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31.05.2017

Warum der FOH-Techniker nicht nur mit den Ohren mischt

Den Kopf nicht im Pult vergraben

Der FOH-Tontechniker ist ausschließlich ein Mann der Töne. So die allgemeine Vorstellung. Gerne wird er mit dem Bild des Typen mit den fetten Kopfhörer auf der Birne assoziiert. Vermutlich hört er nicht nur die Musik der Band oder ganz nebenher die Fußballergebnisse, sondern auch noch das Gras wachsen. Nimmt er die künstlichen Lauscher mal ab, ist er für den Bruchteil einer Sekunde ansprechbar. Aber Achtung, sagst du was Falsches, verkriecht er sich sofort wieder unter den Lauschlappen. Geradezu beneidenswert: Jemand, der die visuelle Welt um sich herum einfach mal abschalten und ausblenden kann. Wirklich?  

Der Soundmann kann nur anbieten. Basierend auf seinem Können und seinen umfassenden Kenntnissen liefert er einen Soundvorschlag. Ob das beim Publikum ankommen wird, dafür gibt es Erfahrungswerte. Wirklich stimmen muss das nicht. Folgerichtig benötigt er eine Orientierung. Signale, die er mit ein bisschen Routine mühelos deuten kann. Es gehört ein wenig Fingerspitzengefühl dazu, die Körpersprache der Zuhörer vernünftig zu interpretieren – aber es gibt es schlichtweg keine zuverlässigere Resonanz.

Signale erkennen

Erste Voraussetzung: Der Techniker darf sich nicht gelangweilt in seinem Pult verkriechen. Wer Mimik und Gestik auffangen möchte, muss offen dafür sein. Sammeln sich beispielsweise viele Menschen in bestimmten Bereichen an, andere Zonen hingegen bleiben beinahe leer, ist das ein Zeichen dafür, dass der Sound möglicherweise nicht vernünftig ausgerichtet ist und sich Löcher ins akustische Gesamtkonstrukt eingeschlichen haben.

Körperhaltung und Mimik

An der Haltung der Menschen kannst du schnell erkennen, ob sie sich wohlfühlen. Ist die Körperhaltung entspannt, sind die Schultern hochgezogen, die Gesichter lächelnd, bewegen die Körper sich entspannt zur Musik, dann hast du vermutlich alles richtig gemacht. Sind die Schultern hingegen runtergezogen, die Menschen verkriechen sich gewissermaßen in sich selbst, stimmt etwas nicht. Wirken einige Menschen unentspannt und nervös, dann signalisiert dies, dass sie unterbewusst eigentlich weg wollen. Sie werden nicht gehen, haben ja für das Konzert bezahlt. Aber die Trigger sind deutlich. Die Gäste befinden sich in einer akustischen Welt, die nicht ihren Wünschen entspricht.

Ein Spiegelbild des Hörens ist das Gesicht. Ein Vorteil der Massenpsychologie ist es, dass Gesichtszüge und Mimik weitergereicht werden, sich gewissermaßen von einem Menschen zum anderen transportieren. Das heißt, du musst gar nicht den Leuten in der ersten Reihe ins Gesicht schauen, blickst du zehn Meter weiter, reicht das üblicherweise vollkommen aus. Und wenn die Menschen dort andeutungsweise verkrampfte Gesichtszüge haben, dann gehe davon aus, dass beispielsweise die Höhen viel zu brüllend sind oder das Klangbild aufgrund fehlender Mitten und Bässe schmerzhaft komprimiert ist. Höchste Zeit, das zu kontrollieren und korrigieren.

Ein weiterer Indikator kann es sein, wenn die Crowd sich Stück für Stück von den Boxen wegbewegt. Das kann beispielsweise bedeuten, dass der Sound schwammig ist, dass die Vocals schwer verständlich sind und die Obertöne nicht angenehm rüberkommen. Instinktiv sucht der Mensch nach einer besseren Lösung. Schon wirfst du den überwachenden Blick auf die Equalizer-Sektion und schickst notfalls den Kollegen in die Menge, um dem Phänomen auf die Schliche zu kommen. Eine bessere Analysemöglichkeit des Sounds als die Ausstrahlung des Publikums gibt es nicht.

In den Raum hören

Leicht nachvollziehbar ist es, dass jeder Raum eine eigenständige Akustik besitzt. Das beginnt bei der Größe, geht über schallbrechende Wände, die Beschaffenheit des Bodens und vieles mehr. Und leer hört es sich immer vollkommen anders an als mit Publikum, denn Menschen sind die Schallschlucker schlechthin. Paradox: Was den Sound am meisten stört, ist das Publikum.

Nimm also den Kopf vom Pult hoch, lass‘ die Headphones einfach Headphones sein und höre in den Raum. Der Soundcheck ist absolviert, möglicherweise liegt er Stunden zurück. Da stand noch niemand im Weg. Jetzt schon, die Schallwellen müssen sich einen neuen Weg bahnen. Schon im Vorfeld ist klar, dass die Crowd Höhen und Mitten schlucken wird, dass der Bass zu einem gewissen Teil überdimensional ertönen wird. Klar, es gibt viele Geräte auf dem Markt, mit denen sich das alles theoretisch ausrechnen lässt, aber willst du dich darauf wirklich verlassen? Annäherungswerte stellst du vorher ein und profitierst dabei von deinen Erfahrungen. Die Minuten direkt vor dem Showstart sind dann die wichtigsten für die schnellstmögliche Reaktion. Exakt jetzt muss der Tontechniker konzentriert bei der Sache sein.

Kommunikation zwischen Band und FOHler

Ein weiterer Grund sollte den FOH-Mischer zum Einlenken bewegen, falls er sich bislang zum optisch nicht ansprechbaren Techniker gemacht hat. Denn bei Problemen sind die Musiker auf der Bühne dringend auf deine Hilfe angewiesen. Die richtigen Handzeichen für den Monitormix sind da noch die geringste Gefahr. Es kommt vor, dass sie sich plötzlich in ihr Instrument verkriechen, dass sie sich – und sei das nur um winzige Nuancen – aus dem Bandgefüge entfernen oder intuitiv starr am eigenen Platz festhalten, obschon eine Showeinlage geplant war. Deine Aufgabe ist es, die Ursache herauszufinden, ohne dass der Ablauf unterbrochen wird. Wenn du deinen Blick nicht an Displays und Fadern festtackerst, kannst du oftmals noch schneller als die Roadies sehen, dass sich irgendwas auf der Bühne verabschieden will. Ein wirklich kollegialer und dauerhaft zuverlässiger FOH versteht sich nicht als Einzelkämpfer, sondern als wichtiges Zahnrad des großen Ganzen.

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