Test
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28.06.2012

PRAXIS

Wenn man eine grobe Ahnung von den Funktionen hat, sollte das Teil eigentlich selbsterklärend sein, denke ich, lehne mich aber lieber zurück, mache eine Cola auf und gucke mir das kleine Lehrvideo von Overtone-Labs im Internet an. Darin führt ein offensichtlich mehr der Physik denn der guten Show zugetaner Firmenchef den Tune-Bot in einer Art hausgemachten Apple-Produkt-Präsentation dem Web-Publikum vor. Selig lächelnd bringt er ein Fell nach dem anderen auf exakte Tunings, während ich schon die Nummer des Verbraucherschutzes herauskramen möchte. Doch dann kommt die Stunde der Wahrheit: Ich probiere es an einer Trommel selbst aus. Es gibt zwei Möglichkeiten, eine Trommel mit dem Tune-Bot zu stimmen. Zum Einen kann man die Felle - sollte man bereits über eine gewisse Tuning-Erfahrung verfügen - auf eine in etwa gleichmäßige Stimmung schrauben und dann mittels jeweils einer Schraube auf der Ober- und auf der Unterseite auf einen Ton bringen oder jede Schraube auf eine bestimmte Hertzfrequenz stimmen, indem man den Fellbereich vor jeder Schraube einzeln anspielt und diese dann nachjustiert. Natürlich kann man auch erst ganz grob die Schrauben anziehen, nachdem man das Fell auf die Trommel gesetzt hat, dann die Schrauben fein tunen und danach erst das ganze Fell mittels der beiden Schrauben auf einen gemeinsamen Ton bringen um somit die beiden Kernkompetenzen des Tune-Bot miteinander vereinen. Mein erstes Einsatzgebiet ist eine Single-Produktion im Maarwegstudio in Köln und ich will meine Snare auf den Grundton des Songs stimmen, während sich der Produzent noch mit den anderen Musikern unterhält. Ich habe etwa zwei Minuten Zeit, krame schnell den Tune-Bot aus meiner Tasche, klemme ihn an meine Snare und drücke auf Power.

Ganz beiläufig frage ich die Songwriterin nach dem Grundton - falls alles klappt wird jeder denken, ich sei der professionellste Übertuner des Universums. Also drücke ich auf die Taste "Note", et voilà, ich schlage einmal auf das Fell und ein etwas flaches G wird mir angezeigt. Ich muss aber auf F, also los geht's. Ich schlage permanent mit einem Stick auf die Mitte des Fells, während ich das Trömmelchen tune und beobachte dabei den Tune-Bot. Nach wenigen Drehungen gibt es die erste Ernüchterung: Mir werden für fast jeden Schlag unterschiedliche Noten angezeigt. Das liegt natürlich daran, dass ich nicht jede Schraube vorher auf die gleiche Frequenz gebracht habe, also konzentriere ich mich darauf, die Snare möglichst immer an der gleichen Stelle und mit der gleichen Intensität zu treffen und siehe da, die Tonunterschiede zwischen den Schlägen bewegen sich plötzlich nur noch im Viertelton-Bereich. Zwar macht die Snare jetzt "Boooooiiinngg", aber wenn dieser lange Ton genau im Songraster liegt, stört das nicht - sie fügt sich nahtlos in den Gesamtsound des Titels. Als ich nach dem ersten Take wie ein braver Dackel auf Lob aus der Regie warte, stellt sich zwar heraus, dass einfach keiner meine persönliche Tuning-Revolution mitbekommen hat, aber es hat sich immerhin auch keiner beschwert! Bemerkenswert ist auch, dass es egal ist, ob der Ton immer haargenau richtig liegt, Hauptsache er ist nicht zu weit vom Grundton entfernt, denn eine Trommel durch Tuning dazu zu bringen, immer exakt gleich hoch zu klingen ist eine Utopie. Das liegt an folgenden Faktoren: Dem Trommler, der immer unterschiedlich stark schlägt und immer etwas ungenau das Fell trifft, daran, dass der Trommelton nur eine Schnittmenge aus dem Schwingungsverhalten von Schlag- und Resonanzfell ist und der Kessel seine eigene Schwingung je nach Schlagverhalten unterschiedlich dominant einfügt. Das klingt kompliziert und das ist es auch, beispielsweise verändert sich das Schwingverhalten des gesamten Fells, wenn man an einer Schraube dreht, und eben nicht nur der Ton im Fellbereich direkt vor der Schraube. Absolute Präzision kann man auch mit dem Tune-Bot nicht erreichen, denn dafür ist das Aufgabengebiet zu komplex. Allerdings gibt es keine Tuning-Hilfe, die stimmwilligen Trommlern auch nur annähernd so ideal unter die Arme greift wie der Tune-Bot.

Zurück zuhause widme ich mich der zweiten Funktionsweise des Tune-Bot, nämlich dem Tunen mit der Hertz-Messung. Diesmal ist meine 13 Zoll große Hängetom dran. Hängetoms sind - das gebe ich ungern zu - prinzipiell die schwarzen Schafe in meinen Setups. Kurz vor der Tune-Bot-Kur prüfe ich den Sound und befinde ihn für etwas zu hoch. Als Nächstes suche ich mir den am tiefsten schwingenden Schraubenbereich und nehme diesen als Referenz, indem ich zunächst auf "Filter" drücke, um die extrem abweichende Frequenz des Grundtons für weitere Messungen zu isolieren. Dann drücke ich auf "Diff" wie Differenz. Jetzt zeigt mir das Gerät an allen weiteren Schrauben, wieviele Hertz diese von meiner Hauptschraube entfernt sind und stimme gegebenenfalls nach. Das erstaunliche Ergebnis ist, dass ich bis auf 0,2 Hertz Unterschied alle Schrauben gleichmäßig gestimmt bekomme. Anschließend drehe ich die Tom und stimme alle Schrauben des Resonanzfells auf denselben Hertzbereich. Nach zirka drei Minuten Tuning kommt der spannende Moment... Ich schlage die Trommel satt in der Mitte an und es entfaltet sich ein absolut homogener Ton - fast ohne Dissonanzen. Ich halte eine nahezu perfekt gestimmte Tom in meinen Händen, ohne dass ich etwas dazu beigetragen hätte außer Zahlen miteinander abzugleichen - großartig! Jetzt habe ich die Möglichkeit, dieses ideale Tuning meiner Hauptschraube im Gerät abzuspeichern. Dazu kann das Gerät auf 9 Speicherplätzen jeweils Top- und Bottom-Head von einer Snare, einer Bassdrum und einer Tom speichern. Wie genau das funktioniert ist nicht ganz selbsterklärend, außerdem befindet sich in einem Drumset häufig nicht nur eine Tom. Hier haben die Techniker von Overtone-Labs auf Kosten der Funktionalität gespart, denn das prinzipielle Feature, ganze Drumsets unter einer gemeinsamen Nummer abspeichern zu können ist absolut sinnvoll. Zum Tuning aller Trommeln sollte man sich allerdings darüber im Klaren sein, welches Stimmungsverhältnis zwischen Schlagfell und Resonanzfell welchen Gesamtklang zur Folge hat. Beispielsweise bevorzuge ich bei Snares grundsätzlich ein extrem hart gespanntes Resonanzfell im Gegensatz zu einem nicht ganz so hoch gestimmten Schlagfell. Das hat zur Folge, dass der Teppich nur relativ kurz nachschwingt und das Sustain nach dem Schlag aufsteigt und nicht tonal absinkt. Allerdings hat der Tune-Bot mitunter Probleme, die exakte Schwingung des Resonanzfells aufzunehmen, wenn dieses zu hart gestimmt ist, bei einer meiner Snares zeigt mir das Gerät am Reso 70 Hertz weniger an als beim Schlagfell. Das lässt sich am ehesten mit dem Snarebed und der geringen Schwing-Bereitschaft des Felles erklären. Bei Toms und Bassdrum suche ich grundsätzlich ein gleiches Spannungsverhältnis zwischen Front und Back was zu einem gleichmäßigen Ton mit langem Sustain führt. Der Tune-Bot etabliert sich hier als der ideale Partner. Auf der Homepage von Overtone-Labs gibt es außerdem für alle ganz Experimentierfaulen eine Tabelle mit Tuning-Vorschlägen. Nach zwei Versuchen muss ich euch gnädig schmunzelnd von dieser Variante abraten, es sei denn, ihr wollt mit eurer Standtom einer Wildwest-Schießerei beiwohnen. Die Tabelle schlägt nur solche Tunings vor, die meine Trommel unglaublich anknallen. Damit klingt sogar meine fetteste Tom wie ein Revolver und fetzt Schüsse in die sternenklare Nacht. Aber abgesehen davon wird man mich in Zukunft nie mehr ohne den Tune-Bot sehen.

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