesem Fall wie eine schnelle Pitch-Hüllkurve wirkt.

In der DAW habe ich mit einem EQ den hellen Attackanteil reduziert, der sich sonst mit der später folgenden Bassdrum in die Quere gekommen wäre. Außerdem wird der Sound komprimiert und bekommt einen großen Hall. Per Spurautomation wird die Bewegung im Stereopanorama realisiert.

So klingt das Intro, das ohne den Gesang und das prägnante Rap-Sample „What u what u gonna do?“ zugegebenermaßen nicht viel hermacht:

Strophe 1

In der ersten Hälfte der ersten Strophe spielt der perkussive Moog-Sound weiter. Hinzu kommt eine mächtige Bassdrum. Das Sample im TR-909-Stil klingt schon ziemlich druckvoll. Dennoch habe ich mit einem EQ den Tiefbass noch etwas angehoben und den Bereich um ca. 1,5 kHz reduziert, wo es sonst eine Karambolage mit dem Moog-Tom geben würde. Außerdem bekommt die Bassdrum einen Kompressor.

Das harmonische Fundament klingt nach einer Kombination aus einem Chor, der „mmh“ singt und Synthesizer. Ich habe dafür einen Sound in Alchemy programmiert, der als Basis vier gefilterte, im Stereobild verteilte Chorsamples verwendet. Am Anfang der Strophe ist das Filter weiter geöffnet, sodass mehr hohe Frequenzen hindurch kommen. Dann wird es langsam geschlossen und der Sound wird dunkler:

Mit zwei weiteren Chorsamples aus Logics EXS-Sampler wird der Sound voller und es klingt nach mehr verschiedenen Sängerinnen. Alles zusammen wird auf einen Bus geroutet, wo ein Ensemble-Effekt einige Schwebungen hinzufügt. Außerdem bekommt die Chor-Fläche einen Hall.  

Zur Unterstützung habe ich dann noch zwei sich recht ähnliche, unauffällige Sounds aus dem Sequential Prophet-6 und dem Freeware-Softsynth OB-Xd hinzugenommen, die etwas Rhythmik hineinbringen. Diese beiden benötigen wir im weiteren Verlauf noch mehrmals.

Die Chorfläche und die beiden Synthesizer-Sounds werden auf einen Bus geroutet, in dem ein Kompressor arbeitet. Dessen Sidechain-Eingang wird von einer Bassdrum gespeist, die im Mix nicht zu hören ist und auch dort weiterläuft, wo die eigentliche Bassdrum aussetzt. So lässt sich ein Dance-typischer „Pump-Effekt“ erzielen: Auf jeder Viertelnote wird der Pegel der Pads kurz abgesenkt. Das schafft Platz für die Bassdrum und ist in vielen Dance-Stilen zum Stilmittel geworden. Indem man eine „stumme“ Kick dafür verwendet, kann der Effekt auch dort weitergehen, wo die eigentliche Bassdrum aussetzt. Im weiteren Verlauf des Songs durchläuft u.a. auch der im nächsten Teil folgende Chor diesen Bus.

In der zweiten Hälfte der Strophe – man könnte auch Prechorus dazu sagen – wird die Bassdrum mit einem Hochpassfilter bearbeitet, sodass fast nur noch der helle Attack übrig bleibt. Das Filter wird einfach per Spurautomation ein- und ausgeschaltet.

Das perkussive Synth-Tom läuft weiter. Außerdem kommt ein Mittelding zwischen Snare und Clap hinzu, das ebenfalls nach einer analogen Drum Machine klingt. Auch diesen Sound habe ich auf dem Prophet-6 programmiert. Ein Signal vom Rauschgenerator wird mit kurzen, knackigen Amp- und Filterhüllkurven geformt. Das Hochpassfilter des Prophet entfernt die tiefen Frequenzen. Dazu gibt es etwas Hall und einen Kompressor aus der DAW.

Im Original werden die Harmonien an dieser Stelle von einem mehrstimmigen, mit Autotune bearbeiteten Chor übernommen, den ich mit gesampelten Sounds nur andeuten konnte. Vier Stimmen singen „uuh“ und werden einzeln durch Autotune geschickt. Ich habe je vier Samples aus Alchemy und der EXS Factory Library genommen, sodass jede Stimme gedoppelt ist. Durch leichte Stimmungsschwankungen der Gesangsaufnahmen ergeben sich einige typische Autotune-Artefakte, die ich hier im Workshop durch Verwendung des Pitch Bend simuliert habe, natürlich nur andeutungsweise. Der gesamte Chor durchläuft einen EQ, der die Bässe absenkt und die Mitten übermäßig betont. Außerdem gibt es einen Chorus-Effekt, ein dezentes Vierteldelay und etwas Hall.

Zusammen klingen die beiden Teile der Strophe jetzt so:

Chorus 1

Ab geht's in den Chorus, wo die ungefilterte, massive Bassdrum wieder da ist. Auf den Offbeats spielt zunächst nur eine geschlossene Hi-Hat:

Der Prophet-„Clap“ aus der Strophe spielt weiter und wird durch einen zweiten Clap-Sound ergänzt. Hier hört ihr die beiden Sounds zunächst einzeln und dann zusammen.

Das markanteste Element des Chorus ist neben dem Gesang sicherlich der fette Bass, für den ich den Moog Sub 37 verwendet habe. Zwei leicht pulsbreitenmodulierte Oszillatoren und der Suboszillator sorgen für die Basis. Das auf 18 dB/oct Flankensteilheit eingestellte Filter wird von einer knackigen Hüllkurve moduliert, ebenso der Amp. Der Multidrive und das Filter Feedback machen den Sound noch etwas aggressiver. So klingt der Sound direkt aus dem Moog:

Um eventuelle MIDI-Timingschwankungen auszuschließen, habe ich den Bass daraufhin als Audiospur aufgenommen und mit Logics Flex-Time-Funktion hart quantisiert. Die Effektkette in der DAW sieht folgendermaßen aus: Ein EQ betont die Bässe noch etwas und entfernt einige störende Tiefmitten. Ein Kompressor macht den Sound kompakter und hebt den Attack hervor. Dafür muss die Attack-Zeit so eingestellt sein, dass der Kompressor die Einschwingphase des Sounds unkomprimiert durchlässt und erst dann den Pegel absenkt. In diesem Fall steht die Attack-Zeit bei vergleichsweise langen 50 ms, wodurch der harte Attack des Sounds erhalten bleibt, bevor der Kompressor einsetzt. Schließlich kommt noch ein Chorus zum Einsatz, der dem Sound einen Stereo-Effekt verleiht. Einmal mehr hat sich dafür das kostenlose PlugIn TAL-Chorus-LX bewährt, das den Klang des Chorus des Roland Juno-60 emuliert. Am Ende der Effektkette klingt der Bass so (hier zusammen mit der Bassdrum):

Das übrige Arrangement ist im Chorus sparsam gehalten und lässt viel Raum für den aufwändig produzierten Gesang. Zwei Effektsounds haben einen gewissen Wiedererkennungswert. Zunächst ist da ein Synthesizer, der etwas an einen typischen Sonar-Soundeffekt aus U-Boot-Filmen erinnert. Diesen habe ich auf dem Prophet-6 programmiert. Wie schon beim Synth-Tom entsteht der Klang durch die Selbstoszillation des Filters. Im Mixer ist nur der Rauschgenerator aufgedreht; die beiden Oszillatoren sind aus. Der tonale Charakter entsteht also im Filter und der Sound wird mit dem Cutoff gestimmt. Die Filterhüllkurve mit kurzer Decay-Zeit sorgt für den prägnanten Attack. Der Sound bekommt viel Hall und spielt in jedem zweiten Takt auf der „2“.

Die „Antwort“ auf den Sonar-Sound gibt jeweils ein verfremdetes Sample, das aus einem aus einer Gesangsspur herausgeschnittenen Vokal besteht. Nach einigem Suchen fand ich die passende Klangfarbe in einem Sample aus der Apple-Loops-Library, das um 5 Halbtöne nach unten gestimmt wird. Hier hört ihr das Originalsample (Gospel Improv 06), dann die heruntergestimmte Version und schließlich den daraus gewonnene Schnipsel:

Mit einem EQ wird das Sample so bearbeitet, dass es sehr mittig klingt, fast wie durch ein Telefon. Außerdem bekommt es ein dezentes Achtelnoten-Delay und etwas Hall. Es spielt in jedem zweiten Takt auf der „4“.

In den zweiten acht Takten des Chorus kehrt die „Dam-dam-dam“-Hook zurück und das Arrangement wird etwas verdichtet. Die beiden Synthesizer-Sounds (Prophet und OB-Xd) aus der ersten Hälfte der Strophe kommen wieder dazu. Der Bass wird von einem weiteren Synthesizer und einer Orgel gedoppelt, die ein Quintintervall spielen. Auch dieser Synth-Sound stammt bei mir aus dem Prophet-6. Die Pulsbreite von Oszillator 1 wird über die Poly-Mod-Sektion von Oszillator 2 moduliert, der selbst im Mix nicht zu hören ist. Durch diese Frequenzmodulation entsteht der Eindruck des Quintintervalls.

Bei der Orgel ist die Percussion-Sektion der Hammond-Simulation maßgeblich für den Charakter des Sounds. Die Percussion steht auf Volume=normal, Time=fast und Harmonic=3rd. Bei den Zugriegeln sind 8' und 4' (Grundton und Oktave) sowie 5 1/3' und 2 2/3' (Quinte und Oktave der Quinte) herausgezogen. Alle anderen Zugriegel sind vollständig hineingeschoben. Der Leslie-Effekt ist aktiviert, steht aber in der Stellung „Brake“ (Rotoren angehalten).  

So klingen Bass, Prophet-Sound und Orgel zusammen:

Auch der Beat wird mit einem zusätzlichen Loop etwas voller gestaltet. Wichtigstes Element ist hier die offene Hi-Hat, die die Offbeats betont.

In der Überleitung zur nächsten Strophe werden einige Elemente gemutet, darunter die Bassdrum, die Hi-Hats und der Bass. Und damit ist der Chorus schon fertig. So klingt er im Ganzen:

Strophe 2

Die zweite Strophe entspricht fast genau der ersten. In ihrer ersten Hälfte wird – im Gegensatz zur ersten Strophe – das aus dem Chorus bekannte Vocal-Effekt-Sample eingesetzt. In der zweiten Hälfte spielt zusätzlich das Hi-Hat-Loop aus dem Chorus. Davon abgesehen, ist hier alles genau wie in der ersten Strophe. Im Übergang zum Chorus gibt es ein kleines Fill aus dem Sonar-Sound und einer hochpassgefilterten Bassdrum:

Chorus 2

Auch der zweite Chorus ist beinahe eine exakte Kopie des ersten. Einzige Änderungen: Der Loop mit der offenen Hi-Hat und die beiden rhythmischen Synths aus der Strophe (Prophet und OB-Xd) dürfen nun auch in der ersten Hälfte des Chorus mitspielen und in der zweiten Hälfte kommt der Chor aus dem Prechorus dazu. Hier hört ihr die zweite Strophe und den zweiten Chorus:

Bridge

Bevor es in den Schlusschorus geht, wird eine kurze Bridge eingeschoben, in der die Bassdrum und der Bass aussetzen. Die Claps und das Hi-Hat-Loop spielen weiter. Das rhythmische Prophet/OBXd-Pad bildet das harmonische Fundament. Dazu kommt ein Sound, der an ein Vibraphon erinnert. Ihn habe ich aus dem Logic-Synth Sculpture:

Darüber läuft der Dam-Dam-Chor, während die Leadstimme improvisiert. Zwei Takte vor dem Schlusschorus setzt alles aus und es übernimmt ein Roll aus einer gesampelten Snaredrum, die langsam heruntergepitcht wird:

Im letzten Takt vor dem Chorus hört man nur noch die Hallfahnen des Gesangs und der Synthesizer und es entsteht ein Spannungsmoment, bis ein perkussiver Sound auf der „4“ den Auftakt zum Chorus bildet. Er ist eine Kombination aus dem Clap und dem Sonar-Sound, wobei letzterer hier statt der Quinte den Grundton der Songtonart spielt. So klingt die Bridge im Ganzen:

Chorus 3

Ab geht’s in den Schlusschorus, für den wir keine neuen Elemente mehr brauchen. Nur die Kombination wird etwas variiert. Im ersten der drei 8-taktigen Durchläufe spielen Drums, Bass (mit der Dopplung durch Synth und Orgel) sowie der Sonar-Sound und das Vocalsample. Im Übergang zum zweiten Drittel taucht das kleine Fill mit der gefilterten Bassdrum wieder auf. Jetzt setzen das Prophet-Pad und der Chor wieder ein. So geht es weiter bis zum Ende des Chorus.

Outro

Den kurzen Schlussteil bekommt man in der Realität wohl nur selten zu hören, weil der DJ hier schon zum nächsten Song überblendet oder der Radiomoderator zu reden beginnt. Die acht Takte bestehen aus dem Chor, der hier mit dem Vibraphon und dem Prophet-Pad kombiniert wird.

Damit sind wir mit dem Nachbauen des Hits fertig und es ist Zeit, den Song in voller Länge anzuhören. Ich hoffe, dass euch diese Folge wieder Spaß gemacht hat. Bis zum nächsten Produce-alike Workshop!

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