Hersteller_Korg DIGI-Synth
Test
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17.03.2020

Praxis

Handhabung & Klang

Wohl die meisten Musiker verwenden ihre Korg Wavestation als eine Preset-Maschine. Was sich bei einer Performance hinter den Kulissen so alles klangtechnisch abspielt, bleibt ein Rätsel. Auch die Korg Wavestate will näher verstanden werden, sobald neue Sounds entlockt werden sollen. Sie ist in der Summe wesentlich komplexer strukturiert als beispielsweise ein Korg Minilogue XD oder die meisten angesagten analogen Synthesizer. Selbst der Wavestation-Kenner benötigt eine längere Aufwärmphase, bis er sich mit der Oberfläche und den neuen Features vertraut gemacht hat. Manches auf dem Benutzer-Interface verläuft in der Praxis weniger glücklich. Ein Beispiel: Zu häufig muss die unscheinbare Shift-Taste gefunden und bemüht werden - beim Aktivieren der vier Layers, zum Einschalten des Arpeggiator-Latch und auch bei den Live Sets zur Bankanwahl. Angesichts der vielen rhythmischen Klangphrasen ist es ebenfalls schade, dass die Wavestate keinen dedizierten Tempo-Regler anbietet. Man darf stattdessen mit den Page-Tasten durch das Performance-Setup navigieren und aufs kleine Display schauen – und dies geschieht leider etwas zu oft in der Praxis.

Wer sich in die Tiefen der Korg Wavestate wagt und stets einen kühlen Kopf behalten will, braucht bei dieser schieren Parameterflut - wie vermutlich auch die Werksprogrammierer bei Korg - einen Software-Editor, den es leider nicht gibt. Speziell für die Arbeit mit dem Wave Sequencing wäre eine visuelle Darstellung und die komfortable Bearbeitung der einzelnen Lanes auf einem großen Bildschirm wirklich hilfreich.

Keineswegs möchte ich die Programmierung am Gerät dramatisieren. Im Gegenteil, es finden sich teilweise deutliche bessere Wege zur Kreation eigener Sounds als bei der Wavestation. Schon die Effektsektion lässt sich dank sinnvoller Presets und einer guten Parametrisierung wirklich effektiv am Gerät bearbeiten. Neue eigene Performances entstehen durch einfaches Abwandeln von Programs und Effekten einer vorhandenen Performance, oder durch spielerische Aktionen mit den Lanes. Welche Variationen innerhalb kurzer Zeit entstehen, wenn lediglich die Wave Sequences bei einer Performance ausgetauscht werden, deutet das folgende Soundbeispiel an. Zunächst die originale Performance „Unison Xfades“ und danach der gleiche Sound mit alternativen, schnell abgeänderten Wave Sequencen.

Zudem wartet die Korg Wavestate mit einer Randomize-Funktion auf, mit der sich zufällige Variationen einer Performance komplett oder in wählbaren Teilbereichen erzeugen lassen. Großartige Sounds entstehen dabei eher selten, die Zufallsfunktion kann aber zumindest den experimentell angehauchten Musiker zu neuen Ideen verleiten. Wir nehmen noch einmal die Performance „Unison Xfades“ als Ausgangspunkt und lassen diese gesamte Performance randomisieren. Zuerst das Original, danach die per Knopfdruck zufällig entstandenen Klänge.

Überhaupt zählt letztlich die Typfrage zur Beurteilung der Bedienung des Synthesizers. Wer systematisch programmieren und unbedingt alle relevanten Parameter auf dem Schirm haben möchte, fühlt ich auf der haptisch durchaus souveränen Oberfläche der Korg Wavestate nicht sonderlich wohl. Für Musiker, die gern nach dem Zufallsprinzip vorgehen und sich gern einmal durch unvorhergesehene Ereignisse inspirieren lassen möchten, liefert dieser Synthesizer schon gute Ansätze. Übrigens, mögliche Strategien zur effektiven Soundbearbeitung werden wir noch in einem folgenden Workshop vertiefen. Ja, die Korg Wavestate ist keine trendige Eintagsfliege und wird uns noch eine Weile beschäftigen.

Wie klingts?

Unter den 240 werkseitig offerierten Performances, die auf bis zu 740 Programs zurückgreifen, finden sich erstaunlich wenig Derivate der ursprünglichen Korg Wavestation. Das ist auch gut so, denn solche Sounds lassen sich mittlerweile kostengünstig per iPad-App (Korg iWavestation) konsumieren. Das Soundangebot bedient ähnlich wie bei der Wavestation unterschiedliche Klangsparten und -stile, fällt aber bei der Wavestate aktueller aus und berücksichtigt einige aktuelle Trends der elektronischen Musik. Nicht nur für den Downbeat-Sektor, auch für Complextro, Deep House, Dubstep oder Trance/Techno lassen sich individuelle rhythmische Phrasen erzeugen.  

Genau 64 Performances können in Set Lists (vier Bänken mit jeweils 16 Einträgen) organisiert werden, was die Anwahl von Sounds während eines Live-Gigs vereinfacht. Um erst einmal alle Werksklänge kennenzulernen, sollte der Perform-Taster gedrückt werden und die im Display erscheinende Liste der Performances abgearbeitet werden. Positives Detail: Unauffällige Wechsel der Performances ohne störende abreißende Klänge sind dank des „Smooth Sound Transition“-Features möglich.  

Einige Typen von Performances treten bei den mitgelieferten Performances der Korg Wavestate häufiger in Erscheinung. Einen hohen Staunfaktor haben die Wave-Sequencing- und Arpeggiator-Grooves mit „Show Room“-Qualitäten. Hier vier solcher Exemplare. Man spürt, dass sie ein besseres Timing und mehr Punch haben als vergleichbare Klänge der betagten Korg Wavestation.

Nicht zu verachten sind die orchestrale Klänge, natürliche Chöre und emotional stimulierende Sounds für klassische Filmmusik.

An sanften Klängen für New Age, Ambient und traditioneller Meditationsmusik mangelt es wirklich nicht. Hier zwei Flächenklänge aus diesen Rubriken.

Die Wavestate bietet vor allem auch extravagante Synth Compings und rhythmisch pulsierende Flächenklänge, mit denen sich schnell Akkordbegleitungen erstellen lassen.

Ein weiteres Feld sind die neuinterpretierten Akustikinstrumente sowie Mallet- und Glockensounds.

Zwar gibt es auch Brot und Butter, aber viele der Performances sind sehr eigenständig mit hohem Wiedererkennungswert und fügen sich selbstverständlich nicht ohne Weiteres in jedes beliebige Song-Arrangement. Es ist wohl strategisch günstiger, solche Klänge der Wavestate als Inspirationsquelle für neue Songs aufzuspüren und weitere Spuren in der DAW „drumherum“ zu bauen. Wichtiger Tipp beim persönlichen Anspielen der Korg Wavestate: Bitte Geduld mitbringen, wenige Noten oder einfache Akkorde auf der Tastatur spielen und diese über eine lange Zeit gedrückt halten und dabei vor allem beobachten, wie sich der Klang des Wave Sequencing sukzessive entwickelt. Schließlich sollten dann unbedingt auch die acht Mod Knobs probiert werden, was für die Performance mehr an Ausdruck bringt als ein planloses Rühren mit dem Vectorstick.

Im Gesamtbild liefert die Korg Wavestate dynamische und vielschichtige Klangbilder in einer meist ausgezeichneten Qualität. Rhythmische Pads und andere modulative Klänge sowie komplexe Layer, welche die 64-fache Polyfonie gekonnt ohne Stimmenklau ausreizen, sind die wahren Stärke. Klangästhetisch passen Attribute wie „dynamisch“, „soft und „kultiviert“ viel besser als „rauh und hart“, obwohl auch harsche digitale Klänge realisierbar sind. Zugegeben, für die Musikproduktion nutze ich mittlerweile fast ausschließlich Software-Instrumente. An die speziellen Sequencing-Performances der Korg Wavestate kommen aber selbst renommierte Plug-ins (wie etwa Spectrasonics Omnisphere oder NI Kontakt) nicht heran. Es lohnt sich also, mit diesem kompakten Hardware-Synthesizer neue Sounds auszuloten, die einmal nicht aus den VSTs kommen. Für Pianos, Streicher und Bässe (eher sporadisch im Factory Set vorhanden) sowie weitere Standards, die auch gut möglich sind mit der Wavestate, empfehlen sich aber Synthesizer-Workstations.  

Alles perfekt? Nicht ganz, denn vermisst werden beim tollen Werksangebot noch einige „Template“-Performances, die sich als Schablonen zur Erstellung bestimmter Klangtypen anbieten. Beim Korg Minilogue XD sind solche nützlichen Programs vorhanden.

Korg Wavestate Sound Demo (no talking) - NAMM 2020

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