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TAL-Software TAL J-8 Test

Praxis

Wie klingt der virtuelle Jupiter-8 von TAL-Software?

Die Antwort für Ungeduldige: erstaunlich authentisch! So demonstrieren es auch die 15 Audio-Demos. Unter Apple Logic Pro 10.6 mit Catalina als Betriebssystem konnte ich mich mit dem neuen Software-Instrument ausgiebig und dabei stress- wie absturzfrei beschäftigen. Der J-8 bringt in der Version 1.0.6 im Vergleich zu den üblichen hunderten anderer Synthesizer relativ wenige Presets mit. Halb so schlimm, denn es kommen sicherlich noch viele kommerzielle Presets hinzu. Außerdem ist das Handling so einfach, dass man dem J-8 ohnehin lieber neuartige Sounds in Eigenregie entlocken möchte.
Genau das machen wir nun. Als neutraler Startpunkt dient das „Default Preset“ des J-8. Wir editieren und fassen die klanglichen Ergebnisse zusammen, die überraschend schnell fertig sind. Den Anfang macht ein Pad aus zwei ungefilterten Oszillatoren (VCO-1 = Dreieck, VCO-2 = Sinus) mit Chorus 1 als Effekt. Ohne groß herumzudrucksen, kommt der J-8 klanglich souverän zur Sache. Das Pad 1 klingt warm und transparent. Nun wird der Sinus bei OSC-2 durch Sägezahn ausgetauscht und eine Crossmodulation beider Oszillatoren per Hüllkurve ENV-1 gesteuert. Auch dieser aufgeraute Flächenklang überzeugt beim J-8 wie ein Filtersweep per ENV1 und leichter zusätzlicher Modulation per LFO.
Als nächstes bauen wir einen simplen Leadsound mit Portamento und einem spacigen Delay-Effekt. Prägnante Leads und Bässe, hier als Oktavbass mit Unisono-Schaltung der Oszillatoren und aktiviertem Arpeggiator, beherrscht der J-8 auch sehr gut, wobei er sich im Tieftonbereich nicht gerade als aggressiver Killer herausstellt. Für die meisten Bassparts drückt er aber definitiv mehr als genug. Ganz einfach erstellt sind auch Sounds mit der Pulsbreitenmodulation, die als Pad und fürs Comping eine gute Figur machen, sowie effektvolle Klänge mit der Noise-Wellenform des VCO-2. Richtig, zu den Basics des J-8 gehört auch die Oszillatorsynchronisation, die auch für Spaß beim Programmieren sorgt.

Kombination zweier Sounds als Stärke des J-8

Es wäre eine Schande, sich mit nur einem Sound zu begnügen. Der Jupiter-8 wird vor allem wegen seines Stackings geschätzt, wenn also im Dual Key Mode zwei verschiedene Sounds geschichtet und gleichzeitig angespielt werden. Beim J-8 ergeben sich fürs das Sounddesign viele Möglichkeiten. Per Copy-and-paste lassen sich die Klangeinstellungen schnell zwischen den beiden Klangebenen (Upper und Lower) übertragen. Simpel, aber effektiv ist auch das Kombinieren von Pad- und Arpeggiator-Sound, wovon ihr zwei Beispiele hören könnt.
Durch bewusstes Transponieren der einzelnen Oszillatoren sind Chords möglich. Im Dual Mode mit zweimal VCO-1/2 sind bis zu vierstimmige Akkorde mit einer Note abrufbar. Zusammen mit dem Delay-Effekt entstehen schöne sphärische Klänge. Auch ein Leadsynth macht sich gut, wenn er von einem zweiten Sound umhüllt wird. Wer dichte Collagenklänge entwerfen möchte, kann auch das mit dem J-8 angehen. Kreative Soundtüftler werden dabei sicher in Fahrt kommen. Die MIDI-LEARN-Funktion ist dabei sehr hilfreich, so kann man zum Beispiel das Lautstärkeverhältnis (Regler „Balance“) zwischen Lower und Upper einem beliebigen MIDI-Controller zuweisen und spontan steuern – sogar morphing-ähnliche Klangverläufe sind realisierbar.
Klasse ist, dass beide Teilklänge des J-8 unterschiedlich arpeggiert werden können. Der Arpeggiator ist also für jeden Part separat verfügbar, wodurch beispielsweise  ausgefallene polyrhythmische Muster und überhaupt komplexere Arppegio-Figuren entstehen können, indem man für beide Layer unterschiedliche Sounds und rhythmische Auflösungen wählt. Wie das klingen mag, deuten die beiden letzten Soundbeispiele an. Zwar lässt sich die Panoramaposition pro Layer einstellen, den Delay-Effekt müssen sich aber beide Sounds des J-8 teilen – das ist etwas schade, finde ich.
Audio Samples
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01 Pad 1 mit Dreieck- und Eine-Wellenform 02 Pad 2 mit Crossmodulation 03 Filtersweep mit leichter LFO-Modulation 04 Hip Lead 05 Oktavbass mit Sägezahn, Unisono + Arpeggiator 06 PWM Synth für Comping oder Pads 07 Luftiger Noise-Synth 08 Oszillator-Sync mit Unisono 09 DualArp+Brass 10 DualArp+Noise 11 Chord Sound mit vier Oszillatoren 12 Lead aus zwei Teklängen 13 Soundcollage aus zwei Teilklängen 14 Layer-Arpeggiator-Sound 15 Layer-Arpeggiator-Sound

Was könnte verbessert werden?

Eigentlich ist der J-8 schon in der ersten Version nahezu perfekt, was die klangliche Emulation angeht. Bei einer Software gibt es aber immer die Option, neue Features einfließen zu lassen, ohne dass das originale Konzept des Instruments verwässert. Es sind Kleinigkeiten: Ein Swing-Parameter für den Arpeggiator wäre aber gut. Allerdings wird man bei einzelnen Klängen des J-8 sowieso besser ein externes MIDI-FX-Plugin nutzen, die es inzwischen für jede DAW mehr als genug gibt. Bei stattlichen Layer-Sounds mit großer Polyphonie ergeben sich auf dem Testrechner (Mac mini 2018, 3,2 GHz 6-Core Intel Core i7) manchmal ein paar Aussetzer. Vielleicht lässt sich der CPU-Hunger in den kommenden Updates ein wenig bremsen. Als User kann man sich schon öfter behelfen, indem die Stimmenzahl des J-8 reduziert wird. Die Intensität des Chorus-Effekts sollte dosiert werden können.
Blicken wir in die Weite: Für eine zweite Version des TAL-J-8 würde ich mir eine umfangreichere Effektsektion aus EQ, Kompressor und Reverb für beide Layer wünschen. Der Arpeggiator sollte weitere Muster anbieten – und vielleicht denkt TAL-Software auch über einen integrierten Step-Sequencer nach, der verschiedene Klang- und Effektparameter moduliert. Damit könnte man den Jupiter-8 richtig fit bekommen für rhythmische Klangphrasen, wie sie aktuell in der elektronischen Musik angesagt sind. Per Mod Wheel und Pitch Wheel sollten sich zudem mehr Sound- und Effektparameter steuern lassen, ohne für solche Aufgaben erst die MIDI-Learn-Funktion bemühen zu müssen.

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