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Feature
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29.12.2020

Praxis

Bevor wir die Jupiter-8 Emulationen akustisch demonstrieren, noch ein Wort zur Bedienung: Arturia und Roland halten sich ans originale Panel und verteilen quasi fotorealistisch alle Funktionen und Parameter über die volle Breitseite des GUI. Das ist zwar ein toller Look, insgeheim praktischer ist aber die Lösung von TAL-Software. Der J-8 lässt sich mit seiner Interpretation der klassischen Bedienoberfläche einen Tick besser editieren. Auch klanglich wird man mit jedem der Kandidaten unterschiedlich arbeiten und die drei Plugins als eigenständige Instrumente wahrnehmen.

Oszillatoren, Filter und Effekte

Wie kann man den Sound der Emulationen vergleichen? Fair ist es wohl, die Jupiter-8 zunächst mit ihren Oszillatoren und Filter gegeneinander antreten zu lassen. Anhand von einfachen Patches, die wir selbst mit den Plugins entwerfen, werden aussagekräftige Soundvergleiche möglich. Ganz zuverlässig sind solche A/B-Testvergleiche aber nicht, denn die Synthesizer haben jeweils zusätzliche Features, die man bei den anderen Emulationen nicht oder etwas anders bekommt. So bietet der TAL J-8 eine Calibration, mit der sich das Klangverhalten in Oszillator, Verzerrung, Resonanz und Hüllkurve sehr deutlich verändern lässt.

Der virtuelle Jupiter-8 von Roland hat wiederum einen „Condition“-Regler, der sich ein wenig auf die Klangcharakteristik auswirken kann. Beim Arturia Jup-8 V wird das „analoge Eigenleben“ der spannungsgesteuerter Bauteile mit dem „Voice Dispersion“ nachempfunden. Diese jeweiligen Optionen sollen aber für die Vergleiche nicht relevant sein 

Schon beim Basisklang ohne Filter-Einsatz sind Unterschiede zwischen den einzelnen Emulationen zu hören – es sind aber eher Nuancen. Wir spielen einen Oszillator mit Sägezahn- und danach mit Rechteck-Wellenform ungefiltert. Das Unisono bei einer einstimmigen Phrase (auch Akkorde lassen sich mit Unisono hervorbringen) bildet die nächste Etappe. Ordentlich viel Detune und Spread auf die halbe Intensität werden bei TAL und Arturia eingestellt. Beim Roland Jupiter-8 lässt sich das Unisono leider wie beim Original nicht genauer einstellen, weil die Parameter Detune und Spread zumindest in der aktuellen Version schlichtweg fehlen – das ist ein klarer Nachteil.

Beim Vergleich des Filters lassen wir den Hochpass beiseite und konzentrieren uns auf das resonanzfähige Tiefpassfilter. Wir reduzieren die Cutoff-Frequenz bei einem 24-dB-Filter um die Hälfte, stellen die Intensität der LFO-Modulation aufs Maximum und lassen den LFO mit einem Sinus-Wellenformen gleichmäßig in halbe Noten bewegen. In der nächsten Versuchsreihe nehmen wir eine Sägezahn-Welle für den LFO bei Achtelnoten und drehen die Filterresonanz bis zur Hälfte auf. Anschließend hören wir das Filterverhalten bei Steuerung per Hüllkurve (Filter Envelope) und Anschlagdynamik (Filter Velocity).

Alle drei Emulationen integrieren Effekte. Zumindest Chorus und Delay sind vorhanden und färben den Sound des Plugins nicht zu knapp. Auch wenn vor allem Arturia und auch Roland viel mehr liefern an Effekten, soll der Einsatz von Chorus und Delay demonstriert werden. Die werkseitigen Einstellungen werden nur minimal verändert, so ändern wir die Delay-Zeit etwa auf eine Viertelnote. Viel Wärme erzeugt der TAL J-8 mit seiner Effektsektion, bei den klassischen Effekten unterkühlt wirkt Arturia. Übrigens ist das ein toller Bonus: Den Juno-60 Chorus gibt es von TAL als Freeware. Man kann ihn auch bei Roland und Arturia verwenden.

Schon nach der ersten Runde steht fest: Bei Oszillatoren, Filter und Effekten sind deutliche Unterschiede zu hören, wobei keine Emulation klanglich enttäuscht. Wir müssen nicht noch PWM, Crossmodulation und Oszillatoren-Sync und weitere Filter-Einstellungen vergleichen, um dieses Ergebnis zu bestätigen.

Single Presets

Jeder Synthesizer verfügt natürlich über seine eigene Library. Beim TAL J-8 ist sie qualitativ nicht gerade top, es wird aber nicht lange dauern, bis einige erfahrene Sounddesigner hochwertige Packs anbieten. Das beste Aufgebot, zumindest quantitativ, gibt es bei Arturia. Der Jup-8 V bietet zudem ein tolles Browser-System, das ein Auffinden bestimmter Klangtypen vereinfacht. Roland bietet innerhalb der Cloud einige Sound-Pakete (Synthwave, Techno etc.) für Retro-Stile und aktuelle Musik an. Jeweils vier Patches spielen wir pro Software-Synth und je Soundkategorie an.

Bässe

Das folgende Aufgebot ist nur ein Schnappschuss mit einer subjektiven Wahl der Presets. Natürlich haben die einzelnen Emulationen noch mehr zu bieten. Bei den Bässen kann sich Arturia mit druckvollen und einigen trendigen Factory Presets behaupten. Bei Roland ist ein solider Fundus vorhanden, während der TAL J-8 bei den Bässen weniger gefällt, sofern man sich nicht selbst die Mühe macht und einige Sounds erstellt. 

Pads

Flächen zu erstellen ist mit jeder Emulation des Roland Jupiter-8 spielend einfach. Man kann Crossmodulation oder andere Features einbeziehen und auch experimentellere Pads kreieren. Wir entscheiden uns aber überwiegend für den einfachen, schönen Klangteppich. Es fällt ziemlich leicht, sich eindeutig für Roland, TAL-Software oder Arturia zu entscheiden: Viel Wärme und Fülle, insbesondere auch dank Chorus-Effekt, liefert der TAL J-8. Er ist unser Favorit für Synthesizer-Flächen, gefolgt von Jupiter-8. Für Pads ist Arturia leider nur die drittbeste Wahl. 

Arpeggiator

Der Arpeggiator des Roland Jupiter-8 ist zwar bei allen Emulationen so einfach strukturiert wie beim Original, beim Produzieren inspiriert er aber immer wieder. Wie man an den Beispielen merkt, liegt Arturia mit den modulativen Beigaben und Effekten weit vorn. Auch der Jupiter-8 kann kraftvoll arpeggieren, der J-8 beherrscht die Standards gut und ist im Key Dual Mode noch für so einige Überraschungen gut.

Leads

Es muss nicht das Thema von „Axel F“ sein, um zu hören, dass sich der Jupiter-8 für Soloklänge empfiehlt. Die klassischen Leads sind beim J-8 in toller Qualität. Nicht ganz so deutlich ist in dem Demo zu erfahren, dass der Arturia-Synthesizer wieder einmal klanglich den trendigsten Mitbewerber spielt. Beim Jupiter-8 aus der Roland Cloud sind auch einige gute Leads zu bekommen. Es geht aber mehr. Man sollte sich nicht auf gute Presets verlassen, sondern den Software-Synth höchstpersönlich ins Visier nehmen.

Song-Arrangement

In der Königsdisziplin wird es spannend: Wie gut schlagen sich die JP-8-Emulationen im Arrangement? Dieser Frage gehen wir mit zwei kurzen Song-Arrangements mit jeweils vier Spuren in unterschiedlichen Tempi nach. Für die Drums kommen die Roland-Klassiker TR-808 und TR-909 zum Einsatz (virtuelle Instrumente aus der Roland Cloud). 

Beim Songbeispiel mit einem Tempo von 80 bpm sind es Bass, Pad und Lead. Das Demo im Tempo von 120 bpm beinhaltet einen Arpeggio-Sound anstelle des Lead-Synths. Es sind überwiegend einfache Presets, die keinesfalls mit weiteren Plugins wie Equalizer oder Kompressor bearbeiten wurden. Beide Demos bauen auf einem viertaktigen Loop auf und verzichten auf Mixing und Mastering. Gute Ergebnisse sind bei allen drei Kandidaten innerhalb weniger Minuten zu bekommen. Allgemein fällt auf, dass Arturia mit seinen Factory Presets sehr aktuell klingt. Mit dem Roland Jupiter-8 lassen sich ebenfalls modernere Sounds realisieren. TAL-Software hat am deutlichsten einen Vintage-Touch. Wie alle sechs Audiodemos zeigen, wird man mit jedem der Software-Synthesizer einen anderen Weg finden und das Ziel jeweils unterschiedlich erreichen.

Extras für den kreativen Anwender

Wie schon erwähnt, bietet der Arturia eine Menge an Extras gegenüber dem originalen Jupiter-8. Auch beim J-8 von TAL-Software ermöglicht der Key Dual Mode so einige Möglichkeiten fürs Designen. Es ist eigentlich erstaunlich, dass Roland und Arturia kein Layering zweier Klänge anbieten, wie es beim Jupiter-8 konzeptionell vorgegeben ist. Beim TAL J-8 lassen sich zwei verschiedene Sounds mit unterschiedlichen Arpeggiator-Einstellungen programmieren und so auf Wunsch komplexe polyrhythmische Begleitmuster erstellen. Sehr gut macht sich auch die Kombination von Pads und Arpeggio oder man verwendet den Key Dual Mode zum Schichten zweier einzelner Klänge für einen bombastischen Flächensound inklusive vieler Schwebungen und Modulationen. Wie das klingen kann, zeigen die Audiodemos. Hörbeispiele gibt es auch für den Arturia Jup-8 V, der als einzige JP-8-Emulation mit einem sehr raffinierten Step-Sequencer aufwartet und im Zusammenspiel mit der Modulations- und Effektsektion eine ideale „Phrasenmaschine“ für elektronische Musik darstellt.

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