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03.08.2018

Die richtige Körperhaltung am Klavier

Wie wichtig sind Körperhaltung, Sitzposition und Sitzhöhe beim Klavier spielen?

Lerne, worauf es für ein freies Spiel wirklich ankommt

Auf den ersten Blick scheint der eigene Körper beim Klavier spielen nicht besonders wichtig. Man setzt sich eben einfach ans Klavier und spielt drauf los, könnte man denken. So sehen das wahrscheinlich selbst die meisten Pianisten. Ganz so einfach ist es in der Tat aber nicht. Zum Beispiel ist alleine die richtige Körperhaltung entscheidend für viele Dinge. Wenn du mit dem Klang deines Klavierspiels nicht zufrieden bist, wenn du technische und rhythmische Probleme hast, oder wenn du Verspannungen oder gar Schmerzen beim Klavier üben verspürst, solltest du dringend über die Rolle deines Körpers beim Musizieren und deine Sitzposition nachdenken. Und dieser Artikel wird dir dabei helfen.

Natürlich ist jeder Körper anders gestaltet, die Größe, die Armlänge und allgemeine Statur sind bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Und auch die Höhe der Klaviatur ist bei den verschiedenen Klaviermarken und den Instrumenten unterschiedlich. Trotzdem gibt es allgemeingültige Regeln, an denen du dich orientieren kannst. Raum für deine Individualität ist aber natürlich immer noch vorhanden. Finde also heraus, wie wichtig der Körper beim Klavier spielen wirklich ist. 

Los geht’s!

Die richtige Sitzposition für eine optimale Körperhaltung

Welche ist die optimale Sitzpostion vor dem Klavier?

Starten wir also mit der optimalen Sitzposition an deinem Lieblingsinstrument. Am besten setzt du dich nach ganz vorne auf deiner Klavierbank oder deinem Stuhl, direkt an die Kante.  

Dadurch sitzt es sich leichter aufrecht und das wirkt sich auch positiv und aktivierend auf dein Gehirn aus. Man ist so einfach konzentrierter und wacher. Hast du schon mal einen total spannenden Film gesehen und bist dabei mit deinem Hinterteil ganz nach vorne auf die Kante deines Sitzes gerutscht, weil du nichts verpassen wolltest? Diesen Effekt können wir uns beim Klavier spielen auch umgekehrt zu Nutze machen.

Weiter geht es mit den Beinen. Auch hier gibt es eine optimale Anordnung. Der rechte Fuß des Pianisten befindet sich immer in Reichweite des Dämpferpedals, also leicht nach vorne geschoben. Den linken Fuß ziehst du am besten so weit zurück, bis er sich unter der Klavierbank befindet. 

Das gibt zum einen Stabilität, und die brauchen wir auch, bei fortgeschrittener Klavierliteratur können die Arme schon mal wild hin und her geschleudert werden. Zum anderen führt der zurückgezogene linke Fuß dazu, dass die Hüfte leicht nach vorne gedreht wird. Und auch das hilft wieder bei einer aufrechten Körperhaltung, besonders wenn du länger am Klavier sitzt. 

Jetzt zum Oberkörper. Insgesamt sollte deine Haltung wie bereits erwähnt unbedingt aufrecht sein. Alle Bewegungen lassen sich so leichter ausführen, du verhinderst Verspannungen und Schmerzen im Rücken, im Nacken und in den Schultern und so klingt deine Musik auch besser. Ich beobachte immer wieder, dass sich eine gute Körperhaltung auch positiv auf die Konzentration und die Performance auswirkt.

Darüber hinaus kannst du nur so eine Lockerheit in den Armen und Händen erreichen, und die ist das Wichtigste überhaupt. Locker im ganzen Oberkörper zu sein ist die Bedingung dafür, dass du die vielen filigranen Bewegungen der Finger, Hände und Arme zielgerichtet und gut dosiert ausführen kannst. Von den Zehenspitzen bis zu den Schultern ist der Körper des Pianisten also eher von einer stabilisierenden Kraft durchzogen. Ab den Schultern bis in die Fingerspitzen sollte alles ganz weich, frei und beweglich sein. Wirst du in deinem Oberkörper fest, veränderst du damit den Klang deines Klavierspiels zum Negativen, du machst dein Spiel damit anstrengend und du büßt logischerweise Schnelligkeit bei rasanten Passagen ein.

Sei also beweglich, frei und locker! Stell dir vor, du bist gerade im Karibikurlaub, sitzt an einem wunderschönen Abend am Strand auf einem kleinen Hocker und schaust dir den Sonnenuntergang an. Wie würdest du in so einer Situation sitzen? Du wärst sicherlich nicht angespannt und hättest deine Schultern auch nicht nach oben gezogen. Du würdest nicht schief und krumm sitzen und deine Hand auch nicht zu einer Kralle formen. Du würdest einfach ganz entspannt da sitzen und wärst völlig locker und frei, genau wie jede deiner Bewegungen. Und genau so solltest du auch am Klavier sitzen. Diesbezüglich findest du in meinem Artikel 6 Tipps damit dein Klavierspiel besser klingt noch viele weitere Tipps.

Wir schließen diesen Teil mit der Erwähnung des Halses. Ich sehe bei Pianisten oft einen völlig nach vorne abgeknickten Hals, gerade wenn auswendig gespielt und damit ständig auf die Hände geschaut wird. Früher oder später führt das zu Hals-, Nacken- und Rückenschmerzen. Tue dir das nicht an. Und so würdest du auch nicht am Strand sitzen. Wenn du dein Stück wirklich auswendig kannst oder wenn du improvisierst, musst du nicht ständig deine Hände beobachten. Richte deinen Kopf immer wieder auf, um so verspannungsfrei wie möglich am Klavier zu sitzen.

Die richtige Distanz zum Klavier

Wie weit entfernt sollte ich vor dem Klavier sitzen?

Die Distanz zu seinem Instrument steht bei einem Geiger oder einem Flötisten völlig außer Frage, da kann man nicht viel falsch machen. Hält man diese beiden Instrumente zu weit weg, kann man sie nicht richtig benutzen. Beim Klavier wiederum ist das nicht ganz so einfach und man merkt vielleicht gar nicht, dass man falsch sitzt. Man sollte für ein lockeres und gut klingendes Spiel auf jeden Fall ein paar Regeln beachten. 

Zu weit weg zu sitzen fällt auch beim Klavier sehr schnell auf. Dann sitzt man einfach nicht bequem und man muss sich strecken, um die Tasten berühren zu können. Die eigentliche Gefahr besteht also aus dem anderen Extrem. Die meisten meiner Schüler setzen sich anfangs so nah ans Klavier, wie zuhause an den Esstisch. Sie ziehen die Klavierbank soweit Richtung Klavier, wie es nur geht. Teilweise sogar so weit, dass sie gar nicht mehr ungehindert aufstehen können. Die Ellbogen sind dann in einem 90 Grad-Winkel und befinden sich direkt neben dem Oberkörper. Und deshalb blockiert der Oberkörper die Arme, die man dann nicht mehr frei bewegen kann. Die Körperhaltung ist also nicht optimal.

Zum einen fühlt sich dein Bewegungsapparat dann unfrei an, du wirst dann aber auch im Kopf „fest“ und du verschenkst viel Klang. Und die größte Gefahr bei zu kleiner Distanz zum Klavier ist die einer Verletzung. Die meisten Stücke für Anfänger beginnen beim „C1“, sowohl in der rechten als auch der linken Hand.

Sitzt man zu nah am Klavier, ist es aber gar nicht so leicht, diese beiden Töne zu spielen. 

Wie du hier siehst geht das nur, wenn man die Handgelenke stark abknickt. Und auf die Dauer ist das nicht nur sehr anstrengend und unbequem, man holt sich dabei auch leicht eine Sehnenscheidenentzündung. Falls du auch zu nahe am Klavier sitzt, fühle beim Spielen in deine Hände und Arme hinein. Spürst du die Anstrengung und die Verkrampfung?

Dass du zu nah am Klavier sitzt erkennst du auch daran, dass du dich bei hohen Tönen für die linke Hand und bei tiefen Tönen für die rechte Hand zur Seite lehnen musst, da die Hand ihr Ziel sonst gar nicht erreichen kann. 

Ist die richtige Distanz zum Klavier gefunden, sind deine Ellbogen fast durchgedrückt. Dadurch befinden sie sich vor deinem Körper und deine Arme können sich dann ungehindert und frei, auch weit nach oben und unten auf der Klaviatur, bewegen.

So können sich die Arme sogar vor dem Körper berühren.

Dann können beide Hände auch ohne den anstrengenden Knick im Handgelenk problemlos tiefe und hohe Töne erreichen.

Grundsätzlich darf Klavier spielen nichts mit Kraft, Anstrengung  oder körperlichem Zwang zu tun haben. Alles muss locker und beweglich sein. Darum ist die Entfernung zu deinem Klavier sehr wichtig. Mein letzter Klavierprofessor sagte immer, dass man bei richtiger Technik, Sitzposition und Körperhaltung theoretisch 24 Stunden pro Tag Klavier spielen könne. Das geht natürlich nur, wenn du locker und frei bist und völlig ohne Anstrengung auskommst.

Die optimale Sitzhöhe

Welche Sitzhöhe vor dem Klavier ist die Richtige?

Wie hoch muss man eigentlich am Klavier sitzen? Diese Frage lässt sich leider nicht so pauschal beantworten, denn hier gibt es durchaus Raum für Individualität. Grundsätzlich sollte man die Höhe wählen, bei der man sich einfach wohlfühlt. Ich selbst wollte für eine gewisse Zeit sehr tief sitzen. Ich hatte das bei Glenn Gould gesehen und fühlte mich dabei auch sehr wohl. 

Video: Glenn Gould 1/4 Goldberg Variationen (1981)

Dafür bin ich während meines Musikstudiums für ein paar Monate mit einem eigenen Stuhl zum Klavierunterricht gegangen, da sich die vorhandenen Bänke nicht weit genug absenken ließen. Inzwischen muss ich darüber lachen, aber damals schien mir das das Richtige zu sein. Vladimir Ashkenazy dagegen saß bei einem Klavierkonzert in Straßburg völlig anders. 

Der nicht gerade hoch gewachsene Russe drehte dort die Klavierbank bis zum oberen Anschlag. Das sah irgendwie komisch aus, sein Klavierspiel klang aber trotzdem sehr gut. Erfahrene Musiker vergessen natürlich oft das Schulbuch und machen einfach, was für sie am besten funktioniert. Und das solltest du auch tun. Experimentiere herum und finde die beste Sitzhöhe für dich heraus. Folgende Überlegungen werden dir dabei helfen.

Sitzt du zu hoch, spielst du immer „von oben“. Dadurch können ungewollte Betonungen entstehen, oder du spielst dann einfach zu laut, weil du immer das Gewicht des ganzen Armes einsetzt. Außerdem kommst du nicht mehr in die Taste. Darunter versteht man folgendes: Wenn du gerade nichts auf dem Klavier spielst und die Finger einfach auf die Tasten legst, hältst du deine Hand eigentlich zu hoch.

Spielst du jetzt einen Ton, muss der Finger nach unten stechen und wenn du schließlich im Tastengrund ankommst, befindet er sich in einer leicht unnatürlichen Haltung.

So kann es auch leicht passieren, dass du den gespielten Finger durchdrückst. Und so komisch es aussieht, wenn jemand mit durchgedrückten Knien geht, hört es sich auch komisch an, wenn jemand mit durchgedrückten Fingern Klavier spielt, hölzern und steif. Außerdem entsteht quasi eine Wölbung der Hand, sie wird dadurch fest. Und vor allem weißt du nie, wann genau du den Tastengrund erreichen wirst. Was musst du nun also tun? Du legst wiederum alle Finger auf die Tasten und spielst sie alle gleichzeitig, dadurch senkst du deine Hand ab. Jetzt lässt du alle Töne los, aber ohne deine Hand wieder anzuheben! Damit ist deine Hand jetzt so tief, als würdest du gerade etwas spielen und da lässt du sie einfach. Das nennt man in der Taste sein.

Sitzt du zu hoch, geht das aber nicht so gut. Darauf solltest du achten, wenn du deine Klavierbank immer höher drehst.

Sitzt du zu tief, besteht die Gefahr, dass du beim Klavier spielen ständig deine Hände und Arme anhebst. Auch das führt dazu, dass du nicht mehr in der Taste bist. Außerdem können so Verspannungen im Bewegungsapparat entstehen und deine Bewegungen werden anstrengend. Im schlimmsten Fall entstehen Schmerzen. 

Am besten suchst du deine Sitzhöhe irgendwo in der Mitte. Probiere verschiedene Höheneinstellungen aus und verlasse dich dabei auf dein Gefühl. Wenn du die Arme und Schultern ständig anheben musst, sitzt du zu tief. Kommst du nicht in die Taste und hast deshalb klangliche und auch rhythmische Probleme, sitzt du zu hoch. Denk immer an das Bild vom Karibikurlaub, dem Strand und dem Sonnenuntergang. So wie in diesem Moment muss sich dein Körper auch beim Klavier spielen anfühlen, dann hast du deine perfekte Sitzhöhe gefunden. 

Fazit

Jetzt weißt du, wie wichtig die Körperhaltung und Sitzposition beim Klavier spielen sind. Diese erleichtern vieles und verbessern auch deinen Klang. So kannst du neben allen klanglichen, rhythmischen und klaviertechnischen Vorteilen auch die Gefahr von Schmerzen in Rücken, Schultern und Armen reduzieren. Darüber hinaus kann ich schwören, dass ich mich bei richtiger Sitzposition auch besser konzentrieren kann und einen besseren Überblick habe.

Orientiere dich gerne an Vorbildern wie Lang Lang, suche aber auch immer nach deiner eigenen individuellen Sitzposition. Probiere dazu alle in diesem Artikel beschrieben Extreme aus. Setze dich ruhig einmal viel zu nah ans Klavier, oder viel zu hoch. So spürst du, wie sich das auf deinen Körper auswirkt und was dadurch mit deinem Klang passiert. Dadurch findest du umso schneller deine perfekte Sitzposition. Wenn du allerdings länger auf eine bestimmte Art am Klavier gesessen hast, wird sich jeder Wechsel zuerst einmal gewöhnungsbedürftig anfühlen. Das ist ganz normal. Deshalb musst du Änderungen unter Umständen über mehrere Tage testen. Erst dann legt sich das befremdliche Gefühl und du kannst herausfinden, wie gut die neue Sitzposition wirklich zu dir passt. Das Ziel ist, dass du deinen Körper beim Klavier spielen überhaupt nicht bewusst wahrnimmst. Alles soll sich leicht und locker anfühlen, dann kannst auch du 24 Stunden pro Tag Klavier spielen. Also denke bei deiner Suche nach der richtigen Sitzposition immer an etwas Entspannendes. 

Viel Spaß beim Suchen und Finden!

Tipp:  Weitere interessante Themen rund um das Klavier lernen und spielen findet ihr in unserem Artikel: Klavier lernen – Tipps für Anfänger und Profis

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