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12.03.2018

5 Klänge, die sie nur mit dem Clavinet erzeugen konnten

Herbie Hancock, Stevie Wonder und Michael Jackson

Keyboard Sound Workshop

Unter den unzähligen Vintage-Keyboards kommt man als Keyboarder nicht am Hohner Clavinet vorbei. Das ist jedenfalls meine persönliche Meinung: Als ich das erste Mal Billie Prestons „Outa-Space“ hörte, wurde mir klar, dass ich unbedingt ein Clavinet haben musste. Etwas faszinierte mich an diesem Sound - kein anderes Keyboard kam an den perkussiven und zickigen Charakter des Clavinets heran.

Für viele Musiker ist speziell das Clavinet D6 ein Kultinstrument, das sich in der Funk- und Soulmusik verewigt hat und auf unzähligen Aufnahmen aus den 70er Jahren zu hören ist. Auf eine ganz bestimmte Art gespielt, verleiht es uns Keyboardern einen Gitarren-ähnlichen Sound. Und dennoch kann das Clavinet so viel mehr, als die Meisten wissen. Deshalb geht es in diesem Artikel um besondere Klänge, die es auf weltberühmte Aufnahmen geschafft haben und unverkennbar mit einem Clavinet eingespielt wurden.

Vom Mittelalter zur Moderne

Erfunden wurde das Clavinet 1964 von Ernst Zacharias, welcher über viele Jahrzehnte hinweg mit seinem genialen Erfindergeist Instrumente und Patente entwickelte. Die Clavinet-Produktion begann in den späten 60er Jahren und wurde bis in die 80er Jahre von der Firma Hohner aus Trossingen produziert. Wie bei den meisten von Zacharias’ Erfindungen, handelt es sich auch beim Clavinet um eine Variation eines Barockinstruments: Das Clavinet stammt vom Clavichord ab und ist so gesehen ein elektroakustisches Mini-Cembalo mit einem Manual. Für die Verwendung in der klassischen Musik ist der Klang allerdings etwas starr und lebloser als z. B. bei einem echten Cembalo. Klassische Musiker hatten das Clavinet schon damals kategorisch abgelehnt und so wurde es - ähnlich wie die Hammond-Orgel - entgegen seiner ursprünglichen Intention für die Popmusik entdeckt. Unzählige Künstler lernten den eigenartigen Klang des Clavinets zu schätzen und nutzen es in ihrer Musik auf eine ganz besondere Weise. Weltbekannte Musiker wie z. B. Stevie Wonder, Billie Preston, die Beatles, Earth Wind & Fire und Michael Jackson sind prominente Beispiele für den genialen Einsatz dieses Instruments.  

Klangerzeugung und Pickup-Schaltung

Das Geheimnis des Clavinet-Sounds liegt direkt unterhalb der Tastatur: Diagonal gespannte Saiten werden mit Gummischlegeln angestoßen und in Schwingung versetzt. Unter und oberhalb der Saiten sitzen - an zwei verschiedenen Stellen, wie bei der E-Gitarre - die beiden elektromagnetischen Pickups A (Rhythm Pickup) und B (Bridge Pickup), die mit dem A/B und C/D Kippschaltern auf verschiedene Arten geschaltet werden können. Steht der C/D-Kippschalter auf C, dann hört man jeweils einen der beiden Pickups (A oder B). Steht dieser Kippschalter hingegen auf D, dann werden die Pickups parallel geschaltet, wahlweise in Phase (A) oder gegenphasig (B), was zu Auslöschungen von Frequenzen führt und den Klang stark verändert. Am einfachsten hilft man sich hier mit einer Eselsbrücke: D steht für Dual-Pickups und mit C werden die Pickups getrennt voneinander gehört. Die vier Schalter links daneben (Brilliant, Treble, Medium und Soft) wirken jeweils als EQ-Einstellungen mit festen Frequenzbereichen. 

1. Muted Guitar à la Michael Jackson

Mit dem mechanischen Mute-Regler legt sich ein Dämpfer - ähnlich dem Palm-Muting bei der Gitarre - auf die Saiten und lässt sie dadurch sehr kurz und perkussiv erklingen. Das ermöglicht uns Keyboardern z. B. das Spielen von gitarrentypischen Single-Note-Lines. Ein berühmtes Beispiel dafür ist Michael Jackson’s „Don’t Stop ‘Til You Get Enough“ aus dem Jahre 1979. Besonders deutlich hört man das Clavinet in der letzten Minute. Schiebt man den Mute-Regler bis ans Ende, dann entsteht sogar ein Nebeneffekt: Der Ton wird gegen Ende des Regelweges höher, da der Dämpfer durch die recht starke Feder feste auf die Saiten drückt und sie damit gewissermaßen verstimmt. Das lässt sich aber vermeiden, indem man den Regler nicht ganz aufschiebt.

In unserem ersten Video mache ich von dem Mute-Regler Gebrauch und schiebe ihn langsam zu. Dann kommt mein Delay (Electro Harmonix Deluxe Memory Boy) zum Einsatz, welches die gespielte Phrase mit einem Achtel-Delay zu einem U2-artigen Rhythmusgetriebe „ankurbelt“. Besonders schön ist die Chorus-Modulation des Memory Boys, denn dieser schiebt das Effektsignal in seiner Tonhöhe leicht hin und her und lässt es damit etwas lebendiger und breiter klingen.

Der Mute-Regler des Clavinets im Einsatz. (Foto: Christian Frentzen)

 

2. Die Gitarre unter den Keyboards: Lachy Doley und Tony Beliveau

Durch die verwendete Elektronik hat das Clavinet einen großen Vorteil gegenüber seinem akustischen „Gegenpart“: Es lässt sich per Klinkenkabel an einen Verstärker und natürlich auch an diverse Effektgeräte anschließen. Im Prinzip eignen sich hierfür alle Effektgeräte, die man als Gitarrist kennt: Chorus, Phaser, Delay, Distortion, etc.  

Für mich persönlich ist das Clavinet damit zur Gitarre unter den Tasteninstrumenten geworden. Und was liegt da näher, als sich mit den vielen Effekten, die es gibt, ordentlich auszutoben! Im nächsten Beispiel habe ich den Big Muff Verzerrer eingesetzt. Das macht z. B. auch Lachy Doley, der mit seinem speziellen „Castlebar Clavinet“ eine verzerrte Gitarre imitiert und damit eindrucksvoll zeigt, was das Clavinet alles kann. Auch Tony Beliveau von den Crash Kings benutzt ein solches Clavinet und schickt es durch einen Verzerrer. Eine Ähnlichkeit zu Jimmy Hendrix ist dann auch als Tastenspieler möglich. Hören wir mal genau hin, wie das klingt: Verstärker an, Verzerrer dran, ab geht’s!

Das Clavinet kann wie eine E-Gitarre klingen. (Video: Christian Frentzen)

 

3. Stevie Wonder’s Superstition: Unverkennbarer Klassiker

Jeder kennt dieses Riff: Vermutlich handelt es sich um die prominenteste Aufnahme eines Clavinets. Ganz nebenbei bemerkt hat Stevie Wonder diese Aufnahme damals auf dem Vorgänger des D6-Clavinets, nämlich einem Clavinet C eingespielt. Klanglich gesehen kommt man dem Sound am nächsten, wenn man nur Pickup B benutzt (die Schalter müssen dann also auf „CB“ stehen). In dieser Einstellung ist der Sound etwas weniger bassig, besitzt etwas mehr Höhen und ist insgesamt viel zickiger. Auf meiner Youtube-Suche habe ich sogar die isolierten Clavinet-Spuren von Stevie Wonder gefunden, siehe unten. Für seinen Song hat Stevie Wonder insgesamt drei Clavinet-Spuren mit verschiedenen Rhythmen eingespielt, welche sich zusammen zu einem interessanten Klang verweben. Für meine Aufnahmen habe ich das Clavinet über einen Fender Princeton Verstärker gespielt und ihn mit einem Neumann TLM103 abgenommen.

Der Superstition-Sound mit dem Clavinet. (Video:Christian Frentzen)

 

4. Wah-Gitarre à la Herbie Hancock, Billie Preston oder Incognito

Natürlich darf das Wah-Pedal unter keinen Umständen beim Clavinet fehlen. Ich habe damals diverse Pedale ausprobiert und bin schlussendlich beim Dunlop Crybaby geblieben, weil mir der Sound am besten gefiel. Einige Kollegen hatten mir zur Bass-Variante, dem Bass-Crybaby aus gleichem Hause geraten, welches mir allerdings etwas zu dumpf erschien. In den 70er Jahren waren Billie Preston und Herbie Hancock prominente Benutzer des Wahwah-Pedals und auf manchen Aufnahmen haben sie deshalb sogar auf ihre Gitarristen verzichtet. Das ist mit Sicherheit eine der Stärken des Clavinets: Es lässt sich durch die leichtgängige Tastatur besonders gut rhythmisch spielen. Es liegt also nahe, dass viele Spieler das Clavinet gerne als eine Art „Rhythmus-Gitarre“ benutzt haben.

Der Einsatz des Wah-Wah Effekts beim Clavinet. (Video: Christian Frentzen)

 

5. Besonderer Sound: Strumming mit offenem Mute-Panel

Zum Abschluss kommen wir zu einer echten Besonderheit, die ich vor ca. einem Jahr entdeckt habe. Sie scheint so besonders zu sein, dass ich sie noch auf keiner Aufnahme von einem Keyboarder gehört habe. Zuerst wollte ich die Saiten des Clavinets mit einem Plektrum spielen, was mir allerdings nicht so richtig gelang. Mit dem Zeigefinger ist das allerdings recht einfach, denn die im Clavinet gespannten Saiten kommen rechts neben der Tastatur wieder zum Vorschein. Hierfür muss man allerdings den Mute-Panel aus dem Clavinet ausbauen, was mit einem kleinen Handgriff schnell gemacht ist.

Strumming mit dem Clavnet. (Video: Christian Frentzen)

Luke Jones, der Betreiber von „Custom Vintage Keyboards“ hatte mir bei meinem Besuch in seiner Werkstatt im letzten Sommer sogar ein spezielles Custom-Clavinet vorgestellt, welches über einen speziellen Schlitz im Gehäuse ausgestattet war um solche Strummings jederzeit zu ermöglichen. Für meine Zwecke reichte das Ausbauen des Mute-Reglers aber vollkommen aus. Damit der Mute-Dämpfer dann allerdings nicht stört, habe ich einen Kugelschreiber genommen und ihn zwischen Dämpfer und Tastatur geschoben, damit der Dämpfer unwirksam wird.

Jetzt kann man Töne anschlagen und sie gleichzeitig mit einem Finger wie bei einer Gitarre für Strummings verwenden. Das geht natürlich nur bei den Noten, die man per Tastatur herunterdrückt. Die Technik lautet dann nämlich: Akkord auf der Tastatur drücken und zeitgleich über die Saiten streichen. In unserem Beispiel habe ich anschließend noch einen Moogerfooger Phaser hinzugeschaltet: Dann wird’s noch wärmer und psychedelischer!

Schlusswort

Wenn ihr selber noch ein Clavinet besitzt oder verwendet, lasst euch von Zeit zu Zeit durch zeitgenössische Videos und Aufnahmen inspirieren und vielleicht probiert ihr die Dinge einmal aus, die ich euch in diesem Workshop vorgestellt habe.

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