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Test
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21.04.2021

Arturia Pigments 3 Test

Software-Synthesizer

Neue Synth-Engines, neue Module und 200 Presets

Arturia hält das Updatetempo hoch und veröffentlicht knapp 18 Monate nach Version 2  nun Pigments 3. Additive Synthese, Suboszillator, zwei Noisegeneratoren, neue Routingoptionen, ein neuer Filtertyp, vier Effekte und über 200 neue Presets spendiert der französische Hersteller seinem Flaggschiff-Synthesizer. Außerdem wurden auch die Tutorial-Funktionen erweitert. Synthese lernen im schönsten Softwaresynthesizer ist damit also noch einfacher. Wir testen alle Neuerungen. 

Wir haben Pigments bereits 2018 bei seiner Neuerscheinung getestet. Das Ergebnis waren viele Synth-Engines, Presets für alle Genres und eine Benutzeroberfläche, die Modulation und Routing im Synthesizer so gut darstellte wie bis dahin noch keiner. Und daran rüttelte Arturia bei der Veröffentlichung von Version 2 im Oktober 2019 auch nicht. Man ging stattdessen mit der Zeit, spendierte dem Synth eine Sample-Engine, die wunderschöne Granularwolken erzeugen konnte. Dazu gab es mehr Filtertypen und Effekte, eine MPE-Fähigkeit und mehr Funktionen im Sequencer. Arturia zeigte, dass sie es ernst meinen. Und nun erscheint also Pigments 3.

Details und Praxis

“Never change a winning Synth”, dachte sich Arturia wohl – und Kenner der ersten beiden Versionen werden sich in Pigments 3 deshalb auch sofort zurechtfinden. Auf den ersten Blick sind nur die „Utility Engine“ und die neue Harmonic Engine in der Hauptansicht dazugekommen. Die beiden Filter lassen sich außerdem nun an verschiedene Stellen des Signalflusses routen – dazu aber später mehr. Des Weiteren bringt Pigments 3 noch diese Änderungen mit:

  • 200 neue Presets. Im Browser unter „My banks“ könnt ihr die neuen Sounds auswählen.
  • Zusätzliche Soundfiles:
    • 84 neue Wavetables – insgesamt hat Pigments nun 184 davon.
    • 97 neue Samples für die Sample-Engine
    • 71 Noise-Samples
  • Bei der Virtual-Analog-Engine gibt es nun auch die Ramp-Down-Wellenform.v
  • Jup8 V4 Filter – aus der viel beachteten Jupiter8-Emulation kommt das Filter als neue Option dazu. 
  • Tutorials – im Optionsbereich gibt es nun eine Vielzahl an neuen Tutorials, die euch den Einstieg in Pigments 3 erleichtern. 
  • Vier neue Effekte:
    • Chorus Jun-6: DER Chorus-Effekt überhaupt, den Arturia auch einzeln vertreibt. 
    • BL-20 Flanger: Emulation einer Flanger-Studiolegende. 
    • Pitch Delay: Nach dem Shimmer Reverb kommt das Pitch Delay: ein Delay-Effekt mit hochgepitchten Echos.
    • Multi-Band-Kompressor: für alle OTT-Bedürfnisse. 

    Für Besitzer von Pigments ist das Update kostenlos. 


The Sound of Pigment 3 – Wie klingen die neuen Presets? 

Viele der Features kommen bei den 200 neuen Presets voll zur Geltung. Die Sounds, die durch die neue Harmonic Engine erzeugt werden, klingen eher schrill und kreischend, so sehr feuern die Obertöne. Durch die zwei Noise-Generatoren einerseits und den Sub-Oszillator andererseits ist vor allem bei den Basssounds eine Vielzahl an drückenden, ordentlich kratzenden Bässen dabei. 

Die vier neuen Effekte verteilen sich gut über Sounds für aktuell angesagte Genres. „Chorus Jun-6“ verwäscht den Sound für epische Synthwave-Flächen. BL-20 Flanger erzeugt schönstes Soul-Classic-Feeling der Siebziger-Rhodes-Sounds und Pitch-Delay lässt alle Lo-Fi-Sounds fast schon dreidimensional klingen. Multi-Band-Kompressor dagegen quetscht, drückt und komprimiert EDM-Leads so sehr, dass man drei Instanzen OTT spart. 

 

Harmonic Engine – additive Synthese in Pigments 3 in der Praxis

Sounds, die durch additive Synthese erzeugt werden, bestehen aus einer Vielzahl von Teiltönen, sogenannten „Partials“. Das sind meistens Sinuswellen. Im Gegensatz zur bekannten subtraktiven Klangsynthese werden hier also keine obertonreichen Wellen erzeugt, von denen dann so viele Obertöne weggefiltert werden, bis der gewünschte Sound zu hören ist. Vielmehr geht man schon einen Schritt vorher an die Entstehung der Wellen und definiert einzelne Sinustöne als Obertöne, quasi wie bei der Bildbearbeitung das Pixel. Wer jetzt neugierig geworden ist: Das Ganze basiert auf dem Fourier-Theorem.

Soweit, so theoretisch. Was bedeutet das aber in der Praxis? Lädt man den Default-Sound ohne Effekte und Modulation in Pigments 3 und wechselt zur Harmonic Engine, ist erst einmal nur eine schlichte Saw-Wave zu hören – praktisch bei daran: die vielen Obertöne! Direkt unter der Anzeige sehen wir „Imaging“ sowie die zwei Regler „odd“ und „even“. Beim entgegengesetzten Drehen stellen wir fest: die ungeraden Obertöne sind auf einmal links, die geraden rechts. So etwas ist mit Syntheseformen wie Wavetable oder FM so detailgenau schon einmal nicht möglich!

Noch weiter ins Detail geht es beim Rest des Moduls. In den Bereichen „Window“, „Ratio“ und „Shape“ könnt ihr verschiedene Verteilungen und Filtermethoden anwählen, die in die Obertöne eingreifen. Das klingt schnell mal schrill und sehr nach FM-Synthese. Konsequenterweise entlockt das „Modulator“-Modul in der Mitte der Harmonic Engine dann aber auch Sounds wie aus dem DX7. Direkt darüber stellt ihr die Anzahl der Teiltöne (Partials) ein: zwischen 8 und 512 sind sieben Größen in Stufen möglich. Arturia warnt im zugehörigen Tutorial, dass Einstellungen ab 128 gerade bei mehrstimmigen Sounds sehr CPU-intensiv werden können.  

Utility-Engine – Sub und Noise 

Zugegeben, bei der Namensgebung hätten die Franzosen ruhig etwas Kreativeres als „Utility“ (Werkzeug) wählen können. Trotzdem haben alle modernen Synths, die etwas auf sich halten, nun mal Geräusch- und Basswerkzeuge mit an Bord. Bei den Noise-Engines scheint sich Arturia ideentechnisch von Serum und Massive X inspirieren haben zu lassen. Im Über-EDM-Synth Serum gibt es im Noise-Modul eine „Transient“-Gruppe, die vor allem bei Plucks und perkussiven Sounds sehr effektiv ist. Und Massive X beherrscht seit dem letzten Update nicht nur den Import eigener Geräuschaufnahmen, sondern bringt auch eine hervorragende Sammlung an Wasser-, Wald- und Wiesenrauschen mit – das gibt es nun also auch in Pigments 3.

Sobald ein Sound zu langweilig, eintönig oder statisch klingt, hilft vor dem Griff in die Modulationstrickkiste das Hinzudrehen von Noise. Mit den zwei neuen Modulen und den beschriebenen Sounds gibt es genau für diesen Fall jetzt jede Menge akustisches Spielzeug. Sobald ein Sound zu dünn klingt, spielt man ihn entweder eine Oktave tiefer oder dreht einen Sub-Oszillator dazu. Heutige Produktionen stehen und fallen mit ihrem Sub-Bass-Bereich: 808s, gigantische Kickdrums – das hat auch Arturia erkannt. Und praktischerweise lässt sich das Signal beim Oszillator in Pigments, genau wie bei den Noise-Engines, an allen Filtern und Effekten vorbeirouten.

Filter-Routing und Jup-8

Das neue Filter-Routing erlaubt es euch, oben rechts im Hauptfenster zu bestimmen, ob die Ausgangssignale der beiden Filter zusammen in die Effektkette gehen oder ob jedes Filter in eine eigene Effektkette geht. Wozu? Nehmen wir an, Engine 1 spielt virtuell-analog eine Saw-Wave, die mit einem Jup-8-Filter relativ stark gefiltert, anschließend im Effektbereich noch verzerrt und mit dem „OPP“-Preset im Multi-Band-Kompressor zusammengedrückt wird. 

Engine 2 spielt dann mit der Harmonic Engine eine Oktave höher und geht in Filter 2, wo ein zweites Jup8-Filter weit weniger der Höhen dämpft, damit das harmonische Glitzern nicht verloren geht. Das verstärken wir dann auf dem zweiten Effektweg mit dem neuen Pitch Delay und einem Reverb. In Pigments 2 hätte es dafür noch zwei Instanzen gebraucht.  

Tutorials – mehr lernen in Pigments

Die neue Tutorial-Funktion versteckt sich etwas in den Optionen. Diese klappt ihr mit einem Klick auf das Zahnrädchen auf. Hier gibt es nun Tutorials auf Englisch zu allen möglichen Bereichen. Bei der Einführung in die Filtertypen gibt es beispielsweise nicht nur Erklärungen zu allen Parametern, sondern auch Tipps, wie ihr die Charakteristik dieses Filters am besten fürs Sounddesign ausnutzt. Auch jede Syntheseart inklusive der neuen Harmonic Engine bekommt ihre eigene Einheit mitsamt Sounds und Anwendungsbeispielen. Man MUSS einfach Synthese lernen (und Englisch), so einfach und einladend wie es Pigments 3 einem hier macht. 

Zum Abschluss unseres Kurztests blicken wir noch kurz auf die von uns in den Tests der ersten beiden Versionen erwähnten Mängel. Der Import von AIFF-Dateien, im Sampling ein sehr verbreitetes Format, ist nun möglich, der von MP3 hingegen nicht. Timestretching, also das Beibehalten der Sample-Geschwindigkeit bei unterschiedlichen Tonhöhen, ist weiterhin nicht möglich – was in Samplern wie Kontakt oder Logics Sampler kein Problem ist, scheint in Pigments nicht so ohne Weiteres integrierbar zu sein. Das Arturia-Problem der dünn klingenden Filter hat man mit den neuen Noise- und Sub-Bass-Engines ziemlich elegant umschifft. Fehlt euch Bass und Kratzen? Dann dreht es euch doch dazu! 

Fazit

So langsam kommt Arturia mit Pigments 3 in die Nähe des Übersynth Omnisphere. Es gibt kaum noch etwas, was der Synthesizer nicht kann. Und mit der Harmonic Engine ist Arturia tatsächlich das Kunststück gelungen, eine Sound Engine, die eher für esoterische Klänge bekannt ist, so zu bändigen und zugänglich zu machen, dass Pigments fast schon so etwas wie einen eigenen Klangcharakter bekommt. 

Die neuen Effekte helfen bei Sounds für angesagte Genres, das zusätzliche Filter Jup-8 macht die sanfteste Obertondämpfung seit den Achtzigern und die neuen Filter-Routings machen Pigments schon fast zu einer Mini-DAW. 

  • Pro
  • Harmonic Enginge erlaubt sehr komplexe Sounds
  • Noise- und Sub-Engines vergrößern die Klangpalette
  • Filterroutingoptionen erlauben komplexes Layering
  • Neue Effekte klingen hervorragend
  • AIFF Import
  • Contra
  • kein Contra
  • Features
  • 1200 Presets
  • Presetbrowser mit Tagging und Playlisten
  • Vier Synth-Engines auf zwei Slots: „Virtual Analog triple oscillator“ (bis zu sechs Oszillatoren und Hard-Sync), „Complex Wavetable“ (vorgegebene und eigene), „Sample“ mit über 200 mitgelieferten Wave-Files, Granulareffekt und sechsfach Layering) und „Harmonic“ (additive Synthese mit detaillierter Bearbeitung der Obertöne)
  • Zwei Filtermodule mit zehn Filtertypen: Multimode, SEM, Matrix 12, Mini, Surgeon, Comb, Phaser, Formant, Low Pass Gate, Jup-8
  • Drei Effektmodule mit 18 Effekten: Multifilter, Param EQ, Compressor, Distortion, Overdrive, Wavefolder, Bitcrusher, Chorus, Phaser, Flanger, Stereo Pan, Delay, Reverb, Tape Echo, Chorus Jun-6, Pitch Delay, Multi-Band Compressor, BL-20 Flanger
  • Sequencer und Arpeggiator
  • Modulation: drei Hüllkurven, drei LFOs, fünf MIDI-Controller-basierte Modulatoren (Aftertouch und Co.), drei komplexe Hüllkurvengeneratoren (Functions), drei Zufallsgeneratoren, zwei Kombinatoren, vier Makros
  • MPE-Fähig
  • Systemvoraussetzungen
  • Mac: Mindestens 10.13 (High Sierra)
  • Windows: Mindestens Win 8.1 (64 Bit);
  • Hardware: 4 GB RAM; 2.5 GHz CPU. 2 GB Festplattenspeicher; OpenGL 2.0 kompatible GPU
  • Plugin-Formate:
  • Stand-alone, AudioUnit; AAX (64 Bit); VST 2.4; VST 3
  • Preis
  • Regulär: 199,- € (Straßenpreis: 21.04.2021)
  • Einführungspreis: 99,- € (Bis 13. Mai 2021)
  • Update von Version 1: 0,- €
  • Crossgrade von anderen Arturia-Produkten: 49 bis 69,- €

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