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Tony Allen ist tot: Der Erfinder des Afrobeat stirbt mit 79 Jahren in Paris

Trommler, die es schaffen, ganze Genres mit ihrem Spiel zu prägen, gibt es nur wenige. Der 1940 in Lagos, Nigeria geborene Tony Allen war einer von ihnen. Er gilt als der Erfinder des sogenannten Afrobeat, eines Stils, der durch seine Arbeit mit Fela Kuti auch international sehr populär wurde. Die Basis ist ein stark synkopierter Viertelgroove, der die Rhythmen seines Geburtslandes Nigeria auf das Drumset überträgt. Offiziell gelernt hat Tony sein Instrument nie, war jedoch schon in seiner Kindheit von der großen Bandbreite afrikanischer Rhythmuskultur begeistert. Später hat er sich von Drummern und Bands inspirieren lassen, wobei Elvin Jones und Art Blakey zu seinen Heroes zählten. Nachdem er intensiv auf Kissen und Behelfstrommeln geübt hatte, fing er im Alter von 18 Jahren an, auf einem richtigen Drumset zu spielen und adaptierte traditionelle afrikanische Beats auf Bassdrum, Snare und Hi-Hat. Nach kurzer Zeit hatte er ein beachtliches Level an Unabhängigkeit, Technik und Musikalität erreicht. 

Bild: Video Babylon Studio Session (https://www.youtube.com/watch?v=5Hm5btq013A)
Bild: Video Babylon Studio Session (https://www.youtube.com/watch?v=5Hm5btq013A)


In den 60er Jahren begann Tony, mit dem begnadeten Musiker und politischen Aktivisten Fela Kuti in dessen Band Africa 70 zu spielen. Deren explosive Mischung aus Jazz, Funk und afrikanisch-ethnischen Einflüssen führte zu weltweit beachteten Alben. Der neue Stil profitierte rhythmisch erheblich von Tony Allens Fähigkeit, westliche Stile wie Jazz und Funk mit den afrikanischen Wurzeln zu verknüpfen. Ein besonderes Merkmal seines Stils war seine explosive Leichtfüßigkeit, die sich organisch perfekt mit den anderen Instrumenten verband. Schon damals galt er als der einzige Drummer, der den Afrobeat so beherrschte, wie es sein sollte. Das fand er selbst übrigens auch. 

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Die Arbeit mit Fela Kuti war nicht ungefährlich

So erfüllend die Arbeit mit Fela Kuti musikalisch auch war, so schwierig war sein Verhältnis zu dem afrikanischen Musik- und Politikidol. So gab es immer wieder brutale Razzien, die dazu führten, dass 1977 Regierungseinheiten Haus und Studio der Band niederbrannten. Tony Allen war das auf Dauer zu stressig, er wollte Musik machen und nicht ständig in Gefahr leben. Zusätzliche Streitigkeiten mit Kuti um Tantiemen veranlassten ihn dazu, die Band zu verlassen. 

Kooperationen sorgten für große Popularität bei Musikern und Produzenten

Damit endete seine Karriere jedoch nicht, im Gegenteil. Musikalisch offen, wie er war, startete er Kooperationen mit vielen Musikern sowohl aus Afrika als auch Europa und den USA. Mit Ginger Baker – der von ihm lernen wollte – hatte er schon zu Fela Kuti Zeiten gespielt, in den 80er Jahren wanderte er nach England aus, später zog er nach Paris. Dort erweiterte er den Kreis spannender Kollaborationen um Künstler neuerer Stile wie HipHop und Elektronika. Überall integrierte sich sein leiser, aber intensiver Stil auf spannende Weise und half, neue Varianten der Musik zu kreieren. Dass westliche Produzenten wie Brian Eno ihn verehrten, ist daher nicht weiter verwunderlich. Allerdings verfiel Tony Allen in den 80ern auch für einige Jahre harten Drogen wie dem Heroin. In einem Interview mit The Guardian beschreibt er, wie er es mit seiner Willenskraft geschafft hat, davon wieder loszukommen. Dieselbe mentale Kraft betrachtet er aber auch als Grund für seinen trommlerischen Stil.
Parallel zur Arbeit für andere Künstler produzierte Allen immer eigene Musik wie beispielsweise das Album „Lagos No Shaking“ oder „No Discrimination“. Besondere Beachtung fand seine Verbindung mit Damon Albarn und dessen Projekt The Good The Bad & The Queen, auch zur Detroit Techno Szene entstanden Kontakte, denn kein Geringerer als Technopionier Jeff Mills lud Tony Allen zu einer Zusammenarbeit ein. Das Ergebnis ist eine grandiose Kombination aus technoider und organischer Groovekultur, die es in der Form bis dahin noch nicht gegeben hatte.

Die Schlagzeugmarke war ihm wohl nicht so wichtig

Anders als bei vielen anderen berühmten Trommlern verbindet man Tony Allen nicht mit einer bestimmten Schlagzeugfirma. Als vielreisender Musiker verwendete er oft gestelltes Equipment, welches meistens aus einem normalen, 5-teiligen Kit mit Bassdrum, drei Toms und Snare bestand. Zwei Becken und eine Hi-Hat komplettierten das Set, manchmal kam noch kleine Percussion hinzu. Seinen speziellen Sound erzeugte er durch seine federnde Spielweise – harte Rimshots und schweißgebadete Kollegen waren ihm immer suspekt. Tony Allen verstarb Ende April 2020 in Paris an einem Aneurysma. 

Anspieltipps

Tony Allen – Crazy Afrobeat 
Africa 70 – mit Fela Kuti und Ginger Baker
Masterclass  – Tony Allen demonstriert den Afrobeat 
Mit Damon Albarn – Go back 
Mit Jeff Mills – Here comes the Harvest

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Bild: Video Babylon Studio Session (https://www.youtube.com/watch?v=5Hm5btq013A)

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von Max Gebhardt

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Profilbild von Gregor Zenns

Gregor Zenns sagt:

#1 - 04.05.2020 um 09:59 Uhr

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The good, the bad and the queen kannte ich noch nicht. Meine Recherche ergab jedoch, dass Flea daran nicht beteiligt ist. Es gibt jedoch anscheinend ein Projekt von Tony Allen, Damon Albarn und Flea mit dem Namen Rocket Juice and the Moon!

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