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01.10.2020

DVS-Steuerung in Mixxx: Hardware, Einrichtung der DJ-Software und Tipps

Crashkurs MIXXX#3: Wie man die Open Source DJ-Software Mixxx für den DVS-Betrieb einrichtet

Um simuliertes Vinyl-Feeling jenseits der Jogwheels eines DJ-Controllers zu spüren, kann man als DJ sein Setup zum DVS-System ausrüsten. Was einst von den Urvätern Traktor und Serato gelehrt wurde, nahmen sich weitere DJ-Programme wie rekordbox oder VirtualDJ erfolgreich an. Die kostenlose MIXXX-Software bedient sich ebenfalls der DVS-Funktion und kann dabei  mit unterschiedlichem Timecode-Vinyl genutzt werden. Doch wie ist die Performance und was ist zu beachten?

Die technischen Voraussetzungen

Ein DVS knabbert am Geldbeutel. Zwar spart ihr dadurch, dass MIXXX kostenlos verfügbar ist an der Software einiges ein, aber nicht am restlichen Setup, das sich mindestens aus folgendem Equipment zusammen setzen sollte:

1x Battle-Mixer, z. B.:

  • Behringer NOX1010
  • Numark M2

2x Turntable, z. B.:

  • Reloop RP-4000 MK2
  • Audio-Technica AT-LP120X USB

2x Tonabnehmer, z. B.:

  • Ortofon MIX
  • Reloop Concorde Black

… und ein Audiointerface wird ebenfalls benötigt, dazu gleich mehr.

Wenn ihr selbst an diesem günstigen Einstiegs-Setup knausern möchtet, dann könnt ihr natürlich noch einen Plattenspieler einsparen und beim zweiten Deck der Software ohne externe Steuerung auskommen. Wie das genau funktioniert, erkläre ich später.

Da viele der erschwinglicheren direktangetriebenen DJ-Plattenspieler nur einen Phono-Ausgang besitzen, erfordern die Soundkarten einen internen Phono-Pre-Amp als Vorentzerrer. Damit reduziert sich die Auswahl der passenden Audiointerfaces, die als Schnittstelle zwischen Plattenspieler und Mixer fungieren können, extrem.

Interfaces wie die Native Instruments Traktor Scratch A6, Rane SL2, Denon DJ DS1 oder rekordbox Interface 2 bündeln bereits eine DVS-kompatible Software, doch Preis würde in keinem Verhältnis zum restlichen Setup stehen. Preiswertere Soundkarten sind meist auch gleichzeitig Auslaufmodelle, die ihr nur noch aus zweiter Hand zum Beispiel in der Bucht  schießen könnt, wie etwa ESI U46DJ oder Hercules Deejay Trim 4-6. (Anm. der Redaktion: Die Maya von ESI ist auch ein solides Interface)

Zwar bieten beispielsweise die günstigen, zur Vinyl-Digitalisierung gedachten Soundkarten-Modelle Reloop iPhono und ART USB Phono Plus ebenfalls einen Phono-Eingang, aber eben nur einen und einen Ausgang, sodass Mixen zweier Kanäle über MIXXX ausfällt. 

Auch beim Timecode-Vinyl werdet ihr wohl eher auf Second-Hand-Platt(en)formen als beim regulären Händler fündig. Denn MIXXX akzeptiert ausschließlich folgende betagtere Vinyl-Editionen:

  • Serato CV02/2.5
  • Traktor Scratch MK1
  • MixVibes DVS V2


Übrigens: MIXXX läuft auch im DVS-Modus mit CD-Playern und eingelegten Serato Control 1.0-CDs.

Konfiguration

An die Phono-Eingänge der Soundkarte schließt ihr die beiden Schallplattenspieler an, die zwei Ausgänge des Interfaces verbindet ihr mit den Line-Eingängen eures Battle-Mixers über ein Cinch-Kabel. Öffnet die Preferences der MIXXX-Software. Unter dem Tab „Sound-Hardware“ stellt ihr den Audiopuffer, sprich den Verzug beim Datenaustausch zwischen Soundkarte und Laptop, auf das von eurem Rechner akzeptierte Minimum ein. MIXXX empfiehlt im Manual für die angeblich beste Scratching-Performance eine Latenz von 10 Millisekunden, denn bei „höherer“ Latenz würde der Scratch-Sound angeblich verzerren. Die Programmierer meinen sicherlich bei niedriger Latenz?!

Unter Output der Decks wählt eure externe, von der Software erkannte Soundkarte aus und weist deren Ausgänge dem Mixer-Eingang zu. Gleiches gilt für den Input der beiden Vinyl-Controls. Nach den vorgenommenen Einstellungen unbedingt mit „Apply“ speichern und anschließend zum Reiter „Vinyl-Steuerung“ wechseln. Unter Plattenspieler-Eingangssignal-Anhebung verstehen die Programmierer die Verstärkung des Phono-Signals, sofern dieses an einem Line-Eingang einer Soundkarte eingespeist wird. 

Das klingt eigentlich nach der Lösung für das Soundkarten-Problem, denn jede gängige ASIO-Soundkarte mit zwei Stereo-Cinch-Eingängen wäre kompatibel. Aber leider funktioniert diese an und für sich gute Idee nur auf dem Papier. Denn die Entzerrung des Phono-Signals übernimmt der Regler nicht. Ein kurzer Test mit meinem Rane SL4-Interface und einem an dem Line-Eingang angeschlossenen Plattenspieler zeigt mir ein sehr übersteuertes Signal, das nicht für den DVS- Modus taugt. Leider vermisse ich den Empfindlichkeitsregler, Threshold, zur Anpassung an die Umgebungsgeräusche, der das Verunreinigen des Timecode-Signals durch Störsignale reduziert.

Unter „Vinyl-Konfiguration“ sucht ihr euer verwendetes Timecode-Vinyl und die bevorzugte Abspielgeschwindigkeit, 33,3 oder 45 Umdrehungen pro Minute aus. Mit „Vorlaufzeit“ stellt ihr ein, ab welcher Timecode-Position der Track spielen soll.

Dieses mittlerweile von Serato DJ Pro leider ausrangierte Feature löst zwei Probleme: Zum einen umgeht ihr die knifflige Einlaufrille, bei der schon mal der Tonabnehmer auf den drehenden Plattenteller und damit seinen Stroposkopspiegeln abrutscht. Zum anderen verhindert es ein ständiges Dropping ab der gleichen Vinyl-Position, damit deren schnelleren Verschleiß und daraus resultierende Fehler beim Lesen des Timecodes. Lasst euch zudem das Timecode-Signal, das ihr auch in diesem Tab von allen Decks nebeneinander gereiht seht, auch im jeweiligen Deck des GUI zur ständigen Kontrolle anzeigen.

Wenn ihr jetzt bestätigt, ein Timecode-Vinyl auflegt und der Plattenteller sich dreht, müsste ein grüner Kreis mit rotierenden Zeiger aufleuchten, wenn nicht oder ihr gar ein rotes Signal seht, checkt euer Setup.

DVS-Features im GUI

Als letztes aktiviert noch die DVS-Ansicht in den Settings, damit in dem Deck das Timecode-Signal und die unterschiedlichen Abspielmodi auf der Bildfläche erscheinen.

Absolute: Bei diesem Modus sind virtuelle Abspiel- und Vinylposition identisch, sodass auch Nadelspringen im doppelten Sinne möglich ist, einerseits zum Aufsuchen bestimmter Stellen im Track (Needle Search), aber eben auch bei Erschütterungen. Natürlich übernimmt die Software die Pitch-Control-Position vom Plattenspieler. Aber auf digitale Vorzüge wie Hotcues und Loops müsst ihr verzichten, sofern ihr sie nicht triggert, denn dann springt die Software automatisch in den relativen Modus. Sehr durchdacht!

Relative: Dieser ignoriert die Positionswechsel der Nadel quer zur Rille, wie durch Sprünge. Auch berücksichtigt die Software die in den Preferences eingestellte „Vorlaufzeit“. Wie bereits erwähnt, gelten in diesem Modus digitale Regeln, wodurch ihr auf sämtliche Vorzüge wie Hotcue, Loop, Sync etc. nicht verzichten müsst. Zudem bietet er zwei optionale Cueing-Modi, um ohne Laptop und damit schneller Positionen im Track aufzusuchen. Bei „Cue“ springt Mixxx direkt nach dem nächsten Cue-Point, wo die Nadel aufsitzt. „Hot Cue“ sucht ab der gedroppten Nadel stets rückwärts den nächsten Hotcue, selbst wenn vorwärts der folgende Hotcue näher an der aktuellen Nadelposition wäre.  Möchtet ihr allerdings vom relativen in den absoluten Modus wechseln, blockt die Software, um das Springen des Tracks auf die „wahre“ Spielposition zu verhindern.

Constant: Bei diesem Modus ignoriert die Software den Timecode, dazu den Pitch-Control des Turntables und spielt intern. Wenn beispielweise die Auslaufrille des Vinyls erreicht wird, schaltet die Software automatisch in diesen Modus und übernimmt das zuletzt eingestellte Tempo.

Pass: Das Vinyl-Signal wird durchgeschliffen

Das kleine farbige Plattensymbol neben den Abspielmodi bestätigt den aktuellen Vinyl-Status: Grün steht für eine aktive Vinylsteuerung und gelbes Blinken warnt vor dem Erreichen des Plattenendes. Leuchtet das Symbol gelb, spielt die Nadel in der Auslaufrille. Kein Symbol bedeutet inaktive Vinylsteuerung.

Single-Deck-Modus

Sofern ihr nicht zu den Turntablisten und Beatjugglern zählen möchtet, reicht zum DVS-Auflegen mitunter das Spar-Set mit einem Schallplattenspieler. Routet dafür in den Einstellungen, Registerkarte Soundhardware, beim Eingang für beide Vinyl Control-Decks denselben Audioeingang. Zunächst mischt ihr mit Deck 1 einen Track per Vinyl ein. Danach wird die Vinylsteuerung in Deck 1deaktiviert, dafür im anderen eingeschaltet, entweder auf dem GUI oder per Shortcut. Somit könnt ihr ganz leicht beide Decks mit einem Plattenspieler steuern. Clever!

Eine sehr durchdachte Lösung, um mit einem Deck aufzulegen

Performance

Beim DVS kommt es vor allem auf das authentische Vinyl-Feeling an. Zu dessen Check habe ich zunächst im Audio-Buffer die empfohlene Latenz von reichlich 10 Millisekunden beherzigt. Das Signal rutscht mir dabei förmlich unter den Fingern weg. Mit anderen Worten: Bei schnelleren Plattenbewegungen, wie bei leichten Baby-Scratches, hängt das Signal deutlich hinterher. Chirp-Scratches fallen damit völlig aus. Entsprechend drossele ich die Latenz auf das Minimum von reichlich einer Millisekunde. Siehe da, es läuft! Die Software verarbeitet anscheinend ohne auffälliges Delay den Timecode. Mit Chips spüre ich aber dann doch eine deutliche Verzögerung, die man auch hört. Griff ich beispielsweise für einen Tear-Scratch in die laufende Platte, hing auch vereinzelt das Deck etwas nach.

Als Hardcore-Scratcher schraubt besser eure Skills ein paar Gänge herunter. Aber zum Einstudieren der ersten Basic-Scratches eignet sich die Software auf jeden Fall. Der im Manual angesprochene, bei zu niedriger Latenz auftretende verzerrte Sound fiel mir auch auf, aber ein höherer Audio-Puffer und besserer Sound stellt für mich keine Alternative zum realeren Vinyl-Feeling dar, insofern drosselt den Audio-Puffer so weit wie möglich.

Ohne minimierte Latenz kommt man beim Scratching schnell an die technischen Grenzen

Der DVS-Workflow der kostenlosen DJ-Software Mixxx überzeugt generell, wobei ich mir den Single-Deck-Modus, aber auch den durchdachten Wechsel zwischen den Abspielmodi, dazu die Warnung vor dem Erreichen der Auslaufrille auch bei anderen DVS-Programmen wünschen würde. Damit lädt MIXXX als preiswerte Alternative zu ersten Gehversuchen mit Vinyl auf jeden Fall ein. Für professionelleren Einsatz sollte man sich aufgrund von Latenz und Systemstabilität doch lieber auf einen der Platzhirsche wie Serato DJ Pro, Traktor oder rekordbox einschießen.

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