Vintage Synth: Sequential Circuits Prophet 600

SOUND

Vor allem im Vergleich zum Roland Juno 60, der technisch gesehen in etwa in derselben Liga spielt, zeigte der Prophet 600 deutliche Unterschiede. Mein aller erster Eindruck: Der Prophet 600 hat für mich auf den ersten „Hör“ viel weniger Charakter als der Juno, der wie kaum ein anderer die 80er Jahre repräsentiert. Andererseits kann der Juno eben fast nur diesen einen Sound, den man aus jeder Aufnahme sofort heraus hört. Der Prophet 600 kann deutlich mehr. Während der Juno einen eindeutigen und unverkennbar aggressiven, ja dreckigen Sound hat, ist der Prophet 600 deutlich flexibler, klarer und er bietet einen großen Fundus an experimentellen Sounds, Pads und abgrundtiefen Bässen. Das – wie gesagt – war mein erster Höreindruck.

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Bass Kein Jupiter Kein Moog
Die hörbaren Parametersprünge beim Prophet 600 sind für manch einen ein Ärgernis. Dabei lassen sie sich umgehen – oder geschickt ins Spiel einbauen.

Einer der größten Kritikpunkte – auch im Vergleich zum Prophet 5 ist die geringe Auflösung beim Bewegen der Potis. Vor allem, wenn man manuelle Filter Sweeps erzeugen will, sind hier beim Cutoff und Resonance Poti deutliche „Treppchen-Geräusche“ hörbar. Solch deutliche Parametersprünge macht der Prophet 5 nicht. Bekannt ist diese Eigenart dagegen beim Prophet T8. Aber es gibt Möglichkeiten, diesen Effekt zu umgehen bzw. mit ihm zu leben. Denn einerseits lässt sich der Filterverlauf durch die Hüllkurven steuern, wodurch die „Treppchen“ kaum noch hörbar sind oder: man integriert den Effekt einfach ins Spiel und setzt ihn im positiven Sinne als Effekt ein. Es gibt ja auch Menschen, die analoge Synthesizer ablehnen, weil die „immer so verstimmt sind“. Andere lieben analoge Synthesizer, gerade weil die Oszillatoren so schön frei schwingen. Genauso sehe ich die Parametersprünge meiner Propheten als unverkennbare Charaktereigenschaften.

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Sweep fast ohne Treppchen

OSZILLATOREN

Ein unbestrittener Vorteil sind dagegen die beiden Oszillatoren des Prophet 600. Beide können auf Sägezahn, Dreieck und Rechteck abbilden. Aber nicht nur entweder/oder: beide Oszillatoren können die Wellenformen auch gleichzeitig erzeugen. Per MIX-Poti lassen sich die so erzeugten Sounds dann abmischen.  

So richtig punktet der Prophet übrigens, wenn man alle sechs Stimmen bzw. alle zwölf Oszillatoren gleichzeitig im Unisono laufen lässt. Denn dann entwickelt der 600er einen unglaublichen Wumms.

FILTER

Auch hier kann man nicht meckern. Der (ich weiß … eigentlich DAS) Filter des Prophet 600 hat eine Reaktionszeit, als wenn Heckler und Koch bei der Entwicklung Pate gestanden hätten. Man hat wirklich manchmal das Gefühl, dass der Sound schon da ist, wenn man nur in Betracht zieht, eine Taste zu drücken. In dieser Hinsicht schlägt er die meisten anderen 24dB-Filter-Synths um Längen. Der Prophet 600 schießt seine Sounds regelrecht in die PA.

LFO

Auch hier hat der Prophet 600 seine Qualitäten. Denn der LFO unterstützt hervorragend die experimentellen Sounds, die zu den besonderen Stärken des 600er gehören. Einzig ein Rauschgenerator hätte noch zu meinem ganz persönlichen Glück gefehlt – ein weiterer und nicht zu unterschätzender Unterschied zu seinem Vorgänger, dem Prophet 5. Denn die Möglichkeit, durch eine wohldosierte Noisezugabe das Klangspektrum zu erweitern, erweitert auch die Einsatzbereiche eines Synthesizers.

ENVELOPES

Die Envelopes des Prophet 600 sind sehr dynamisch aber nicht unbedingt die allerschnellsten. Das soll auf keinen Fall abwertend gemeint sein. Viele der ganz großen Synthesizer haben eher langsame Hüllkurven. Beim Prophet 600 werden die Hüllkurven (im übrigen auch der LFO) durch den Zilog Z80-Prozessor berechnet und gesteuert. Vielleicht liegt es daran, dass er zudem dafür verantwortlich ist, ein Auge auf die gedrückten Tasten und sämtliche Parameterveränderungen zu werfen. Und dazu muss er auch noch das Display mit aktuellen Informationen versorgen. Vermutlich ist es dann einfach zuviel vom kleinen Zilog verlangt, dabei auch noch schnelle Hüllkurven zu generieren. Aber wie gesagt: eigentlich sollten wir darüber froh sein. Denn die langsamen Envelopes sorgen für diesen schönen brassigen, mystischen Sound, der für den Prophet 600 so charakteristisch ist. Besonders ausdrucksstark sind die Hüllkurven in Kombination mit der Polymodulation.

POLYMODULATION

Die Poly-Modulation kennen wir bereits vom Prophet 5. Dieser Effekt hat schon hier für Furore gesorgt. Aber worin liegt eigentlich der Unterschied zur herkömmlichen LFO-Modulation? Bei der LFO-Modulation moduliert jede Frequenz (jede Taste) alle Stimme in der gleichen Weise. Bei der Poly-Mod ist das Ergebnis jedoch sehr verschieden. Die Poly-Mod erlaubt es, für jede Stimme zwei verschiedene Modulationsquellen zu bestimmen: die Filter Hüllkurve oder Oszillator B. Außerdem kann man die Richtung der Modulation auswählen. Entweder geht die Modulation auf Oszillator A oder auf den Cutoff-Punkt des Filters. Die Stärke der Modulation kann dabei stufenlos eingestellt werden.

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Polymod 01 – tief Polymod 02 – hoch

Der Unterschied zur Poly-Modulation des Prophet-5 liegt darin, dass man dort außerdem noch die Modulation der Pulsbreite bestimmen kann. Trotzdem macht dieses Feature den Prophet 600 zu einem sehr vielseitig klingenden Synthesizer. Zum Beispiel kann man bei der Poly-Mod den Oszillator B für glockenartige Klänge oder auch für ringmodulationsähnliche Effekte einsetzen. Auch hier zeigt sich, dass sich der Prophet 600 auf wenige aber entscheidende Funktionen beschränkt wurde, die zum Spielen und Experimentieren einladen. Als ich meinen ersten Prophet 600 vor mir stehen hatte, habe ich ohne Handbuch (und zu dieser Zeit auch ohne jegliches Vorwissen) die tollsten Sounds geschraubt. Und das zeichnet für mich einen guten Synthesizer durchaus aus.

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Ringmod-Sound

SPIELHILFEN

Spielhilfen mit Funfaktor: Mod, Pitch, Arp, Sequenzer und Chord-Memory

In punkto Spielhilfen gibt es beim Prophet 600 nichts, was ihn wesentlich von seinen Mitstreitern unterscheidet. Er bietet ein Pitch- und ein Modulationsrad. Der schlichte Arpeggiator kennt gerade mal die Richtungen „hoch“ und „runter“ und der 2-Spur-Realtime-Sequenzer macht gerade mal als Notizbuch Sinn. Allerdings muss man den Entwicklern zugute halten, dass durch die oben erwähnten MIDI-Buchsen ein Sequenzer und eigentlich auch einen eingebauter Arpeggiator überflüssig wird.

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Arpeggiator Externer Sequencer

Was meiner Ansicht nach Sinn macht ist die Chord-Memory-Funktion, die übrigens auch der Polysix hat. Beim 600er ist die Funktion ein wenig versteckt. Drückt man keine Taste und schaltet auf Unison, dann hat man Unison. Spielt man aber einen Akkord und schaltet bei gedrückten Tasten auf Unison, dann hat man die Chord- Memory-Funktion. Statt der Unison-Taste kann man übrigens auch den Fußschalter treten, was beim Live-Spielen auch deutlich praktischer ist.

MIDI

Wie oben schon beschrieben, war der P600 der erste MIDI-Synth. Das heißt aber auch, dass man vom eingebauten MIDI-Satz nicht allzu viel erwarten sollte. Neben der gewählten Taste lässt sich auch die Modulation oder die Pitch-Information per Midi übertragen. Das reicht immerhin aus, um den Propheten von einem Soft- oder Harware-Sequenzer ansteuern zu lassen. Zum Glück bietet Winecountry immer noch das Upgrade auf Version 8 an. Diese endgültige Fassung bietet Omni- und Polymodi über 16 MIDI-Kanäle und das Senden von Programm-Daten via MIDI-Dump. Der ROM-Baustein ist auch ohne technisches Vorwissen zu installieren und kostet derzeit 39 $.

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Profilbild von Mike Nickel

Mike Nickel sagt:

#1 - 31.03.2015 um 13:23 Uhr

Empfehlungen Icon 0

Mitlerweile gibt es für den Prophet 600 ein Firmware upgrade, das dieses feine Instrument
nochmal zusätzlich aufwertet.Eine Übersicht über die neuen Features findet Ihr hier:
http://sfx.gligli.free.fr/z...Mehr Infos gibt es auf dem Blog des Entwicklers:
http://gliglisynth.blogspot...

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