Feature
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16.12.2013

Buchtipp: Shaun Ryder "Twisting My Melon" Autobiographie

Lebensgeschichte des Happy Mondays Sängers und "Madchester" Vorreiters

Shaun Ryder wird immer wieder gefragt, ob er froh ist, dass er noch am Leben ist, so extrem wie er den Rock’n’Roll gelebt hat. Für ihn stellt sich diese Frage nicht: Er ist einfach dankbar, dass er als Kind aus einfachen Verhältnissen überhaupt eine Chance hatte, mitspielen zu können. Viele seiner Sandkistenfreunde sind inzwischen im Knast oder drogentot.

"Madchester", die Stadt im Nordwesten Englands hat viele bekannte Bands hervorgebracht: Ob Oasis, New Order, The Smiths, die Stone Roses – oder eben die Happy Mondays. Richtig "Mad" wurde es in Manchester, als Ende der 80er durch die vom legendären Label Factory Records gegründete Großraumdisko The Haçienda die Partyszene mit all ihren berauschenden Nebenwirkungen Einzug hielt (einen guten Eindruck davon vermittelt übrigens der Film "24 Hour Party People").  Die Happy Mondays sind eine der bekanntesten Bands dieser Szene – und Shaun Ryder ihr damals sich scheinbar permanent "under the influence of…" irgendwas befindender Sänger. Das erste Album kam 1988, die größten Erfolge waren "Step On" und "Kinky Afro" (Video weiter unten). Die Texte der Band waren ebenso schräg wie die Präsentation auf der Bühne: Bandmitglied Bez war laut Shaun vor allem für die gute Stimmung und seine sehr eigene Art des Tanzens dabei. Und der Keyboarder konnte eigentlich gar nicht richtig spielen – trotzdem wurden sie in England zu einer sehr einflussreichen Band.

Shaun Ryder wird 1962 in der Nähe von Manchester geboren, und wächst in recht einfachen Verhältnissen auf. Die Schule verlässt Shaun mit 15 ohne richtig lesen und buchstabieren zu können – er hatte Lernschwierigkeiten und war immer wieder auffällig geworden. Also eigentlich eine perfekte Voraussetzung, auf die schiefe Bahn zu geraten und unterzugehen. In seiner Teenagerzeit bricht er in einige Häuser ein, mit 13 oder 14 wird er von seinem verzweifelten Vater auch mehrfach rausgeworfen, mit 15 beginnt er einen Botenjungenjob bei der Post. Kleine illegale Geschäfte laufen zur Finanzierung seines Lebens weiter – es verschwinden auch schon mal Pakete.

Mit zwei Freunden und einer Rhythmusmaschine beginnt er Musik zu machen. Sein Bruder Paul beginnt Bass zu lernen und stößt dazu. Shaun sagt, dass seine ersten Gesangsversuche im Prinzip Kopien des Stils von Joy Division Sänger Ian Curtis waren, richtig guter Musiker ist zu dem Zeitpunkt keiner von ihnen. Der kommt erst mit Gitarrist Mark Day hinzu, der sogar Noten lesen kann. Dafür kam dann mit Paul Davis noch ein weiterer „Mate“ hinzu, der nur aufgrund der Neuanschaffung eines Keyboards in die Band durfte, ohne es damals spielen zu können. Das wichtigste war für die Jungs erst mal überhaupt eine Band zu haben – der Rest würde sich schon finden. Ihre Punkattitüde zeigt sich auch in vielen anderen Details, bis hin zu ihren Spitznamen: X, Horse, Cowhead, Knobhead und No Arse. Mit der Band ist es ihnen aber von Anfang an Ernst: Bei den Proben darf niemand dabei sein, sie empfinden das als ihre Chance, etwas mehr aus sich zu machen, aus ihren Verhältnissen eventuell ausbrechen zu können.

Mit 19 heiratet er, seine Mutter muss ihn am Tag der Trauung aus dem Pub vor den Altar zerren – er kommt zu spät zur eigenen Hochzeit. Er ist wie alle seine Freunde an dem Tag auf Acid, ihm ist es irgendwie alles schrecklich unangenehm. Die Idee nicht zu heiraten kommt ihm nicht. Seinen Job bei der Post verliert er kurz darauf, als eine seiner krummen Sachen auffliegt. Er beschließt einen auf arbeitslos zu machen, um sich mehr um die Band zu kümmern. Nebenbei gerät er tiefer in die Drogen. Er entdeckt „E“ für sich und beginnt damit zu dealen – an einem Punkt sind er und seine Jungs in der Haçienda der Hauptanlaufspunkt für diese damals neue Modedroge. Auch bei der Musik kommen die Dinge ins Rollen: Sie spielen Supportgigs mit New Order, das Factory nimmt sie schließlich unter Vertrag. Sie nehmen ihre erste Single „Delightful“ auf, kurz danach die zweite „Freaky Dancing“, die von New Order Mitglied Bernard Sumner produziert wird. Als Produzent ihres 1987 erschienenen Debütalbums „Squirrel and G-Man Twenty Four Hour Party People Plastic Face Carnt Smile (White Out)“ gewinnen sie John Cale, Mitbegründer der Velvet Underground. Die Reise geht weiter, die Band wird bekannter. Mit „Bummed“ und „Pills 'n' Thrills and Bellyaches“ (mitproduziert von Paul Oakenfold) folgen 1988 und 1990 die beiden Alben, die ihren Ruf als wichtige neue Bands auch kommerziell festigen. 

Happy Mondays Video zu "Kinky Afro" (vimeo/Tron67de):

Alles hätte so schon sein können – aber die Happy Mondays beginnen vom Weg abzukommen. Nicht zuletzt auch wegen der Dauerparty. Die persönlichen Beziehungen der Bandmitglieder werden komplizierter. Eine schöne Anekdote im Buch ist ein Fotoshoot für ein Musikmagazin: Er lässt sich mit dem Ausspruch „They kept me going on tour“ mit einem Kit Kat fotografieren. Das bringt ihm kartonweise Schokoriegel ein – Nestle wäre sicher weniger begeistert gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass es ihm lediglich um die Stanniolfolie ging. Denn die brauchte er für die Drogenzubereitung...

Bereits 1993 trennt sich die Band zum ersten Mal. Shaun gründet mit Happy Mondays Tänzer Bez die Band Black Grape, die 1995 Erfolge in England verbuchen kann. Aber sein recht ungesunder Lebensstil macht alles immer unübersichtlicher – eine schlechte Managemententscheidung mit folgendem Rechtsstreit wird ihm außerdem für Jahre sämtliche Einkünfte nehmen. 1999 reformieren sich die Mondays, was mit dem Ausstieg von Shauns Bruder 2001 abrupt wieder endet: Das Verhältnis der beiden zueinander ist kaputt. Es folgen weitere Irrungen und Wirrungen, aber Shaun schafft es sich noch einmal neu zu erfinden als „Showbiz Shaun“ und geht für die UK-Version der Sendung „Dschungelcamp“ in den Dschungel. Das ermöglicht ihm einen Neustart...

„Twisting My Melon“ ist eine sehr interessante Autobiographie: Shaun lässt einen an seinem Weg teilhaben und schreibt ziemlich uneitel über  den Quatsch, den er auf dem Weg auch verzapft hat – meistens ohne allzu viel Pathos oder Glorifizierung. Es gibt einem nicht nur Einblicke in das Gefüge der Happy Mondays, sondern auch in die Entstehung der Musikszene der so genannten „24 Hour Party People“. Besonders gefallen hat mir die Beschreibung des zunehmenden „Nebels“, in dem sich Shaun Ryder wiederfindet – ohne klaren Plan oder Ausweg. Ein Tipp für alle Fans der Post Punk, Acid und Alternative Rock Szene in England. Leider ist das Buch momentan nur auf englisch zu bekommen – aber gut verständlich geschrieben.

INFO

Englisch

Verlag: Corgi (September 2012)

Tachenbuch, 384 Seiten

ISBN: 978-0552165471

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