Hersteller_Yamaha
Test
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27.08.2015

Praxis

Soundauswahl und interne Speaker

Nach dem Einschalten vergehen wenige Sekunden, bis das reface CP spielbereit ist und die LEDs vermelden, welcher Sound und welche Effekte gerade aktiv sind. Wählen kann man mit dem Type-Selector zwischen Rhodes Mark I, Rhodes Mark II, Wurlitzer A200, Hohner Clavinet D6, Toy Piano und Yamahas Electric Grand CP-80, also den klassischen Legenden der elektromechanischen Klangerzeugung (abgesehen vom Toy Piano). Der ausgewählte Sound durchläuft dann die Effektkette und tönt aus den internen Lautsprechern. Diese sind eher als Gimmick zu verstehen, denn besonders viel darf man von 3-cm-Kalotten mit 2x 2 W Leistung nicht erwarten. Für die akustische Kontrolle reicht es, aber um wirklich zu hören, wie das reface CP klingt, sollte man die Ausgänge bemühen. Der Line-Out wird übrigens parallel zum Kopfhörerausgang betrieben. Erst wenn man einen Kopfhörer anschließt, werden die internen Boxen stummgeschaltet. Hält man auf der Tastatur das D2 gedrückt, während man das CP einschaltet, werden die Boxen auch ohne den Anschluss eines Kopfhörers deaktiviert.

Speicherplätze sucht man übrigens vergeblich, denn auch in dieser Hinsicht eifert das reface CP seinen Urahnen nach. Mir gefällt das, es passt zum Konzept des Instruments.

Sounds und Effekte

Hinter dem Kürzel Rd I verbirgt sich ein Fender Rhodes der frühen Siebziger, also ein Mark I mit einem knurrigen, dunklen Sound. Dieser ist (wie alle Sounds des CP) 128-stimmig polyphon und wird mit Yamahas „Spectral Component Modeling“ erzeugt. Was auch immer sich dahinter verbirgt: Das Ergebnis ist überzeugend. Die Emulation des legendären E-Pianos kann es zweifelsfrei mit teureren Konkurrenten aufnehmen, zahlreiche dynamische Abstufungen verleihen dem Sound Lebendigkeit und Nuancenreichtum von soft bis drahtig, auch das typische Attack-Noise beim Anschlag der Tines fehlt nicht. Ein Damper-Noise wäre schön gewesen, ist aber verzichtbar. Allerdings vermisse ich etwas anderes: einen Tone-Regler. Wie beim echten Rhodes wäre eine passive Höhenblende nicht nur stilecht, sondern auch von Nutzen, denn außer dem Verzerrer und den Effekten gibt es keine Möglichkeit, den Sound zu beeinflussen. Es muss ja nicht gleich ein parametrischer EQ sein, aber das gute alte Tone-Poti hätte Punkte gebracht.

Richtig lustig wird es allerdings erst, wenn man mittels der Kippschalter die Effekt-Sektion anschmeißt. Was mir dabei auffällt, ist die Tatsache, dass der Sound kurz unterbrochen wird, wenn man die Effekte ein- oder ausschaltet. Das ist nicht tragisch (und bisweilen bei manchem alten Bodentreter nicht anders), aber trotzdem nicht optimal gelöst. Das klangliche Ergebnis des Sounds mit Effekten hingegen finde ich richtig gut. Hier hört man denselben Grundsound, aber mit Tremolo, ein wenig Drive und Reverb verfeinert.

Sehr brauchbar ist auch das Delay, das als Digital Delay und als Tape-Echo in zwei Varianten verfügbar ist. In diesem Beispiel habe ich den Sound durch das Analog Delay geschickt und zum Ende hin ein wenig an der Zeitschraube gedreht.

Rd II steht (wenig überraschend) für das später erschienene Rhodes Mark II, das sich baulich zwar kaum von seinem Vorgänger unterscheidet, dennoch immer als glockiger und cleaner empfunden wird. In Wahrheit sind für die Unterschiede im Sound eher die Settings von Pickups und Tines verantwortlich. Der Mark II Sound des reface liefert jedenfalls genau das, was man erwartet: einen glockigen, brillanten Klangcharakter, der sich im Dynamikumfang und Klangspektrum ebenso vielschichtig und lebendig wie der erste Sound zeigt. Im ersten Beispiel ist der Anschlag etwas weicher, der helle, glockige Grundsound kommt gut zur Geltung. Im zweiten Beispiel verwende ich exakt den gleichen Sound, schlage aber viel härter an. Der Unterschied wird schnell deutlich. Im dritten Beispiel kommen wieder Effekte hinzu, in diesem Fall Phaser und Reverb.

Auch ein Wurlitzer A200 darf natürlich nicht fehlen. Mit den Wurli-Sounds ist es nicht einfach, wirklich überzeugende Simulationen findet man gar nicht so häufig. Das reface CP schlägt sich aber auch in dieser Disziplin wacker, vor allem, wenn man das Wurli-typische „Mecker-Vibrato“ und etwas Hall hinzufügt.

Clv steht selbstverständlich für das Hohner Clavinet D6, was aber eine komplexe Angelegenheit sein kann. Schließlich ist ein Clavinet nicht gleich ein Clavinet, denn aus dem Original kann man durch die Wahl der Pickups, Filter und des Dämpfers wirklich grundlegend unterschiedliche Sounds herausholen. Der beim Rhodes bereits vermisste Tone-Regler hätte hier zumindest ansatzweise Abhilfe schaffen können. Doch obwohl das reface CP die Klangvielfalt des Originals nicht umfassend abbildet, sondern hier lediglich ein Setting für das Clavinet vorhanden ist, finde ich den D6-Sound äußerst gelungen. Die unvermeidbaren Artefakte leicht klebriger Hammer-Tips an den Saiten sind hörbar, der Grundcharakter des drahtig-mittigen Sounds gefällt mir und auch das Anschlagsverhalten fühlt sich sehr authentisch an. Mit dem passenden Touch Wah Effekt und ein wenig Drive wandelt man auf den Spuren von Stevie und P-Funk.

Beim Toy Piano habe ich zum ersten und einzigen Mal den Eindruck, dass Sound und Tastatur miteinander harmonieren. Die Minitasten vermitteln eben das Spielgefühl, das man beim Klimpern auf einem Toy Piano hat. Auch die Velocity bewegt sich bei einem derartigen Instrument in einem engen Rahmen, man braucht demnach nicht besonders viel Fingerspitzengefühl, um den Sound zu kontrollieren. Der Klang ist schön verschroben und findet sicherlich viele Anwendungsbereiche von Popsongs bis Filmmusik. 

Den Abschluss bildet das firmeneigene CP-80, das sogenannte Electric Grand, das als elektroakustischer Flügel seit Mitte der siebziger Jahre Popgeschichte schreibt. Dieser Sound kommt dem akustischen Piano relativ nah, hat aber dennoch einen ganz eigenen Charakter und genießt ebenfalls längst Ikonenstatus. Die Umsetzung finde ich auch hier sehr überzeugend. Man spielt und könnte meinen, Phil Collins stehe hinter einem, bereit für die nächste Ballade.

Die Klangqualität des reface CP ist bemerkenswert gut, auch die Kontrolle mittels der Kippschalter und Potis macht Laune. Die Effektauswahl ist zwar auf die wesentlichen Seventies-Treter (Tremolo/Touch Wah, Chorus/Phaser, Delay) beschränkt, passt aber dadurch umso besser zu dem gradlinigen Konzept des reface CP. Der Hall ist zwar nur im Anteil regelbar, klingt aber ebenfalls gut und verfehlt seine Wirkung nicht. Einzig der Overdrive-Effekt könnte für mein Empfinden etwas mehr Wärme und Biss haben.

Sonstige Features

Selten gab es bei einem Testgerät an dieser Stelle so wenig aufzuzählen, was ich im Zusammenhang mit der Grundidee des reface CP absolut stimmig finde. Ein paar wenige versteckte Funktionen gibt es. Dazu gehören wie oben erwähnt die abschaltbaren Boxen. Apropos abschalten: Auch das Testgerät verfügt über die Auto Power Off Funktion, die mittlerweile in vielen Instrumenten Verwendung findet. Ich würde allerdings immer dazu raten, diese Funktion zu deaktivieren, zumindest bei Instrumenten, die auf Bühnen oder im Studio stehen. Dies lässt sich problemlos mit einer Tastenkombination beim Einschalten machen.

Die MIDI-Ausstattung des reface CP ist äußerst spartanisch. Als MIDI-Kanal steht nur Kanal 1 zur Verfügung. Man kann sich also aussuchen, ob das reface über Kanal 1 sendet und empfängt, oder ob stattdessen gar keine MIDI-Daten übertragen werden. Neben Note-On/Note-Off kennt das reface CP lediglich Sustain, mehr nicht. MIDI CC oder ein MIDI-Abgriff der Potis zur Kontrolle externer Klangerzeuger sind für unseren Testkandidaten böhmische Dörfer. Auch das passt in das Vintage-Konzept, schränkt die Nutzbarkeit als MIDI-Leiste für unterwegs aber doch etwas ein.

Der USB-Anschluss kann leider auch nicht viel mehr als die MIDI-Buchsen. Immerhin gibt es laut Yamaha Apps für iPhone und iPad, mit denen man den Funktionsumfang erweitern kann. Ich konnte diese Apps aber leider trotz intensiver Suche im App-Store und auf der Yamaha-Website nicht finden. Möglicherweise wird da noch etwas nachgereicht, schließlich ist die reface-Serie ja noch ganz neu auf dem Markt.

Ferner verfügt das CP über Halbpedal-Erkennung (mit einem optionalen, kompatiblen Sustainpedal von Yamaha) und man kann mit einer Tastenkombination beim Einschalten die Polarität anpassen. Außerdem merkt es sich den zuletzt aufgerufenen Sound, alles andere bedarf ja ohnehin keiner Speicherung.

Transpose oder Tune sind nicht veränderbar. Letzteres könnte schon mal zu Problemen führen, wenn man mit Instrumenten zusammenspielt, die nicht auf 440 Hz gestimmt sind. Andererseits: Ein Rhodes oder ein Wurli würde man auch nicht mal eben im Tuning anpassen. Insofern: wieder mal konsequent.

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