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Test
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22.02.2012

Roland Jupiter-80 Test

Synthesizer

Recycelte Legende

Mit den Synthesizern der aktuellen Juno-Serie begann bei Roland vor einigen Jahren das große Namens-Recycling. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Jupiter, Roland's zweite große Analog-Legende, wieder auftauchen würde. Und tatsächlich: Mit dem Jupiter-80 hat das Synthesizer-Lineup des japanischen Traditionsherstellers vor einigen Monaten ein neues Flaggschiff bekommen.

Hoffnungen auf eine Reinkarnation der ehrwürdigen Jupiter-Dinosaurier aus den frühen 80er-Jahren muss ich jedoch gleich zu Beginn zerstreuen. Ähnlich wie die neuen Juno-Synths hat auch der Jupiter-80 nicht viel mit den historischen Namensvettern gemeinsam. Zwar lehnt sich das Gehäusedesign mit den Aluminium-Flanken und den farbigen Knöpfen ein bisschen an die Legende an, aber da hört es auch schon auf. Der Jupiter-80 ist durch und durch digital, und die Emulation analoger Klänge ist nicht gerade seine Kernkompetenz. Ist der Name also nur ein Etikettenschwindel zu Marketingzwecken oder hat der Synth den Titel wirklich verdient?

DETAILS

Äußerlichkeiten
Bei den Römern war Jupiter der Chef der Götter. Wer diesen Namen trägt, der macht keine halben Sachen. Zumindest mit seiner beeindruckenden Erscheinung folgt der Jupiter-80 dann auch der Tradition seiner berühmten Namensgeber. Der Synth ist groß und schwer und vermittelt allein durch sein Äußeres sofort: „Ich bin hier der Boss.“ Das massive Metallgehäuse wirkt sehr solide. Mit seinen fast 18 Kilo Lebendgewicht ist das Gerät allerdings im Live-Einsatz beim Transport nicht gerade rückenschonend, zumal ja in der Regel noch das Gewicht eines Koffers hinzukommt. Ein stabiler Keyboardständer ist also auf jeden Fall nötig!

In der Mitte der Bedienoberfläche thront ein Touchscreen-Farbdisplay mit 800x480 Pixeln, das von vier Soft-Knobs mitsamt „Menu“- und „Shift“-Tastern flankiert wird. Die programmierbaren Drehregler wirken leider nicht besonders haltbar. Tatsächlich war einer der Regler an dem Testgerät, das Roland mir zur Verfügung stellte, bereits lose. Die Haptik dieser ziemlich wackligen Knöpfe ist definitiv gewöhnungsbedürftig. Dazu kommt, dass ich persönlich bei Drehreglern kein Freund einer Rasterung bin, wie sie die Soft-Knobs des Jupiter-80 aufweisen. Das mag zur genauen Einstellung von Werten auf dem Display praktisch sein, beim Justieren von Klängen nach Gehör nervt es aber.

Linkerhand des Displays befinden sich vier Taster und vier Schieberegler für die Auswahl und Mischung der vier Parts. Noch weiter außen folgen die Bedienelemente für den Arpeggiator, Oktav- und Transpose-Taster sowie Roland's D-BEAM-Showcontroller und der Lautstärkeregler. Auch ein USB-Port für ein Speichermedium ist hier anzutreffen. Er verbirgt sich unter einer aufklappbaren Abdeckung, die die USB-Buchse vor Staub schützt. Außerdem kann ein (nicht zu großer) USB-Stick gleich mit darunter verschwinden, sodass man keine Gefahr läuft, den Stick oder die Buchse durch einen unachtsamen Stoß zu beschädigen. Sehr schön! Rechts vom Display befinden sich ein großes Value-Endlosrad mitsamt den obligatorischen „Enter“- und „Exit“-Keys sowie ein paar Taster zur Steuerung des Halleffekts und des Song-Players/-Recorders.

Die Tastatur hat 76 Tasten und damit eine ideale Größe für ein Instrument, das man live als Haupt-Keyboard einsetzt. Das leicht gewichtete Keyboard spielt sich angenehm. Natürlich ist es bei einem so vielseitigen Instrument wie dem Jupiter-80 klar, dass die Tastatur nicht bei allen angebotenen Klängen ein optimales Spielgefühl bieten kann. Vor allem in Verbindung mit Piano- und E-Piano-Sounds wünscht man sich naturgemäß eine gewichtete Tastatur. Bei allen anderen Klängen, von Synths über Strings, Bläser und Orgeln bis hin zu Percussion-Sounds, erweist sich die Klaviatur jedoch als sehr geeignet und stellt damit einen guten Kompromiss dar.

Oberhalb der Tastatur finden wir eine Reihe von beleuchteten Buttons, die sich in ihrer bunten Farbgebung an den historischen Jupiter-Synths orientieren und der schnellen Anwahl von Klängen dienen. Was man mit diesen Knöpfen anfangen kann, werden wir später noch sehen. Außerdem gibt es hier noch Taster, mit denen sich Keyboard-Splits aktivieren lassen sowie zwei Buttons für den Leslie-Effekt. Links von der Tastatur sitzen der übliche Roland-Pitchbend- und Modulations-Stick sowie zwei Taster, denen verschiedene Funktionen zugewiesen werden können.

Etwas versteckt unterhalb der Tastatur wartet eine weitere Knopfleiste, die aus beleuchteten Gummitastern besteht. Diese dienen der Auswahl von Registrierungen und fühlen sich irgendwie langlebiger an als ihre Plastik-Kollegen auf dem Haupt-Bedienfeld. Aber das mag auch meine subjektive Wahrnehmung sein.

Nach diesem flüchtigen Blick auf die Bedienelemente beschleicht mich der Gedanke, dass es sich beim Jupiter-80 vorrangig um ein Live-Instrument handeln könnte. Alles deutet darauf hin, dass der schnelle Wechsel von Klängen, Registrierungen und Tastatur-Splits beim Design des Jupiter eine entscheidende Rolle gespielt hat. Allerdings hätte man bei einem solchen Konzept ein paar programmierbare Fader und Regler mehr erwartet. Wurde hier nicht zu Ende gedacht? Wir werden uns mit der Bedienung natürlich noch im Detail beschäftigen.

Werfen wir vorher noch einen kurzen Blick auf die Rückseite des Geräts. Hier finden wir zunächst den Stereo-Main Out, der als symmetrische Klinkenbuchsen und – eine Rarität bei einem Keyboard und sehr vorbildlich(!) – parallel auch als XLR ausgeführt ist. Weiterhin gibt es einen zweiten Stereoausgang (Sub Out) sowie einen Kopfhöreranschluss. Ein Stereo-Eingang (Miniklinke) mitsamt Level-Poti vervollständigt die Audio-Anschlüsse. Es folgen Anschlüsse für ein Sustain- und zwei Expression-Pedale sowie das MIDI-Trio. Abgerundet wird die Anschluss-Phalanx durch einen USB-Anschluss für die Verbindung zu einem Computer sowie einen Digitalausgang in koaxialer Bauweise.

Struktur und Klangerzeugung

Die Klangerzeugung des Jupiter-80 ist etwas anders gestrickt als bei den meisten seiner Vorgänger. Das reich bebilderte Handbuch hilft dabei, den Aufbau des Synths zu verstehen, lässt aber auch einige Informationen vermissen. Gerade bei einem hochkomplexen Gerät wie dem Jupiter schlägt man ja doch gelegentlich das Handbuch auf, um ein Detail zu ergründen. Und in diesem Fall erweist sich die Bedienungsanleitung für meinen Geschmack als etwas zu kurz gefasst.

Obwohl der Jupiter-80 als ein Synth konzipiert ist, der fast jeden erdenklichen Klang erzeugen kann, ist er keine Workstation. Von einer mindestens 16-fachen Multitimbralität, wie sie eine solche aufweisen würde, ist er mit seinen vier Parts (Upper, Lower, Solo und Percussion) ein ganzes Stück entfernt. Einen Sequenzer besitzt er auch nicht. Der Eindruck, dass der Fokus beim Jupiter-80 eher auf dem Live-Spiel liegt, erhärtet sich also langsam. Und dafür erscheint die Struktur des Synths sinnvoll und durchdacht.

Der Jupiter-80 basiert auf Roland's „SuperNATURAL“-Technologie, die bereits Einzug in diverse andere Geräte aus demselben Hause gehalten hat. Das kleinste Glied der Klangerzeugung ist ein so genannter „Tone“. Das ist bei einem Roland-Synth erst mal nichts Neues. Der Jupiter-80 verfügt über zwei grundsätzlich verschiedene Kategorien von Tones: „SuperNATURAL Acoustic Tones“ und „SuperNATURAL Synth Tones“. Die Acoustic Tones sind Klänge akustischer Instrumente, die aufwendig gesampelt sind und oftmals auch über zusätzliche Spieltechniken und Artikulationen verfügen. Die Synth Tones bestehen jeweils aus bis zu drei „Partials“, worunter man sich einen Synth-Signalweg bestehend aus Oszillator, Filter und Amp vorzustellen hat. Ein Synth Tone ist also ein virtueller Synthesizer mit bis zu drei Oszillatoren. Da die Oszillatoren außer den Standard-Wellenformen auch eine von 363 PCM-Wellenformen liefern können, sind mit den Synth-Tones nicht nur typische Synthesizer-Klänge, sondern sehr vielseitige Sounds möglich.

Ähnlich wie beim Juno-Gi aus gleichem Hause ist ein Tone beim Jupiter-80 also schon für sich genommen ein ziemlich fertiger Sound. Wohl deshalb hat Roland die nächsthöhere Ebene nicht wie gewohnt „Patch“, sondern „Live Set“ genannt. Bis zu vier Tones können in einem „Live Set“ gelayert und überblendet werden. Auch die Effekte kommen hier ins Spiel. Es ist möglich, in einem Live Set Acoustic- und Synth-Tones gleichzeitig zu verwenden. So lassen sich bereits auf dieser Ebene sehr komplexe Sound-Gebilde schichten.

Die höchste Ebene ist die „Registration“. Sie umfasst die vier Parts (Upper, Lower, Solo und Percussion). Die Upper- und Lower-Parts können jeweils mit einem Live Set bestückt werden und die etwas spartanischer ausgestatteten Solo- und Percussion-Parts mit einem Tone. Zusätzlich lässt sich für die Upper-, Lower- und Solo-Parts ein zweiter Klang als „Alternate“ definieren, sodass man zum Beispiel für einen bestimmten Teil des Songs auf Knopfdruck einen anderen Sound zur Verfügung hat. Übrigens ist es auch möglich, dem „Percussion“-Part entgegen seiner Bezeichnung andere Klänge als Drums oder Percussion zuzuweisen. Neben Effekteinstellungen und eventuellen Tastatur-Splits werden zum Beispiel auch Arpeggiator-Settings und Controller-Zuweisungen in einer Registrierung gespeichert. Damit umfasst eine Registrierung den kompletten Zustand des Synths, sodass der Wechsel zum nächsten Song live sehr schnell gehen kann. Die vier Parts lassen sich splitten, layern und mittels der dezidierten Taster und Fader „on the fly“ an- und ausschalten bzw. in der Lautstärke verändern.  

Etwas versteckt bietet der Jupiter-80 in einer Registrierung noch einen zusätzlichen „External“-Part. Dahinter verbergen sich Masterkeyboard-Funktionen zur Steuerung von externem Equipment. So ist es etwa auch möglich, bei der Auswahl einer Registrierung entsprechende Program-Change-Befehle an andere MIDI-Geräte zu senden, ein Feature, das den Jupiter-80 fit für den Einsatz als Haupt-Keyboard im Live-Betrieb macht.

Dass der Jupiter-80 klotzt und nicht kleckert, sieht man ihm schon von weitem an. Auch unter der Haube setzt sich das Prinzip „bigger is better“ fort. 256 Stimmen Polyphonie, 256 Registrierungen und 2.560 Live-Sets sind eine Ansage. Hinzu kommt eine umfangreiche Effektsektion mit bis zu acht gleichzeitig nutzbaren Multieffekten und zwei Hallprozessoren für die Upper- und Lower-Parts. Für die Solo- und Percussion-Parts stehen zwei kleinere Effekt-Ketten (Compressor, EQ, Delay) sowie ein weiterer Hall zur Verfügung. Der Arpeggiator ist mit jeweils 128 Preset- und User-Styles ebenfalls üppig ausgestattet. An Rechenleistung und Speicher scheint es jedenfalls nicht zu mangeln.

Doch überlassen wir die Zahlen den Statistikern. Uns interessiert jetzt erstmal brennend, wie der Jupiter-80 klingt!

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