Hersteller_Vox
Test
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03.11.2017

Praxis

Sound

Orgeln

Vox Continental Orgel

Die Vox Continental stellt den Anspruch, ein Bühneninstrument zu sein. Deshalb habe ich mich zu Beginn des Tests einfach mal ganz unbefangen an das Instrument gesetzt und in einer quasi Live-Situation über die Proberaum-Anlage darauf los gespielt. So sind die Sounds für die Audiobeispiele diesmal pur nach erstem Eindruck ausgewählt, ohne vorher die Preset- oder Feature-Liste durchgelesen zu haben. Der Grundsound ist mit seinem mittenbetonten, etwas kühlen Charakter als eher rockig zu bezeichnen. Für manchen ist das sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber es sind beste Voraussetzungen, um sich auf der Bühne durchzusetzen. Bei den Orgeln liegt ein Schwerpunkt natürlich auch auf der Vox Continental Simulation. Deswegen sind hier die Erwartungen auch recht hoch. Den Sound finde ich wirklich gelungen. Die Tonerzeugung klingt schön schrill und klirrt und sägt im positiven Sinne. Vor allem in den hohen Lagen verliert sie nicht an Kraft. Leider tritt bei den höchsten Tönen leichtes Aliasing auf, was im Mix aber untergeht. Das Vibrato moduliert so, wie es soll und der Valve Drive sowie die Effekte, verfeinern das Ganze zusätzlich. Da kommt richtig Spielfreude auf. 

CX-3 Orgel

Die CX-3 Hammond-Simulation hat einen eher weichen und klaren Grundsound. Hier fehlt ein bisschen die Detailtreue in der Reproduktion der "unerwünschten" Orgelartefakte wie Leackage, Keyclick usw., welche die Tonerzeugung authentischer machen würden. Gut gelungen sind die Percussion und der C3-Vibrato/Chorus-Effekt. Der Rotary-Effekt klingt im langsamen Modus sehr schön schwebend. In der Fast-Stellung wirkt er allerdings etwas flach. Hier vermisse ich ein bisschen mehr Räumlichkeit.

Farfisa Compact Orgel

Die Compact Simulation des Orgelfundus klingt für meinen Geschmack etwas nach Synthese. Obwohl vor allem die MBT-Register in den hohen Lagen schön scharf klingen, macht die Tonerzeugung in den mittleren Lagen einen eher weichen und "dünneren" Eindruck. Allerdings kann man den Sound unter Zuhilfenahme des Valve Drive aufblasen.

E-Pianos

Die E.PIANOS klingen sehr authentisch mit mittigem und knochigem Charakter. Allerdings fehlt es ihnen stellenweise an ein bisschen Volumen und Wärme. Aufgrund der Modeling-Engine sind bei den Sounds keine Dynamikübergänge hörbar, was positiv zu bewerten ist. Dennoch haben sie für mich im Attack einen ganz leichten künstlichen Touch.

Tine E-Pianos

Bei der Detailtreue der Rhodes-Pianos, die zur "Tine"-Gruppe gehören, hat man sich wirklich Mühe gegeben. Die Presets kommen mit schönen Sounddetails und Nebengeräuschen der Rhodes-Mechanik daher. 

Reed E-Pianos

Die Wurlitzer-Sounds gehören zur Gruppe der "Reed" E-Pianos und bilden den sägenden Grundsound dieses Instruments gut ab. Allerdings werden die Klänge bei hoher Dynamik nicht besonders bissig und scharf, sondern eher zarter und wirken im Diskant etwas kraftlos.

FM E-Pianos

Am besten gefallen mir die FM E-Pianos. Sie klingen über die gesamte Tastatur breit und voll und sind sehr dynamisch spielbar. 

Akustische Pianos

Bei den akustischen PIANOS gibt es in jeder Soundgruppe zwei Basissounds mit unterschiedlichem Charakter. Der Erste ist stets etwas mittiger und dunkler, der Zweite voluminöser, heller und breiter. Die Pianos klingen allesamt mittenbetont, und haben einen metallischen und hölzernen Charakter. Die Anschlagphase stark betont, klingt die Ausklingphase dank loopfreier Samples schön lange, weshalb man die Schwebungen beim Ausklingen der Saiten sehr gut wahrnehmen kann.

Für meinen Geschmack fehlt ihnen ein bisschen "Body", der sich in Wärme, Fülle und Brillanz zeigt. Auf der anderen Seite fühlt sich der Dynamikbereich eingeschränkt an, was sicherlich der leichtgewichteten Tastatur geschuldet ist, die alleine schon durch ihre Bauweise, eher Organisten auf den Laib geschneidert ist, als dem Konzertpianisten. Die akustischen Pianos sind offensichtlich auf das Spielen in einer (Rock-)Band getrimmt worden, wo es hauptsächlich auf Durchsetzungsfähigkeit ankommt. In filigraneren Einsatzbereichen wie z. B. bei Solo-Performances sollte man den DYNAMICS-Regler verwenden, um die für sich optimale Dynamikumsetzung auf der Tastatur einzustellen.

Key/Layer Sounds

Die Sounds des KEY/LAYER-Parts ertönen hingegen in erstklassiger Korg-Qualität. Sie sind druckvoll, sauber, klar und breit. Vom digitalen Filter darf man jedoch keine Wunder erwarten. Es arbeitet sehr dezent und ist eher für leichte Soundanpassungen, als zur konkreten Klangformung geeignet. Bei hohen Filter- und Resonanzwerten werden die Sounds dann auch leiser und dünner.

Mit der Layer-Funktion sind auch volle und fette Klänge realisierbar.

Effekte

Qualitativ hervorragend sind die Effekte. Sie klingen voll, warm, weich und breit und sind gut dosierbar. Der Drive-Effekt rotzt und röhrt bei Bedarf richtig brachial los. Vor allem die E.Pianos profitieren vom Einsatz der Effekte.

Valve Drive

Auch der VALVE DRIVE steht vielen Sounds gut zu Gesicht. In den Tiefen wird es voluminöser und in den Höhen seidiger, wodurch ein wärmerer und vollerer Klang entsteht. Dazu setzt eine leichte Kompression ein. Bei höherer Intensität wird der Sound angenehm angezerrt. Für richtige Bratsounds muss man allerdings den Drive-Effekt bemühen. Vor allem die E.Pianos und die Orgeln erfahren dadurch eine Aufwertung, aber auch bei den Pianosounds kann man diesen Effekt gut einsetzen um mehr Fülle zu erhalten. Der Valve Drive ist eine echte Bereicherung und verleiht den Sounds der Vox Continental mehr Durchsetzungsfähigkeit.

Tastatur

Die halbgewichtete Waterfall-Tastatur ist anschlagdynamisch spielbar, erzeugt aber keinen Aftertouch. Dennoch ist sie sehr leichtgängig und bietet kaum Widerstand, was für das Spielen von schnellen Orgelsoli und Glissando-Orgien perfekt ist. Zudem kann man für ein authentisches Orgelsspiel zwischen einem hohen und einen tiefen Trigger-Punkt auswählen, mit welchen der Ton ausgelöst wird. Aufgrund der Leichtgängigkeit wirkt die Tastatur weich und die Dynamik von E-Pianos und Pianos wird teils sprunghaft umgesetzt, was a) an der eigenen Spielweise liegt, b) konzeptbedingt an der Konstruktion der Tastatur. Mit dem Dynamics-Regler lässt sich das, mit ein bisschen Probieren, in den Griff bekommen. Auf diese Weise lassen sich auch die Pianos ausgewogener spielen.

Bedienung

Aufgrund ihres Konzeptes als Bühneninstrument ist die Funktionsvielfalt der Vox Continental auf das Wesentliche beschränkt. Somit gestaltet sich auch das Bedienpanel sehr übersichtlich. Alle wichtigen und gebräuchlichen Parameter sind direkt über ein Poti oder einen Taster zugänglich. Trotzdem lohnt sich ein Blick in die Bedienungsanleitung, da die Vox einige versteckte Funktionen hat, die aus der Bedienoberfläche selbst nicht ersichtlich sind. Aufgrund eines fehlenden Klartext-Displays sollte man das Instrument "auswendig" lernen, um alle Funktionen zu kennen. Dies geht aufgrund des überschaubaren Funktionsumfangs recht schnell und dann geht die Bedienung auch flott und intuitiv von der Hand.

Ihren Beitrag dazu leisten die neuartigen Touch-Sensoren. Hierbei handelt es sich um neun berührungsempfindliche, achtstufige LED-Ketten, die man in iPad-Manier durch einfaches Fingerwischen bedient. Natürlich kann man auch mehrere Touch-Sensoren gleichzeitig anfassen. Dies ist eine kluge Lösung für die Zugriegelbedienung des Orgel-Parts. Aber auch die Klangformungsparameter des KEY/LAYER-Parts und der Equalizer lassen sich damit einstellen. In der Praxis funktioniert dies mit etwas Übung recht gut. Schnelle und größere Werteänderungen sind problemlos möglich. Bei feineren Einstellungen ist wortwörtliches Fingerspitzengefühl gefragt. Deswegen kann man die Touch-Sensoren seinem Fingerdruck entsprechend kalibrieren. Aber selbst dann passiert es, dass ein Wert beim Loslassen entweder eine Stufe weiter oder zurück springt. Bei bestimmten Parametern, wie bei feinen Filtereinstellungen oder LFO-Modulationen hat man nicht das Gefühl von hundertprozentiger Kontrolle. Vor allem in heißen und emotional aufgewühlten Bühnensituationen stellen echte, greifbare Potis die komfortablere Lösung dar.

Ebenso wäre an manchen Stellen ein Klartext-Display von Vorteil. Zum Beispiel um den Überblick über alle Presets und Szenen zu behalten. Vor allem, wenn man viele Szenen auf einem USB-Stick gespeichert hat und nachladen muss. Diesen kann man nämlich nur Nummern, aber keinen Namen geben. Da hilft es wahrscheinlich nur, sich ganz klassisch eine Liste zu schreiben und das Papier auf den freien Platz der Bedienoberfläche zu kleben.

Verzichtet hat man ebenfalls auf Pitchbend- und Modulationsrad. Als Ersatz gibt es einen unauffälligen, mittengerasteten Bend-Hebel links neben der Tastatur. Dieser übernimmt je nach Soundpart verschiedene Funktionen, wie das Umschalten der Geschwindigkeit des Rotary-Effekts, das Ein- und Ausschalten des Tremolo-Effekts oder das Pitchbending. Leider ist er aus Kunststoff gefertigt und nicht ganz in das Gehäuse eingelassen. Außerdem ist der Bend-Hebel zur linken Seite hin frei zugänglich, so dass bei unaufmerksamem Transport Abbruchgefahr besteht. Dennoch gilt für die Bühne: Je einfacher, desto besser. Und das hat man bei der Vox Continental sehr gut umgesetzt. Man findet sich sofort problemlos auf dem Instrument zurecht.

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