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15.03.2016

Studiostandards: Gitarrenverstärker-Mikrofone

Die Klassiker für die Abnahme von E-Gitarren-Verstärkern

Welche Mikros werden in Studios für die Aufnahme von Amp/Combo/Gitarrenbox verwendet?

Manche Mikrofone sieht man vor den Lautsprechern der Gitarrenverstärker häufiger als andere. So haben sich im Laufe der Zeit Standards zur Amp-Abnahme entwickelt – einerseits wegen der Features und natürlich des Klangs, andererseits aber auch einfach, weil viele wissen, was sie erwartet, wenn sie ein Standardwerkzeug verwenden.

Will man sich einen Fundus an verschiedenen Mikros für die Amp-Abnahme zusammenkaufen oder einfach nur eines zulegen, kann man überlegen, sich einen der Klassiker zu leisten. Sicher sind sie manchmal etwas teurer, werden aber wahrscheinlich für immer bei euch bleiben. Und wenn nicht, ist ihr Wiederverkaufswert höher als der eines eher unbekannten Mikrofons. Falls ihr aber sehr auf den Taler schauen müsst, liefern wir euch dennoch preiswerte Alternativen.

Vollklassiker: Shure SM57

Unmittelbar vor der Membran kommen gerne Tauchspulenmikrofone zum Einsatz. Hohe Schallpegel vertragen sie meist sehr gut. Hohe Lautstärken sind nicht nur für das Ego des Gitarristen gut, sondern haben oft klanglich Vorteile, besonders, wenn man Röhrenverstärker benutzt. So sieht man den Allrounder unter den Instrumentenmikrofonen schlechthin sehr häufig, und zwar das Shure SM57 (€ 109,-). Ein 57er ist tatsächlich etwas für's Leben, denn man muss sich durchaus anstrengen, um es kaputtzumachen. Hundert Euro sind echt nicht viel für ein derartiges Mikrofon, doch Blue enCORE 100i (€ 71,-) und Nachbauten können den Preis noch unterbieten.

Das SM57 baut sehr schmal, weswegen es auch gern im Doppelpack verwendet wird. Über den Versatz der beiden gegeneinander - also unterschiedlichem Abstand zur Membran - erhält man Kammfiltereffekte, deren Position im Spektrum man schlicht mit dem Abstand und deren Stärke man mit dem Pegel des zweiten Mikrofons regeln kann. Damit bekommt man schon eine interessante, variantenreiche Klangregelung.

Klangalternative: Sennheiser MD 421

Einen etwas anderen Klangcharakter liefert das Sennheiser MD 421. Anders als das SM57 ist es auf Bühnen heutzutage kaum zu finden, da ein Sturz Gehäuse oder Korb schwer beschädigen kann und die Schwachstelle Mikrofonhalterung mittlerweile sogar schon legendär ist. Und preiswert ist es nicht: € 399,- (€ 474,- UVP!) muss man dafür auf den Tisch legen, das ist viel Geld für eine Tauchspule. Im Studio sollte man aber dennoch eines haben: Kein anderes Mikrofon liefert diesen durchsetzungsfähigen Klangcharakter. Es ist daher die Sound-Alternative zum 57! Außerdem liefert es etwas, das von hohem Nutzen bei Gitarren-Recordings ist: Ein fünfstufiges Bass-Roll-Off-Filter. Gehäusewummern kann reduziert werden, aber viele Aufnahmen werden knackiger, durchsetzungsfähiger und aufgeräumter, wenn man etwas Bass wegnimmt. Etwas kauzig, aber durchaus praktisch: Das Filter wird mit einem Drehring an der XLR-Buchse eingestellt! Allerdings gibt es keine nennenswerten Budget-Alternativen zu diesem Mikrofon.

Gemütlich abhängen mit Sennheiser e906

Manchmal muss es schnell und einfach gehen, nicht nur im Livebetrieb, sondern auch im Studio. Das Sennheiser e906 lässt sich aufgrund seiner Form zur Not einfach am Kabel von der Oberseite der Box herunterhängen und per Gaffa-Tape fixieren. Aber deswegen alleine würde es das Mikro nicht in diesen Artikel schaffen: Das Sennheiser e906 klingt im Gegensatz zum SM57 etwas wohliger und runder, hat aber mit diversen Filtern (u.a. einem coolen Höhen-Boost) die Möglichkeit zur Einflussnahme auf den Sound. Und natürlich kann das Mikrofon, das in der Tradition des MD409 steht (Stichwort: "Pink Floyd: Live At Pompeii"!), "ganz normal" per Mikroständer ausgerichtet werden. Mit € 213,- ist das Mikro kein billiger Spaß, als Alternativen bieten sich das E609 aus gleichem Hause für € 153,- (UVP) oder gar das Superlux PRA 628 MKII (€ 71,- UVP) an.

Niere reicht nicht? Dann eben Superniere, auch wenn es eine Beta-Version ist

"Beta" muss ja nicht schlecht sein. Bei Shure sowieso nicht, denn dort gibt es eine komplette Serie. Der wesentliche Unterschied von Shure SM57 zum Beta 57A liegt in der Richtcharakteristik. Das SM ist eine Niere, das Beta eine Superniere. Zudem ist das Beta 57A etwas bissiger und griffiger als sein Kollege. Das Audio-Technica MB 2k (€ 56,- UVP) käme als preiswerte Alternative in Betracht, ist allerdings eine Hyperniere, also noch etwas stärker richtend.

Teurere Alternativen – die sich lohnen können

Unter den dynamischen Tauchspulenmikrofonen findet man noch einige recht häufig vor den Gitarrenamps dieser Welt, die zwar wirklich genial, aber leider auch sehr teuer sind. Das Bassmonster Beyerdynamic M88 TG (€ 350,- UVP), das "Gegenteil" davon, das ausladende Electro-Voice RE20 (€ 713,- UVP) ohne signifikante Nahbesprechung sowie das "erweiterte SM58" SM 7B (aktuell ca. € 430,-) von Shure und das leider unfassbar teure MD 441 von Sennheiser (€ 950,- UVP!). 

Und noch einen Tipp habe ich: Im Testmarathon der klassischen Tauchspulenmikrofone könnt ihr viele wichtige Mikros direkt im Vergleich hören – natürlich auch am Gitarrenamp!

Neumann, AKG und andere Großmembraner

Wer die feinsten Feinheiten eines Signales aufzeichnen will (was übrigens nicht immer nötig ist!), für den sind die Membranen der Tauchspulenmikros zu schwer und behäbig. Eine gute Lösung sind hier Kondensatormikrofone, die üblicherweise nicht so nah an den Lautsprechergrills oder -bezugsstoffen aufgestellt werden. Meist sind es Großmembraner, die verwendet werden. Die leicht schwächeren Höhen sind dabei oft nicht negativ, sondern verhindern, dass das Signal zu aggressiv und klingelnd wird. Die Auswahl an Großmembran-Kondensatormikrofonen ist riesig, daher fällt es schwer, wirkliche Platzhirsche auszumachen. Neumanns U 87 und TLM 103 findet man jedoch genauso wie C 414 von AKG. Preiswerte Alternativen gibt es zu zahlreiche, um sie hier aufzuzählen, aber beliebte Hersteller für die Amp-Abnahme kommen von Audio-Technica, Rode, sE Electronics oder Studio Projects. Wir haben irrsinnig viele Großmembran-Kondensatormikrofone bereits getestet!

Warm und kuschelig mit Bändchenmikros

Zurecht eine Sonderstellung haben Bändchenmikrofone. Diese sind tendenziell eher höhenarm, aber dennoch sehr fein. Sie klingen prinzipiell rund, wohlig und angenehm, doch lassen sie sich meist hervorragend mit dem EQ bearbeiten. Sehr gerne benutzt werden Ribbons von David Royer, etwa das R-122 (€ 1879,- UVP), das SF-2 (€ 3477,- UVP!) oder auch das etwas preiswertere R-101 (€ 1070,-). Wer starke Färbung liebt, greift zum genialen Coles 4038 (€ 1149,- UVP). Ein Preistipp kommt aus Deutschland, nämlich von Beyerdynamic. Deren Doppelbändchenmikrofon ist mit typischer Achter- (M130) aber auch als Hypernierencharakteristik (M160) erhältlich. Und mit etwa 500 Euro sind sie durchaus erschwinglich! Sehr preiswerte Alternativen stellen MXL 144 (€ 149,- UVP), the t.bone RB 500 (€ 99,-) und Superlux R102 (€ 294,- UVP) dar. Doch auch im Mittelfeld gibt es weitere beliebte Vertreter, etwa das Oktava ML 52-02 (€ 336,- UVP), sE Electronics' VR1 Voodoo (€ 474,- UVP). Auch das AT4080 von Audio-Technica (€ 1059,- UVP) und das Shure KSM 313 (€ 1389,-) sieht man des Öfteren, allerdings sind diese wiederum deutlich teurer.

Wenn's spezieller werden soll…

Ok, dies sind zugegebenermaßen keine sehr verbreiteten Mikrofone und können daher einfach unter "Geheimtipp" verbucht werden: Das Halo von Sontronics (€ 198,- UVP) sieht nicht nur tofte aus, sondern vermag durch einen eigenständigen, griffigen Sound zu begeistern. Ich persönlich bin aber absolut angetan von dem, was das Placid Audio Copperphone klanglich liefern kann: Es klingt mittig, und zwar nicht sehr mittig, sondern ausschließlich! Sicher ist das Kupfermikrofon durch seinen resonierenden Klang, der an alte Telefone erinnert, als eine Art Effektmikrofon zu verstehen, doch macht es sich hervorragend im Zusammenspiel mit anderen Mikrofonen, indem es ein wenig Dreck beisteuern kann. Ich liebe dieses Ding!

Fazit: Einen guten Sound kann man nicht "einkaufen".

So, da habt ihr aber viele feine Mikrofone gesehen, vielleicht denkt ihr: "Ich kann mir ja eh nicht alle Mikros leisten." Das müsst ihr auch nicht. Alle sowieso nicht. Wichtiger ist, dass ihr euch mit Mikrofonpositionen auskennen lernt, denn ein Mikro an sich ist ja nur ein kleiner Teil des letztlichen Gitarrensounds, der nur das einfangen kann, was an dieser Stelle an Schall vorhanden ist. Die Kette davor besteht ja auch einer Vielzahl von Parametern: Dem Speaker, dem Gehäuse, dem Amp mit all seinen Einstellungen, den Pedalen davor, der Gitarre mit ihren Pickups, Saiten… und natürlich dem Instrumentalisten selbst. Ja sogar das Plektrum spielt eine Rolle. 

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