Kreative Vocal-Produktion als künstlerisches Stilmittel

Egal ob Gitarristinnen und Bassisten mit Effektpedalen und Verstärkern, Keyboarder mit Synthesizern oder Drummerinnen mit Verfremdung ihrer Kessel ­- Instrumentalist/innen verleihen dem natürlichen Sound ihres Instruments durch klangliche Verfremdung mehr Tiefe oder etablieren damit einen eigenen Stil . Aber auch mit der Stimme kann man mehr tun, als einfach nur die Technik auszufeilen.
Vor allem bei Studioproduktionen stehen mittlerweile allen Bedroom-Producern

(Bild © Shutterstock / Christian Bertrand)
(Bild © Shutterstock / Christian Bertrand)

Inhalte

  1. Kimbra
  2. Billie Eilish
  3. Unknown Mortal Orchestra
  4. Marsimoto (Quasimoto)
  5. Bon Iver
  6. Jesper Munk
  7. Honorable Mention: Autotune/Vocoder

jede Menge Möglichkeiten zur Verfügung, die Stimme in ihrem individuellen Charakter in Szene zu setzen oder einen wiedererkennbaren Signature-Sound zu finden. Wir zeigen euch anhand bekannter Sänger und Sängerinnen, wie man der Stimme in Studioaufnahmen durch Effekte und Mikrofone eine individuelle Note verleihen kann.

Kimbra

Im Song “Top of The World” spielt Kimbra mit verschiedenen Effekten und Sounds, um verschiedene lyrische Ebenen ihres Textes zu verdeutlichen. Dafür gibt sie jeder Gefühlsebene einen eigenen Sound. Einige gesprochenen Passagen sind zunächst frei von Hall oder Delay und mit einem oder manchmal sogar mehreren Pitch-Effekten gedoppelt, sodass sie fast psychotisch manisch wirken. Die einfühlsameren, allein gesungenen Zeilen haben etwas mehr Hall und Delay abbekommen, keinen Pitch-Effekt und werden sanfter gesungen. Es gibt Chor-Parts, die auf einer anderen Bedeutungsebene stattfinden und mit wieder anderen räumlichen Effekten inszeniert werden. Fast schon wie auditive “Leitmotive” helfen die Sounds dabei, die jeweiligen Emotionen zu transportieren und erleichtern den Zugang zu den verschiedenen Textebenen. Ein meisterhaftes Beispiel für eine spannende Produktion – übrigens nicht nur, was die Stimme angeht.

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Billie Eilish

Den Charme der Produktionen von Billie Eilish und ihrem Bruder Finneas macht zu einem nicht gerade kleinen Anteil ein gewisser Weniger-ist-mehr-Approach aus. Das gilt auch für das Abmischen der Vocals.Die Main Vocals sind mit minimalem Krafteinsatz gesungen, fast schon geflüstert, dafür stark komprimiert und mit kaum bis gar keinem Hall oder Delay versehen – quasi die vollständige Antithese zu dem Großteil sonstiger massentauglicher, elektronisch produzierter Popmusik. Dafür gibt es an einigen Stellen zahlreiche Dopplungen und Gesangsharmonien, die ebenfalls lediglich stark komprimiert werden und selten einen Hall oder Delay sehen ­- die klangliche “Größe” wird hier nicht durch Räume oder Ähnliches erreicht, sondern durch die Anzahl der Dopplungen (man denke auch an Queen). Wenn Billie dann aber doch mal etwas mehr auspackt mit ihrer Stimme oder mal ein präsenter Hall-Effekt ins Spiel kommt, ist es ein echter Hinhörer. Ein gleichermaßen charaktervoller wie simpler Signature-Sound, der mehrere Elemente umfasst.

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Unknown Mortal Orchestra

Auf dem Album “ll” der neuseeländischen Psychedelic-Formation rund um Mastermind Ruban Nielson kann man zwar nicht unbedingt von einem klaren Signature-Soundeffekt im Sinne von Billie Eilish sprechen, es gibt allerdings einiges zu entdecken in der Stimmproduktion. Der Gesang klingt bei jedem Song grundsätzlich anders, was wahrscheinlich entweder durch die Auswahl des Mikrofons und die Preampwahl oder durch radikales EQing erreicht wird, und kriegt außerdem nicht selten mal einen Phaser oder anderen Filter-Effekt verpasst. Es gibt verschiedene Hall-Effekte in verschiedenen Songs, die von einem langen Plate-Reverb bis zum ultra-kurzen Raum rangieren. Jeder Song kriegt so auf mehreren Ebenen eine ganz eigene Farbe verpasst, die sich sehr stark nach der Dynamik der Stimme und der Stimmung des Songs richtet. Wäre diese Vocal-Produktion eine Person, sie wäre ein hochemotionaler Exzentriker mit auditiv höchst ansprechenden Stimmungsschwankungen.

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Marsimoto (Quasimoto)

Marten Laciny aka Marteria hat schon zu Beginn seiner Musikkarriere mit Marsimoto ein Pseudonym geschaffen, mit dem er eine andere Seite seiner Persönlichkeit auslebt als mit seinem Projekt Marteria. Das klar zu erkennende Unterscheidungsmerkmal ist dabei die mit einem Pitch Shifter hochgepitchte Stimme – ein Trick, den sich Marten, wie er offen bekennt, von Rapper und Producer Madlib abgeschaut hat, der diesen Trick auch bei seinem Pseudonym Quasimoto angewendet hat. Ein Effekt, wie er simpler nicht sein könnte, aber durch seinen Sound einen unverkennbaren Charakter entstehen lässt.

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Bon IverDer sogenannte “Prismizer” ist einer der zahlreichen genialen Einfälle, mit denen Bon Iver uns in seiner musikalischen Karriere bisher entzückt hat. Bei einigen Songs wird seine bereits durch Autotune entfremdete Stimme von einem auf die Dynamik der Stimme reagierendenVocoder bzw. Autotune-artigen Chor begleitet. Dabei wird ein Ton auf unterschiedliche Tonhöhen gepitcht, dessen Akkordtöne einzeln über ein MIDI-Keyboard angesteuert werden. So wird aus einem einzigen Stimmsignal ein digitaler, leicht glitchy klingender Autotune-Chor.

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Aber Bon Iver wäre nicht Bon Iver, wenn er nicht noch einen draufsetzen würde – beim Song “45” kombiniert er den Prismizer-Effekt mit einem Saxophon. Er bedient ein Midi-Keyboard, das den Autotone-Effekt steuert, und singt dazu, während der Saxophonist Melodien spielt, die vom Autotune gepitcht werden. Das Ergebnis ist ein extrem interessanter Sound und Vibe.

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Jesper Munk

Aus vertraulicher Quelle habe ich neulich erfahren, dass der deutsche Blues-, Soul- und Folk-Künstler Jesper Munk es sich zur Aufgabe gemacht hat, besonders hochwertige Mikrofonkapseln aus alten Telefonhörern zu Mikrofonen umzubauen. Die färben das Gesangssignal logischerweise mit ihrem jeweiligen Frequenzgang stark ein und kreieren damit einen sehr authentischen Retro-Sound. Und zwar ohne Plugins, Tape oder sonstige Retro-Colour-Tricks. Ein ziemlich cooler DIY-Ansatz für eine individuelle Variante eines Retro-Sounds, der sowohl auf seinen Produktionen als auch in Live-Sessions wie der folgenden zum Einsatz kommt:

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Honorable Mention: Autotune/Vocoder

Seien wir mal ehrlich, diese Liste wäre nicht vollständig, ohne wenigstens kurz auf Autotune- und Vocoder-Effekte einzugehen, auch wenn Autotune oder Vocoder heute wohl kaum mehr als “unique” gelten können. Von Kraftwerk über Cher bis zu modernem Rap haben sich unzählige Artists an dieser Effektfamilie bedient, um ihrer Stimme einen besonderen Sound zu verpassen. An dieser Stelle vielleicht ein weniger populäres, dafür umso untypischeres und interessantes Beispiel: die lebenden Post-Rock-Legenden von Mogwai mit ihrem Song “The Lord is Out Of Control”, der weder Techno noch Pop oder Cloud-Rap ist. Hier zeigen die ursprünglich als Gitarrenband gestarteten Schotten, wie ein Vocoder sehr stimmig in einem Ambient-Track eingesetzt werden kann.

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Fazit

Wie ihr an den Beispielen seht, kann sich das Experimentieren mit unkonventionellen Soundeffekten beim Weg zu einem einzigartigen Stimmsound lohnen. Traut euch, selbst den verrücktesten Ideen nachzugehen – vielleicht entdeckt ihr dabei euren neuen Signature-Sound, der maßgeblich stilprägend für eure Musik sein kann. Zumindest habt ihr die Chance, eurer Musik mit dem Sound eurer Stimme einen noch stärkeren Vibe zu verpassen.

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von Leon Kaack

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Profilbild von Catharina Boutari

Catharina Boutari sagt:

#1 - 13.12.2021 um 16:10 Uhr

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Vielen Dank für den kreativen Input.

Kommentare vorhanden
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