Cherry Audio Mercury-6 Test

Roland selbst muss passen, das springt Cherry Audio in die Bresche und wagt sich als erster bekannter Softwarehersteller an den analogen Synthesizer Jupiter-6 heran – und erweitert damit sein inzwischen doch recht imposantes Angebot an virtuellen Synthesizern noch einmal. Der neue Mercury-6 besticht wie sein kleiner Bruder Mercury-4 durch ein erstaunlich smartes Preis-Leistungs-Verhältnis, bei dem man jetzt schon kaum nein sagen kann. Skeptiker können sich aber auch erst einmal 30 Tage lang an der Demo-Version austoben.

Cherry Audio Mercury-6: Main View.
Cherry Audio emuliert als erster und bislang einziger Softwarehersteller den Roland Jupiter-6. Design und Sound bewegen sich dicht am Original, der Preis dafür ist unverschämt günstig.

Das Vorbild Roland Jupiter-6 markiert einen historischen Neubeginn: Zusammen mit dem Sequential Prophet-600 kam er 1983 als einer der beiden ersten Synthesizern mit serienmäßigen MIDI-Anschlüssen auf den Markt. Woran sich Ü50-Bonedo-Leser noch erinnern: Sequential Circuits und Roland haben das bis heute überaus nützliche MIDI-Protokoll in enger Kooperation entwickelt. Die Implementierung fiel aber beim originalen Jupiter-6 noch spartanisch aus. Er verstand MIDI-Notenbefehle quasi nur auf den ersten beiden MIDI-Kanälen – das liegt am Split Mode, der zwei unterschiedliche Patches über die 61er-Tastatur verteilt.

Klanglich hat der Jupiter-6 viel zu bieten. Er liegt in der goldenen Mitte zwischen dem Jupiter-4 und dem Flaggschiff Jupiter-8, klingt dabei aber sehr eigenständig und polarisiert: Den kantigen und drahtigen Sound des Jupiter-6 liebt man, oder eben nicht. Man sollte ihn also nicht einfach als kleineren Roland Jupiter-8 abwerten. Übrigens, UDO Audio hat sich bei der Entwicklung des Super 6 vom Produktdesign (nicht vom Sound) des Jupiter-6 inspirieren lassen. Wie schaut es denn aus?

Checkliste zum Kauf von Cherry Audio Mercury-6

  • Erstklassige Emulation des Vintage-Synth Roland Jupiter-6
  • 16-fache Polyfonie, MIDI-Kontrolle
  • Layer Modus, tempo-synchrone LFOs, Chord Memory
  • Umfangreiche, integrierte Effektsektion
  • Über 500 Factory Presets


DETAILS UND PRAXIS

Panel und Sound Engine: Designkopie par excellence

Kurz und schmerzlos: Der Cherry Audio Mercury-6 ist ein virtueller Analogsynthesizer mit zwei Oszillatoren (VCOs), einem flexiblen Multimode-Filter (anders als beim Jupiter-8) aus Tief-/Hoch-/Bandpass, zwei LFOs, zwei invertierbaren ADSR-Hüllkurven samt Key Follow und Velocity, internen Effekten und einem Split/Layer-Mode, der zusammen mit dem Arpeggiator so einige Überraschungen bereithält.

Die Oszillatorsektion selbst ist schon raffiniert: Dreieck, Sägezahn, Rechteck, PWM und Rauschen lassen sich kombinieren. Richtig, alle Oszillator-Wellenformen erklingen auf Wunsch gleichzeitig. Obendrein packt die Crossmodulation zwischen VCO-2 und VCO-1 samt FM zu. Die emulierten Oszillatoren könnt ihr wie das Multimode-Filter des Mercury-6 driften, um das „analoge“ Klangverhalten des Originals zu simulieren.

Kenner des Jupiter-6 werden schon nach dem Antesten bestätigen: Cherry Audio hat vor allem Rolands markant-aggressives Filter und die schnellen Hüllkurven ausführlich studiert, während sich die Crossmodulation klanglich ein wenig abweicht.

Cherry Audio Mercury-6: Oszillatoren.
Die beiden VCOs haben es in sich: Die Oszillator-Wellenform sind simultan aktivierbar. Zusammen mit der Crossmodulation kommt man so zu einem bunten Grundsound.

Praktischer Mehrwert

Das Plugin zeigt gegenüber der originalen Hardware doch einige Vorteile: Man bekommt stimmstabile Klänge, eine umfangreiche MIDI-Steuerung und deutlich mehr Speicherplätze beziehungsweise Presets. Der Mercury-6 punktet mit insgesamt 16 Stimmen und bietet zudem einen Layer-Mode zum Schichten zweier Klänge. Modernisiert hat Cherry Audio auch die LFOs, die tempo-synchron schwingen und über verschiedene Trigger-Funktionen verfügen. Besonders effektvoll ist das Mehr an Effekten, die der Hersteller dem jüngsten Produkt spendiert hat.

Cherry Audio Mercury-6: Kontrolle.
Die Modulationsmöglichkeiten von Mercury-6 sind zwar überschaubar, die tempo-synchronisierbaren LFOs und die anderen Klangbausteine dafür aber gut kontrollierbar.x

Mercury-6: ein Mehr an Effekten

Während der originale Synthesizer nicht einmal Chorus oder Delay mitbringt, fährt der Mercury-6 gleich mit mehreren, nützlichen Effekte auf. Insgesamt sind es fünf separate Effektblöcke: Distortion, Phaser, Flanger/Chorus, Delay und Reverb. Sie sind parallel geschaltet und lassen für beide Layer (Upper/Lower) unterschiedliche Einstellungen zu. Vor allem Delay und Reverb gestatten weitere Eingriffe und halten verschiedene Varianten bereit, wie etwa das Tape Delay oder den Galactic-Algorithmus beim Reverb. Cherry Audio hat also die Algorithmen der eigenen Effekt-Plugins Galactic und Stardust 201 übernommen – richtig so!

Cherry Audio Mercury-6: Effekte.
Ein hörbarer Gewinn sind die beim Mercury-6 integrierten Effekte. Damit sticht er das Original aus.

Die Bedienung: Macht einfach Spaß

Das skalierbare GUI ähnelt dem originalen Synthesizer deutlich. Bei Bedarf füllt es den größten Bildschirm. Die wichtigsten Parameter hat man eigentlich schon bald im Blick. Wie bei anderen Synths von Cherry Audio dient das „Focus Control“-Feature zum Heranzoomen bestimmter Bereiche des Panels – der Mercury-6 erlaubt einen Scharfblick und viel Nähe beim Programmieren. Gern greift man auf die Utility-Funktionen zum schnellen Kopieren von Synth- und Effekt-Parametern zwischen den beiden Layern oder Presets zurück. Das gesamte Handling klappt eigentlich ohne Lektüre des PDF-Manuals.

Was bietet die Factory Preset Library?

Man stellt sich am besten schon vor dem Durchstöbern der mitgelieferten Library auf einen drahtigen und mittigen Sound ein, der sich in der Mischung erstaunlich viel besser macht als beim bloßen Anspielen. Wer warme, softe und Ambient-Klangfarben erwartet, wird bei den über 500 Presets eher nicht glücklich werden.

Techno und Electro mit kernigen Sounds beherrscht der Mercury-6 auf seine Art außergewöhnlich gut. Für Ambient, Chillout oder Trance und andere sphärische Klangwelten ist er nicht optimal, aber auch nicht völlig abzuschreiben. Hier steuert er drahtige und geräuschhafte Sounds bei, die das Arrangement mit weichen, fetten Pads à la Prophet oder Oberheim auffüllen. Nicht zuletzt stellt er auch eine reizvolle Abwechslung zu Rolands Juno-Modellen dar.

Über 500 Presets umfasst die Soundbibliothek. Wie sich der Mercury-6 akustisch verhält, zeigen euch einige Stichproben. Aus jeder Rubrik (Arp, Bass, Bells, Keys, Lead etc.) haben wir ein Beispiel ausgewählt, das eher den Mainstreamgeschmack trifft. Der Mercury-6 kann deutlich extremer klingen und ist wirklich kein Kuscheltier für jedermann.

Mit seiner vielseitigen Ausstattung an Factory Presets spornt der Mercury-6 direkt zur kreativen Beschäftigung an. Der charakterstarke Klang des emulierten Vintage-Synthesizers ist kaum zu überhören.
Audio Samples
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Arp, CyberArp Bass, Early 80s Bass Bells, Layered Bells Brass, 80s Bold Brass Chord, Clean Atmosphere Keys, NeonDrive Lead, RacerX Pad, Put To Bed Percussion, CrispReflection Pluck, Bright Dance Pluck SoundFX, Space Babble Split, Flashing Gorden Strings, SlowPhase Preset: Synth, Delayerance

Was könnte verbessert werden?

Neben weiteren Presets wünschen wir uns einen Step-Sequencer, der ruhig so ausgeklügelt wie beim Elka-X von Cherry Audio sein darf. Er würde den Mercury-6 noch attraktiver für rhythmische perkussive Synthesizer-Phrasen machen. Freilich geht das deutlich über eine typische Emulation hinaus, aber ein bisschen Träumen darf man ja.

Cherry Audio Mercury-6 – Fazit

Mit dem Cherry Audio Mercury-6 hat man den Roland Jupiter-6 erstmals wörtlich auf dem Schirm. Für Plugin-Sammler und Vintage-Fans ist er definitiv top, für Producer gibt es aber bessere Software-Synths, was Brot- und Butter-Presets angeht. Wie sein Original hat der Synth von Cherry Audio liebenswerte Ecken und Kanten, die ihn einmalig machen. Experimentelle und perkussive Sounds erzeugt er viel besser als schwebende. Beim regulären Preis von knapp 70 Euro gibt es nichts zu meckern, zumal der mit viel Herzblut entwickelte Mercury-6 die einzige Option darstellt, um den Roland-Klassiker direkt in einer DAW zu spielen.

Sicher wird sich Cherry Audio weiterhin auf die Reise in die Vergangenheit machen: Nach Mercury-4 und 6 freuen wir uns schon auf die großartige Emulation des Flaggschiff aus der gefeierten Roland-Serie. Versprochen, sobald sie kommt, vergleichen wir den Mercury-8 mit den etablierten Jupiter-8 Soft-Synths. Bis dahin viel Spaß mit den beiden kleineren Jupiter-Modellen.

Unser Fazit:
5 / 5
Pro
  • Erste Emulation des Jupiter-6
  • Originaldesign
  • Split- und Layer-Mode
  • Sehr günstiger Preis
  • Praktisches GUI
Contra
  • kein Contra
Artikelbild
Cherry Audio Mercury-6 Test
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