Digidesign Eleven Rack Test

Front

Eleven Rack präsentiert sich in einem sehr stabilen schwarzen 19“ Stahlchassis, an dessen Seiten große Atemöffnungen für eine optimale Lüftung sorgen. Auf der Front bildet eine geschwungene, orange-bronzefarbene Blende das bestimmende Designelement und zahlreiche Potis, Taster und Anschlussmöglichkeiten warten darauf, näher unter die Lupe genommen zu werden.
Los geht es ganz rechts mit dem True-Z Eingang für die Gitarre. Und der birgt auch schon die erste große Überraschung: Ein Fender Amp zum Beispiel hat eine andere Impedanz als ein Mesa Boogie. Abhängig vom gerade gemodelten Amp wird auch die jeweilige Eingangsimpedanz angepasst, was eine weitestgehend naturgetreue Interaktion mit dem jeweils verwendeten Instrument und ein authentisches Spielgefühl verspricht. Dabei wird nichts emuliert, und für eine noch natürlichere Ansprache ist das Ganze komplett analog gelöst.

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Neben dem Input finden wir einen Output to Amp, mit dem sich Eleven Rack mit einem externen Verstärker oder einer Endstufe verbinden lässt. Die Phones-Buchse ermöglicht den Betrieb eines Kopfhörers.

Oberhalb dieser Sektion befindet sich eine vollwertige Mikrofonvorstufe samt 48V-Phantomspeisung, einem Pad-Schalter und einem Gainregler.Weiter links warten die acht Gummitaster Rev, Delay, Mod, Dist, Tempo-Tuner, FX1, FX 2 und FX Loop, die auch trotz abgekürzter Bezeichnung eindeutig zu identifizieren sind. Dabei sind Rev, Delay, Mod und Dist doppelt belegt. Durch einfaches Drücken schaltet man den jeweiligen Effekt ein oder aus, bleibt man etwas länger auf dem jeweiligen Taster, öffnet sich ein Untermenü, in dem er sich bearbeiten lässt.

Der  Tempo-Tuner bietet die Möglichkeit, durch rhythmisches Tappen das Tempo beispielsweise des Delays zu bestimmen. Längeres Drücken aktiviert ein Stimmgerät, das dank des üppigen Displays auch aus größerer Entfernung gut ablesbar ist. Gleichzeitiges Drücken von FX1 und FX2 aktiviert das eingebaute Wah-Wah. Weitere Details zu den Effekten folgen im nächsten Kapitel.

Das Scroll-Poti ist ein Endlosregler, mit dem man sich durch verschiedene Ansichten und Menüs bewegen kann. Rechts neben dem großen Display befinden sich die Taster SW1 und SW2, die das Navigieren in verschiedenen Untermenüs erlauben. Ist der jeweilige Taster aktiviert, wird er durch ein eingebautes Lämpchen markiert. Die sechs Drehregler unterhalb des Displays sind je nach aktivem Menü unterschiedlich belegt und zeigen in drei verschiedenen Farben ihren jeweiligen Status an.

Orange: Der jeweilige Regler ist einem Verstärker, einer Box oder einem Effektloop zugewiesen.
Grün: Der jeweilige Regler ist einem Effekt zugewiesen.
Rot: Die Position des Reglers wurde verändert und das Preset sollte gesichert werden, da sonst beim Umschalten die Änderungen verloren gehen.

Links neben dem Display parken mit Edit/ Back und Save zwei weitere Drucktaster. Durch längeres Drücken von Edit/ Back gelangt man zu den Benutzereinstellungen, mit deren Hilfe sehr viele grundlegende Geräteparameter voreingestellt werden können. Einmaliges Drücken dagegen führt in die sogenannte „Rig View“, also der Einstellebene des gerade aktiven Presets. Digidesign nennt die mehr als 100 Presets an Bord des Eleven „Rigs“ und bezeichnet damit jeweils ein Setup mit bestimmten Verstärkern, Lautsprechern, Mikrofonen und allem, was dazugehört. Nahezu alle Parameter sind dabei editierbar, sodass man sich seine eigenen Kombinationen zusammenstellen und mit der Save-Taste als neues „Rig“ speichern kann.

Rückseite
Das eingebaute Netzteil erhält seinen Anschluss über einen Standard-Kaltgerätestecker. Als Ein- und Ausgänge dienen wahlweise digitale AES/ EBU-XLR- oder S/PDIF-Anschlüsse für Signale bis 24 Bit und 96 KHz. Die Main-Outs sind ebenfalls mit XLR ausgestattet und bieten einen Groundlift-Schalter, falls die PA mal wieder brummt.
Weiter geht´s mit einem Output to Amp 2, mit Line Inputs für Monoklinken, die zwischen +4dB oder -10dB umschaltbar sind, und mit dem Anschluss für ein Expressionpedal oder einen Fußschalter, an dem beispielsweise ein VCA-Pedal zur Steuerung des Wahs, der Lautstärke oder von Multieffekten eingesteckt werden kann. Aber auch angeschlossene Verstärker lassen sich hier um- oder Effekte ein- oder ausschalten. Außerdem steht eine MIDI In/Out-Schnittstelle zum Beispiel für den Anschluss eines Midi-Fußboards bereit.

Durch das schnelle USB2 kommuniziert Eleven Rack mit dem Computer, auf dem Pro Tools installiert ist. Es öffnet dort einen eigenen Editor, mit dem sich Eleven Rack komfortabel programmieren lässt. Selbstverständlich hat man auch an einen Stereo-FXLoop In/Out gedacht, über den sich wahlweise Gitarren-Bodeneffekte oder andere Effektgeräte einschleifen lassen.

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PARAMETER
 
Was aber hat Eleven Rack tatsächlich unter der Haube?
Beginnen wir mit den Amps.

Aus rechtlichen Gründen dürfen die Original-Markennamen nicht verwendet werden, daher hat Digidesign sie etwas abgeändert. Ich war aber so frei, die Originalbezeichnungen in Klammern einzufügen.

59 Tweed Lux (Fender Tweed Deluxe)
59 Tweed Bass (Fender Bassman)
64 Black Panel Lux Vibrato (Fender Black Face Deluxe Vibrato Channel)
64 Black Panel Lux Normal (Fender Black Face Deluxe Normal Channel)
67 Black Panel Duo (Fender Black Face Twin Reverb)
66 AC Hi Boost (Vox AC30 Top Boost)
69 Plexiglass (Marshall 1959 100Watt Super Lead Plexi Head)
82 Lead 800 (Marshall JCM 800 2203 100 Watt Head)
85 M-2 Lead (Mesa Boogie Mark 2c+ Drive Channel)
92 Treadplate Modern and Vintage (Mesa Boogie Rectifier- jeweils Modern und Vintage)
Soldano 89 SLO 100– jeweils Clean, Crunch und Drive.

Und zuguterletzt noch von Digidesign entwickelte Amps mit dem Namen DC einmal als Modern Overdrive und als Vintage Crunch.

Damit sollten wohl alle Wünsche nach bestimmten Verstärkern abgedeckt sein. Die jeweiligen Amps wurden aus Dutzenden baugleichen Modellen selektiert und gemodelt, was im Übrigen auch für die Boxen, Effekte und Mikrofone gilt.

Als Boxen stehen zur Auswahl:

1 x 12“ Black Lux (Fender Blackface Deluxe Reverb 1×12“ Jensen P12N)
1 x 12“ Tweed Lux (Fender Tweed Deluxe 1×12“ Jensen P12Q)
2 x 12“ AC Blue (Vox AC30 2×12“ Celestion Alnico Blues)
2 x 12“ Black Duo (Fender Blackface Twin Reverb 2×12“ Jensen C12Ns)
4 x 10“ Tweed Bass (Fender Bassman 4×10“ Jensen P100Qs)
4 x 12“ Classic 30 (Marshall 1960 A, 4×12“ Celestion Vintage 30)
4 x 12“ Green 25 Watt (Marshall 1960 AV, 4×12“ Celestion G12H Greenbacks)

Auch die gemodelten Mikros orientieren sich an den am häufigsten verwendeten Modellen.

Dyn7 (Shure SM7)
Dyn 57 (Shure SM 57 Unidyne)
Dyn 409 (Sennheiser 409)
Dyn 421 (Sennheiser 421)
Cond 67 (Neumann U 67)
Cond 87 (Neumann U87)
Ribbon 121 (Royer 121 Bändchen)

Damit ist jegliche Amp-Box-Mikrofonkonstellation möglich!
Die Mikrofone können jeweils “on axis” betrieben werden, also zur Mitte des Speakers gerichtet, oder “off axis”, also zu dessen Rand. Die Signalkette lässt sich in der Reihenfolge frei verschieben. Somit eröffnen sich sehr interessante Konstellationen – und das in Sekundenschnelle.

Kommen wir zu den Effekten:

Als Wah-Wah kann man zwischen einem Shine Wah (Vox V-846) oder einem Black Wah (Thomas Organ CB-95 Crybaby) wählen.
Natürlich sind auch Verzerrer im Angebot: Hier warten ein Tri Knob Fuzz (Electro Harmonix Big Muff Pi), ein BlackOp Distortion (ProCO The Rat) und ein Green JRC Overdrive (Ibanez 808) auf ihren Einsatz.

An Modulationseffekten stehen ein C1 Chorus/ Vibrato (Boss C1), ein Flanger (Digidesign), ein Vibe Phaser (Univox Uni-Vibe), ein Orange Phaser (MXR Phase 90) und ein Roto Speaker (Digidesign) zur Auswahl.

Die beiden Halleinheiten Blackpanel Spring Reverb (Federhall aus einem Fender Deluxe Reverb) und Eleven Stereo Reverb (Algorithmen aus dem Pro Tools TDM Plug-in REVERB ONE) sorgen für den Raumeffekt, und mit Tape Echo (Maestro Echoplex EP-3) BBD Delay (Electro Harmonics Deluxe Memory Man) verstecken sich zwei Delays in den Schaltkreisen des Systems. Last, but not least komplettieren ein Graphic EQ sowie ein Gray Compressor von Digidesign die Effektabteilung.

Alle Amps, Boxen und Mikrofone wurden im sogenannten Convolution-Verfahren emuliert. Das heißt, dass aus der Kombination – eigentlich mathematisch Faltung – von zwei Komponenten eine dritte entsteht. So wird der ursprüngliche Sound zum Beispiel mit der Eigenheit des Raumes „zusammengefaltet“, dessen Eigenart man übernehmen möchte, und man kreiert auf diese Art den gewünschten Klang. Diese Art der Klangerzeugung verlangt natürlich nach einer Menge Rechenleistung. Um dies zu stemmen, hat Digidesign seinem neuen Baby gleich digitale Soundprozessoren spendiert, die sich um die Rechenarbeit kümmern.

Wem das alles nicht genügen sollte, der hat die Möglichkeit, weitere Effektgeräte mit dem Effekt In/Out zu verbinden und mit dem FX-Level-Regler anzupassen.
 
Die Bedienung des Eleven Rack ist sehr intuitiv und auch ohne die sehr gut geschriebene englische Bedienungsanleitung schnell zu verstehen und zu bedienen. Für alle, die es aber lieber ausführlicher mögen, besteht die Möglichkeit, das Gerät per Editor zu programmieren. Voraussetzung dafür ist das mitgelieferte Pro Tools 8, das sowohl auf Windows wie auf Mac OS läuft.
Pro Tools LE erkennt das Eleven Rack als Interface und zeigt die betreffenden Ins und Outs im jeweiligen Rollbalken innerhalb des Kanals an.

Eine typische Gitarren-Aufnahmesituation kann also folgendermaßen aussehen:
Es werden getrennt eine Mono DI-Spur und eine Stereo “Wet-“, also bearbeitete, Spur aufgenommen. Vielleicht merkt man nach einiger Zeit, dass der Sound, den man zur Aufnahme verwendet hat, doch nicht so gut passt. In diesem Fall lässt dieser sich wiederherstellen, obwohl man unter Umständen vergessen hatte, ihn ursprünglich abzuspeichern. Dazu werden alle benötigten Einstellungen mit dem Wet-Signal als Metadaten aufgezeichnet und per rechten Mausklick das entsprechende Setting automatisch wieder in Eleven Rack geladen.

Mit dem DI-Signal ist es jetzt ganz einfach, einen anderen Eleven-Sound zu wählen, indem man als Input anstelle “Guitar“ einfach “Re-Amp“ anwählt, was jeweils immer nur mit einer Spur funktioniert. Außerdem kann man das DI-Signal auch dazu verwenden, anstelle von Eleven Rack den eigenen Amp per Mikro abzunehmen. Dieses Verfahren hat der berühmte Toningenieur John Cuniberti 1994 entwickelt, der mit so illustren Namen wie Joe Satriani, Grateful Dead, Tracy Chapman, Aron Neville und vielen anderen zusammengearbeitet hat.Ein weiteres Highlight ist die Geschwindigkeit von Eleven Rack. Hat man bei Pro Tools beispielsweise einen hohen Playback-Buffer eingestellt, weil die Session doch größer geworden ist, und möchte trotzdem noch eine Gitarre oder Gesang aufnehmen, ist das überhaupt kein Problem. Einfach den Latenzausgleich in Pro Tools auswählen und schon lässt sich ohne Verzögerung aufnehmen. Ein Feature, das es normalerweise nur in einem HD-System gibt!

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Milan Topolic sagt:

#1 - 22.11.2012 um 05:18 Uhr

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Sehr informativ, Toller Schreibstil, macht richtig Heisshunger auf das Teil. Erleichtert die Kaufentscheidung sehr.Danke vielmals für diesen Test !Bassel el Hallak rockz like hell !Rockige Grüsse von den MIN-E-DRUMZ

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