Feature
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19.04.2013

Mobile Nachwuchsförderung: The John Lennon Educational Tour Bus

Eine erste Bestandsaufnahme

Ab Mai auch in Europa unterwegs

bonedo durfte vor dem Launch des Lennonbus einen Blick auf die Produktion des rollenden Produktionsstudios werfen- John Lennon, das leider im Jahre 1980 ermordete geniale Gründungsmitglied der wahrscheinlich legendärsten Musikgruppe der Welt, war ein klarer Befürworter von "Love and Peace" – der Weltfrieden war das für ihn erstrebenswerte Ziel. Seine kaum weniger bekannte Witwe Yoko Ono führt sein Erbe bis heute weiter, was besonders über die Kunst und hier vor allem die Musik geschieht. Zu Yokos Beiträgen gehören der John Lennon Song Contest genauso wie der John Lennon Educational Tour Bus, welcher auf eine Idee des New Yorker Musikers Brian Rothschild zurückgeht und seit 16 Jahren in den USA unterwegs ist.

Die Idee des Busses ist so einfach wie genial: Der mit viel Technik ausgestattete Lennonbus ist ein rollendes Produktionsstudio, welches auf seinem Tourplan an vielen verschiedenen Orten in den Vereinigten Staaten halt macht. Schüler können dort die Technik nutzen, um ihre Songideen, aber auch ihre Vorstellungen von einem eigenen Video in die Tat umzusetzen. Dabei wird natürlich niemand alleine gelassen, denn es ist ständig geschultes Personal im Bus zugegen, welches mit Rat und Tat zur Seite steht – das alles ist natürlich vollkommen kostenfrei! Doch auch die Prominenz wird eingeladen, im Non-Profit-Bus tätig zu werden und zu seiner Bekanntheit beizutragen. So wurde beispielsweise eine Single von Fergie und den Black Eyed Peas dort aufgenommen. Das Feedback zum amerikanischen Bus ist absolut grandios. So sagt zum Beispiel Vernon Reid (Living Color): "Something like this should be parked outside of every school in America."

Da liegt der gute Herr zwar prinzipiell richtig, doch wieso beschränkt er das auf Amerika? Zumindest Europa bekommt jetzt seinen eigenen Bus – wir von bonedo waren eingeladen, das europäische Modell noch weit vor seiner Fertigstellung in Augenschein zu nehmen und mit Executive Director Brian Rothschild ein persönliches Gespräch über das Vorhaben zu führen. So habe ich mich vor ein paar Wochen zum Termin in einer Produktionshalle in einem recht entlegenen Winkel von Karlsruhe eingefunden: Hier fertigt das Familienunternehmen Ketterer seine Spezialfahrzeuge. Auf der Autobahn seit ihr bestimmt schon mal riesigen Trucks für Rennpferde begegnet; die meisten dieser Fahrzeuge werden bei Ketterer in Karlsruhe gebaut. Die Produktion ist erstaunlich, denn es werden fabrikneue LKW zunächst bis auf die Chassis auseinandergebaut – dann erfolgt der Custom-Aufbau nach Kundenwunsch. Und anders als der amerikanische Lennonbus, der wirklich ein solcher ist (also ein "Coach"), ist es in Europa ein Lastwagen, der die Basis liefert. Strenggenommen ist es hier also ein Lennontruck, kein Lennonbus! Ich bin schon sehr gespannt, das Gefährt betrachten zu dürfen, als ich mich dem abgetrennten Bereich der Produktionshalle nähere… Ich erblicke einen zwölf Meter langen, blauen Mercedes-Benz Actros, dessen Pull-Out-Kabinen ausgestellt sind.

Dass im Inneren ausreichend Platz sein wird, bezweifele ich schon nach dem ersten Eindruck nicht. Der europäische Lennonbus wird noch die Aufkleber mit Johns stilisiertem Konterfei und den Namen der Sponsoren erhalten, ebenso der geräumige Anhänger, der hinter dem Bus steht. Dieser soll das Equipment aufnehmen können und wird mit einer Uplink-Satellitenschüssel (!) ausgestattet werden, um von Venues aus live broadcasten zu können.

In den Bus hinein geht es über eine Treppe, die in den ersten großen Mehrzweckraum mündet. Man erkennt sofort, dass es hier nicht schlicht um Funktionalität geht – Designer Tom Junglas hat natürlich auch für das Auge gearbeitet. Der erste Raum dient einerseits als Lounge, kann aber genauso für Audio-Recordings genutzt werden wie für Videodrehs, Filmschnitt, App-Design an Computern und einiges mehr. Ein Beispiel für die vielen Detaillösungen, die durch die Erfahrungen mit dem originalen Lennonbus direkt berücksichtigt werden konnten: Durch das Manfrotto-Schienensystem SkyTrack an der Decke hat man die Möglichkeit, den Raum flexibel zu nutzen, es lassen sich etwa Rear-Speaker für Surroundmischungen dort abhängen, Leinwände, Abtrennungen, Mikrofone oder Scheinwerfer – ganz, wie es die Situation erfordert.

Zum Zeitpunkt meiner Besichtigung wird noch fleißig geschraubt, gerade sind die Racks fertiggestellt, die für einen einfachen Service nach vorne ausgezogen werden können. Chief Engineer Jeff Sobel steht im Raum und koordiniert wichtige Arbeiten. Er erklärt, dass der Truck nach der groben Fertigstellung in Basingstoke/Großbritannien mit der letztlichen Audio-/Video- und sonstigen Technik ausgestattet wird. Einige Kartons vor dem Bus verraten jedoch, dass einiges Equipment schon jetzt installiert wird. Im endgültigen Zustand wird sich die Ausstattung durchaus sehen lassen können: Viele bekannte Firmen treten als Geldgeber des – wie man sich vorstellen kann – nicht ganz billigen Busses und seiner späteren Unterhaltung auf und steuern ihre Produkte bei. Unter den Sponsoren befinden sich Firmen wie Sony, Apple, Avid, Neutrik, Audio-Technica, Roland, Genelec, Gibson, SSL, aber auch der deutsche Musikhändler Hans Thomann und der Hersteller von Schreibwerkzeug Montblanc öffneten für das wohltätige Projekt ihre Portemonnaies.

Die Glasabtrennung zum zweiten Raum ist stark schallgedämmt und lässt sich – Wunder der Technik – auf Knopfdruck von durchsichtig auf mattiert umstellen. Dort befindet sich ein schallisoliertes Rack für Interfaces, Sendetechnik, Computer und dergleichen. Im zweiten A/V-Raum treffe ich auf den Kopf des Projekts Brian Rothschild, der sich freut, mich weiter herumführen zu können. Ihm und dem Trucker Chris Walker (der lange für Motown als Production- und Tourmanager gearbeitet hat) steht die Begeisterung ins Gesicht geschrieben, denn auch sie sehen den Bus nach der langen Planungsphase das erste Mal in natura – sie sind gerade aus den USA eingetroffen.

Das zweite Studio ist ebenfalls äußerst umfangreich ausgestattet und bietet erstaunlich viel Platz. Ein dritter Raum ist eine wirklich interessante Kombination, denn hier werden die Gitarren an den Wänden hängen, er ist Vocal-Booth und eine Art Greenscreen-Raum (mit einem grau wirkenden Reflecmedia-Vorhand, der verhindert, dass Gesichter grün erscheinen) – und gleichzeitig die Schlafkabine für die aus drei Personen bestehende Besatzung. Gegenüber findet man sogar die natürlich notwendige "Nasszelle". "Selbst diese ist schöner als mein eigenes Bad" denke ich.

"Sollen wir uns auf der Dachterrasse weiter unterhalten?" fragt mich Brian. Ich lache. Brian fragt erneut. Es wird mir klar: Das war kein Witz! Eine Minute später stehen wir auf der zehn Meter langen und fast zweieinhalb Meter breiten Terrasse des Trucks, auf der später einmal DJs oder Bands performen – oder eben Interviews geführt werden. Wir reden zunächst noch über die Technik und Organisation (so habe ich erfahren, dass der Lennonbus inklusive Leveln des Gefährts und Ausfahren der Kabinen nach zwanzig Minuten komplett startbereit ist), doch landen wir sehr schnell beim Hauptinhalt dieses Mammutprojekts: Kindern und Jugendlichen die Möglichkeiten zu geben, ein Instrument auszuprobieren, ihre Songwriting-Skills, ihre Fähigkeiten und Ideen mit der eigenen Stimme und am Instrument zu einem Song zu formen, passende Videoclips zu drehen, Spiele zu programmieren, Fotos zu machen… kurzum mit Technik kreativ sein, kann für viele eines der wichtigsten Ereignisse sein und möglicherweise eine Initialzündung, die ihr ganzes Leben verändert.

Ziel eines Aufenthalts im Lennonbus ist es, mit einem weitestgehend fertigen Produkt dort wieder herauszuspazieren, erklärt Brian. Das Team ist derart motiviert, dass es Projekte an freien Tagen weiter bearbeitet und mischt, Videos schneidet und dergleichen. So ist es verständlich, dass sich noch Jahre später Menschen für den Tag im Lennonbus bedanken. Man merkt, dass sich John Lennons Name nicht nur einfach als Label wiederfindet, sondern tatsächlich als "Spirit". Alle Beteiligten unterstützen die Idee mit vollem Einsatz, wollen der nachfolgenden Generation mit dem Bus verschiedene künstlerische Möglichkeit aufzeigen, etwas zu lernen, vielleicht auch nur einfach einen ereignisreichen, schönen Tag ermöglichen. “This is precisely the kind of project John Lennon would have loved." ist eine Aussage, die die Sache sehr gut beschreibt – und der man Glauben schenken darf, stammt sie doch von Yoko Ono. Und niemand sonst kannte den Beatle so gut wie sie. Daher ist es auch naheliegend, dass, um den Lennonbus am 8. Mai 2013 der Öffentlichkeit vorzustellen, eine Stadt ausgewählt wurde, aus der eine Gruppe stammt, die die Musikwelt veränderte: Liverpool. Im Juni steht der Bus dann vor der Royal Albert Hall in London, denn dort findet das bekannte Meltdown-Musikfestival statt. Definitiv und im wahrsten Sinne des Wortes: Der Lennonbus für Europa ist in jeder Hinsicht eine sehr gute Sache! Und der umtriebige Brian trägt die Idee natürlich schon weiter nach China und Japan!

Sven Schoderböck, Marketing-Manager des Musikhaus Thomann, über das Lennonbus-Projekt:

"Wir kannten den Lennonbus bereits aus den USA und bewundern das Projekt schon seit Jahren. Als wir davon gehört haben, dass bald auch ein Bus in Europa auf Tour gehen soll, waren wir sofort Feuer und Flamme für das Vorhaben und haben bereits nach kurzer Zeit mit Brian und seinem Team die ersten Ideen und Pläne für die Europatour ausgetauscht. Der Lennon Bus verkörpert alles, was wir alle an der Musik und am Musizieren lieben. Das Projekt ist ein Botschafter für die Musik, den Frieden und die Gemeinsamkeit, die uns die Musik bringt. Wir freuen uns schon auf den Start im Mai und wünschen dem Team viel Erfolg auf ihren Touren durch Europa."

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