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31.05.2019

Ohne Talent wie ein Profipianist klingen

Eindruck schinden am Klavier ganz einfach

Wie muss ich spielen, um am Piano zu begeistern?

Mehr scheinen als sein? Viele kennen das: Ein Firmenfest, eine Familienfeier. In der Ecke ein Klavier. Der Kollege oder die Verwandte setzt sich entspannt dran und spielt plötzlich so gut, als wäre er/sie ein/e gefragte/r Profi-Pianist/in. Wie geht das denn?

Seltsam, dabei sitzt er/sie doch täglich im Büro und schreibt Mails? Wir verraten euch: Man muss nicht jahrelang Klavier studiert haben, um zunächst den Eindruck zu erwecken, dass man das Instrument fabelhaft beherrscht. Wir zeigen, wie ihr euch mit einfachen Tricks, ein paar tollen Akkorden und Licks in die Fassade eines Piano-Profis hüllen könnt.

Wie man sich darauf vorbereitet, veranschaulichen wir in ein paar ausgesuchten Beispielen, die man sich als Grundlage für den weiteren Ausbau ansehen, anhören und selbst üben kann. The stage is yours!

Die Blues-Improvisation

Ray Charles, Little Richard, Sly & The Family Stone ... als in den 1960er und 1970er Jahren die freche Rock’n Roll-Szene aufkeimte, brauchte auch das Piano-Spiel einen entsprechenden neuen Anstrich. Die Inspiration für Pianisten des Blues, Soul oder Boogie Woogie kam oft aus dem traditionellen Jazz und zeichnete sich vor allem durch drei Merkmale aus:

1. Swingende, nicht rhythmisch „gerade“ gespielte Noten

2. Einbindung von Halbtönen zwischen den einzelnen Tönen der Tonleiter (Chromatik)

3. Reduktion der Tonleiter auf lediglich 5 Haupttöne (Pentatonik)

Diese Merkmale können beispielsweise zu einem solchen „Blues-Lick“ kombiniert werden, was euch ohne großen Aufwand direkt wie einen Profi-Blueser klingen lässt.

Bueslick 1 (Video: Tom Gatza)

Die Pentatonik-Tonleiter lässt sich außerdem fabelhaft zur „Blues-Skala“ ergänzen, wenn man die oft genutzte „Blue-Note“ einbaut, zumeist ein Tritonus-Intervall zum Grundton. Immer diese Fachbegriffe. Konkret heißt das zum Beispiel bei einem Blues in ‚C‘: Probiert einmal das ‚F#‘ aus! Das könnte dann mit etwas Swing zum Beispiel so klingen:

Blueslick 2 (Video: Tom Gatza)

Wenn ihr nun hungrig geworden seid und die Welt der Blues-Improvisation genauer erforschen wollt, so bietet euch der Keyboard Masterclass Workshop #9 von Xaver Fischer viele interessante und weiterführende Ansätze. 

Was bedeutet Chromatik?

In der chromatischen Tonleiter werden alle Töne die das Klavier bietet nacheinader in Halbtonschritten gespielt.

Was versteht man unter Pentatonik?

Als Pentatonik (griechisch 'penta'= 'fünf') oder Fünfton-Musik bezeichnet man aus fünf verschiedenen Tönen bestehende Tonleitern und Tonsysteme. Spielt man auf einer Klaviatur z. B. nur die schwarzen Tasten, so zeigen diese eine pentatonische Skala, egal von welcher schwarzen Taste man aus startet.

Was ist ein Tritonus-Intervall?

Der Tritonus ist ein sehr spannungsreiches Intervall und umfasst drei Ganztonschritte, die sich in Form einer übermäßigen Quarte, bzw. einer verminderten Quinte darstellen.

Die Grundlagen des Jazz zunutze machen

Einen einfachen C-Dur-Akkord kann ja heutzutage jeder spielen. Genauer hinhören tut aber euer Umfeld, wenn ihr euch ein paar erweiterte Akkorde aus dem Jazz-Bereich aus dem Ärmel schüttelt. Besonders eindeutig und eindrucksvoll ist hier zum Beispiel eine klassische ‚2 – 5 – 1 - 6‘ Verbindung. Die Ziffern stehen für die Stufen der Tonleiter, auf denen die jeweiligen Akkorde basieren. Ausgehend von einer C-Dur Tonleiter ergeben sich folgende „Jazz-Akkorde“:

Jazz-Akkorde (Video: Tom Gatza)

Nun lasst ihr die Grundtöne weg und spielt stattdessen mit der linken Hand die Akkorde, so entstehenden sogenannte „Rootless Voicings“ und ihr habt mit der rechten Hand Platz, eine ‚angeswingte‘ Melodie darüber zu spielen, die auf der C-Dur Tonleiter basiert. Fertig ist die Jazz-Improvisation!

Jazz Improvisation (Video: Tom Gatza)

Natürlich sind hier in Sachen Variation und Improvisation kaum Grenzen gesetzt, wie Xaver Fischer in seinem Keyboard Masterclass Workshop #10 abermals ausführlich aufzeigt. 

Weitere Elemente das Jazz verwenden

Die Jazz-Harmonik lässt sich nicht nur auf traditionelle Akkord-Verbindungen anwenden. Die erweiterten Akkorde können auch in breiten „Voicings“ angeordnet werden, die man dann beidhändig spielen kann und dadurch besonders weite, warme Klangfarben erzeugt. Um hier schnell etwas anbieten zu können, muss man gar nicht allzu bewandert in der Harmonielehre sein, sondern kann verschiedene, simple Systeme anwenden wie beispielsweise dieses:

Ihr schichtet vom Grundton ausgehend Quint-Intervalle (Abstand von 7 Halbtönen) aneinander. Zwei Schichten in der linken Hand ergeben einen sogenannten 9er Akkord. Dann geht es weiter mit einem Abstand von einem (Moll-Akkord) beziehungsweise zwei (Dur-Akkord) Halbtönen. Legt man nun wieder zwei Quint-Schichten aneinander, so entstehen in der rechten Hand die Akkordverbindungen 7/11 (Moll) oder 7/#11 (Dur). Und das ganz ohne harmonisches Hintergrund-Wissen!

Eure schicken, neuen Voicings könnt ihr dann mit den bereits vorgestellten Zutaten würzen und variieren: Arpeggio (aufwärts, abwärts), das Pedal einsetzen, rhythmisch spielen. Ich höre jetzt schon ein „Wow, der weiß, was er da tut!“

Breite Jazz-Voicings (Video: Tom Gatza)

Das Pedal gekonnt einsetzen

Was dem Auto-Schrauber sein Lack-Spray, das ist dem Pianisten das Pedal. Warum? Der Einsatz des Pedals lässt eventuell unsauberes Spiel oder Fehler verwischen und stets weich und schön klingen. Es kann ja niemand wissen, was sich hinter dem Schein des Pedales verbirgt. Reiht man beispielsweise einzelne Töne von Akkorden in mehreren Oktaven aneinander (Arpeggio) und tritt dabei das Pedal, kommt ein warmer, sehr angenehm klingender Lauf zum Vorschein, der vermuten lässt, dass man nicht nur gut, sondern auch schnell spielen kann. Solch ein Lauf kann nicht nur aufwärts, sondern auch abwärts gespielt werden. Das Einzige, was man hier beachten sollte: Wird ein neuer Akkord angeschlagen, sollte auch das Pedal neu getreten werden. Ansonsten verwischt das Ganze doch ein wenig zu sehr und ihr fliegt auf!

Pedal und Arpeggio (Video: Tom Gatza)

Spannung aufbauen vor dem Schluss

Einsatz des Dominant 7/9 Sus4 Akkords

Fast genauso wichtig wie ein eindrucksvoller Schluss-Akkord, ist auch der Spannungs-Akkord davor. Der „Dominant 7“-Akkord ist seit Jahrhunderten eine feste Säule der Harmonie-Lehre. Im Pop/Jazz-Bereich wird er gerne erweitert, eine der Variationen kann man sich sehr gut merken.

In C-Dur ist ‚G7‘ der Dominant-Akkord. Die linke Hand spielt dieses ‚G7‘, darüber spielt die rechte Hand einen Ganzton nach unten verschoben einen Dur-Akkord, in diesem Falle F-Dur. Ist die Spannung jetzt so richtig aufgebaut, kann man das Stück dann in einem Schluss-Akkord enden lassen.

Erweiterter Dominant 7 Akkord (Video: Tom Gatza)

Eindrucksvolle Schlussakkorde für einen sauberen Abgang

Der 7,13/#11-Akkord

Schluss-Akkorde sind der letzte Eindruck, den man als Musiker seinem Publikum hinterlassen kann. Insofern verwundert es nicht, dass sich über die Jahrzehnte der Pop-Musik-Entwicklung einige eindrucksvolle Schluss-Akkorde etabliert haben, die sich oft auf ein ganz simples System herunterbrechen lassen. Die folgenden Beispiele basieren auf ‚C‘ als Basis-Tonart.

Was sich wie ein geheimer Zahlen-Code liest, ist in der Praxis ziemlich leicht umzusetzen: Man nehme sich den Grund-Akkord der jeweiligen Tonart (hier: C-Dur) und erweitere ihn in der linken Hand durch eine kleine Septime. Jetzt kommt die rechte Hand hinzu, die einen Dur-Akkord spielt, der um einen Ganzton, der Tonart aus der linken Hand, nach oben verschoben wurde. Heißt kurz und knapp: Aus dem C-Dur Akkord wird ‚C7‘ (linke Hand) plus einem D-Dur Akkord (rechte Hand).

Das Ganze geht auch in Moll: Der Schluss-Akkord der Moll-Tonart (hier: Cm) wird um eine kleine Septime ergänzt (Cm7) und in der linken Hand gespielt. In der rechten Hand kommt ein Dur-Akkord hinzu, der einen Ganzton höher ist als die Tonart in der linken Hand (D). Das Prinzip lässt sich auf jegliche Tonarten übertragen. Geboren ist ein spannender Schluss-Akkord, der entweder zusammen angeschlagen werden kann, oder sich unter Verwendung des Pedals Ton für Ton, nacheinander angeschlagen, zu dem finalen Akkord aufbaut.

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Schluss-Akkord 'Dur' und  Schluss-Akkord 'Moll': (Videos: Tom Gatza)

Der Minor/Major 7-Akkord

Nicht nur als Schluss-Akkord, sondern überhaupt als eindrucksvolle Klangfarbe präsentiert sich der Akkord „Minor/Major 7“. Er kombiniert Dur und Moll miteinander zu einem düsteren, mysteriösen Sound. Wie einige Jazz-Voicings zeigen, setzt auch dieser sich zunächst aus einer Quint-Schichtung in der linken Hand zusammen, der in der rechten Hand ab dem nächsten Halbton eine Terz-Schichtung folgt.

Der Minor/Maj7-Akkord (Video: Tom Gatza)

Schlusswort

Selbst Profi-Musiker haben nicht immer so viel Talent, wie man zunächst vermuten würde. Der Grund, warum sie sich im harten Musik-Business behaupten, ist oft auch viel ... Attitüde! Das mit einem Schmunzeln im Gesicht erwähnt, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen.

Selbst, wenn man gar nicht so genau weiß, was man da am Instrument eigentlich gerade macht, wirkt es total überzeugend, solange die Haltung und Performance dazu passen. Einem rauchenden, coolen Hut-Träger kaufe ich eine Jazz-Piano-Karriere eher ab, als einem waschechten 1990er Jahre Raver, dem ich eher eine solide Techno-Performance zutrauen würde! Bei allem, was ihr tut, denkt also immer dran: Das Auge hört manchmal lauter mit als die Ohren.

Und jetzt an die Pianos und Keyboards dieser Welt, und üben was das Zeug hält!

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