Warum Musikproduktionen früher besser waren – und weshalb wir mit Schuld sind

Nein, früher war nicht alles besser. Aber viele Leute behaupten, dass in weit zurückliegenden Jahrzehnten die Musikproduktionen besser waren. Damit ist einerseits das Songwriting gemeint, andererseits auch die musikalische Performance und die Musikproduktion. Stimmt das? Und wenn ja, warum?

(Bildquelle: Shutterstock / kopi std)

Was ist eigentlich dieses „besser“?

Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Und da ist was dran: Das, was ich kenne, zum Beispiel der Soundtrack zur eigenen Jugend oder die Erinnerungen an das, was Eltern ältere Geschwister gehört haben, prägt nun mal. Es sollte also klar sein, dass die Aussage von den „besseren Musikproduktionen“ natürlich auf wackligen Beinen steht.

Musikproduktion war was für die Elite

Bis in die 1970er hinein war die Musikaufnahme in einem Studio in Prozess, von dem die meisten nur träumen konnten. Musik professionell aufnehmen war schlichtweg schweineteuer. Das bedeutete, dass jeder im Studio, vom Musiker bis zum Engineer, perfekt vorbereitet zum Recording angetreten ist. Man arbeitet anders, wenn man vielleicht nur diese eine Chance hat und alles Weitere von den paar Stunden im Studio abhängt. Und das hört man. Erst in den ausgehenden 1960ern begann es langsam, dass Plattenfirmen auch mal Experimente wagen konnten. Das Geld dazu hatten sie. Dass die Beatles im Studio Songwriting machen konnten, war davor im Grunde undenkbar. Musik wurde aufgenommen, wenn sie fertig war. Die neue Freiheit hat natürlich ihrerseits Musikproduktionen weiterentwickelt, indem beispielsweise neue Effekte entstanden sind, etwa Tape-Loops und Reverse Recordings, Vocals und Gitarren durch Rotary-Speaker zu schicken.

Die Technik war früher besser– und es war weniger

Oh, darüber kann man streiten. Fakt ist aber, dass die verwendete Technik aus den Hochzeiten der analogen Aufnahmtechnik kompromisslos war. Heutzutage ist es wichtig, dass die Herstellung auch in großen Stückzahlen und zu konkurrenzfähigen Preisen möglich ist. Auch heute kann man Point-to-Point verdrahtete Preamps aus besten Bauteilen kaufen, mit 1000 Euro pro Kanal ist man aber noch nicht einmal in der Nähe. Equipment wurde enorm gepflegt und jede Eigenschaft wirklich kennengelernt. Tontechniker, die ihr Werkzeug sehr gut kennen, liefern meist bessere Ergebnisse als solche, die ihren Fuhrpark aufgrund der Größe gar nicht ausreichend kennen können. Ein einziger Hall, in den halt „hineingemischt“ werden muss, es gibt nur drei Kompressoren, die Bandmaschine hat nur vier Spuren? Das zwingt zum „Decision Making“ und legt den Fokus auf wichtigere Dinge, statt einfach nur immer mehr zu machen.

Umgekehrt kann man fragen: Hat es die Qualität von Produktionen wirklich nach vorne gebracht, dass wir im Bedroom-Studio polyphon Tonhöhen korrigieren und so gut wie jedes Timing geraderücken können, alles durch ausgefuchstes Editing und mannigfaltige Helferlein klinisch glatt und sauber bekommen, mit Dynamic EQs, Multibandkompression und weiteren Tools so lange an wirklich jedem Ausgangsmaterial herumfeilen können, bis es so klingt wie eigentlich alles andere? Jeder Sound immer sofort verfügbar, bei Bedarf vorgefertigte Bestandteile?

Anderer Konsum, anderer Markt

Nun aber zum wichtigeren Punkt: Das Konsumverhalten hat sich geändert. Da müssen wir uns an die eigene Nase fassen: Geld für Musik ausgeben? Vielleicht für das Streaming-Abo. Wer hört heute noch alleine oder mit Freunden ganze Alben durch und macht sonst nichts? Musik ist für viele Konsumenten zum Beiwerk geworden und findet auf auf bandbreitenbegrenzten Minilautsprechern oder immerhin Kopfhörern statt. Viele Musiker sind heute oft nur Teilzeitmusiker und eher zu Zitatelieferanten und Social-Media-Akteuren geworden. Auf das Konsumverhalten wird reagiert: Um die Auswahl-Algorithmen der Streaming-Anbieter nicht zu verwirren, ist viel Musik vom gleichen Künstler immer sehr „samey“. Gegenbeispiel: „It’s Alright“, „Air Dance“, „Fluff“ oder „Spiral Architect“ sind nicht unbedingt Stücke, die man von den Vorreitern es Metal erwarten würde, aber allesamt auf Black-Sabbath-Alben zu finden.

Aufmerksamkeitsspannen sind deutlich geringer geworden. Snippets von Aerosmiths hochgepitchtem „Dream On“ oder des ikonischen „Still D.R.E.“ sind ganz gute Beispiele: Beides sind ältere Songs, aber es muss eine kurze Linie ausreichen. Langer Songaufbau, C-Parts oder sogar Tonartwechsel? Heute Fehlanzeige, der Song darf in keiner Sekunde anders klingen und beginnt möglichst schon mit dem Refrain. Dass Loudness Race tut sein Übriges dazu, von KI und extrem zielgruppenoptimierter Produktion ganz zu schweigen.

Die Globalisierung ist enorm fortgeschritten, sodass sich kaum lokale Subkulturen entwickeln können. Wo eine Produktion entstanden ist, lässt sich eigentlich nicht mehr erkennen.

Fazit

Ich gebe zu, viel des Gesagten ist durchaus angreifbar. Beispielsweise die mit den Streaming-Algorithmen: Auch vor einem halben Jahrhundert gab es Menschen, die entscheiden konnten, was im Radio gespielt wurde und was nicht. Aber wie erklärst du es dir dann, dass so viele die Musik längst vergangener Zeiten so abfeiern, John Bonhams Drumsound und Mixes mit Frank Sinatras Stimme als perfekt bezeichnen? Stichwort Black Sabbath: Einige Produktionen würde heute niemand mehr so veröffentlichen. Und selbstredend gibt es immer auch Gegenbewegungen. Hältst du diese für relevant? Und dass nun wirklich jeder mit wenig Aufwand mitmischen kann, bedeutet doch auch, dass Geld, Connections und auch musikalisch-handwerkliche Skills nicht mehr die Kreativität des Einzelnen bremsen, oder?

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