Feature
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04.01.2017

Party-, Zeitgeist- und Fachliteratur für den DJ

Feature: Die gut sortierte DJ-Bibliothek

Berlin, Berlin, Berlin – Musikgeschichte, verspult und versponnen

Die Moden und Musikrichtungen ändern sich, aber die Feierlust bleibt. In diesem Artikel geht es um Musikgeschichte und ein Thema, um das kein DJ für elektronische Musik vorbeikommt: Berlin! Berliner Nachtleben hat Tradition und dies nicht erst seit den 90er Jahren. Gefeiert und getanzt wird hier schon seit Urzeiten. Zum Beispiel in den 20ern und 30ern. Damals schossen die sogenannten Tanzdielen wie Pilze aus dem Berliner Boden. Besonders rund um den Potsdamer Platz steppte „der Bär“. Da das jedoch vermutlich lange vor deiner Zeit war und dich die Schlachtrufe tanzwütiger Can-Can Tänzer und Tänzerinnen weniger interessieren dürften, beginnen wir dieses Feature mit Büchern über das Nachtleben im Jahre 1974.

Wir lassen die 80er mitsamt den Einstürzenden Neubauten, David Bowie, Iggy Pop und Nick Cave Revue passieren, bevor wir uns dann ausgiebig den Anfängen von Techno, dem Sound der Wende und den damals aufkommenden subkulturellen Strömungen und Strukturen in der Stadt widmen. Wir verfolgen die Entwicklungen und erleben den Wandel der Partyszene vom Underground zum kommerziellen Easy-Jetset der 2000er Jahre und verbringen zum Abschluss noch einen letzten Sommer in einer legendären Bar.

Buchtipp Nr. 1
Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl, Wolfgang Zwirner: Nachtleben Berlin: 1974 bis heute
Metrolit Verlag 2013, gebunden, mit 400 Fotos, 400 Seiten, Preis: 36,00 €

Auch wenn so manch einer der jüngeren Generation sich dies kaum vorstellen kann, die Nächte in Berlin waren auch schon lange vor den Afterhours in der Bar 25 oder den Partys im Berghain wild und lang. Für diejenigen, die in den 80er Jahren ihre Jugend mit Musik zelebriert haben, dürfte Berlin mindestens genauso spannend gewesen sein, wie für die Raver-Scharen ein ganzes Jahrzehnt später.

„Nachtleben Berlin: 1974 bis heute“ liefert einen tollen bunten Überblick, was hier in der Stadt zu Zeiten, als die Mauer noch stand und Berlin eine Insel war, alles abging und aktuell so abgeht. Damals waren noch die Kriegsdienstverweigerer aus der ganzen Bundesrepublik in Berlin versammelt und so gab es eine große alternative Szene. Bands wie Ton Steine Scherben kamen auf und trafen mit ihrem rockigen Sound und deutschen Texten wie „Keine Macht für Niemand“ oder „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ genau den Nerv der Zeit. Berlin war vor allem Punk und Rock und ziemlich „dark“. Eine alternative Enklave hinter Mauern – und drum herum tobte der Kalte Krieg. Gefeiert wurde, als gäbe es kein Morgen. Der Musiker und Musikjournalist Hagen Liebing über das „Risiko“ in der Yorkstraße:

„Das »Risiko« hatte keine festen Zeiten, es öffnete gegen acht Uhr abends und wurde erst geschlossen, wenn am nächsten Morgen auch der letzte Gast schlappgemacht hatte. Zwischendurch drängten sich mehr Menschen hinein, als der kleine Laden eigentlich fassen konnte. Meist reichten Bier und Schnaps gerade ein paar Stunden, weil es mal wieder niemand geschafft hatte, mittags wach zu werden, um den Getränkelieferanten Einlass zu gewähren. Supermärkte machten bereits um 18 Uhr zu und Spätis waren noch nicht erfunden, also profitierte die »Futterkrippe«, ein 200 Meter nebenan gelegener Imbiss. Dort kaufte man palettenweise teures Dosenbier von den ersten Einnahmen des Tages, auch weil vorher oft kein Geld da war, um Einkäufe zu tätigen. Vieles hatte der Betreiber Kögler in Drogen angelegt.“

1976 zog David Bowie nach Berlin und schon bald wurde die Stadt zu einer internationalen Hochburg der Popkultur und des nächtlichen Hedonismus. Von Bowie bis Berghain, der Band »Nachtleben Berlin« illustriert 40 Jahre Berliner Partykultur mit spannenden Geschichten und vielen spektakulären, bisher unveröffentlichten Bildern. Hinzu kommen Texte von Zeitzeugen sowie ein Klubglossar am Ende des Buches. „Wer nicht dabei war, kann trotzdem mitreden. Eine Erinnerung an die Zeit, als Absturz ein Aufbruch war.“ (Süddeutsche Zeitung). Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Ein großartiges Buch für alle Berlin-Liebhaber, die sich für die musikalischen Entwicklungen dieser Stadt interessieren. 

Buchtipp Nr. 2
Sven von Thülen, Felix Denk: Der Klang der Familie
Suhrkamp Nova 2012
, Taschenbuch 426 Seiten, Preis: 12,99 €

„Berlin war nach der Wende ein großer Spielplatz voller Möglichkeiten. Um den ehemaligen Todesstreifen herum entstanden aus dem Nichts und oft für nur wenige Wochen Orte, die Geschichte schreiben sollten. Mit 180 BPM breitete sich von hier die Jugendkultur aus, die Ost und West zusammenbringen sollte: Techno!“

Der Song „Der Klang der Familie“ (Tresor Records), produziert 1991 von 3phase zusammen mit dem Loveparade Begründer Dr. Motte, galt als inoffizielle Hymne der Loveparade und wurde mehrfach zum Abschluss der Veranstaltung gespielt. Kein Buchtitel, den die beiden DJs und Autoren Sven von Thülen und Felix Denk für ihr ambitioniertes Buch gewählt haben, hätte also besser gepasst als dieser. Der Name ist Programm, denn hier kommt die erste Generation Techno zu Wort. Über 70 Szeneaktivisten darunter 3phase alias Sven Röhrig, Dr. Motte, Juan Atkins („The Godfather of Techno“), Mike Banks (Musiker und Gründungsmitglied von Underground Resistance aus Detroit) Dimitri Hegeman (Gründer des Tresors), Marusha (DJ und Radiomoderatorin) oder Derrick May (DJ und Techno-Pioneer aus Detroit) wurden von Sven von Thülen und Felix Denk interviewt. Dabei kam den beiden wohl zugute, dass sie sowohl durch ihre Arbeit als DJs als auch als Autoren bei der de-bug, einem Berliner Magazin für elektronische Lebensaspekte, viele der Protagonisten in diesem Buch persönlich kannten und somit eine vertrauensvolle Basis für offene Gespräche gegeben war. All diese Gespräche, die zum Teil in mehreren Phasen stattfanden, wurden als Audiomaterial aufgezeichnet.

DJ Tanith (Zitat aus seinem Blog„Im letzten Jahr wurde ich von Felix Denk und Sven van Thülen diverse Male zum Thema Techno und Berlin interviewt, so wie die anderen Protagonisten in diesem Buch wahrscheinlich ebenfalls und im Lauf der Interviews wurden die Fragen stets konkreter und bezogen sich auch teilweise auf das, was diese bereits gesagt hatten.“  

Aus mehr als 240 Stunden Audiomaterial erstellten die beiden Autoren ein Buch, bei dem sie selbst, abgesehen von einem Vorwort, völlig im Hintergrund blieben. Das Buch beschreibt somit in eigenen Worten der Aktivisten die Anfänge der Techno-Bewegung in Berlin und liefert einen umfangreichen Einblick in die Zeit des großen Umbruchs dieser Stadt. Dr. Motte: „Unsere Deko bestand aus Nebel und Stroboskop. Die Tanzfläche war klein, aber durch den Nebel lösten sich die Begrenzungen auf. Man verlor sich im Raum. Ein paar Leute, die schon mal in England waren, haben den passenden Tanzstil gekonnt. Mehr so mit den Armen fuchteln. Ein paar Trillerpfeifen waren auch am Start. Klar war, das ist das neue Ding! Das hat ja alles aufgelöst, was man vorher kannte. Ein neuer Sound. Ein neuer Stil. Total elektronisch. Keine Songstrukturen mehr. Alles war neu ...“

Die Entstehungsphase der Techno-Szene in Deutschland wurde schon mehrfach dokumentiert, unter anderem in dem Dokumentarfilm „We call it techno!“ von Maren Sextro und Holger Wick aus dem Jahre 2008. Aber es ist ein völlig anderes Erlebnis, diesen Teil der deutschen Popkultur in Form von bunten, bewegten Bildern mit Musik und Stimmen im Film zu erfahren, als davon in authentischen Erzählungen zu lesen. Letzteres ist meiner Meinung nach tiefer und nachhaltiger. Durch die vielen unterschiedlichen, zum Teil sehr emotionalen Stimmen, hat man beim Lesen nämlich das Gefühl, mittendrin und dabei zu sein. Und man kann noch einiges dabei lernen. Zum Beispiel über die Vorgeschichte von Techno in der DDR:

„Breakdance war so ein Ding, in den DDR-Gegebenheiten eine Nische zu finden. Wir haben in der Disko getanzt und auf der Straße. Das war schon so ein bisschen Subkultur ...“ - DJ Wolle XDP. Wolle, eigentlich Wolfram Neugebauer, war der Veranstalter der Tekknozid Tekkno Raves. Tekknozid war von Anfang 1990 -1991 die erste Reihe typischer Techno-Raves in Ost-Berlin und einflussreich für viele spätere Techno-Veranstaltungen. Um den neuen Sound der Tekknozid-Partys zu beschreiben, erfanden die Veranstalter den Begriff Tekkno, der besonders in Deutschland Anfang der 90er Jahre häufig übernommen wurde. Wolle XDP: „Ich fand den Namen genial. Ganz einfach. Hart, zerstörerisch. Du tanzt auf dem Vulkan. Und das in der Gemeinschaft zu erleben, hatte den gegenteiligen Effekt von dem, was man vermutet – nämlich Euphorie und Friedfertigkeit.“

Tanith: „Wolle hatte seine komischen esoterischen Ideen und einen komischen Humor ...“

Wolle XDP: „Warnung! Härteste Techno Beats aus House, Industrial, Hip Hop, EBM, New Beat und Acid wirken im Zusammenspiel von psychedelischen Licht- und Effektinstallationen auf das Unterbewusstsein. In totaler Ekstase verlieren sich die Grenzen von Zeit und Raum ...“  

Ein Buch, das in der Presse nicht umsonst bejubelt und gefeiert wurde. Es ist ein kleines Monumentalwerk, das sich leicht liest und großen Spaß macht. Dabei ist es informativ und unterhaltsam zugleich. Mir gefällt gut, dass auch die Differenzen, die es in den Gruppen der ersten deutschen Techno-Pioniere gab, durch die verschiedenen Stimmen deutlich zum Vorschein kommen. Als Krönung und zur Belohnung gibt es am Ende des Buches die DJ-Charts sieben namhafter Protagonisten, darunter Jonzon (UFO), Tanith (Tekknozid) und Dr. Motte (Planet). Schon beim Lesen der Titel hatte ich diverse Stücke gleich wieder im Ohr ...

Tanith: (Zitat von seinem Blog) „Hier geht es in gelungener Weise einzig und allein um die Geschichte und Entwicklung der Berliner Urzelle mit all ihren Protagonisten, deren Namen und Werdegang im Anhang auch nochmal nachzulesen sind und spätestens nach dieser kurzweiligen und amüsanten Lektüre finde ich, so unterhaltend wie das ist, haben wir uns das auch verdient.“

Buchtipp Nr. 3
Ulrich Gutmair: Die ersten Tage von Berlin: Der Sound der Wende
Tropen Verlag 2013
, 256 Seiten, Preis: 17,95 €

In diesem Buch erfahrt ihr, warum Berlin heute ist, was es ist. Die Idee dazu hatte Ulrich Gutmair, als er 1997 mit seinem Fahrrad über den Hackeschen Markt in Berlin-Mitte fuhr und ihm dabei auffiel, wie sehr sich das Stadtbild verändert hatte. Nach der Wende gab es dort eine große Hausbesetzerszene, die in verlassenen Häusern Bars betrieben. Jetzt wurden hier auf einmal Schickimicki-Cafés eröffnet und Gutmair hatte kurz das Gefühl, er sei aus Versehen in München gelandet. Aus einem nostalgischen Gefühl heraus hat er sich auf Spurensuche begeben. Der Autor war als Student nach Berlin gekommen und hat diesen großen Umbruch nach der Wende selbst miterlebt. In „Die ersten Tage von Berlin: Der Sound der Wende“ schildert er seine eigenen Erlebnisse und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen. Wie kam es dazu, dass gerade die geteilte und durch Krieg und Diktaturen versehrte Stadt zu einer pulsierenden Metropole wurde? Wer Ulrich Gutmairs Spurensuche folgt, erfährt, warum die Zwischenzeit der Nachwende diese Stadt und das Land noch heute prägt. Nach dem Fall der Mauer wird Berlin für einen Moment zur Hauptstadt der Gegenwart. Berlin-Mitte, mit seinen Brachen und zerfallenden Häusern, ist das Zentrum einer neuen Bewegung. Künstler, Hausbesetzer, Club-Betreiber, Galeristen, DJs und Raver eignen sich die alte Stadtmitte an und erwecken sie wieder zum Leben:

„Wir steigen hinunter und betreten den Gang am Fuß der Treppe. Die Decken sind niedrig, die Wände unverputzt und feucht. Es riecht nach Keller, nach jahrzehntelanger Ruhe, nach Zigarettenrauch und nach dem verschütteten Bier vergangener Feste. Beim ersten Mal herrscht an dieser Stelle Verwirrung: Wo geht’s weiter? Geradeaus in dem langen Stollen, der in vollkommener Dunkelheit verschwindet? Oder lieber rechts um die Ecke? Die Orientierungslosigkeit löst sich in einer Pointe auf. Vor uns liegt kein dunkler Stollen, sondern ein Spiegel, der angelehnt in einem Fahrstuhlschacht steht. Er gaukelt einen Weg vor, den es nicht gibt. Dann ist die Musik zu hören. Wir biegen rechts um die Ecke. Auf einmal sind wir drin ...“

Diese Zwischenzeit, die das Image der Stadt noch heute prägt, dauert nur ein paar Jahre. Die meisten Bars, Clubs und Galerien, die zwischen 1990 und 1997 entstanden, gibt es nicht mehr. Zahlreiche Geschichten kursieren über die unmittelbare Zeit nach der Wende, aber nur wenige wurden aufgeschrieben. Ulrich Gutmair war dabei. Er lässt Akteure von damals zu Wort kommen und verwebt Erinnerungen mit historischem Material zu einem elektrisierenden Porträt der gerade wiedervereinigten Stadt auf dem Sprung zur Metropole. Ulrich Gutmair liefert nicht nur viele historisch relevante Hintergrundinformationen, sondern ist auch ein großartiger Geschichtenerzähler, dem man gerne folgt. Seine Sprache ist bildhaft und sinnlich und manchmal meint man, die Luft förmlich riechen zu können, von der er da erzählt. Die 256 Seiten sind wie im Flug vergangen und ich wäre ihm gern noch weiter gefolgt durch dieses Berlin nach der Wende, das auch mir so vertraut ist und das ich manchmal ganz leise und heimlich vermisse.

Buchtipp Nr. 4
Paul Paulun, Stéphane Bauer: Wir sind hier nicht zum Spaß. Kollektive und subkulturelle Strukturen im Berlin der 90er Jahre
Kunstraum Kreuzberg Bethanien 2013
, Ausstellungskatalog, 144 Seiten, Preis: 10 €

Dieses Buch entstand als Katalog im Zusammenhang mit einer Ausstellung, die 2013 im Künstlerhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg stattfand. In Wort und Bild gibt es einen guten Überblick über das bunte Treiben in der Berliner Subkulturlandschaft nach der Wende. Viele Protagonisten, die aktiv in der Szene tätig waren, kommen hier zu Wort, lassen diese Zeit noch einmal Revue passieren und erinnern so an die einzigartige Aufbruchsstimmung. Darunter DJs, Video- und Aktionskünstler wie Jim Avignon oder die Betreiber des legendären Club Elektro und des daraus entstandenen Labels Elektro Music Department. Die im ehemaligen Ost-Berlin herrschende Anarchie kurz nach dem Mauerfall erschuf einen Boden, auf dem eine Kulturlandschaft spross, die immer neue Blüten trieb und die bislang ihresgleichen sucht. Viele Häuser standen leer, die Besitzrechte waren ungeklärt, Beamte und Behörden, die vorher zuständig waren, fühlten sich nicht mehr verantwortlich und die aus West-Berlin noch nicht zuständig.

So entwickelte sich in der geographischen Mitte von Berlin rund um den Potsdamer Platz, der damals bis auf ein einsames Haus noch unbebaut war, der größte Abenteuerspielplatz aller Zeiten. Ein großes Kribbeln lag in der Luft. Berlin war über Nacht zu einem der aufregendsten Orte der Welt geworden. Jetzt schien alles möglich. Jede Nacht machten an ungewöhnlichen Locations neue Bars und Clubs auf. Manchmal nur für eine Party, manchmal länger. Man ging einfach los, ließ sich treiben und landete dort, wo man es sich nicht hätte vorstellen können. Man kletterte in feuchte Kellerlöcher, durch Mauerspalten oder über Müllhaufen, um sich dann in einer improvisierten Bar wiederzufinden. Als Räume dienten mal ein leerstehender Friseursalon, mal ein alter Obst- und Gemüseladen oder auch eine unterirdische Toilettenanlage, die längst unter Wasser stand und wo Moos aus den Wänden wuchs. Es ging darum, mit den wenigen finanziellen Mitteln, die einem zur Verfügung standen, Kultur zu schaffen – und das vor allem autonom.

„Wir sind hier nicht zum Spaß“ ist eine Rückschau. Das Buch beginnt mit einer kurzen, informativen Einleitung des Herausgebers und Kurators Paul Paulun, der selbst als DJ und Veranstalter lange Zeit die Radiobar betrieben hat. Dann folgt ein Text von DJ Bass Dee. Er leistete mit Alec Empire (Atari Teenage Riot) Anfang der 90er auf den Bass Terror Partys Aufbauarbeit in Sachen Jungle und Breakbeats. Bass Dee nimmt wichtige Musikstücke der 90er Jahre als Ausgangspunkt und stellt sie in einen Zusammenhang mit Situationen, in denen sie gehört wurden. Die Stadt als Erlebnisraum, das ist der rote Faden, der sich durch das gesamte Buch und auch das darin enthaltene, abgedruckte Hörstück zieht. Es geht um die Erlebnisse von 33 Musikern, DJs, bildenden Künstlern, Klubmachern, Malern, Programmierern, Hausbesetzern und Modemachern in der Zeit zwischen 1990 und 2000. Ich finde, dies ist ein tolles Buch mit vielen Fotos, das ein bisschen wehmütig macht. In meinem Fall, weil diese aufregende Zeit, die ich selbst miterlebt habe, vorbei ist. Aber man kann beim Lesen genauso wehmütig werden, weil man diese Zeit verpasst hat und nicht dabei war. Zumindest vor dem geistigen Auge kann das „Feeling“ mit diesem wunderbaren Buch jedoch reproduziert werden. Unbedingt lesen!

Buchtipp Nr. 5
Tobias Rapp: Lost and Sound
Suhrkamp 2009
, Taschenbuch, 268 Seiten, Preis: 8,99 €

In einer Zeit, als Techno längst tot war, vor allem für die, die lange Zeit aktiver Teil der damals elektronischen Subkulturszene in Berlin waren, entschloss sich Tobias Rapp, ein Buch zu schreiben, das diese Aussage widerlegen sollte. Schließlich war das alles nur eine Frage der Perspektive. Aus der Sicht des Spiegel-Journalisten, der auch schon als Musikredakteur für die taz und als DJ gearbeitet hat, war Techno zu diesem Zeitpunkt so lebendig wie noch nie. Von der Rave-Bewegung zur hedonistischen Internationale ...

Nach einem kurzen Vorwort startet sein Buch: „Es ist kurz nach Mitternacht, und falls die Stadt schon schlafen sollte, macht sie das woanders ...“ Ein Satz, der so klingt, als käme er direkt aus dem Äther von einem Radiomoderator, leitet den Wochenbeginn der Partypeople in Berlin ein: „Es ist Mittwoch, das Wochenende noch zwei Arbeitstage weg, das Kribbeln ist schon da ...“

Und mit diesem Kribbeln im Bauch lässt uns Tobias Rapp dabei sein, wenn er feierlich den ersten Club, das Watergate, betritt. Es macht Spaß, ihm und seinem Blick zu folgen. Für jeden, der oder die auch nur ein bisschen Erfahrung im Nachtleben hat, entsteht vor dem geistigen Auge die Party. Man ist mittendrin und erlebt den magischen Moment, wo sich die Tanzfläche füllt, hautnah. Nebenbei erhalten wir jede Menge Insider-Informationen, denn Tobias Rapp entpuppt sich als ein intimer Kenner der Szene.

„Die Party ist zwar immer dieselbe, aber sie wird durch den Wochentag definiert, an dem sie stattfindet. Es macht einen Unterschied, ob man mittwochs feiert, während die meisten Leute zur Arbeit gehen und der Schritt in die Parallelwelt des Nachtlebens noch radikaler und dekadenter ausfällt. Oder ob man sonnabends ausgeht, wenn jeder ausgeht und man selbst eben nur anders ausgeht ...“ (Zitat, Tobias Rapp aus einem Interview im Tagesspiegel 2.03. 2009)

Wir lernen anhand des Beispiels der beinahe fünf Kilometer langen Strecke zwischen Alexanderplatz und Oberbaumbrücke, wie mitten im Zentrum der Hauptstadt eine geheime, verborgene Welt entsteht und wieso diese Club-Meile für die Uneingeweihten so gut wie unsichtbar bleibt: „Eine Stadt möchte gelesen werden. Sie gibt die Bedeutung ihrer Zeichen nicht jedem Preis. Man muss sie zu entziffern wissen ...“

Dabei begegnen wir dem europäischen Easy-Jetset und der dazu gehörigen Club-Geografie. Das Herz des Buches bildet eine umfangreiche und sich über mehrere Kapitel erstreckende, bunt schillernde Erläuterung der „Vier Säulen des Berliner Nachtlebens“, wozu unter anderem der Ricardo (Villalobos) und das Berghain zählen. Wir stehen mit dem Autor Schlange, haben Angst, dass wir nicht reindürfen, wollen überhaupt nie wieder nach Hause, erleben am Sonntag „das sanfte Glück des posteuphorischen High“ und landen montags zwischen total verstrahlten 72-Stunden-Party-People in der Bar 25. Wie heißt es da so schön: Feiern, bis die Haare leuchten. Zum Glück bleiben beim Durchlesen im Gegensatz zum Durchfeiern keine unangenehmen Begleiterscheinungen zurück, außer vielleicht irgendwann ein mordsmäßig knurrender Magen.

Zum Ausklang des Buches gibt es noch einen Konflikt zwischen Rave-Mutter und Rave-Tochter. Ein Text von Anton Waldt, der bereits in der de-bug, einem Magazin für elektronische Lebensaspekte, erschien. Diesen Teil hätte man meiner Meinung nach ruhig rauslassen können. Dafür gefällt mir das Kapitel über die „große Techno Klötzchenschieberei“, ein kurzer, unterhaltsamer Exkurs über die erstaunliche Erfolgsgeschichte der Musiksoftware Ableton Live. Sehr schön ist auch der Schluss des Buches, nämlich eine kleine Geschichte des Berliner Sounds der „Nuller Jahre“ anhand von 20 Platten. So kann dann jeder noch nachhören, wie diese Zeit denn nun eigentlich klang.

„Lost and Sound“ ist ein Buch, das mir persönlich beim Lesen viel Freude gemacht hat, obwohl ich selbst in den beschriebenen Jahren eigentlich so gut wie gar nicht (mehr) ausgegangen bin. Das habe ich hiermit im Geiste nachgeholt. Das Werk ist unterhaltsam, informativ und lässt sich leicht und gut lesen. Tobias Rapp porträtiert die faszinierende, exzessive Hauptstadtkultur und ihre Protagonisten, aber nicht von außen, sondern von innen: “Auch ein Kistenstapelraver ist da. Er tanzt vor dem DJ Pult ...“

Buchtipp Nr. 6
Ju Innerhofer: Die Bar – Eine Erzählung
Metrolit Verlag, 2013
, gebunden 224 Seiten, Preis: 16,99 €

„Ich stehe am Kotti, mein Herz pocht laut und wild gegen meine Brust. Ich will raus aus meiner Welt. Eintauchen in die andere, die mir jetzt monatelang verwehrt war. Genau das will ich, jetzt und sofort.“

Die Bar ist eine Erzählung aus der Sicht einer Tresenkraft: „Ich bin auf dem Weg in die Bar, in mein persönliches Paralleluniversum, um dort als Kellnerin – oder besser gesagt als Barfrau – meinen ersten Dienst in dieser Saison zu verrichten. Langsam macht sich auch die erste Vorfreude breit. Alle wiedersehen, das Neueste hören ...“

Die Autorin Ju Innerhofer ist in Südtirol aufgewachsen. Mittlerweile lebt sie als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Vier Jahre lang arbeitete sie im Berliner Nachtleben und ließ sich dabei und davon inspirieren. Die Bar erzählt auf authentische Weise die Geschichte eines Sommers in einem berühmt-berüchtigten Club in Berlin. Wer die Bar 25 kannte, wird beim Lesen immer wieder auf Parallelen stoßen. Auch wenn die Autorin in Interviews immer gern betont, dass sie sich von verschiedenen Clubs in Berlin hat inspirieren lassen, ist es offensichtlich, dass sie ihre eigenen Erfahrungen an dem legendären Ort hinter der unauffälligen Tür im Bretterzaun an der Holzmarktstraße in Berlin-Mitte gesammelt hat: „Ich lasse die Realität vor dem Bretterzaun, der das Gelände der Bar umgibt, nehme sie nicht mehr wahr und werde jegliche Schwere wegspülen – mit was auch immer ...“

Die Protagonisten dieser Erzählung sind drei Freunde: Mia die Barfrau, Victor ein Booker und Jan: „Kurz darauf bin ich kurz zu Victor in die WG gezogen und habe auch Jan kennengelernt. Anfangs war er nur ein Freund der Wohngemeinschaft. Mittlerweile der Dritte im Bunde, neben Victor und mir, wenn es um unvergessliche Sonntage geht ...“

Alle drei sind beseelt von der Euphorie des Rauschs und vom Leben jenseits des Realitätsprinzips: „Als Oberteil ein schlichtes, weißes Feinripp-Männerunterhemd. In diesem Outfit lasse ich mein Wochentags-Ich zu Hause ...“ Doch irgendwann geht die Party zu Ende. „Berlin ist eine unfertige Stadt. Sie kann einen aber fertigmachen. Und trotzdem ist Berlin wohl einer der größten Sehnsuchtsorte ..."

Ein Buch über das schöne, schnelle Leben am Abgrund, über Freundschaft und Einsamkeit, Exzess und Depression. Ju Innerhofer weiß, wovon sie schreibt. Die Bar ist ihr erstes Buch, berauschend, wild und melancholisch. Eine gute Wahl für einen Sommernachmittag.

Alle diese Bücher erhaltet ihr unter anderem in Berlins erster Buchhandlung für elektronische Musik, dem Echo im Stadtteil Wedding.

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