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11.07.2019

Schallwandler Podcast: Zu Gast bei Recondite

Gespräche mit Klangforschern und Soundtüftlern

Über Gefahren im Technobusiness, Arbeitsphilosophien, Lego, Yoga und Basketball

Vor 10 Jahren, zog es Lorenz Brunner, der ursprünglich aus Bayern kommt, nach Berlin. Bereits in seiner Heimat hat er in seinem kleinen Homestudio an elektronischen Tracks gefeilt. Was damals noch ein Hobby war, wurde zu einer Berufung, denn geplant war seine Musikkarriere nicht. Im Gegenteil. Aber vielleicht ist genau das der Grund für seinen Erfolg. Brunner hat sich der Musik stets aus reinem Spieltrieb hingegeben und Freude ist bekanntlich eine starke Energie.

2009 entschied sich der junge Hobbyfrickler für einen Umzug nach Berlin und von da an ging eigentlich alles recht schnell. Seit 2011 veröffentlicht er seine Musik unter dem Künstlernamen „Recondite“ und gründete dafür auch gleich sein eigenes Label „Plangent Records“.

Der erste Release „Plangent #001“, eine Minimal Techno EP mit vier Tracks, sorgte sowohl national als auch international für positives Feedback. Der Name „Recondite“ war von nun an auf dem Radar.

Es folgten zwei weitere EPs auf Plangent, die ebenfalls 2011 veröffentlicht wurden. Der Titel „Backbone“ von Plangent #2 erregte die Aufmerksamkeit von Scuba, der den melancholischen Dance-Track nicht nur in seinen DJ Kicks-Mix aufnahm, sondern prompt noch zwei Recondite-Remixe auf „Hot Flush“ veröffentlichte.

2011 trat Recondite erstmalig in der Panorama Bar im Berghain in Berlin auf und seitdem gab es zunehmende Konzertanfragen im In- und Ausland. Im folgenden Jahr veröffentlichte der junge Produzent „On Acid“ seinen ersten Longplayer. Das Label war „Absurd Recordings“ in Los Angeles. Recondite erhielt viel positives Feedback von der Presse und anderen großen Produzenten, es folgten erste Auftritte in den Vereinigten Staaten, u. a. sein erster Gig In New York.

Der absolute Durchbruch gelang Recondite 2013 mit dem Album „Hinterland“ auf dem ebenfalls US-amerikanischen Label „Ghostly International“. Seitdem ist der einstige Physiotherapeut ein weltweit gefragter Live-Act und auf großen Technobühnen in Europa, Amerika, Asien und Australien ein gern gesehener Gast, z. B. auf dem Melt Festival oder dem Time Warp in Amsterdam, wo er neben anderen Stars wie Sven Väth oder Richie Hawtin den Floor rockt. 

Aber Recondite tritt auch gern und immer wieder in kleineren und mittelgroßen Clubs auf. Sein Sound ist unverkennbar, ganz egal, ob er aus dramaturgischen oder situativen Gründen mit sphärischen Ambientflächen arbeitet oder sich voll auf den Dancefloor konzentriert.

Es gibt inzwischen natürlich zahlreiche Interviews, in denen der gefragte Produzent über seine Arbeitsmethoden und über sein Equipment spricht. Auch hier bei Bonedo war Lorenz ja schon im Gear-Chat zu Gast und hat sich ausführlich über seine Geräte und seinen Workflow ausgelassen. Mal abgesehen von seinem einzigartigen Sound, den der in Berlin lebende Klangkünstler mit Hilfe von Field Recordings und Ableton Live erstellt, ist Recondite vor allem für seine Authentizität bekannt, obwohl „Integrität“ es meiner Meinung nach noch wesentlich besser trifft.

Anstatt nach seinem rasanten Durchbruch weiter so richtig schön Vollgas zu geben, um das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist, wie man so schön sagt, hat Lorenz genau das Gegenteil gemacht: Rückzug war seine Devise! Reflektieren statt rasantes Dauerbrennen und vor allem dem eigenen Anspruch gerecht werden, statt Erwartungen zu erfüllen!

Das Ergebnis: Das beinahe schon epische „Dämmerlicht“! Dieses Album, inzwischen das fünfte Album von Recondite (nach „Iffy“ 2014 auf Innervision und „Placid“ 2015 auf Absurd), hat er 2018 herausgebracht. Für mich ist es bislang eines seiner schönsten und tiefgründigsten Werke.

Es hat mich neugierig gemacht auf das Wesen, das sich hinter dieser Musik verbirgt. Nachdem Recondite mir das Interview zugesagt und mich zu sich eingeladen hat, bin ich gespannt, wem ich da wohl in welcher Umgebung begegnen würde. Die genannte Adresse befindet sich in einer ruhigen, mit duftenden Lindenbäumen umsäumten Straße aus Kopfsteinpflaster in Berlin-Charlottenburg. Es ist ein brütend heißer Sommertag und ich verschnaufe nach meiner Radtour quer durch die Stadt noch kurz im Schatten der Bäume vorm Haus, einem stattlichen Altbau, den man über herrschaftliche Stufen vom Gehsteig aus betritt.

Auf den Klingelschildern finde ich den Namen „Brunner“ und nach einem kurzem fragenden „Hallo?“ drückt Lorenz mir auf. Ich kraxle in einem eleganten Treppenhaus über steile, mit rotem Sisalteppich und goldenen Teppichstangen ausgestatteten Stiegen in das vierte Obergeschoss. In einer hellen, lichtdurchfluteten großräumigen Wohnung mit schönem Holzparkett und Kunst an den Wänden empfängt mich Recondite – barfuß in Jogginghose und T-Shirt. In der Küche holt er uns Getränke, er nimmt Cassis-Schorle, ich ein Wasser und dann darf ich hinein in sein Studio. Der Ort, wo seine magische Musik entsteht ...

Ich fühle mich sehr geehrt und freue mich, dass ich hier sein darf! Vor mir sitzt Lorenz an seinem großzügigen Computerarbeitsplatz mit MIDI-Controller und Monitoren, von wo aus ein gusseiserner Tapir den Raum bewacht. Hier im Zimmer wimmelt es in jeder Ecke von Sportgeräten wie Trimmrad, Hanteln und Bällen. Ich nehme auf einer bequemen Couch neben Elmo aus der Sesamstraße Platz und schalte sogleich den Recorder ein. 

Wenn ihr erfahren wollt, wie Recondite sein Live-Set aufbaut, welche Regeln er sich selbst auflegt, wie er am liebsten am Abend einschläft oder für welchen Basketballclub der Musiker privat schwärmt? Das und vieles mehr gibt es in dieser Ausgabe vom Schallwandler! Viel Vergnügen!

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