Einen Motown-Groove am Schlagzeug spielen, genauer gesagt einen Motown-Shuffle – darum geht es in dieser Workshop-Folge. „Motown, was ist das eigentlich genau?“ Selbst gestandene Musiker können den Begriff oft nicht eindeutig erklären. Denn Motown ist genau genommen gar keine Musikrichtung, sondern war zunächst ein Plattenlabel, welches 1959 von Berry Gordy in Detroit gegründet wurde. Das Wort Motown stellt die verkürzte Form von Motor Town dar. Detroit war nämlich zu dem Zeitpunkt das Zentrum der amerikanischen Automobilproduktion.

- Benny Benjamin, Uriel Jones und „Pistol“ Allen waren die Drummer der Funk Brothers
- Diese Drums und Cymbals wurden im Motown-Studio verwendet
- Der Song
- Play-Alongs zum Mitspielen
- Beginner-Tipp
- Profi-Tipp
- Das Equipment – Wie ihr den Motown-Drumsound erreicht
- Welche Snaredrums eignen sich für einen Motown-Drumsound?
- Dämpfung für trockenen Drumsound und … more Tambourin!
- Von mir verwendetes Equipment
Benny Benjamin, Uriel Jones und „Pistol“ Allen waren die Drummer der Funk Brothers
Funk, Soul, R’n’B und Gospel und auf Hit-Potenzial getrimmte Produktionen waren die Zutaten, die dazu führten, dass Gordys Plattenfirma innerhalb kurzer Zeit enorm erfolgreich wurde. Seine Studioband, die Funk Brothers, setzte die Stücke grandios um und prägte den Sound einer ganzen Generation: den Motown Sound. Im Lauf der Jahre wechselte die Besetzung, Richard „Pistol“ Allen, Uriel Jones und Benny „Papa Zita“ Benjamin hießen die bekanntesten Drummer der Band.
Die Bedeutung der Motown-Drummer wurde erst später gewürdigt
Ihre Spielweise war geprägt von Jazz und Blues, ihre Musikalität und ihr Timing wurden legendär. Zur Geschichte gehört leider auch, dass Ruhm und Bezahlung der Sessionmusiker damals im krassen Kontrast zum Erfolg der Stücke standen. Weiße Hörer sollten nicht sofort merken, dass Motown von Schwarzen gemacht wurde, weswegen Benny Gordy – selbst schwarz – keine Bilder der Künstler und Künstlerinnen auf die Plattencover drucken ließ. Die Funk Brothers selbst galten als geniale Dienstleister, waren aber in der Außendarstellung bedeutungslos. Benny Benjamin und der legendäre Bassist James Jamerson starben früh und verarmt als Folge von Drogenabhängigkeit. Erst später wurde gewürdigt, dass nahezu alle US-Hits der 60er- und 70er-Jahre von einer Handvoll Musiker begleitet wurden.
Einfache Beats, die den Gesang unterstützen
Aber was zeichnet Motown am Drumset eigentlich aus? Zunächst sind natürlich die Einflüsse von Blues, Jazz, aber auch Funk hörbar, der Kern ist jedoch der Fokus auf die Viertel. Die Verspieltheit und Improvisation von Jazz findet bei Motown-Grooves nicht statt, auch die mit Ghostnotes ausgeschmückten und synkopierten Beats à la James Brown sind eher selten. Es sollte eingängig, tanzbar und auf den Gesang fokussiert zugehen, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen.
Neben dem treibenden „Detroit Beat“, der von der Snaredrum auf allen Viertelnoten lebt, ist auch der vom legendären James Gadson als „Bounce“ bezeichnete Shuffle-Groove stilprägend für viele Stücke. Das Songbeispiel dieses Workshops ist inspiriert vom langsamen Motown Shuffle, der bei vielen Balladen zum Einsatz kam. Sehr charakteristisch für Motown-Produktionen ist übrigens ein auf den Snareschlägen gespieltes Tambourin.
Diese Drums und Cymbals wurden im Motown-Studio verwendet
Als das „Hitsville USA“ genannte Motown-Studio Ende der 1950er gegründet wurde, bestanden die verwendeten Drumsets aus wenigen Komponenten und kamen ausschließlich von US-Herstellern. Ludwig, Rogers, Gretsch und Slingerland waren die bekannten Marken, bei den Aufnahmesessions wurden meistens Sets mit 20“ oder 22“ x 14“ Bassdrum, 12“ x 8“ und 14“ oder 16“ Floortoms sowie eine Snaredrum der Größe 14“ x 5“ verwendet.
Deutlich mehr gab es im Sortiment der Hersteller auch nicht. Das Studio selbst hatte mehrere Trommeln zur Auswahl, welche jeweils an die aufzunehmenden Stücke angepasst wurden. Der Aufnahmeraum war eher klein – das Studio war Teil eines normalen Wohnhauses –, gespielt wurde daher eher leise und kontrolliert. Die Becken dürften zum allergrößten Teil von Zildjian gekommen sein, 14“ Hi-Hats dünner Bauart sowie 20“ oder 22“ Rides und Crashrides waren damals in allen Stilen gängig.
Der Song
Unser Song-Beispiel hat eine einfache, zweiteilige Form und ist von einem eher langsamen Motown Shuffle à la „Baby Love“ von den Supremes inspiriert. Motown bedeutet übrigens nicht automatisch, dass geshuffelt wird. Aber insbesondere Pistol Allen bevorzugte diese Art der Spielweise und machte sie als Rhythmusgrundlage für viele Motown-Songs populär.

Im Intro spiele ich eine geshuffelte Hi-Hat, dazu einen Rimclick auf die Zählzeiten Zwei und Vier. Der achte Takt besteht aus einem Crescendo auf Snaredrum und Floortom, welches aus insgesamt zwölf Achteltriolen-Noten besteht. Ich hätte das Stück auch direkt mit dem Strophen-Beat (siehe zweites Notenbild) beginnen können, wollte euch aber eine Möglichkeit der Introgestaltung mit „Luft nach oben“ zeigen.

Im Refrain spielt die Gitarre den prägnanten Akkord auf den Zählzeiten Zwei und Vier, dies unterstütze ich mit der „normal“ gespielten Snare. Wohlgemerkt kein Rimshot, der passt nicht so gut zum Motown-Sound, weil er zu aggressiv und dominant daher käme. Statt der Hi-Hat benutze ich das Ride-Becken, mit der Bassdrum spiele ich eine zweitaktige Figur: im ersten Takt auf die Zählzeiten „Eins“ und „Zwei“, im zweiten Takt kommt noch die „Vier und“ dazu. Und so klingt das ganze:
Fill-ins
Zwei Fill-Ins, welche ich bei der Aufnahme getrommelt habe, sehen folgendermaßen aus:

Play-Alongs zum Mitspielen
Für euch gibt es das Ganze natürlich wieder als Play-Along zum Mitspielen und zum Download, mit und ohne Click:
Beginner-Tipp
Konzentriert euch zunächst auf die Time der Pulshand (also die Hi-Hat- bzw. Ride-Hand), bevor ihr Variationen mit Bassdrum oder Snare einbaut. Wichtig ist, dass der Shuffle irgendwann locker „aus der Hand fällt“ und nicht „gehackt“ klingt, sondern schön lässig mit Betonung auf den Vierteln. Es kann dazu sehr hilfreich sein, Bassdrum und/oder Snare zunächst ganz wegzulassen und erst dann zu addieren, wenn ihr euch beim Shuffeln der Pulshand sicher fühlt. Ein schön gespielter Shuffle ist übrigens wirklich nicht einfach, seid also nicht frustriert, wenn es nicht sofort toll klingt.
Profi-Tipp
Wenn ihr einen authentischen Motown-Sound erreichen wollt, ist die so genannte innere Dynamik sehr wichtig, also das Lautstärkeverhältnis der einzelnen Teile des Drumkits. Eine sehr laut gespielte Snare passt in dieser Stilistik ebenso wenig wie eine zu kräftig bediente Bassdrum. Das Groovefeeling der frühen Popmusik ist generell eher leichtfüßig und weitaus weniger präsent als beispielsweise in der heutigen Backbeat-Musik. Hört dazu einfach mal auf die Lautstärke – man sollte besser „Leisestärke“ sagen – der Bassdrums auf Alben der Sechziger Jahre.
Das Equipment – Wie ihr den Motown-Drumsound erreicht
Retrosounds im Stile der 60er- und 70er-Jahre könnt ihr am besten mit einer Standardkonfiguration erreichen. Damals gab es weder kleine Toms unter 12“ noch besonders lange Kessel. Oft wurden Trommeln noch mit Naturfellen bespannt, gespielt wurde meistens mit Traditional Grip, der Anschlag war eher leicht. Beim Tuning ging es tendenziell höher zu, die tiefen, fetten Rocksounds waren noch nicht erfunden, Bassdrums wurden oft mit geschlossenem Resonanzfell bespielt. Eine 14“ Snaredrum mit Metall- oder Holzkessel, eher hoch gestimmt, wird dazu sehr gut passen.
Bei den Becken funktionieren dünnere Modelle besser als dickere, weil sie dunkler klingen und besser dosierbar sind. Denkt daran, sie nicht zu laut zu spielen, das klingt fast nie gut. Bei den Originalaufnahmen waren außerdem alle Bandmitglieder in einem Raum, der Toningenieur hatte nur wenige Mikros zur Verfügung, digitales Editing war noch nicht erfunden. Unkontrolliertes Drumming wäre, im wahrsten Sinne, ein Showstopper gewesen.
Welche Snaredrums eignen sich für einen Motown-Drumsound?
Hier könnt ihr nahezu alles verwenden, was in die Richtung der originalen Snaredrums geht. Eine der meistaufgenommenen Trommeln ist die Ludwig Supraphonic, welche heute immer noch produziert wird. Deren nahtloser Alukessel wurde auf unendlich vielen Recordings verewigt, einen ähnlichen Klang bekommt ihr aber mit vielen anderen Snares auch hin. Meine persönlichen Allrounder hätten Dimensionen von 14“ x 4“ bis 14“ x 6,5“, ein hohes Tuning mit mittelfest angezogenem Snareteppich. So erreicht ihr eine gute Ansprache, auch bei dynamischem Spiel mit Ghostnotes. Hier kommen ein paar Tipps für die Snaredrum-Auswahl.
Dämpfung für trockenen Drumsound und … more Tambourin!
Lange ausklingende Trommeln passen nicht gut zum typischen Retro-Drumsound. Neben doppellagigen Fellen oder solchen mit eingebauter Dämpfung könnt ihr auch externe Dämpfprodukte verwenden. Hier ist die Auswahl in den letzten Jahren sehr umfangreich geworden. Vollflächige Dämpfung sorgt für einen extrem kurzen und kompakten Sound, je kleiner das Dämpfelement ist, desto geringer wird die Wirkung. Hier lohnt sich das Experimentieren.
Höchst effektiv für einen typischen Motown-Sound ist ein Tambourin. Dieses wurde im Original meistens von Sängern und Sängerinnen bedient und sorgt für eine sehr musikalische Betonung des Backbeats. Mit ein bisschen Übung könnt ihr den Effekt auch erzielen, indem ihr ein Drumset-Tambourin oder einen Drumset-Schellenkranz in eurem Set befestigt. Lest dazu unbedingt auch unseren Artikel zum Thema Drumset Add-Ons.
Von mir verwendetes Equipment
Die Soundstreber unter euch packen für den echten Motown-Sound natürlich ihre Vintage Ludwig-, Slingerland-, Gretsch- und Rogers-Vierteiler aus, am besten behängt mit alten Zildjian Avedis- oder K Becken. Da ich zwar ein paar Sets in meinem Studio habe, aus verschiedenen Gründen aber kein Vintage-Exemplar dabei ist, habe ich mich mit meiner geliebten und extrem wandlungsfähigen Wahan 24×13 Acryl Bassdrum beholfen, ergänzt durch das wunderbar soft und jazzig klingende 14×13 Wahan Acryl Floortom. Als Snare hat auch hier wieder meine Noble & Cooley Solid Cherry herhalten müssen, welche den Job anständig gemeistert hat. Die wesentlich stilechtere Ludwig Pioneer hatte ich am Ende doch nicht gewählt, da mir im Kontext die N&C besser gefiel. Neben einem alten Sabian AA Sound Control Ride in 22 Zoll kam ein 16er Armoni Crashbecken zum Einsatz sowie als Hi-Hat eine Sabian HH Regular in 14 Zoll.
Viel Spaß beim Vintage-Style-Motown-Drumming!



























