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15.06.2016

Virtual Vintage: 5 Kult-Plug-Ins, die leider nicht mehr erhältlich sind

Nicht nur Hardware-Produktion wird eingestellt – es trifft auch Software!

Pure Nostalgie oder echter Verlust?

Alles geht einmal vorbei. Diese Weisheit macht auch vor Plug-Ins nicht Halt. Sicher hat es jeden von uns schon einmal getroffen: Das heißgeliebte virtuelle Instrument oder das über viele Jahre liebgewonnene Effekt-Tool wird vom Markt genommen. Was nun? Da heißt es Taschentuch rausholen und tief durchatmen. Gut, in einigen Fällen hängt das Plug-In vielleicht aktuellen technischen Standars hinterher. Dann könnt ihr der Software-Schmiede dankbar sein, dass sie euch kurz auf die Finger klopft und zwingt mit der Zeit zu gehen, neue Software auszuprobieren und mit anderen Plug-Ins bester Freund zu werden.

In manchen Fällen ist es aber auch der Produktpolitik eines Herstellers geschuldet, dass das Plug-In der Wahl nicht mehr erhältlich ist. Und so manches geniale Werkzeug wurde von einem kleinen Entwickler-Team ertüftelt, dass sich leider einfach nicht über Wasser halten konnte. Wie auch immer… Hier findet ihr fünf kultige Plug-Ins, die ich persönlich vermisse.

Plug-In 1: Steinberg Virtual Guitarist

Hach, der Virtual Guitarist. Er war ein Graus für alle Gitarristen, aber ein Segen für jeden Keyboarder. Ich habe das Tool seit seinem Erscheinen 2002 geliebt. Spätestens mit der Anfang 2006 erschienenen Version 2 machte mir der virtuelle Klampfer so richtig Spaß. Schließlich umfasste er neben der regulären Version 1 auch die Electric Edition und legte noch 32 weitere Styles obendrauf. Ups, da fällt mir auf: Ja es ist tatsächlich schon 10 bzw. 14(!) Jahre her, dass dieses Kleinod unter den VST-Instrumenten erstmals das Plug-In-Arsenal der Homestudios bereicherte… Aber sogar heute setze ich den Virtual Guitarist noch gerne ein. Unter seiner Haube steckt ein Sample-Phrase-Player, dessen Grundfunktionen kinderleicht zu bedienen sind. Wogegen der Riff-Editor des Plug-In-Gitarreros für mich bis heute nicht zu brauchbaren Ergebnissen führt. Aber Schwamm drüber, denn die Presets des VG2 klingen fantastisch und sind recht variantenreich spielbar. Zahlreiche Genres und Styles werden hier bedient. Und sogar Klangbearbeitung und Effekte sind als Bordmittel schon enthalten. Für mich ist der Virtual Guitarist deshalb heute noch immer ein Geheim-Tipp, wenn es um das Auffüllen von Akustik-Gitarren in Demo-Arrangements geht.

Tipp: Seit neuestem können Virtual Guitarist-Fans aufatmen: Die Entwickler haben das Konzept auf die ein aktuelles Level gehievt und mit Virtual Guitarist Amber und Iron endlich zwei zeitgemäße Nachfolger auf den Markt gebracht…

Wie der Virtual Guitarist 2 in der Praxis kllingt, hört ihr zum Beispiel in diesem Workshop: #Produce-alike

Plug-In 2: Native Instruments Pro-53

Und noch ein Relikt des einsetzenden Millenniums. 2002 auf den Markt gekommen, bildet der Pro-53 den Sound des legendären Prophet 5 von Sequential Circuits nach. Das Plug-In von Native Instruments löste den Software-Vorgänger Pro-52 ab und bot für unter 200 Euro die Emulation des warmen Vintage-Sounds eines für Normalsterbliche ehemals vollkommen unerschwinglichen Synthesizers. Das MIDI-Anlernen der virtuellen Regler und 512 Preset-Slots sprechen Bände, was die Benutzerfreundlichkeit des Pro-53 angeht. Um die 600 Presets mit wahlweise analogem oder digitalem Charakter sorgten für unzählige Einsatzmöglichkeiten. 2009 wurde der Verkauf des Plug-Ins zum Leidwesen vieler Synthesizer-Fans leider eingestellt. Und ein unmittelbarer Nachfolger ist bis heute noch immer nicht in Sicht. Klar, mit Native Instruments Synth-Flaggschiffen Massive und Reaktor lassen sich zahlreiche der geliebten Vintage-Sounds nachbilden. Und in der Reaktor User-Library ist online der „Virtual Prophet“ erhältlich. Dennoch gilt der Pro-53 vielen Tasten-Freaks auch heute noch als ultimative Waffe, wenn es um die Prophet-Sounds der 80er geht. Und so gibt es einige DAW-Nutzer, die sich glücklich schätzen, dass ihr Pro-53 auch heute noch auf ihrem System läuft, andere können ihn dagegen nicht mehr installieren. Schade.

In diesem Workshop hört ihr zwei Beispiele für die variantenreichen Einsatzmöglichkeiten des Pro-53: #Produce-alike

Plug-In 3: Edirol HQ Orchestral

Na gut, an dieser Stelle wird der ein oder andere sich kopfschüttelnd zurücklehnen: „Wie kann er sich hier nur für ein solch kitschig klingendes Plug-In einsetzen?“ Aber wir sind ja im Erinnerungsmodus und da dürfen auch Klangqualität und Performance schon mal etwas schöngeredet werden. Das HQ Orchestral klang schon zu Zeiten seiner Veröffentlichung nicht nach echten Instrumenten, sondern eher nach einem fetten Synthie-Orchester mit authentischen Anleihen. Das ist auch kein Wunder. Schließlich arbeitet dieses VST-Plug-In nicht nur als ROMpler mit 24bit/96kHz Samples, sondern versucht sich zusätzlich per Synthese dem Sound klassischer Instrumente zu nähern. Und genau das gefällt so manchem Anwender. Wenngleich sich bei diesem Instrument zweifelsohne die Geister scheiden. Die Soundbänke sind wenig flexibel und Multilayer-Samples sind Mangelware. Zudem zwang die theoretisch 128-stimmige Polyphonie des virtuellen Instruments seinerzeit so manchen PC in die Knie. Doch wie ich bei meiner Recherche im Netz erfahren habe, schwört selbst heute – 14 Jahre nach Erscheinen – noch so mancher Filmmusikschaffende auf diesen Orchestersound-Klassiker. Und auch ich habe es bislang nicht übers Herz gebracht, die Installations-CD des HQ-Orchestral zu entsorgen, obwohl das Plug-In schon seit Vista offiziell nicht mehr mit Windows Betriebssystemen kompatibel ist…

Plug-In 4: Camel Audio CamelPhat

Ein Software-Hersteller, der viele gut gemachte Plug-Ins vorzuweisen hatte, war Camel Audio. Im Jahr 2015 war es dann leider vorbei mit der kleinen innovativen Truppe. Eines der beliebtesten Tools der Audio-Kamele war CamelPhat. Es war eines der ersten Plug-Ins, das es mühelos möglich machte den harschen digitalen Sound der DAW mit ein wenig wohliger analoger Wärme zu versehen und auch dynamisch trostlose Signale per Distortion und Kompression zum Leben zu erwecken. Allein die Sektion „Magic EQ“ ist in diesem Plug-In eine wahre Lowend-Geheimwaffe, die Kickdrums fett und fetter macht. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum insbesondere EDM-Producer über viele Jahre hinweg auf das „fette Kamel“ zurückgegriffen haben. Und den Mut, eine kultige „Random“-Funktion für die Parameterwahl einzubauen, muss so manch anderer Hersteller erstmal aufbringen! Zu schade, dass dieser Plug-In-Klassiker nun nicht mehr erhältlich ist.

Plug-In 5: Native Instruments Bandstand

Ein weiteres Native Instruments-Plug-In, auf dessen Grabstein die Jahreszahl 2009 an zweiter Stelle steht, ist Bandstand. Keine 200 Euro kostete die Samplesammlung, als sie im Jahr 2005 das Licht der VST-Welt erblickte. Geradlinig dem General-MIDI-Standard folgend, ermöglichte es dieser Sample-Player, Standard-MIDI-Files mit mehreren Instrumenten in damals erstaunlicher Qualität abzuspielen. Dazu enthielt Bandstand einen simplen Mixer, der in Null-Komma-Nix einen recht anständigen Premix ermöglichte. Okay, auch wenn die Erinnerung sich hier eventuell rosiger eingebrannt hat als Sound und Usability wohl heute bewertet würden: Bandstand war vor einem Jahrzehnt ein hilfreiches Tool, um schnell und unkompliziert einfache Arrangements zu erstellen, Song-Ideen festzuhalten und quasi „im Vorbeigehen“ einen einfachen Backing-Track zu mixen. Zwar hat der kostenlose Kontakt-Player von Native Instruments das altehrwürdige Bandstand gebührend abgelöst – dennoch vermisse ich die cartoon-mäßigen Instrumenten-Icons des Bandstand-Sampleplayers schon ein wenig, wenn ich ehrlich bin.

 

 

Und welche Plug-In-Dinosaurier wecken bei euch gute und schlechte Erinnerungen?

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