Test
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04.05.2018

Praxis

Der Seventy-Two präsentiert sich als vollausgestatteter Standalone-Mixer, zur Höchstform läuft er jedoch erst im Zusammenspiel mit Serato DJ Pro ab der Version 2.0.2 auf. Eine ältere Version unterstützt den Mixer nicht. Um den Seventy-Two auf den aktuellen Stand zu bringen und auch wirklich alle Features nutzen zu können, spiele ich noch die neueste Firmware auf, die auf der Rane-Website zum Download bereitsteht. Dazu schließe ich einfach den eingeschalteten Mixer an meinen Laptop an und öffne die heruntergeladene Firmware-Datei.

Weiter geht’s mit dem Einrichten: Um den drei, sich von der Werkseinstellung noch etwas behäbig anfühlenden Fadern mehr Schmackes für das Rutschen über die Bahn zu verpassen, schraube ich am Gleitwiderstand. Dies wörtlich, denn unter dem Faceplate verbergen sich die drei „MAG THREE“ Fader samt Spannschraube. Auf dem niedrigstem Level rutschen die Fader bereits wie Butter. Aber man kann tatsächlich noch eine Scheibe drauflegen, besser gesagt, mit einem Wattestäbchen und einem Tropfen Waffenöl hauchdünn die Schiene benetzen.

Das Hardware-Setup für meinen Test setzt sich wie folgt zusammen:

ein 15“ Mac Book Pro mit Touchbar

ein Technics SL-1210 M5G samt Ortofon Concorde MkII Scratch

ein Sennheiser HD-25

ein Shure SM-58

zwei aktive Genelec-Monitore

Nach dem Hochfahren des Seventy-Two nehme ich noch ein paar Einstellungen im Menü via Touchscreen vor. Dazu zählen:

Mixer Setup

Audio Out: Main Out (stereo oder mono), Clean Feed für Mikrofon 1, Mix Balance

Deck Setting: Empfindlichkeit für die Phono-Kanäle und Balance für die beiden Kanäle

Filter Setup: Resonanz-Einstellung für alle drei Filter-Regler

Pad Setup: Anschlagsdynamik der Pads

Headphone Setup: Klangregelung

Flex FX

Auswahl von 11 Onboard-Effekten (z. B. Echo, Duck Echo, Reverb, Phaser, Gate. Flanger, Delay, Beat Breaker), die nochmals in drei Parametern anpassbar sind, Cut-In Adjust ab welcher Faderlänge das Signal der drei Fader offen ist

Foot Switch

Drei verschiedene Schaltereinstellungen können abgespeichert und wahlweise MIDI oder dem Effekt-Schalter von Kanal 1 oder 2 zugeordnet werden

Display

Anpassen der Helligkeit des Bildschirms

Auch das Serato DJ Pro Audiosetup (beziehungsweise das von der Rane-Website herunterladbare Control-Panel) greift vom Laptop auf vereinzelte Parameter des Menüs zu.

Haptik

Beim Seventy-Two verlässt sich Rane auf die Erfahrungen vergangener Mixer: Das gebürstete Frontpanel aus Stahl lässt sich gern auf einen rabiateren Einsatz ein, ohne dabei merklich an Glanz zu verlieren. Erfahrungsgemäß leidet ein Pult jedoch langfristig und unweigerlich unter den tausendfachen Fingerschlägen gegen den Crossfader auf dem matten Panel-Finish. Wer sich daran stört, der wechselt einfach das kleine Faceplate aus.

Die blauen, grauen und weißen Reglerkappen heben sich recht gut vom dunklen Top-Panel ab, wobei die grauen Knobs und die schwarzen Encoder im finsteren Club aber leicht zu übersehen sind. Dank geriffelter Gummioberfläche sind alle Drehpotis sehr griffig. In der Nullposition rasten sie spürbar ein, sodass man die Flat-Einstellung des EQs blind „erkennt“. Zwischen den einzelnen Reglern gibt es ordentlich Raum, selbst mit dicken Fingern eckt man nicht an den benachbarten Knobs an. Die Fadercaps sind wieder recht schmal geraten und angenehm glatt, ohne dass man mit dem Finger abrutscht. Als DJ hat man alles im Griff!

Klang

Ranes Mixer standen von jeher für einen professionellen Sound. Dieser Tradition verpflichtet, arbeitet der Seventy-Two mit einem Soundprocessing von 32 Bit und 48 kHz sowie einem beeindruckenden Dynamikbereich von 117 dBA. Das Resultat: ein hochauflösender und druckvoller Klang mit sehr geringem Grundrauschen, selbst bei voll aufgedrehten Kanälen.

Die Equalizer greifen bissig zu und löschen das jeweilige Frequenzband auf Wunsch aus. Auch die kombinierten Hoch- und Tiefpassfilter bieten viel Spielraum für Soundmodulationen, die mit einer deftig eingestellten Resonanz im Menü besonders kernig klingen. Der Kopfhörer zeigt sich leistungsstark und transparent. Individuellen Klangvorlieben bietet das Menü einen Abgleich.

Der Seventy-Two akzeptiert zwei Mikrofone und ist mit einer Hi/Low-Klangregelung ausgerüstet. Um nicht bei jeder Moderation manuell den Pegel senken zu müssen, schaltet man durch zwei Sekunden langes Drücken der Duck-Taste die Talkover-Funktion (-10 dB) ein, allerdings erfolgt beim erneuten Einblenden eine in meinen Augen recht lange Verzögerung. Von daher lieber von Hand am Linefader die Lautstärke regeln.

Fader

Mit den MAG THREE untermauert Rane erneut seine Beliebtheit bei den Cut-Nerds. Dank Tuning flutschen die Fader auf DMC-Weltmeister-Niveau. Ihr fühlbares, sehr angenehmes Eigengewicht bringt zusätzlichen Schwung in die Kiste. Der extrem kurz einstellbare Cut-In, der auch ohne angeschlossenen Laptop im Mixer abgespeichert wird, lädt zu noch schnelleren Fader-Attacken ein.

Selbst in basshämmernden DJ-Kanzeln hält der Crossfader seine Position und macht sich nicht so schnell selbstständig, vermutlich aufgrund seines Eigengewichts. Ein spontanes und aufwendiges Anpassen der Spannschraube entsprechend der akustischen Situation ist damit nicht erforderlich.

Touch-Display

Obwohl das Display etliche Ansichten bietet, komme ich recht schnell mit den Untermenüs zurecht. Neben den bereits erwähnten Settings zeigt der Bildschirm die Crates mit den wichtigsten Infos zu Interpret, Track und BPM an. Beim groben Stöbern in der Library und beim Laden der Tracks aus einer vorbereiteten Playlist verbessert dieses Feature enorm den Workflow. Zudem schwindet die Daseinsberechtigung des Laptops im Sichtbereich in der DJ-Kanzel, was vor allem auch Laptop-Abstürze und Getränkeunfälle vermeidet. Wer allerdings nach speziellen Attributen seine Tracks auswählt, der wird wohl weiterhin an das Keyboard und Laptop-Display gebunden sein.

Ein größeres Schmankerl ist für mich die Wellenformansicht des Displays. Es zeigt die Spursignale beider Decks je nach eingestelltem Zoom-Faktor vertikal an. Es ruckelt zwar noch ein wenig und bei schnellen Interaktionen wie Fingerdrumming und Scratching sieht man den Cues auf dem Display ein leichtes Delay an. Ein Update wird dies wohl lösen können, oder?

Das Display ist ansonsten auch gut zur Kontrolle der Phasengenauigkeit beim Mixing sowie zur Angabe der momentanen Spielposition, Länge, Tonart und der gesetzten Hotcues. Dank der Touch-Funktion lässt sich der BPM- und Key-Sync über das Display aktivieren, in der Wellenform zudem à la Needle Search suchen.

Effekte

Auch hier spielt der Bildschirm etliche Asse aus. Denn die Batterie an Serato-Effekten und Flex FX lässt sich über das Display steuern, mit dem Sampler verketten und hinsichtlich der Parameter, Beats und Intensität modifizieren. Die Bedienung geht intuitiv von der Hand, schnell habe ich den Dreh mit Touch und Knobs heraus. Zum Aktivieren der verketteten Effekte auf einen Schlag dienen zwei sehr massive, leicht gedämpfte Aluminium-Hebel: nach oben einrastend und nach unten manuell zuhalten. Oder umgekehrt, je nachdem, ob die Hebel um 180 Grad gedreht worden sind. 

Wer die Effekt-Kombi visuell modulieren mag: Die Touch-FX verwandeln das Display in ein X/Y-Touchpad, mit dem man entweder für Deck 1 oder Deck 2 die gewählten Serato FX und Flex FX gleichzeitig in horizontaler Richtung hinsichtlich der Beats ändert und vertikal einen zusätzlichen Tief- und Hochpassfilter drüberlegt.

Perfomance-Pads

Sogar die Pads bieten noch Effekte an: Im Modus „Pad FX“ liegen auf den oberen vier Pads Vinyl Brake, Backspin, Gate und Echo, wobei das Echo auch mit den anderen Effekten kombiniert werden kann. Je nachdem, auf welches Pad der unteren Reihe man drückt, ist der Effekt eher kurz (linkes Pad) oder länger (rechtes Pad). „Fader FX“ simuliert durch Drücken der Pads das rhythmische häufige Öffnen und Schließen des Crossfaders. Mit anderen Worten: ein Transformer-Effekt.

Natürlich widmen sich die Pads auch den Standards: Cue, Autoloops und manuelle Loops, Beat Jumps, Roll Loops, Sampler und Slicer. Die individuelle Beat-Länge der Loops und Jumps auf den Pads passt man durch Durchschalten der Parameter-Taster an. Auch den nicht zum Standard gehörenden Serato DJ Pro Features gibt der Mixer ein Mapping vor:

Pitch Play: Triggern eines in bis zu sieben Halbtönen transformierten

Cues Flip: Editieren eigener Versionen durch Cue-Sprünge

Erfreulicherweise reserviert der Seventy-Two auch der Transport-Kontrolle einen vorgefertigten Modus. Auf den Pads liegen Funktionen zum Beatmatching und Pitch-Bending, dazu Keylock, Sync, Cue und Play. Damit läuft das Auflegen auch mal intern und ohne Plattenspieler oder CDJs.

Normalerweise springt das Deck mit Aktivieren des Transport-Modus automatisch in den internen Modus, was bei mir im Test leider hakte. Sicherlich ein Bug, der mit dem nächsten Update gefixt wird. Wem diese üppige Funktionsbatterie dennoch nicht ausreicht, der geht in die Shift-Ebene der Performance-Pads, die auf ein eigenes MIDI-Mapping wartet.

Die fünf Pad-Modus-Tasten pro Deck bergen somit zehn Preset-Modi, die unabhängig voneinander zum Beispiel links die Cues und rechts die Autoloops bearbeiten. Die Helligkeit der RGB-Pads knallt im Club sehr gut ins Auge, selbst bei hellerem Tageslicht erkennt man die belegten Pads und auch ihre Farbnuancen. Außerdem sind sie groß genug für schnelles und treffsicheres Fingerdrumming.

Die Performance Pads reagieren mit maximaler Anschlagsdynamik sehr dynamisch und sensibel auf jede Berührung. Beim Triggern zeigen sie einen minimalen Hub, woran man sich als Verfechter noch härterer Anschläge wie bei einer Maschine auch gewöhnt.

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