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27.03.2017

Vintage Synth: Roland Jupiter-4

Polyphoner Analogsynthesizer

Der "kleine" Jupi ganz groß

1978 erblickte mit dem Jupiter-4 Rolands erster polyphoner Analogsynthesizer das Licht der Welt. Viele Jahre lang fiel es dem "kleinen" Jupiter durch sein klobiges Design und einige Schönheitsfehler schwer, sich zwischen der Konkurrenz und später den großen Brüdern Jupiter-6 und Jupiter-8 zu behaupten. Der Jupiter-4 kann aber viel mehr, als sein äußeres Erscheinen zunächst vermuten lässt. Dies fiel in den vergangenen Jahren immer mehr Soundbastlern und Vintage-Liebhabern auf, wodurch die Beliebtheit und der Verkaufspreis des Synths stetig anstiegen.

Nachdem die Keyboard-Welt in den 70er Jahren den starken Wunsch nach polyphonen Synthesizern entwickelt hatte, brauchte es einige technische Anläufe und Versuche, bis Ende der 1970er Jahre mit Instrumenten wie dem Sequential Circuits Prophet-5 oder dem Oberheim OB-X erstmals speicherbare, polyphone Kompakt-Synths auf den Markt kamen. Die waren jedoch sehr teuer und deshalb war die Freude groß, als Roland mit dem Jupiter-4 einen bezahlbaren Polyphon-Synthesizer mit amtlichen Features präsentierte.

Als ich selbst Jahrzehnte später mit jungen 16 Jahren einen Freund bei einem Besuch in seinem Keller fragte, was es denn mit dem seltsam klobigen Keyboard in der Gerümpel-Ecke auf sich habe, wusste ich noch nicht, dass sich dahinter ein hoch gehandelter Analog-Synth verbarg. Dies fand besagter Freund dann nach kurzer Zeit selbst heraus und verkaufte den Jupiter prompt für gutes Geld im Internet. Das stimmte mich nicht nur traurig, sondern auch neugierig: Was macht diesen Keyboard-Kloß heutzutage so wertvoll? Das haben wir im Vintage-Special genauer untersucht. 

Äußeres

Mit seinen dicken Holz-Seitenteilen, der 49 Tasten großen Waterfall-Tastatur und dem robusten Metallgehäuse bringt der Jupiter-4 stolze 20 kg auf die Waage. Auffällig ist außerdem der geräumige Unterbau vor den Tasten, der die Memory-Einheit beherbergt. Somit ist der „Jupi“ nicht nur schwer, sondern auch etwas sperrig. Harte Schale, weicher Kern? 

Bedienfeld und Klangerzeugung

Wie auf den Panels von Roland-Synths üblich, wird auch beim Jupiter überwiegend mit Fadern und Schaltern bzw. Drehschaltern gearbeitet. Herzstück des Jupis ist der Oszillator, bei dessen Fußlage zwischen 16', 8' und 4' ausgewählt werden kann. Als mögliche Schwingungsformen sind Dreieck und Rechteck mit an Bord, außerdem gibt’s noch einen Modus mit einstellbarer und modulierbarer Pulsbreite. Mittels der Taster "Assign Mode" unterhalb der Tastatur sind verschiedene „Voice“-Modes anwählbar, darunter auch ein Unison-Mode, mit dem sich alle Stimmen monophon gleichzeitig spielen lassen. Zur Kalibrierung der vier Stimmen gibt es auf der Rückseite vier Trimpotis, allerdings bekommt man sie nur schwer auf einen Nenner. Der nicht wirklich zu bändigende, sanfte „Detuned“-Sound ist gewöhnungsbedürftig, verleiht dem Jupiter aber gleichzeitig einen einzigartigen Grundklang, welcher den Synth über die Jahre berühmt berüchtigt gemacht hat. Ein zuschaltbarer Sub Oszillator sowie ein White Noise Generator runden die Quellen der Klangerzeugung ab. Diese werden dann durch verschiedene Parameter erweitert und angereichert.

Filter

Beim Jupiter-4 findet man eine Filterstruktur, wie sie auch bei vielen anderen Roland-Synthesizern zum Einsatz kommt: Es gibt ein einfaches Hochpassfilter, auf das ein resonanzfähiger, modulierbarer Tiefpass mit Hüllkurve folgt. Das Tiefpassfilter des Jupiter strahlt in verschiedenen Farben. Bei hohen Resonanz-Werten wird es ordentlich schmatzig und gerät – bei späteren Modellen – sogar in die Selbstoszillation. Bei Flächen-Sounds kommt es angenehm voll und warm daher und kreiert genauso gern aggressive Bass-Sounds. Das Filter kann von LFO und/oder Envelope mit regelbarer Intensität moduliert werden, wobei die Hüllkurve positiv oder negativ wirken kann. Zusätzlich lässt sich das Keytracking in vier Stufen schalten. Desweiteren gibt es die interessante VCF Mod Funktion – dazu gleich mehr.

Modulationen, Arpeggiator und Ensemble

Der Jupiter bietet einen LFO, dessen Amount auf die verschiedenen Klangerzeugungs-Parameter via Fader festgelegt werden kann (Envelope Mod Amount, Filter Mod Amount usw.). Der LFO erzeugt die Schwingungsformen Sinus, Rechteck sowie Sägezahn steigend oder fallend, die durch einen Schiebeschalter gewählt werden. Er kann auf die Ziele Oszillatorfrequenz, Pulsbreite und Filter-Cutoff wirken.

Links von der Tastatur lassen sich die Modulationen während des Spielens zum Einsatz bringen. Hier findet man einen Regler für die LFO-Intensität sowie einen Pitch-Bend-Hebel, der bereits die übliche Roland-Form besitzt, mitsamt einem Regler für seine Empfindlichkeit. Für jedes Ziel (VCO, VCF und VCA) kann mit einem Schiebeschalter gewählt werden, ob die Modulation direkt vom LFO erfolgen soll oder ob die Intensität mit dem Bend-Hebel gesteuert werden soll. Desweiteren sind in dieser Sektion das Portamento und ein Schalter für eine Transposition um eine Oktave nach unten untergebracht.

Ein spezielles Gimmick ist außerdem der „VCF Mod“. Hierbei greift sich der Jupiter ein White Noise-Signal des gerade gespielten Tons ab und moduliert damit über ein Sample&Hold-Modul den Filter. Die Amplitude des jeweils abgegriffenen Noise-Signals stellt in diesem Verfahren die Filter-Frequenz dar.  Ein witziges Feature, von dem ihr in diesem Bericht noch hören werdet. 

Der integrierte Arpeggiator ist ebenfalls simpel einsetzbar und bietet die Patterns Up, Down, Up & Down und Random. Ein Hold-Schalter lässt ihn weiterspielen, wenn die Tasten losgelassen werden. Über die Buchse EXT IN kann der Arpeggiator einer externen Clock folgen.

Ein Druck auf den Ensemble-Schalter aktiviert Rolands analogen Stereo-Chorus-Effekt, der maßgeblich zum cremigen Sound vieler Roland-Synthesizer aus jener Ära beiträgt. Allerdings ist er auch für sein Rauschen bekannt, was sich auch beim Jupiter-4 bemerkbar macht.

Anschlüsse

Auf der Rückseite findet sich neben dem Stereo-Out ein Kopfhöreranschluss. Über einen Trigger-Eingang lässt sich der Arpeggiator mit einer externen Clock versorgen. Sonderlich kommunikativ mit anderen Synthesizern ist der Jupiter-4 dennoch nicht: MIDI gab es noch nicht und auch eine umfassende CV/Gate-Schnittstelle fehlt, wenngleich sich hinter den entsprechenden Pedalbuchsen zwei CV-Inputs für Filter und Expression / Volume verbergen. Ein Anschluss für ein Sustainpedal bildet den Abschluss.

Memory & Presets

Der Jupiter-4 war der zweite speicherbare Polysynth, den es seinerzeit überhaupt auf dem Markt gab. Wie der Promars, der eine um einen zweiten VCO erweiterte einstimmige Variante des Jupiter-4 ist, trägt er deshalb stolz den Namenszusatz "Compuphonic". Standardmäßig stehen acht Speicherplätze für Eigenkreationen zur Verfügung. Es sind aber auch einige Jupiters mit nachgerüsteten Speicherplätzen von bis zu 128 Slots im Umlauf. Hinzu kommen noch zehn Presets. Das Anspielen der Presets hat einen hohen Entertainment-Faktor: Sie klingen natürlich ganz und gar nicht nach dem „Piano“ oder der „Trompete“, die die jeweiligen Beschriftungen versprechen. 

Ein genauerer Blick auf die Features des Jupiters lässt erahnen, dass der erste (optische) Schein definitiv trügt. Und wie klingt der nun wirklich ? 

 

Praxis

Sound

...Fett! Die schnellen Hüllkurven bewirken eine blitzschnelle Ansprache und Präzision. Dadurch sind knackige, funky Bass-Lines schnell gebaut. Per Pitch-Bend lassen sich leichte Vibrato-LFOs intuitiv einbauen.

Die schnellen Hüllkurven des Jupis sind nicht nur bei Bass-Sounds hilfreich. Sie ermöglichen auch ziemlich druckvolle und kantige Drum-Sounds, aus denen sich eigenständige Beats bauen lassen. Dazu trägt vor allem die mächtige Resonanz des Filters einiges bei. 

Im Unisono-Modus wird mit einer brachialen Bass-Wand auch der letzte Maulwurf aus der Höhle gejagt ...

Wer jetzt denkt, Onkel Jupp sei ein roher, kalter Sound-Generator, darf sich zum Glück vom Gegenteil überzeugen lassen. Sein unverwechselbarer Grundklang verleiht ihm einen ganz eigenen Charakter und unterstützt auch die charmanten Flächen, die im Jupiter-4 stecken. Diese können dann durch den Ensemble-Effekt auch in ein Stereo-Gewand gehüllt werden. Ein wenig Hall dazu, schon sind wir im Pad-Himmel. Durch das dennoch schnell und aggressiv wirkende Filter sind die Flächen im Mix-/Bandkontext sehr durchsetzungsfähig. 

Die „Compuphonic“-Technologie des Jupiters ermöglichte erste digitale Elemente wie z.B. Presets und Speicherplätze. Aber auch der integrierte Arpeggiator stellte schon damals eine Bereicherung für den Synth da. Er ermöglicht träumerische, sanfte Klänge und saftiges Bass-Gewebe. Mithilfe der „Hold“-Taste lässt sich der Arpeggiator loopen und man kann ordentlich an den vielen Reglern schrauben. Vor allem der bereits erwähnte VCF-Mod-Effekt belebt hierbei die Arpeggios mit seinen zufälligen Filter-Modulationen. 

Externe Kontrolle

Das Tempo des Arpeggiators lässt sich nicht nur intern, sondern auch durch den ARP Clock-Eingang bestimmen. Dadurch lässt sich der Jupiter beispielsweise mit einer analogen Drum Machine oder einem Modularsystem synchronisieren. Mit einem zwischengeschalteten Midi-CV-Converter rückt auch eine Steuerung per MIDI Clock in den Bereich des Möglichen.

Wählt man im Arpeggiator Mode gleichzeitig die Knöpfe „Up & Down“ und einen der Voice-Modes (Unison/Poly), wiederholt der Arpeggiator die angespielten Töne/Akkorde einfach, ohne sie aufzuteilen oder ähnliches. Bei externer Clock orientiert sich der Arpeggiator an den Trigger-Signalen des externen Gerätes. Wenn man nun per CV einen Sequencer an den Jupiter anschließt, spielt der Arpeggiator die gedrückten Tasten so ab, wie der Sequencer es vorgibt. So erhält man auf Umwegen eine Art Akkord-Sequencer, der völlig neue Türen öffnet.

MIDI-fizierung

Für den Jupiter-4 sind verschiedene Kits zur Nachrüstung von MIDI erhältlich, mit denen sich der antike Synth in moderne Setups integrieren lässt. Etabliert hat sich vor allem das MIDI-Kit von Kenton Electronics. Hiermit können beispielsweise Transpose-, Filter-Frequenz oder auch Pitchbend-Einstellungen via MIDI kontrolliert werden. Für den Spaß müssen allerdings inkl. Einbau stolze 500 € auf den Tisch. Eine günstige Alternative bietet die tschechische Firma CHD Elektroservis. Deren Kit ist für unter 100 € zu haben, der Einbau ist Berichten zufolge recht unkompliziert. Jedoch sind die Funktionen im Vergleich zum Kenton-Interface etwas eingeschränkt. Wem allerdings Note On/Off, ARP Clock Rate und Pitch-Bend-Übertragung reichen, der wird mit dem CHD-Kit glücklich.

Die amtliche Klangvielfalt des Jupiters macht ihn zur eigenständigen Produktions-Maschine. Um das zu demonstrieren, habe ich mal einen kleinen Jupi-Beat gebastelt. Mein Jupiter hat kein MIDI, weswegen ich mir vor allem den bereits erwähnten Arpeggiator-Clock Trick zu Nutzen gemacht habe.

Der Jupiter heute

Zuletzt wechselten gebrauchte Jupiter-4 für etwa 2000 € den Besitzer, Preis-Tendenz steigend. Die Konkurrenten Korg Trident oder Oberheim OB-X befinden sich jedoch schon in ganz anderen Preis-Kategorien. Früher war der Jupiter gern mal bei Michael Jackson oder Duran Duran zu Gast, heute ist er zum Beispiel bei Studioproduktionen von Ben Folds oder Kate Tempest zu hören. Er gewinnt durch seinen herausstechenden Sound immer mehr Bedeutung auf der stets fortlaufenden Suche nach einzigartigen Klangwelten. Live wird er dann doch gern durch entsprechende Digital-Synths ersetzt, die ihm klanglich aber wohl niemals ernsthaft Paroli werden bieten können.

Fazit

Dieser Bericht hätte noch viel länger sein können. Das liegt ganz einfach an den zahlreichen Möglichkeiten der Klangerzeugung- und Bearbeitung, die der optisch so kantige Jupiter 4 mit sich bringt. Das macht ihn zu einem unheimlich inspirierenden und vielseitigen Studio-Gehilfen. Im Live-Gebrauch ist er durch seine Stimm-Instabilität mit Vorsicht zu genießen. Solange sich diese Instabilität jedoch in Grenzen hält, verleiht sie dem Synth Charakter und Wärme. Mit einer MIDI-Nachrüstung wird der Jupi problemlos Teil einer (elektronischen) Sound-Schaltzentrale und Lieblings-Spielzeug von modernen Produzenten mit Analog-Affinität. 

  • Pro
  • satter, markanter Grundsound
  • vielseitige, effektive Klangerzeugung
  • besondere, inspirierende Modulationsmöglichkeiten
  • intuitive Pitch-Bend-Sektion
  • zuverlässiger Arpeggiator
  • midifizierbar
  • Contra
  • unsichere Stimm-Stabilität
  • klobiges, sperriges Design
  • Features
  • Erscheinungsjahr: 1978
  • Klangerzeugung: analog, subtraktiv
  • Polyphonie: 4-stimmig mit verschiedenen Assign-Modes
  • Sub Oszillator
  • White-Noise Generator
  • Lowpass/HiPass-Filter
  • 1 LFO (Sinus, Dreieck)
  • 49 Tasten (Orgel/Waterfall-Stil)
  • Anschlüsse : Mono/Stereo-Out, Headphones Out, Sustain/VCF-Contour/EXP-Pedale, Arpeggiator Clock IN

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