iOS
Test
10
04.09.2017

Praxis

Der erste Kontakt birgt ein stylisches, reduziertes Layout in einer 80er-Jahre-Vaporwave-Optik, Pink und Lila auf Schwarz dominieren das Aussehen. Der Aufbau der Oberfläche macht zunächst stutzig, man bräuchte einen Moment, um sich zurechtzufinden, wenn da nicht sofort die freundlich-helfenden Hinweise aufpoppen würden, die unaufdringlich an die Features der App heranführen. Auch wenn man bereits Erfahrung hat mit in den Funktionen verwandten Apps, wie zum Beispiel Figure von Propellerhead oder eben Retronyms Hook, erschließt sich einem der Workflow nicht sofort. Dennoch geht man mit Vorfreude an das neuartige Konzept heran.

Eine Liste von Schnellhilfe-Tipps, die eine Übersicht über die gegebenen Funktionen liefern, kann man sich im Menü anzeigen lassen. Ebenso ist eine umfangreiche Web-Anleitung inklusive Video-Tutorials verlinkt. Wer hier nicht fündig wird, kann im eigenen Studio Amplify Forum nach Leidensgenossen Ausschau halten. Außerdem stehen den KRFT-Anfängern auch noch die Setups der Community zur Verfügung, über die man schnell die Features der App zu erkennen lernt und über die ein rasches Erfolgserlebnis den Einstieg erleichtert. Das ist seitens der Hersteller sehr gut umgesetzt.

Einmal an KRFT gewöhnt, erschließt sich eine herrlich frei zu gestaltende Arbeitsfläche. Die geometrischen Figuren frei anzuordnen macht großen Spaß und ergibt auch konzeptionell Sinn. Insbesondere, dass auch Fades/Potis den Loops zugeteilt werden können, ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber anderen iOS-Apps, welche für Filterfahrten und ähnliches meistens aus der Ansicht der Pad-Matrix heraus wechseln müssen. Vorreiter wird Studio Amplify’s App auch in Sachen Abspielbarkeit der einzelnen Loops. Im Gegensatz zur Konkurrenz, die meistens mit einer Pad-Matrix arbeitet, in denen die vertikal untereinanderliegenden Loops sich gegenseitig ablösen und nicht gleichzeitig gespielt werden können, ist es KRFT völlig egal wie viele Drum- oder Lead-Sequenzen man gleichzeitig triggert. Wenn einzelne Zellen auch mit individuellen Effekten versehen werden können, bringt das natürlich auch viel mehr Möglichkeiten. Beispielsweise kann die Kick so mit Distortion und die Hi-Hat getrennt davon mit Reverb verfeinert werden. Die Mitbewerber lassen solche Eingriffe meist nur auf die gesamte Drum-Spur zu, wenn überhaupt.

Ganz neu erfunden haben sicherlich auch Studio Amplify das DAW-Rad mit KRFT nicht. Man kann sich das Layout der App ungefähr wie Ableton’s Clip-Ansicht vorstellen, nur dass man hier nicht an die statische Oberfläche der Berliner DAW gebunden ist, sondern Elemente frei verschieben und ergänzen kann. Das ist nicht umwerfend neuartig, aber praktisch und sinnvoll ergänzt. 

Dennoch punktet KRFT, denn richtig gut ist auch der Sound. Die Presets klingen durch die Bank brauchbar, Leads können gefühlvoll oder schneidend wirken und durch die guten Eingriffsmöglichkeiten im Handumdrehen ins Gegenteil verkehrt werden. Die Bässe sind sehr druckvoll, sowohl die Presets, als auch selbstgebastelte Patches klingen durchweg gut. Das Filter könnte meiner Meinung nach etwas mehr zupacken, klingt aber dennoch passabel, insbesondere im Verbund mit LFO oder Hüllkurven zeigt es auch gute Seiten. Nicht gut gefällt mir der Reverb, der außer in der Intensität in keinem weiteren Parameter einstellbar ist, hier fehlen ganz klar Einstellungsmöglichkeiten für die Größe des Raumes, Pre-Delay und ähnliches. Selbst in der geringsten Stärke vermatscht der Hall das Audiomaterial.

Besser macht es die Distortion-Abteilung, Amp und Fuzz, Ring-Modulation und FM schmutzen den Sound extrem gut an und geben ihm nötigen Biss. Angereichert wird dann mit dem Chorus, der völlig in Ordnung ist.

Eins noch: Oftmals wirken ähnlich aufgebaute Apps der Konkurrenz durch die Fokussierung auf Sample-Packs wie um diese herum aufgebaut, mit dem gefühlt einzigen Zweck, möglichst viele In-App-Käufe umzusetzen. Der Anreiz für wirklich eigenständige Produktion von Musik ist da häufig nicht gegeben. Anders bei KRFT: Studio Amplify setzt nicht auf fertige Audioloops, die nur noch wiedergegeben werden müssen, sondern fordert zum eigenen Austoben und Ausprobieren schon fast heraus.

Workflow

Wie bereits angedeutet, braucht es seine Zeit sich in KRFT einzuarbeiten. Lohn fürs Dranbleiben ist dann ein vorteilhafter Workflow, der sich besonders dadurch auszeichnet, dass er auf die eigenen Bedürfnisse zurechtgeschnitten werden kann. Sobald das Prinzip verstanden ist, kommt man rasend schnell zu befriedigenden Ergebnissen, KRFT ist dabei wirklich gut durchdacht. Drum-Patterns sind fix aufgenommen, die Pattern-Recording-Funktion funktioniert tadellos und verzeiht auch Flüchtigkeitsfehler und ungenaues Timing mittels Widerruf und in 1/16 oder 1/8 variierende Quantisierung. Einzig, dass einzelne Drum-Bestandteile Kit-übergreifend nicht ausgetauscht werden können, ist schade. 

Zusätzlich zur Fingerdrumming-Ansicht steht auch ein Piano-Roll zur Verfügung, um die einzelnen Elemente präzise setzen zu können. Die Pads, die auch als Keyboard dienen, lassen sich auch anschlagsdynamisch spielen, je weiter oben ein Pad getriggert wird, desto höher ist der Velocity-Wert, der wiederum verschiedenen Parametern wie Lautstärke oder Filter zugewiesen werden kann. Das ergibt ausdrucksstarkes Spiel und Varianz, die der eigenen Produktion zugutekommt. Ein Feature, welches sich übrigens auch bei den Synthesizern findet.

Ebenso leicht lassen sich Bässe und Leads einstellen, wichtige Parameter wie Envelopes, Wellenformen und Filter sind stets nur wenige Schritte entfernt. Falls mal in eine andere Ansicht geschaltet werden muss, im dem das interne Keyboard nicht zur Verfügung steht, bietet KRFT automatisch die Möglichkeit, eine reduzierte Form zum Einspielen von Noten einzublenden, um Parameter-Veränderungen auch außerhalb von Loops hören zu können. Das ist sehr durchdacht, die App funktioniert an vielen Stellen genau so, wie man es sich wünscht.

Die guten Effekte und die leichte Erreichbarkeit über freibelegbare Fader sorgen für sehr gute Modulationsmöglichkeiten, so leicht bekommt man morphende Sounds nicht einmal in Ableton und Co. hin.

KRFT eignet sich auch sehr gut für Live-Sets, wobei hier eventuell eher das iPad statt des iPhones genutzt werden sollte, einfach aufgrund des größeren Displays. Die tollen Synthesizer und Sounds, die von Hause aus mit dabei sind, ergänzen sich hervorragend mit der Möglichkeit, eigene Samples einzuspeisen. Besonders die MIDI-Interaktionen mit anderen DAWs sorgen für mannigfaltige Möglichkeiten, dazu gleich mehr. Kleiner Abstrich: Samples lassen sich nur über iCloud Drive laden, ein Umstand, der hoffentlich in Zukunft durch Updates noch verbessert wird. Schnelle und leichte Verfügbarkeit der eigenen Sounds sind das A und O für eine coole Sample-Batterie. 

Für das Arrangieren von Tracks ist KRFT nur bedingt einzusetzen. Zwar können anhand der „Groups“ diverse Bestandteile eines Songs vorbereitet und über die Recording-Funktion auch festgehalten werden, aufgrund der fehlenden klassischen Arrangement-View kann dies aber nur live und ohne große Eingriffsmöglichkeiten geschehen.

Insgesamt ist KRFT damit ein Tool, welches viele und genügend Features zur Produktion eigener Tracks bietet, ohne diese innerhalb der App imArrangement komplett abrunden zu können. Das scheint aber so geplant zu sein, der Live-Charakter, ob nun in Sets oder im spontaneren Produzieren, ist spürbar und für den eigenen Workflow erfrischend.

Besondere Beachtung muss noch das MIDI-Feature bekommen. Und das hat es in sich: Via Bluetooth-MIDI, oder Lightening-USB-Verbindung über Drittanbieterdienste wie „midimittr“ kann sich KRFT in Verbindung mit externen DAWs setzen. Das funktioniert kinderleicht, einfach eine neue Loop-Spur in der App anlegen, MIDI mit entsprechendem Kanal auswählen und loslegen. Nun kann beispielsweise ein VST Plug-in innerhalb der DAW geöffnet werden, welches über KRFT gesteuert werden kann. Jetzt werden via intuitiven Sequencer der App oder dem Pad-Keyboard MIDI-Noten an das Plug-in gesendet. Diese können auch als MIDI-Spur in der DAW gespeichert werden. Praktisch: Die automatische Akkord-Funktion greift hier auch, eine willkommene Hilfe für die Unmusikalischeren unter uns. Richtig gut auch: Die „Dial“-Zellen, also Fader, mapped man sehr leicht mit jedem einstellbaren Parameter der DAW via MIDI-Learn, zusätzlich können sogar Anfangs-, End- oder Random-Werte dabei bestimmt werden, sehr cool für den Live-Einsatz und Varianz.

KRFT kann auf diese Weise bis zu 16 Spuren ansteuern, das ergibt viele Möglichkeiten. So kann man bspw. unterwegs über KRFT Track-Ideen mit den Synthesizern der App kreieren und sammeln und diese dann zu Hause in die eigenen Instrumente einspeisen. Über die Möglichkeit, eigene „Surfaces“ in die Community hochzuladen, teilt man leicht mit Kollaborationspartnern Song-Skizzen. Auch als Live-Jam mit Freunden, bei denen die App via Ableton Link mit eingebunden ist, macht KRFTs MIDI-Funktion Sinn.

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