Was machen professionelle Music Producer anders als Amateure?

Wahrscheinlich gab es noch nie so viele hobbymäßigen Music Producer wie in diesen Tagen. Benötigte man früher noch ein (für viele unerschwingliches) Tonstudio oder zumindest ein teures Mischpult samt Aufnahmemedium, so kann heutzutage quasi jeder eigene Tracks am Laptop oder Tablet kreieren.

Profis vs. Amateure

Wer mit dem Herzen dabei ist, hat bestimmt schon einmal darüber nachgedacht, sein Hobby zum Beruf zu machen, um im Bereich Musikproduktion seine Brötchen zu verdienen. Das folgende Feature soll nun kein Leitfaden sein, wie man zum erfolgreichen Music Producer wird, sondern einen möglichst objektiven (und teilweise vielleicht auch entromantisierenden) Eindruck liefern liefern, was alles so zum Leben eines Producers gehören kann.

Zu mir: Seit nun mehr als 25 Jahren arbeite ich als Freelancer in verschiedenen Bereichen der Musikproduktion (Musiker, Komponist, Arrangeur, Engineer, Vocal- und Orchester Editing) mit zahlreichen nationalen und internationalen Veröffentlichungen und Chart-Erfolgen.

Übrigens ist dieser Beitrag von unserem Feature „Das machen Profis beim Gitarrespielen anders als Anfänger und Amateure“ aus der Sicht meines Autorenkollegen und Profi-Gitarristen Haiko Heinz inspiriert.

Music Producer (Profi) als Dienstleister

Kommen wir zur ersten Gegenüberstellung Profi vs. Amateur: Während man als ambitionierter und von der Muse geküsster Amateur genau den Musikstil zelebriert, den man auch selber mag, kann dies als professioneller Music Producer ganz anders aussehen. Der Spruch „Das Leben ist kein Wunschkonzert“ passt hier perfekt! Jemand, der in seiner Jugend leidenschaftlich in Punkbands gespielt hat und auf einmal Schlager produziert, um seinen Kühlschrank zu füllen, hätte das früher wahrscheinlich auch nicht so erwartet.

Dieses reale Beispiel aus dem Kollegenkreis soll übrigens kein Schlager-Bashing sein, ist aber ein anschauliches Beispiel dafür, dass Profis die Fähigkeit benötigen, private Vorlieben auszublenden und Empathie für andere Musikstile zu entwickeln. Das kann und will vielleicht nicht jeder und selbstverständlich existieren auch erfolgreiche Music Producer, die genau ihren Musikstil ausleben. Nach meiner Erfahrung ist dies aber eher die Ausnahme als die Regel.

Das Dasein als Dienstleister hat aber noch einen weiteren Aspekt: Als Amateur hält man für alle kreativen Entscheidungen selbst die Fäden in der Hand und ist niemandem gegenüber verpflichtet. Als professioneller Music Producer ist man häufig nicht das oberste Glied der Nahrungskette und es gibt Auftraggeber/Kunden, wie beispielsweise eine Plattenfirma oder auch etablierte Künstler, die zufriedengestellt werden möchten. Nicht selten erhält man (teilweise frustrierende) „Änderungsvorschläge“, die umzusetzen sind, selbst wenn man es aus kreativen, ästhetischen oder technischen Gründen für unvorteilhaft hält. Job ist eben Job – wenn man als Lackierer einen historischen, silbernen Sportwagen pink umlackieren soll, dann soll es eben so sein.

Under pressure

Den Druck…

  • ständig kreativ und „inspiriert“ zu sein,
  • wirtschaftlich erfolgreich zu sein,
  • alle (teilweise bizarren) Deadlines einzuhalten,
  • wegen häufig knapper Budgets beispiellos effizient zu arbeiten,
  • im direkten Wettbewerb mit Weltstars und sonstigen Genre-Koryphäen zu stehen

…hat man als Amateur nicht.

Teamwork

Unter anderem, um die Anforderungen des vorhergehenden Abschnitts zu erfüllen, kann es als professioneller Music Producer sinnvoll oder sogar von entscheidender Bedeutung sein, geeignete Teammitglieder mit verschiedenen Teilaufgaben einer Musikproduktion zu betrauen. Die Arbeitsaufteilung kann einerseits notwendig sein, um Abgabetermine erfüllen zu können oder um die Produktionsqualität zu optimieren. In der Praxis überlässt man spezielle Produktionsschritte wie beispielsweise Beat Programming, Vocal Editing oder Mixdown solchen Kollegen, die hierauf spezialisiert oder besonders talentiert sind. Allerdings gibt es natürlich auch professionelle Musikproduktionen, in denen die meisten oder vielleicht sogar alle Arbeitsschritte von einer Person durchgeführt werden.

Als Amateur-Producer kocht man wahrscheinlich sowieso eher sein eigenes Süppchen. Schließlich produziert man aus Spaß an der Musik und vielleicht dem Ehrgeiz, sich in allen Teilbereichen einer Musikproduktion die Sporen zu verdienen. Während der Profi zumeist einzig auf das optimale Endergebnis fokussiert ist, steht beim Amateur möglicherweise das Erlebnis, der Spaß und die Herausforderung des Entstehungsprozesses etwas mehr im Vordergrund.

Profi-Producer: Business & Bürokratie

Oje, die zwei bösen Bs … Für Amateur-Producer, die vielleicht davon träumen, aber nicht von Veröffentlichungen leben müssen, ist dieses Thema zunächst einmal ohne Relevanz. Ganze Bücher wurden wurden über wirtschaftliche und juristische Aspekte von Musikproduktionen geschrieben. Abgesehen davon, dass es sich hierbei nicht um mein persönliches Spezialgebiet handelt – ich sehe mich eher in der kreativen und technischen Rolle – möchte ich hier auch nur einige Punkte andeuten.

Als professioneller Musikproduzent muss man dafür geradestehen, dass Punkte wie das Urheberrecht und die Rechte zu Veröffentlichung aller Aufnahmespuren einer Produktion (Künstler-Performance, ggf. Samples) geklärt sind. Im Worst-Case-Szenario kann eine Produktion per einstweiliger Verfügung gestoppt und vom Markt genommen werden, was wiederum zu finanziellen Einbußen, Prozessen und Schadensersatzforderungen führen kann. Selbst wenn man sich nichts hat zu Schulden kommen lassen, kann es sein, dass bei einem Hit auf einmal „alle aus den Löchern gekrochen kommen“, um ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Nach meiner Einschätzung haben wahrscheinlich die meisten professionellen Music Producer, die schon einige Jahre dabei sind, ähnliche Situationen erlebt.

Doch auch ohne solche unerfreulichen Streitfälle muss man sich mit dem Thema auseinandersetzen, wie man mit einer Musikproduktion überhaupt Geld verdienen kann. Hier gibt es natürlich ganz unterschiedliche Situationen, je nachdem, ob man als Auftragsproduzent oder auf eigenen Initiative agiert. Einige Antworten zu dieser Thematik liefert übrigens unser Feature „Wie kann man als Musiker heute Geld verdienen?“. Zu guter Letzt gibt es zu klärende Stichpunkte wie die Sinnhaftigkeit von Gema und GVL, Freiberufler oder Gewerbe in all seinen Spielarten, Investitionen und Steuern … Über all diese Punkte muss sich der Amateur nicht den Kopf zerbrechen.

Als Music Producer ständig am Puls bleiben

Als Profi-Producer ist es vorteilhaft, hohe Repertoirekenntnisse besitzen, aber auch aktuelle Entwicklungen – sowohl musikalisch als auch technisch – sollte man im Auge haben. Besonders in modernen Musikstilen gibt es immer wieder stilbildende Sounds oder Effekte, dessen Einsatz die Erfolgsaussichten einer Produktion steigern (ob sie einem gefallen oder nicht).

Außerdem erscheinen immer wieder Tools und neue „Standards“, die das Potenzial besitzen, den eigenen Workflow und somit den Produktionsprozess maßgeblich zu beschleunigen. Für Profis ist Effizienz und Schnelligkeit im Gegensatz zum Amateur ein lebenswichtiger Faktor!

Ach ja: Der Faktor Mensch

Wenn man als Hobby-Producer am Computer sitzt, ist es dem Mac oder PC egal, ob man ein Engel oder A**** ( … hüstel) ist. Ganz anders sieht es aber aus, wenn man als Produzent mit Künstlern (oder auch Teammitgliedern) arbeitet. Einzelne Künstler oder auch Bands sollten idealerweise gerne mit einem Produzenten zusammenarbeiten, weil es entweder menschlich gut passt und/oder man ein hohes Vertrauen in die Fähigkeiten und Urteilsfähigkeit des Producers hat. Welche Eigenschaften oder Tricks ein Producer auch immer auf Lager hat, es ist sein Job, das Beste aus den Künstlern herauszuholen, um eine optimale Produktion zu gewährleisten. Das kann natürlich auch auf einen Amateur zutreffen, für den Profi ist es aber eine wichtige Voraussetzung!

Definition: Was ist überhaupt ein Music Producer?

Wenn man manchmal neue Leute in Studios oder in Musikerkreisen kennenlernt, outen sich viele gleich als Music Producer. Und wenn man dann nachfragt, was er/sie denn schon produziert hat, kommen manchmal nur „Wischiwaschi-Antworten“. Im klassischen Sinne ist ein Musikproduzent/Music Producer die Person, die für alle Aspekte einer Musikproduktion verantwortlich ist. Dazu zählt natürlich das eigentliche Produkt (z.B. Song oder Album) in seiner kreativen und technischen Umsetzung als auch alle rechtlichen Voraussetzungen zur Veröffentlichung.

Umgangssprachlich ist es allerdings auch gängig, sich als Music Producer zu bezeichnen, wenn man Musik produziert, also “herstellt”, im Sinne von Musizieren, Programmieren und gegebenenfalls sogar Komponieren. Viele kreativen und technischen Teilbereiche einer Musikproduktion gehen heutzutage fließend ineinander über. So findet nicht selten das Mixing bereits ab der ersten Spur einer Produktion statt und möglicherweise ist das Songwriting noch gar nicht abgeschlossen – nicht wie früher: Der Song ist eingespielt und dann bringt man die „Bänder“ irgendwo zum Mischen hin.

Genauso fließend können auch die tatsächlich ausgeübten Tätigkeiten des Producers im kreativen, technischen und kaufmännischen Prozess einer Musikproduktion sein.

Wie wird man Music Producer?

Du möchtest von der Amateur- in die Profiliga wechseln? Hierzu gibt es viele Erfolgsgeschichten aber keine wirkliche Regel. Da es sich nicht um einen Ausbildungsberuf im klassischen Sinne handelt gibt es auf der einen Seite erfolgreiche Autodidakten, deren primäre Qualifikation – je nach Musikgenre – eine angeborene Hit-Nase oder ein exzellentes Talent zum Arrangieren sein kann. Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile staatliche und auch private Lehrinstitute wie das Abbey Road Institute und die SAE, die Abschlüsse in Musikproduktion und auch den vielfältigen Teilbereichen davon anbieten.

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