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Vintage Synth: Sequential Circuits Prophet 600

DETAILS

Im Rampenlicht: Zwei Buchsen, die auch 30 Jahre später noch großes leisten

Zunächst müssen wir uns ins Jahr 1982 zurück beamen. Denn das Hauptverkaufsargument des Prophet 600 bestand nicht aus seinen Soundqualitäten, die wir heute so an ihm schätzen, sondern aus zwei kleinen 5-poligen Buchsen auf seiner Rückseite: eine Revolution namens “MIDI”! Die Möglichkeit, zwei verschiedene Geräte miteinander arbeiten zu lassen, war nicht alleine eine technische Revolution. Denn, damit das alles möglich wurde, mussten auch verschiedene Unternehmen miteinander arbeiten. Dave Smith von SCI holte dafür Tom Oberheim und Ikutaro Kakehashi (Roland) an einen Tisch und entwickelte auf dieser Grundlage den MIDI-Vorgänger USI, der zunächst nur ein „Note an/Note aus“ hinbekam. Etwas ähnliches schaffte auch Yamaha bereits 1981 mit dem Keycodekabel, das etwa ein Yamaha CP35 mit einem CS70M verbinden konnte. Doch die Weiterentwicklung von USI schaffte mehr. Es ließen sich weitere Parameter fernsteuern und das MIDI-Protokoll erlaubte erstmals eine Verbindung von Synthesizern verschiedener Hersteller.

So wurde dem erstaunten Publikum auf der Winter Namm 1983 vorgeführt, wie man mit einem Propheten 600 einen Jupiter 6 spielen konnte und umgekehrt, eine Technik, die die Musikwelt auf den Kopf stellen sollte. Ohne diese Entwicklung wären viele uns bekannte New Wave Stücke der 80er Jahre gar nicht denkbar. Denn dank MIDI stöpselten die Musiker nun beliebig viele Sequencer, Drumcomputer und Synthesizer zusammen und erreichten damit eine umfangreiche Synchronisation, die einen extremen Einfluss auf die Musikrichtung hatte. Schade nur, dass der Sound des Propheten durch MIDI so in den Hintergrund treten musste und schade, dass im gleichen Jahr durch den Yamaha DX7 bereits der Abgesang an das analoge Zeitalter eingeleitet wurde.

Nach dieser Exkursion also nun zurück in die heutige Zeit. Wer heute einen Prophet 600 spielt ist natürlich immer noch froh über die beiden Midibuchsen. Aber er wird sich diesen Synthesizer vermutlich eher wegen seiner klanglichen Möglichkeiten angeschafft haben. Kommen wir also auf die Features – jenseits von MIDI – zu sprechen.

Der CEM 3340 war beinahe in jedem Synth seiner Zeit eingebaut.

TECHNISCHE DATEN IM ÜBERBLICK

Werfen wir einen Blick darauf, was den Sound ausmacht: die Innereien. In Kurzform sind das 12 CEM 3340 (VCO), 6 CEM 3372 (VCF/VCA) und 4 CEM 3360 (Dual VCA). Die CEM 3340 finden wir in fast allen großen Synthesizern seiner Zeit. Neben nahezu allen SCI’s fanden sie auch Verwendung in Geräten von Banana, Crumar (Spirit 2), Moog (Memorymoog), Oberheim (OB8, OB-SX und OBX-a) und Roland (SH101, Jupiter 6 und 8 sowie MKS80). Der CEM 3340 war eine Revolution für sich. Dank seiner Zuverlässigkeit war der Oszillators in beinahe jedem Synth seiner Zeit eingebaut. Die markanten VCF/VCA-Chips namens CEM 3372 wurden im Akai AX80, im Oberheim Xpander und Matrix 12, im Rhodes Chroma Polaris 6 und im Prophet T8 verbaut.

Die Dual VCA Chips (CEM 3360) gab es außer im Prophet 600 noch im Banana Synth, im Crumar Spirit 2, in einigen Ensoniq Synthesizern, in der Linndrum 2, im Memorymoog (hier wurden ganze 26 Stück davon eingebaut!), in Oberheim Synths (OB8 und OBXa, OB-SX2), im PPG Wave, im Rhodes Chroma und in mehreren Roland Synths (SH101, Jupiter 6, 8 und MKS80) sowie in SCI Prophet T8 und Studio 440.

Schaut man sich an, in welchen Synthesizern die Herzstücke des Prophet 600 noch verbaut wurden, dann bekommt man einen guten Eindruck davon, in welcher Liga der SCI wirklich spielt. Natürlich ist es immer auch eine Frage, wie viele dieser Chips den Sound ausmachen und vor allem: welche Funktionen den Chips letztlich bauartbedingt entlockt wurden. Doch darauf kommen wir später noch im Detail zu sprechen.

Der Prophet 600 hatte es in vielerlei Hinsicht schwer: Er stand nicht nur im Schatten seiner eigenen MIDI-Buchsen, er wurde zudem von seiner FM-Konkurrenz quasi überrollt. Denn den Yamaha GS1 gab es seit 1980 und der DX7 kam ebenfalls 1983 auf den Markt. Darüber hinaus musste sich der Prophet 600 auch noch an seinem legendären Vorgänger – dem Propeht 5 –  messen lassen. Dieser hatte die Musikwelt bereits fünf Jahre zuvor entscheidend geprägt, konnte man hier schließlich ganz einfach Sounds programmieren, abspeichern und sie auf Knopfdruck wieder abrufen. Das mag aus heutiger Sicht lächerlich klingen aber 1978 war das ein Meilenstein, bedenkt man, dass man z.B. bei einem Yamaha CS80 für das Abspeichern von vier Presets ganze 104 Miniregler in eine extra „Schublade“ verlagert hatte.

Doch verlassen wir die Schatten, von denen der Prophet 600 umgeben war und betrachten wir seine Sonnenseiten mal im Schnelldurchlauf. Hier fällt vor allem die Polymodulation ins Gewicht, mit der sich drastische Soundeffekte erzielen lassen.

Der Prophet 600 verfügt darüber hinaus über zwei Oszillatoren, die Dreieck-, Sägezahn- und Rechteckschwingungen erzeugen können. Als Regelungsmöglichkeiten gibt es einen Mischer, über den sich das Verhältnis der Oszillatoren zueinander einstellen lässt. Dazu hat der Prophet 600 zwei ADSR-Regeleinheiten, Glide (Portamento), einen krassen Unison-Modus (dazu später mehr), Noise, Sequencer und Arpeggiator. Auch dazu an späterer Stelle mehr. Schauen wir uns jetzt erst einmal an, wie Dave Smith das Armaturenbrett des P600 umgesetzt hat.

Folientastern mit echtem Duschfeeling – Die Presetsektion des Prophet 600

Beginnen wir links mit den zeitgemäßen Preset-Folientastern, bei denen man ohne jegliches haptisches „Klick-Feedback“ auskommen muss. Was sich die Macher dabei gedacht haben, wird mir auf ewig unbegreiflich bleiben. War die Preset-Sektion etwa für den Einsatz unter der Dusche gedacht? Als Staubschutz macht die Folie zunächst vielleicht noch Sinn. Aber wenn man sich überlegt, dass die Taster trotzdem dazu neigen, irgendwann mal nicht mehr zu funktionieren, dann scheidet auch dieser Grund aus. Mein erster P600 hatte bereits echte Klicktaster unter der Folie. Das ist deutlich angenehmer und wirkt auch haltbarer.

Rechts neben den Presetschaltern befinden sich die Tasten für die Verbindung zum Tape/Rechner und eine sehr praktische Autotune-Taste, die das Gerät – anders als beim T8 – in nur wenigen Sekunden auf standardisierte Wellenlänge bringt. Darunter kann man mittels der Taste „Preset“ wählen, ob man den Sound des gewählten Presets oder den des Panels auf’s Ohr bekommen möchte. Daneben befindet sich der Record-Knopf für das schnelle Speichern von Programmen und Sequenzen. Und direkt darunter liegen die Sequencer und Arpeggiator-Schalter inkl. eines Speed-Reglers.

Auf dem übrigen Panel liegt nun, sauber und ordentlich in sechs Sektionen aufgeteilt, die Schaltzentrale des Prophet 600. Die einzelnen Bereiche wurden mit einer weißen Linie voneinander abgetrennt. Die Struktur ist fantastisch klar. Hier regiert nicht der Schalterwald, der in den 70ern noch das Begehr das Tastenmenschen weckte, hier wirken Minimalismus und Understatement Hand in Hand.

Setzen wir unsere Panel-Führung fort, dann werfen wir linker Hand einen Blick auf das, was dem Propheten derzeit in eine klare genetische Linie zum Prophet 5 setzte: die Poly-Mod-Sektion.

Die Poly-Mod-Sektion – Vier Parameter, die es in sich haben

Darunter finden wir die LFO-Modulation, bestehend aus Frequency, Shape (Dreieck und Rechteck), Initial Amount und die Routing-Möglichkeiten der Modulation (Frequency A-B, Pulsweite A-B und Filter). Nicht ganz unwesentlich ist der „Unison“-Schalter, mit dem man alle Stimmen kraftvoll auf eine Taste vereinen kann.

Die nächsten beiden Bereiche liegen übereinander angeordnet: Oszillator A und B. Beide Sektionen verfügen über Frequency, Wellenform (Sägezahn, Dreieck, Rechteck) und einen Drehregler für die Pulsweite. Im oberen Bereich lässt sich darüber hinaus noch der Sync ein und ausschalten, während man unten den Oszillator B noch feintunen und gegen Oszillator A verstimmen kann, wodurch sich der Sound deutlich anfetten lässt. Neben den Oszillator-Reglern liegen zwei weitere Drehregler, einer für den Mix von Osc A und B und einen mit Glide-Funktion.

Audio Samples
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Rampensau – Sägezahn-Horn Sägezahn Unisono Glide Sägezahn Unisono Glide II Unisono Rechteck

Der letzte Bereich rechts auf dem Bedienfeld gehört den klassischen Filter-Parametern: Es gibt eine Reihe mit Cutoff, Resonance und Envelope Amount sowie einen Schalter für Keyboard-Full, -1/2 oder -Off. Darunter befinden sich die vier altbekannten ADSR-Regler für den Filter und noch mal eine ADSR-Sektion für den Amp. Abgerundet wird das Panel durch einen Volume und einen Mastertune-Regler. Aus die Maus. Lässt man die Schalter für Presets, Arp und Sequencer mal außen vor, dann begnügt sich der Prophet 600 mit knapp 40 Reglern. Das ist im Vergleich zu manch 70er-Jahre Modell recht wenig, im Vergleich zu einem typischen Mitt-80er-Synth aber immer noch erfreulich viel. Ich würde sagen: Dave Smith hat hier einen guten Kompromiss zwischen aufgeräumtem Minimalismus und Schrauberfreude gefunden.

Die Rückseite des Prophet 600 sind noch deutlich aufgeräumter aus, als sein Bedienpanel. Neben dem revolutionären MIDI In und -Out gibt es einen vorsinnflutlichen Cassette-In und -Out, der auch ohne Kassettenrekorder für die Speicherung von Programmen und Sounds noch seine Daseinsberechtigung hat. Ansonsten findet sich eine Filter-CV-In-Buchse, über die man ein Fußpedal anschließen kann und – welch Wunder – ein Kaltgerätestecker- und eine Audio-Out- Buchse. Und das war’s. Nix CV In oder Out und auch nix Trigger oder sonst etwas. „Wozu auch“, dachten sich die Dave Smithler. Der Prophet 600 hat ja dieses neuartige MIDI-Dings.

Die Schlichtheit des Prophet 600 setzt sich auf seiner Rückseite fort.
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Profilbild von Mike Nickel

Mike Nickel sagt:

#1 - 31.03.2015 um 13:23 Uhr

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Mitlerweile gibt es für den Prophet 600 ein Firmware upgrade, das dieses feine Instrument
nochmal zusätzlich aufwertet.Eine Übersicht über die neuen Features findet Ihr hier:
http://sfx.gligli.free.fr/z...Mehr Infos gibt es auf dem Blog des Entwicklers:
http://gliglisynth.blogspot...

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