Feature
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19.04.2018

The Sound of Chowdiah Memorial Hall, Bangalore

FoH-Kolumne: So klingt die Welt

Insider-Infos: Beschallung, Venue, Technik und Anekdoten

In der letzten Episode habe ich euch geschildert, wie ich das Stück „The Past“ der Choreographin Constanza Macras kennengelernt und für die Tour vorbereitet habe. Schließlich sollte es unmittelbar nach den Shows in Berlin auf Tour durch Asien gehen. Alles lief toll, bis … aber lest selbst.

Für die meisten Spielorte und Touren außerhalb Europas braucht man ein Visum. Wie bei jedem anderen Job eben auch. Wie aufwändig sich das Prozedere gestaltet, liegt oft daran, ob man für eine deutsche Produktion unterwegs ist und auch direkt mit denen abrechnet. Manchmal hat man auch den Eindruck, dass das doch alles eher vom Zufall abhängt. In meinem speziellen Fall war jedenfalls die offizielle Visa-Agency für Indien zuständig und dank ausreichendem Vorlauf hatte ich das Visum bereits bei unseren Shows in der Berliner Schaubühne in der Tasche

Am letzten Show-Tag hatte ich einen halben „day off“ und besuchte tagsüber meinen Vater. Ich ließ meinen Koffer und mein gesamtes Zeug bei ihm, um nach der letzten Show von dort aus zum Bahnhof zu fahren. Auf dem Weg zurück wunderte ich mich, dass mein Vater mehrfach auf meine Mailbox gesprochen hatte, das ist sonst nicht so seine Art. Was ich hörte, klang irritierend: „Doof gelaufen, Fenster kaputt, wahrscheinlich Einbruch“. Meine Reisetasche sei aber noch da, erklärte er während meines Rückrufs. „Deinen Rechner und so hattest du aber mit im Theater, oder?“

Mist!

Ich versuchte, mich zu beruhigen. Gott sei Dank hatte ich meine Cueliste in die Cloud gepackt und gedacht, cool, letzte Details tippe ich einfach in mein iPhone und muss nichts schleppen. Außerdem hatte ich gerade gestern ein Backup auf die externe Platte gezogen. Tja, allerdings hatten die Diebe die komplette Notebook-Tasche mitgenommen und in der befand sich auch die externe Festplatte.   Nochmal Mist   Mein tour-erprobtes Nervenkostüm war schnell beruhigt: Dann kaufst du dir halt einen neuen Rechner und reproduzierst rasch alles Nötige für die Asien-Gigs. Die Versicherung wird schon greifen. In dem Moment dämmerte es mir: Auch mein schönes Indien-Visum und den Reisepass hatte ich sicherheitshalber in die Tasche gesteckt.

Richtig Mist!

Natürlich ist heute Freitag, alle Behörden haben zu und öffnen frühestens Montag, mein Flug nach Indien geht am kommenden Donnerstag. Ich habe also knappe drei Arbeitstage, einen neuen Reisepass, ein neues Visum für Indien und einen neuen Computer zu besorgen. Die Tour absagen ist natürlich keine Option und echte Alternativen gibt es nicht. Nur den Glauben an das Unmögliche.

Der Spaß ging am darauffolgenden Samstag damit los, dass es bei Gravis meine aufgebrezelte Version des MacBook Air nicht zum Mitnehmen gab. Also musste ich auf ein MacBook Pro aufrüsten. Für die Produktion hätte es auch eine Nummer kleiner getan, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Außerdem hat das Teil hinreichend Rechenpower für Live-Recordings, Bearbeitung, Videoschnitt, Live-Videozuspielung und vieles mehr.

Die Bundespolizei, nur sie stand am Samstag für Informationen zur Verfügung, sagte, es sei nicht wirklich möglich, innerhalb von drei Tagen einen Express-Reisepass zu bekommen. Außerdem würde Indien einen vorläufigen-Reisepass, der schneller ausgestellt werden könnte, wahrscheinlich nicht akzeptieren.

Am folgenden Montag in Hamburg war die indische Visa-Agency eher erheitert, als ich die Lage schilderte. Sie bestand aber darauf, einen Pass zu sehen und zu prüfen, bevor sie über ein neues Visum entscheiden könne. Ich brauchte also genau jetzt einen Pass. Zwei Arbeitstage später hatte ich tatsächlich durch Unterstützung und Druck vom Goethe Institut, der größten Charme-Offensive meines Lebens und einigen guten Menschen in den Behörden wieder alles Nötige beisammen.

In der Nacht vorm Abflug brach der Stress der letzten Tage durch. Ich bekam Fieber – und zwar so richtig. Ich rief wie in Trance den Notarzt. Der verpasste mir eine Spritze und sagte: „Sie bleiben die nächsten Tage strikt im Bett!“ Natürlich bin ich doch in den Flieger gestiegen. Der ganze Trip war eher absurd. Nur wie ein Wunder konnte ich die Ebola-Kontrolle bei der Einreise nach Indien passieren. „Haben Sie an sich irgendwelche Krankheitszeichen bemerkt?“ „Nö.“ Ich weiß bis heute nicht, warum die Ärzte mir das geglaubt haben. Denn eigentlich hätten Passagiere mit Anzeichen einer schweren Erkältung zurück in den Transitbereich geschickt werden oder gar zurückfliegen müssen. Ich jedenfalls wurde von einem Plüschbus abgeholt und verbrachte die nächsten Stunden mit unzähligen Litern Wasser und Fieberträumen im Hotel. Aber in Indien!

Bis dahin hatten der Tour-Manager und ich unseren Mitreisenden zwar kommuniziert, dass der Soundguy in den letzten Tagen ein paar Schwierigkeiten hatte und etwas angeschlagen sei, aber das reale Ausmaß behielten wir für uns.

Nach gut 36 Stunden Hotelzimmer-Quarantäne war ich endlich fieberfrei und soweit auf dem Damm, mir das Venue anzugucken. Als mein plüschiger Shuttle-Bus auf ein Gebäude zuhielt, das komplett wie eine Geige geformt war, mit Hals, Steg und Stimmwirbeln und allem, schrieb ich das erstmal den Nachwehen meines Fiebers zu. Dass es sich bei der Chowdiah Memorial Hall tatsächlich um einen architektonischen Nachbau einer siebensaitigen indischen Geige in Gedenken an den Großmeister dieses Instruments, Tirumakudalu Chowdiah, handelt, erfuhr ich erst später. Einfach mal auf Wikipedia nachlesen.

Die Tonmenschen vor Ort schwärmten von der Halle, da der Korpus einer Geige ja auch ein akustisch optimierter Körper sei. Ich war gespannt und tatsächlich kam mir der Raum sehr zugute.

Beim Blick auf die Backline fiel mir ein, dass der Tour-Manager während meines Fieberwahns mehrere E-Mails geschrieben hatte. Es gab mit ein paar Instrumenten kleinere Probleme. Zwar hatte die Verleihfirma alle angeforderten Instrumente bestätigt, wer fliegt schon gerne mit Pauken und Gongs, aber abgesehen von zwei Drumsets befand sich anfangs praktisch nichts in der Halle.

Oscar Bianchi, der Komponist der Musik für „The Past“, war mitgeflogen, um sicherzustellen, dass alles seinen Vorstellungen entsprach. Er, der gute Tour-Manager und die Percussionistin durften also in den knapp zwei Tagen meiner Bettlägerigkeit mit Leuten vom Goethe Institut über die Märkte in Bangalore ziehen und Bratpfannen nebst anderer Dinge auf ihren Klang checken. Wir brauchten akzeptable Replacements für Gongs, Woodblocks und so weiter. So konnte keiner aus der Reisegruppe die anderthalb Tage zum entspannten Ankommen in Indien nutzen, von einem Besuch anderer Stücke des Festivals „Attakkalari India Biennial“, an dem auch wir teilnehmen sollten, einmal ganz zu schweigen.

Nur am Rande

... und mit viel Respekt: Die anderen Gewerke mussten ebenfalls krasse Kompromisse eingehen, beispielsweise mit nachgebauten Windmaschinen aus Holz. Auch die Scheinwerfer hatten bereits ihre besten Tage gesehen.

Wenigstens auf tontechnischer Seite gab es keine bösen Überraschungen. Das in den Skype-Besprechungen angekündigte Yamaha M7CL war Gott sei Dank vor Ort. Das ist nicht unbedingt das neuste Pult, aber mir sehr gut bekannt. Das kann ich selbst mit 39 Grad Fieber im Hotelzimmer über den Yamaha Studiomanager vorprogrammieren!

Es war wirklich erstaunlich, was die Musiker aus den Pfannen und Töpfen herausholten. Die beiden Pauken ersetzten wir durch zwei Bass Drums, die wir schräg auf Stühlen montierten. Dank meiner Vorprogrammierung konnte ich mich nach dem flächigen Mikrofonieren mit dem Komponisten in den Saal setzen und ihm Soundangebote unterbreiten. Wir kamen gut voran. Kurzerhand ersetzten wir auch noch das ursprünglich für Tom-Sounds vorgesehene Drum Pad durch fünf reale Toms, da die Samples absolut unnatürlich klangen. Es wurde ja ohnehin fast alles auf den Kopf gestellt. Und die Verleihfirma karrte nach und nach jedes Schlagzeug an, was zu finden war.

Die gelieferten Headsets vom Typ Shure MX153 waren in mehrerlei Hinsicht ein großer Kompromiss zu den gewünschten DPA4066. Die Shures besitzen keine Kopfbügel, sondern werden nur locker über ein Ohr gehängt. Für Konferenzen mag das o.k. sein, für Choreographien taugt das allerdings nicht. Also nahm ich zwei Rollen transparentes, wasserfestes Pflaster mit und es wurde geklebt, was das Zeug hielt.

Auch der Klang der Shures ist eher auf Konferenzen optimiert. Trotz heftigen EQ-ings auf den Sprachkanälen wäre ich ohne die gute Akustik unseres Venues aufgeschmissen gewesen. Gesprochenes Wort setzte sich nämlich tatsächlich bis nach hinten im Publikum durch. Ich brauchte nur ein wenig zu stützen und bat die Darsteller, etwas mehr Gas zu geben. Im Yamaha M7CL kann man keine Inputs verzögern, allerdings die Outputs und so bastelte ich für lange Textpassagen Szenen im Mischpult, in denen ich die Outputs anders verzögerte, um den Direktschall der Sprecher von der Bühne bestmöglich zu treffen.

Das PA-System war toll und bestand aus je drei Nexo Geo S12 Topteilen links und rechts, zwei weiteren als Center Fills und vier Nexo CD 18 Subs. Man hörte den nicht optimalen Sound der Headsets zwar deutlich heraus, unsere verrückte Neuinstrumentierung klang aber großartig.

Als uns am nächsten Abend nach erfolgreicher Show ein neuer Plüschbus mit der Aufschrift „Praise the Lord“ abholte, war die Heiterkeit groß. Wir freuten uns, hier etwas ganz Besonderes abgeliefert zu haben. Am nächsten Tag sollte es in den Flieger zum nächsten Stop nach Chennai gehen. Doch davon handelt die nächste Episode.

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