Physis Piano K4 Ex Test

Praxis

K4 als Controller

Ganz klar, das Physis Piano K4 (Ex) richtet sich mit seinen vielen MIDI-Ausgängen und Pedaleingängen einerseits an den Live-Keyboarder, der seine zahlreichen externen Klangerzeuger über ein großes Masterkeyboard steuern möchte. Andererseits könnte man es auch als Herzstück eines Studios sehen, in dem eine Anzahl Soundmodule fest mit dem K4 verbunden sind und von diesem aus gesteuert werden. In beiden Fällen liegt die Betonung darauf, dass das Keyboard nicht als Klaviatur an einem Rechner hängt, der Schaltzentrale des Aufbaus ist, sondern dass das Keyboard selbst die Schaltzentrale ist, an der dann vielleicht auch ein oder zwei Rechner hängen. Der Clou ist hierbei eine Funktion, die Viscount “Virtual Instrument” nennt und mit der man die an den MIDI- oder USB-Ports angeschlossenen Instrumente zur leichteren Bedienung benennen kann.
Ein Beispiel: Wir hängen an den MIDI-Ausgang eines beliebigen Keyboards einen Klangerzeuger. Nehmen wir mal was Obskures, zum Beispiel einen Siel Expander 80 aus den 1980ern. An einem üblichen Masterkeyboard müsste ich explizit den MIDI-Port, dann den MIDI-Kanal, dann den MIDI-Parameter und schließlich den gewünschten Wert programmieren. Das bedeutet, dass ich mir eine ganze Reihe von Nummern merken müsste, um etwas Musikalisches wie die Filtersteuerung an einem angeschlossenen Klangerzeuger zu bedienen. Anders beim K4, denn hier kann ich alle Kanäle und Parameter benennen und muss mich später nicht mehr um die Zahlen scheren. Für den Siel Expander 80 würde man also ein “Virtual Instrument” im K4 erzeugen und das Gerät und der Filterparameter würden von nun an nicht mehr als Zahlen, sondern als “Siel Expander 80” und “Filter” auftauchen. Ein “Virtual Instrument” ist also eine Steuerungsoberfläche, mit der ich vom K4 aus externe Klangmodule auf eine ganz bequeme, musikalische Art steuern kann: nicht mehr über kryptische Nummern, sondern über die richtigen Parameternamen.
Ein weiterer Vorteil dieser Methode ist, dass sich die externen Klangmodule in ihrer Bedienung angleichen. Während ein Siel Expander 80 und ein Virus TI in der Bedienung am Instrument völlig voneinander abweichen, sehen sie als “Virtual Instrument” am K4 genau gleich aus und man kann mit dem gleichen Regler am K4 zum Beispiel das Filter an einem oder beiden der zwei Instrumente regeln. So kann man über das K4 durch die Programme und Parameter der unterschiedlichen Klangerzeuger “surfen”. Durch die große Anzahl an verfügbaren Reglern und durch die Klarnamen-Anzeige von Geräten und Parametern kann man sich eine bequeme, Rechner-unabhängige Schaltzentrale aufbauen. Und deshalb machen auch die vielen MIDI-Ausgänge Sinn: Zum einen kann man sowieso nie genug haben, zum anderen kann man einen einzelnen MIDI-Ausgang einfach immer mit dem gleichen, eindeutig benannten Gerät verbinden. Das fühlt sich dann fast so an, als wären die Klangerzeuger im K4 selbst verbaut und gar nicht mehr unterschiedliche, über MIDI verbundene Instrumente.

Externe Klangerzeuger lassen sich im K4 als "Virtual Instruments" verwalten
Externe Klangerzeuger lassen sich im K4 als “Virtual Instruments” verwalten

Aber bis es so weit ist, steht man im Schweiß, denn bevor die einzelnen Geräte und deren Parameter als Klarnamen im Display des K4 stehen, muss man sie natürlich alle einzeln von Hand eingeben. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht besser hätte gelöst werden können, zum Beispiel durch Auslesen der Geräte, Programme und Parameter über SysEx wie bei MIDIQuest oder weiland Sounddiver. So bleibt einem nichts übrig, als über die Taster und das Jogwheel neben der Tastatur jeden einzelnen Parameter von Hand einzugeben und über die Keypad-Sektion zu benennen. Obwohl ich die Bedienung des K4 insgesamt gut gelungen finde, ist das schon eine sehr mühselige Arbeit. Und selbst wenn man wie ich diese Art der Bedienung gewöhnt ist, also das Hangeln von einem Fenster zum anderen über Taster, ganz im Stile einer 90er-Jahre-Workstation: Schön ist das nicht und man muss an dieser Stelle klar sagen, dass eine Editorsoftware die Arbeit ungemein erleichtern könnte. Denkbar wäre dann auch der Aufbau einer Benutzer-Community: Wenn einer sich die Mühe gemacht hat, die Parameter eines Virus TI einzuspeichern, könnten andere Anwender das einfach übernehmen. Ein Editor ist zwar angedacht und soll irgendwann kommen, aber im Augenblick ist da noch nichts. Dieses Manko führt zu einem kleinen Punktabzug.
Dennoch: Wer ein Gerät mit den Controller-Fähigkeiten eines K4 sucht, wird im Augenblick nur hier fündig. Denn die vielen diskreten MIDI-Ports sind durch MIDI-Thru nicht zu ersetzen: Zum einen wird die Latenz immer weiter erhöht, zum anderen haben nicht alle Geräte eine MIDI-Thru-Funktion und schließlich ist auch die Bandbreite des MIDI-Kanals mit ungefähr 1000 Signalen pro Sekunde nicht so unglaublich hoch.
Bevor wir zur Klangerzeugung übergehen, gibt es noch drei wichtige Dinge zu erwähnen: Zum einen gibt es eine ausführliche, gedruckte Bedienungsanleitung, deren deutsche Version man von der Website des Herstellers herunter laden kann. Zum anderen gibt es als Zubehör einen passenden Ständer für das K4 (und ein maßgeschneiderter Ständer ist etwas Tolles, die wackeln in der Regel nicht). Und drittens ist der Vertrieb ein prima Ansprechpartner, in den Foren unterwegs, telefonisch gut zu erreichen und sehr hilfsbereit. Im Fall der Fälle gibt es nichts Besseres.

Das "Ex" verrät, dass in diesem K4 die optionale Klangerzeugung schon eingebaut ist
Das “Ex” verrät, dass in diesem K4 die optionale Klangerzeugung schon eingebaut ist

Klangerzeugung

Als ich von einem Digitalpiano auf Physical-Modeling-Basis aus Italien hörte, dachte ich zuerst an eine Wiederauferstehung von GEM/LEM mit ihren ProPiano und RPR-700/800 Modellen. Deren Klangerzeugung und das Zusammenspiel mit der Klaviatur fand ich damals überzeugend, aber leider waren die Klaviaturen so klapprig, dass sich die Firma durch die vielen Retouren ins Aus schoss. Die Physis Piano Soundengine von Viscount ist aber eine Eigenentwicklung in Zusammenarbeit mit Forschern mehrerer Universitäten. Die Ex-Erweiterung für das K4 hat die gleichen Gene wie das Stagepiano Physis Piano H1, weshalb ich an dieser Stelle auch auf den Bonedo-Test zum H1 mit vielen Klangbeispielen verweisen möchte.
Die dort vom Autor bemängelte Bedienung des Instruments müsste auf dem Physis Piano K4 eigentlich kein Problem sein: Der große Bildschirm und die Fader, Drehregler, das Jogwheel und die Taster könnten hier theoretisch für eine bequeme Bedienung der Physical-Modeling-Maschine eingesetzt werden. Aber leider ist genau diese Bedienung in der aktuellen Firmware noch gar nicht eingebaut: Nur bei wenigen Programmen hat man derzeit Zugriff auf einige wenige und optisch lieblos implementierte Parameter der virtuellen Klangerzeugung. Da das auch noch gar nicht in der Bedienungsanleitung erwähnt wird, scheint deren Benutzung in der aktuellen Firmware-Version noch gar nicht richtig vorgesehen zu sein. Wer sich das K4 Ex also zu diesem Zeitpunkt in der Erwartung kauft, dass er wie beim V-Piano oder bei Pianoteq so richtig in die Eingeweide eines Klaviers eingreifen kann, dürfte momentan noch enttäuscht werden. Leider ist damit einer der entscheidenden Vorteile des Physical Modeling am K4 Ex bislang nicht wirklich nutzbar. Auch beim nächsten Update soll wohl mehr am Klang selbst geschraubt werden, nicht am User-Interface. Das ist sehr schade und erschwert einen Vergleich zwischen den verschiedenen Physical-Modeling-Maschinen natürlich ungemein.
Wir müssen uns deshalb ausschließlich am Klang orientieren. Dazu habe ich Aufnahmen von sechs unterschiedlichen digitalen Klavieren mit und ohne Physical Modeling gemacht. Dafür habe ich den jeweils ersten Klang einer Bibliothek genommen in der Annahme, dass dieser Klang repräsentativ für das Instrument sein soll. Die Instrumente sind alle mit der K4-Klaviatur und ohne Hall, aber natürlich mit Pedal gespielt worden. Ich habe die Instrumente so gespielt, wie ich auch ein akustisches Klavier testen würde: Erst ein paar Akkorde in Mittellage, dann Oktaven im Bass, einzelne Töne in jeder Oktavlage (hier sind die tiefsten Töne interessant), Geklimper in der höchsten Oktave samt Repetition, dann ein Glissando zurück in die Mittellage, wieder ein paar Akkorde und dann jeweils zwei crescendierende, also lauter werdende Akkorde in der unteren und der oberen Mittellage (hier ist interessant, wie und ob sich die Klangfarbe bei stärker werdendem Anschlag ändert). Zum Schluss gibt es einen einzelnen Akkord ohne Pedal bis zum Ausklang. Hier kann man sich dann in Ruhe den Nachklang des Klaviers anhören. Testkandidaten waren das Physis Piano K4 Ex, das Korg SP-250 Stage Piano, Pianoteq 3, Pianoteq 5, das NI Kontakt 5 Factory Grand Piano und der NI Kontakt 5 New York Concert Grand. 

Audio Samples
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Physis Piano K4 Ex Korg SP-250 Pianoteq 3 Pianoteq 5 Kontakt 5 Factory Grand Kontakt 5 New York Concert Grand

Ich persönlich finde den Klang des Physis Pianos in den Mitten und den mittleren Höhen schon ganz gut, hier kann er mit der Konkurrenz locker mithalten. Nicht so gelungen finde ich ihn dagegen in den tieferen Lagen. Bei den höchsten Tönen sind die Hammergeräusche sehr schön dargestellt, aber auch hier fehlt es noch ein bisschen am richtigen Verhältnis zwischen Anschlagsgeräusch und dem Schwingen der Saite selbst. Bei einem physikalischen Modell (und inzwischen auch bei vielen Sample-basierten Pianosounds) kann man das einstellen, beim Physis Piano K4 Ex im Augenblick eben leider nicht. Zuletzt finde ich auch den Ausklang des Klavierklangs im Pedal nicht so schön: Er hört sich in meinen Ohren weniger wie ein Nachklang, sondern mehr wie ein Hall an. Der Klang wird zwar breiter, aber nicht so wie bei sympathischer Erregung anderer Klaviersaiten, sondern mehr wie bei der Ausbreitung des Klanges in einem Raum.
Es gibt übrigens die Ankündigung einer neuen Firmware, die sich speziell des Klanges annehmen soll. Bezüglich der oben angesprochenen fehlenden Implementation der Physical Modeling Parameter in die Bedienung des K4 Ex war allerdings noch nichts zu hören.

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Profilbild von Roberto

Roberto sagt:

#1 - 26.07.2014 um 00:19 Uhr

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Die Piano-Sounds sind auch mit der aktuellen Firmware bis ins Detail editierbar.
Hierfür muss man lediglich einen Sound wählen, bei dem auch eine weitere Controller-Bank (von insgesamt 4 Bänken) verwendet wird.
Wechselt man zur Bank 4, kann man mit den Slidern Parameter wie String Resoncance, Hammer etc bearbeiten.
:)
Dafür sollte man mal die Sounds ab #49 anwählen.
Diese Bänke sind dann auch ganz flott auf andere Performances kopierbar.

Profilbild von Sebastian Berweck

Sebastian Berweck sagt:

#2 - 28.07.2014 um 18:20 Uhr

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"Vielen Dank für den Kommentar und ja, das ist richtig: man kann mit dem beschriebenen "Trick" ein paar (noch lange nicht alle) Parameter verändern. Im Moment ist es aber so, dass es noch nicht im Handbuch beschrieben und auch ziemlich lieblos ausgeführt ist - keine Erklärung und keine weiterreichende Animation, nur ein paar Fader. Es scheint sich daher wohl noch um eine ziemlich frühe und inoffizielle Form der Verbindung zwischen K4 und der Klangerweiterung EX zu handeln und ist daher tatsächlich ein Geheimtipp. Wenn sich das aber weiter entwickelt und es dann auch einen Editor gibt ist das Physis Piano K4EX sicher eine weitere Besprechung wert und hat dann gute Chancen, die begehrten 5 Sterne zu erreichen."

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