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09.02.2021

Interview mit DJ Hell: Kunst, Corona, Clubkultur

Der bayerische Deejay-Gigolo über Clubkultur und Corona

„Ich kämpfe seit Jahren um mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für unsere Musik und werde den Pfad weiter begehen“

DJ Hell ist seit über drei Jahrzehnten einer der profiliertesten deutschen DJs. Nicht nur musikalisch setzt er mit seinem Label International Deejay Gigolo Recordings stets neue Maßstäbe, auch in anderen Disziplinen wie Kunst, Mode, Lifestyle, Kultur und selbst Fußball ist er ein gern befragter, überaus kompetenter Gesprächspartner.

Gerade hat er mit seinem neuen Album „House Music Box – Past, Present, No Future“ eine hochgelobte und sehr hörenswerte Reise zu den Anfängen von House Music angetreten. An dieser Stelle soll es jedoch mehr um die Reise von DJs und anderen Kulturschaffenden durch die Corona-Pandemie gehen. Ist schon Licht am Ende des Tunnels zu sehen? Und: in welchem Tunnel befinden wir uns überhaupt gerade? Ansichten eines meinungsstarken multimedialen Künstlers.

Arbeit in Zeiten von Corona

Du hast mit “House Music Box” 2020 ein erfolgreiches Album aufgenommen und herausgebracht und arbeitest bereits am nächsten. Üblicherweise dienen Releases für DJs auch als Marketing-Tools für Gigs und Touren, die jetzt aber nicht möglich sind. Was sind deine Beweggründe, jetzt im Studio so aktiv zu sein wie wohl selten zuvor?

DJ HELL: Musik hat mich durchs Leben begleitet und Musik ist meine treibende Kraft, also werde ich mich noch intensiver in Zeiten des "Wahnsinns“ um meine Berufung kümmern.

Veranstaltungen

Es gab im Sommer 2020 viele kreative Ideen für Club- und Festival-Veranstaltungen in einem Corona-kompatiblen Rahmen. Hast du mögliche Wege in die Zukunft gesehen?

DJ HELL: Mein letzter offizieller Gig war Oktober 2020 mit Boys Noize in Treptow - Köpenick in der alten Bärenquell-Brauerei, die jetzt zum "Revier Südost" mutierte, neue Location der Grießmühle. Hier tanzten 300 Leute mit Masken in einer Open Air-Arena, die mit Plastikplanen überdacht war. Für mich das berauschendste und wichtigste Ereignis 2020. Schnelltests, Masken, Erhebung der Kontaktdaten, Temperaturmessungen am Eingang und begrenzte Teilnehmerzahlen von 300 oder 500 Leuten wären eine mögliche Variante für die nähere Zukunft.

Club Support

Nicht nur DJs sind durch die strengen Corona-Maßnahmen arbeitslos geworden, auch die Spielstätten und deren Personal. Clubs werden vermutlich als allerletztes wieder öffnen können. Du unterstützt lokale Clubs mit gestreamten DJ-Sets. Was kann jeder Einzelne tun, dem die Clubkultur am Herzen liegt?

DJ HELL: Es wird ja weiter Musik produziert und verkauft. Hier könnten Künstler und Labels mehr unterstützt werden. Einige Clubs hatten auch Spendenaufrufe auf Social Media verbreitet, müssen Zuwendungen dann aber wieder versteuern. Es gibt auch vermehrt Merchandising von allen Seiten.

Streaming-Sets sollten in Zukunft auch entlohnt werden und jeder kann sich dann ein Ticket kaufen, der die DJ-Sets sehen und hören will. Großdemos sollten im Grunde jedes Wochenende in allen Städten stattfinden, um einfach mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Mit Soundsystemen und Trucks hat man ja bereits jahrelange Erfahrungen gemacht. Alles natürlich mit FFP2-Masken und Schnelltests, die bereits überall billig zu bekommen sind.

 „Deutsche DJs und Produzenten, deutsche Clubs und Labels sind seit Jahren Weltmarktführer, ohne dass es hier von offizieller Seite bemerkt wird.“

Protest

Die Veranstaltungsbranche weist immer energischer auf die finanziellen Einbußen hin, die uns allen durch die Corona-Maßnahmen auferlegt werden. Leider scheinen wir nicht so eine starke Lobby zu haben, wie Großkonzerne, obwohl die Veranstaltungsbranche einer der größten Wirtschaftsfaktoren Deutschlands ist. Was würdest Du Dir wünschen, damit die Not der Veranstaltungsbranche stärker von der Politik berücksichtigt wird?

DJ HELL: Politische Entscheidungen und Beschlüsse finden immer hinter verschlossen Türen statt und werden geheim abgehalten. Hier wird nicht mehr demokratisch entschieden und massiv gegen Grundrechte verstoßen. Ausgangsperren ab 21:00 Uhr wie seit Wochen in Bayern sind in meinen Augen rechtswidrig. Die Club- und elektronische Musikkultur war immer auf sich alleine gestellt und wollte sich auch nicht noch mehr den ganzen Limitierungen und Vorschriften ergeben, was ich absolut legitim finde.

In vielen europäischen Ländern gab es schon vor Corona massive Einschränkungen, beispielsweise bei Lautstärke oder Sperrstunden. In den USA oder auch in Berlin ist es fast unmöglich, unter 21 Jahren in die besten Clubs reinzukommen. Grundsätzlich hat die Politik wenig bis gar kein Verständnis, was hier eigentlich jedes Wochenende in Clubs und auf Festivals passiert.

Das Techno eine offiziell anerkannte Musik darstellt, wurde erst jetzt gerichtlich definiert. Hier heißt es im Urteil: Die DJs spielen ihre eigenen Musikstücke mit Instrumenten im weiteren Sinn, um neue Soundsequenzen zu kreieren, die ihren eigenen Charakter haben.

Weiterhin erklären die Richter nun, dass Menschen, die in Techno-Clubs gehen, ja vor allem wegen der Musik hingehen und es sich daher bei Techno-Partys auch um Konzerte handle. Kein Witz. Deutsche DJs und Produzenten, deutsche Clubs und Labels sind seit Jahren Weltmarktführer, ohne dass es hier von offizieller Seite bemerkt wird. Ich kämpfe seit Jahren um mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für unsere Musik und werde den Pfad weiter begehen.

„Wichtig in Krisen oder im Berufsverbot waren immer schnelle Erkenntnisse, was alles falsch gelaufen ist.“

Asien

Während wir in Europa noch auf fast unabsehbare Zeit tief im Lockdown sind, wird in China schon wieder gefeiert. Allerdings mit strengen Corona-Auflagen. So muss jeder eine App mitführen, die einen grünen Status anzeigt. Auf Festivals und Partys müssen in bestimmten Bereichen Masken getragen werden. Hältst Du diese Art von Veranstaltungskultur auf Europa übertragbar?

DJ HELL:  Sicher eine gute Möglichkeit, aber bei chinesischen Vorgaben oder Errungenschaften bleibe ich sehr distanziert und abwartend.

Erkenntnisse

Welche Erkenntnisse hast du aus der Coronakrise für dich gewonnen.

DJ HELL: Wichtig in Krisen oder im Berufsverbot waren immer schnelle Erkenntnisse, was alles falsch gelaufen ist. Hier kann vieles neu justiert werden und verbessert werden. Reisen, im Speziellen das Fliegen, wird sich radikal verändern.

Bookings

Clubs und Festivals planen bereits für die Zeit nach Corona. Hast du schon Booking-Anfragen für Post-Corona und wie gehst du damit um?

DJ HELL: Es gibt keine Anfragen, aber ein paar Konzepte & neue Ideen sollten jetzt forciert werden. Ein Avatar von mir, der bereits digital programmiert wurde, kann in naher Zukunft meine DJ-Auftritte übernehmen und ich habe dadurch die Möglichkeit, simultan weltweit gleichzeitig zu performen.

Virtual Reality

Du lässt dich in letzter Zeit auf Artworks und Videos gern von deinem eigenen Avatar vertreten. Ist die virtuelle Realität für dich eine ernstzunehmende Alternative zu physischer Präsenz, sowohl vom Künstler als auch vom Publikum?

DJ HELL: Alles noch am Anfang und in der Experimentierphase. Ich sehe einen Avatar-DJ nicht als Ersatz zur körperlichen Präsenz in Clubs, aber definitiv als eine Variante für die Zukunft.

Persönliche Zukunft

Was ist von dir als nächstes zu erwarten?

DJ HELL:  Ich schreibe meine Biografie und das Album „meese x hell - hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst“ wird im März veröffentlicht.

Mein “Soft Cell - Tainted Love Hell Remix 2021” ist ready to go.

Und Gigolo Records wird neu aufgestellt und vor allem der Katalog neu bewertet.

Post Corona

Wie ist dein Ausblick auf die Zeit nach Corona?

DJ HELL:  Für mich war schnell klar, dass ich so wie jetzt auf keinen Fall weiter machen werde.

Weitere Informationen

DJ Hell Website

DJ Hell auf Facebook

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